Summary
Diese Arbeit beschäftigt sich unter einem ressourcenorientierten Blickwinkel mit dem Phänomen der Depression bei Jugendlichen. Da es sich bei der Depression um eine psychiatrische Störung handelt, habe ich mich dem Thema zunächst unter psychiatrischen Gesichtspunkten genähert. Weil es sich aber um eine Arbeit der Fachrichtung Sozialpädagogik handelt und ich hier mein eigentliches Metier sehe und weil die Arbeit mit depressiven Menschen ebenso eine Aufgabe für die Soziale Arbeit ist, habe ich insbesondere bei den Interventionsmöglichkeiten versucht, ein ausgewogenes Verhältnis von Psychiatrie, Gesundheitslehre und den Handlungsansätzen Sozialer Arbeit herzustellen. In der Einleitung skizziere ich ein erstes „Stimmungsbild" der Depression und versuche mich heranzutasten an die tiefgreifenden Veränderungen, die ein Mensch in der Depression erfährt. Auch lege ich kurz meinen persönlichen Zugang zum Thema dar. In einem geschichtlichen Rückblick zeige ich auf, dass Depression durchaus als historisches Phänomen und nicht nur als moderne Zivilisationskrankheit zu verstehen ist. Im ersten Hauptteil beschäftige ich mich mit der Diagnose depressiver Störungen bei Jugendlichen, mit der Definition, der Klassifikation, der Symptomatik, dem Verlauf, der Epidemiologie und der Komorbidität dieser Krankheit.
Im zweiten Hauptteil gehe ich auf die biologischen, psychodynamischen und sozialpsychiatrischen Erklärungsmodelle der Depression im allgemeinen und im besonderen auf entwicklungspsychopathologische und sozialpsychiatrische Erklärungsmodelle in Hinblick auf die Depression im Jugendalter ein.
Im dritten Hauptteil zeige ich verschiedene Interventionsmöglichkeiten auf, angefangen von der Selbsthilfe der Wüstenmönche über psychotherapeutische, pharmakotherapeutische, körperorientierte und kunsttherapeutische Ansätze bis hin zur Gesundheitslehre von Antonovsky und zu dem Handlungsansatz Sozialer Arbeit nach Staub - Bernasconi sowie dem Empowerment - Ansatz.
Im Verlauf meiner Arbeit nehme ich immer wieder Bezug auf ein mir bekanntes Fallbeispiel aus der stationären Jugendhilfe, um die erarbeiteten Erkenntnisse zu veran- schaulichen und auf ihre Relevanz für die Praxis zu prüfen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
1. Einleitung 1
1.1. Zur Sprache und Begrifflichkeit. 1
1.2. Persönlicher Zugang zum Thema. 2
1.3. Zur Fragestellung. 6
2. Die Depression in der Geschichte 7
3. Die Diagnose depressiver Störungen bei Jugendlichen 10
3.1. Die Diagnose im Wandel der Zeit 10
3.2. Definition und Klassifikation 11
3.3. Symptomatik. 15
3.4. Verlauf. 19
3.5. Epidemiologie 20
3.6. Komorbidität 21
4. Erklärungsmodelle der Depression 23
4.1. Biologie 23
4.2. Psychodynamik. 25
4.2.1. Frühere psychodynamische Theorien der Depression ( Auswahl ) 25
4.2.2. Zeitgenössische psychodynamische Theorien der Depression 29
4.3. Sozialpsychiatrie. 34
4.3.1. Gesellschaftliche Aspekte 34
4.3.2. Geschlechtsspezifische Aspekte. 37
4.4. Erklärungsmodelle der Depression im Jugendalter 38
4.4.1. Entwicklungspsychopathologie des Jugendalters 38
4.4.2. Sozialpsychiatrie des Jugendalters 40
4.4.3. Geschlechtsspezifische Aspekte im Jugendalter. 42
5. Interventionsmöglichkeiten bei Depressionen 44
5.1. Die Überwindung der Akedia. 44
5.2. Psychotherapeutische Intervention bei Depressionen 46
5.2.1. Psychotherapeutische Grundhaltung gegenüber Menschen
mit Depression 46
5.2.2. Verschiedene Methoden der Psychotherapie. 49
5.2.2.1. Psychoanalyse 49
5.2.2.2. Logotherapie 51
5.2.2.3. Psychoanalytische Gruppentherapie 52
5.2.2.4. Familientherapie. 54
5.2.2.5. Kognitive Verhaltenstherapie 56
5.2.2.6. Psychotherapeutische stationäre Jugendhilfe. 58
5.3. Pharmakotherapie 62
5.4. Körperorientierte Ansätze. 63
5.5. Kunsttherapie 65
5.6. Das Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsy 69
5.7. Theorien und Handlungsansätze der Sozialen Arbeit 73
5.7.1. Der systemisch-prozessuale Ansatz von Silvia Staub - Bernasconi 73
5.7.2. Der Empowerment - Ansatz 78
6. Ausblick. 84
Literaturverzeichnis 87
1
Vorwort
Das Titelblatt dieser Arbeit zeigt ein junges Mädchen, das nackt auf einer Bettkante sitzt. Sie ist dem/r BetrachterIn direkt zugewandt und zugleich verschließt sie sich vor ihm/ihr. Die überkreuzten Arme verdecken die Scham und erwecken fast den Eindruck, als seien sie gefesselt.. Der Körper des Mädchens ist blass, mager und wirkt angespannt. Sie scheint sich in der eigenen Haut unbehaglich und fremd zu fühlen, so, als könne es die ersten weiblichen Rundungen noch nicht als zu sich selbst gehörig erleben. Das Gesicht des Mädchens ist frontal auf den/die BetrachterIn gerichtet, doch scheint sie ihre Umgebung nicht wahrzunehmen, sondern ganz nach Innen zu schauen. In ihren Augen spiegeln sich widersprüchliche Gefühle von Sehnsucht und Angst, Unsicherheit und Stolz, Bewusstwerdung und Infragestellung. Der Raum wirkt dunkel, düster und verlassen. Rechts hinter dem Mädchen droht ein mächtiger schwarzer Schatten nach ihr zu greifen.
Der norwegische Maler Edvard Munch hat dieses Bild 1895 gemalt und es „puberty“ genannt. Ob das Mädchen auf dem Bild „nur“ die altersbedingten Ängste und Unsicherheiten einer Pubertierenden erlebt oder ob sie bereits unter depressive Verstimmungen leidet, ist freilich nicht auszumachen. In meiner Arbeit möchte ich unter anderem genau diese Schnittstelle zwischen „normalen“ pubertären Schwierigkeiten und pathologischen depressiven Störungen bei Jugendlichen näher beleuchten.
1. Einleitung
1.1. Zur Sprache und Begrifflichkeit
In meiner Sprachwahl differenziere ich nicht zwischen den Begriffen „Soziale Arbeit“ und „Sozialpädagogik“, beide Bezeichnungen werden synonym verwendet. Ich habe mich bemüht, in meiner Sprache stets die weibliche und die männliche Form kenntlich zu machen. Damit möchte ich der gebräuchlichen maskulinen Dominanz in der Deutschen Sprache, die eine Missachtung des Femininen mit einschließt, entgegen- wirken.
2
Falls die Lesbarkeit meiner Arbeit an mancher Stelle darunter leidet, bitte ich um Nachsicht.
Wenn ich häufiger die Formulierung: „depressive Menschen“, „ depressive PatientInnen“ oder „depressive Jugendliche“ verwende, impliziert das nicht, dass ich die betroffenen Menschen über ihre Krankheit definiere und ihnen das feststehende Attribut „Depression“ zuschreibe. Ich verwende diese Formulierung bloß dort, wo der gemeinte Begriff „Menschen, PatientInnen oder Jugendliche mit Depression“ den Schreibfluss blockieren würde.
Manchmal verwende ich den Begriff „TherapeutInnen“ im erweiterten Sinn, d.h. als Synonym für TherapeutInnen, SozialpädagogInnen und andere psychiatrisch tätige Personen. Entsprechend inkludiert der Begriff „PatientInnen“ auch die Bedeutungen „KlientInnen“ und „AdressatInnen“.
Auch wenn die neueren Versionen des ICD 10 in Bezug auf die Depression nicht mehr von einer „Krankheit“ sondern von einer „Störung“ sprechen, benutze ich beide Begriffe synonym. Menschen mit Depression sprechen oft selbst von ihrer „Krankheit,“ ohne dass ihnen dabei eine Abqualifizierung oder Stigmatisierung in den Sinn kommt. Der große Leidensdruck, die Unfähigkeit, den Alltag weiterhin zu bewältigen und die Angewiesenheit auf professionelle Hilfe rechtfertigen es in meinen Augen, bei der Depression von einer Krankheit zu sprechen. Dabei lehne ich mich an den Krankheitsbegriff von Hell an, der am Beispiel einer Infektion verdeutlicht, dass störende und schmerzhafte Reaktionen des Organismus durchaus auch einen heilsamen und regenerierenden Effekt haben können. 1
1.2. Persönlicher Zugang zum Thema
Während meines Studiums der Sozialen Arbeit und in vor allem in meinem Jahrespraktikum in einem heilpädagogisch - psychotherapeutischen Wohnheim für Jugendliche ist mir immer wieder aufgefallen, welch hohe Aufmerksamkeit den externalisierenden, also den nach außen verlagerten, bzw. unterkontrollierten psychischen Störungen zuteil wird.
1 Siehe Kapitel 4.2.2.
3
Hyperaktivität, erhöhte Aggressivität oder Selbstverletzung stechen ins Auge und fordern uns heraus.
Anders die internalisierenden, nach innen verlagerten oder „geheimen“ Krankheiten, zu denen die Depression zählt. Äußerlich scheint es in der Depression zu einem Stillstand zu kommen, die Betroffenen nehmen sich aus dem Leben zurück und fallen in eine Art „Winterstarre“. Ihr negatives Denken setzt eine gewaltige Abwärtsspirale in Gang, die in die tiefsten Abgründe der Seele hinunterführt. Das Leben selbst ist unerreichbar geworden.
Die Kinderzeichnung veranschaulicht eindringlich, wie depressive Menschen fühlen: Alles Schöne und Lebendige ist in unerreichbare Ferne gerückt, man selbst befindet sich tief unten in einem grabähnlichen Schacht und ist den Qualen eines brennendes Feuers ausgesetzt.
„Mein Herz ist in einer hölzernen Schachtel“ zitiert Hell 2 eine afrikanische Redewen-
1 Abbildungaus www.geocities…., 2004
2 Hell 2002, S.118
4
dung. Diese Metapher vermittelt sehr gut, wie isoliert und abgeschnitten sich der Mensch in der Depression fühlt.
Abgetrennt von allem, was ihn nährt, was ihn gesund und am Leben hält. Diese emp-fundene Leblosigkeit bedeutet jedoch keine neutrale Schmerzfreiheit, sondern vielmehr einen unerträglichen Schmerz. Ein Mensch in der Depression hat sich selbst verloren. Der italienische Lyriker Guiseppe Ungaretti hat diesen Zustand so ausgedrückt:
Der Schweizer Psychologe und Psychiater C.G. Jung hat den Unterschied zwischen Traurigkeit und Depression einmal so beschrieben, dass mit Traurigkeit ein Gefühl von Verlust und mit Depression ein Verlust von Gefühl verbunden sei. 1 In dem Erfahrungsbericht „Utopia Blues“ von Marianne Rutz über die manisch - depressive Erkrankung und den Suizid ihres Sohnes Lucas beschreibt Lucas, ein passionierter Gitarrespieler, seine Depression mit folgenden Worten:
„Es war ein dumpfes Erwachen. Jedes Raum - und Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. (...) Meine Mutter hatte mir eine Gitarre mitgebracht, die alte, die nicht bundrein war. Für hier sei sie gut genug. Man wisse ja nie, wann einer plötzlich alles zusammenschlage. Man hätte mir wohl die beste, die schönste Gitarre schenken können, sie wäre für mich nicht mehr als ein totes Stück Holz mit sechs Schnüren gewesen. Ich setzte mich manchmal hin, spielte ein paar Akkorde, doch das Instrument tönte verstimmt und hohl und leer. Erschrocken erkannte ich darin eine Spiegel meiner inneren Disharmonie. Das ist Depression: Du wirst überall und in allem auf dich selber zurückge-
1 zitiert bei www.bechterew..., 2004
5
worfen. Du kannst mit nichts und niemandem etwas anfangen, weil du mit dir selbst nichts anfangen kannst.“ 1
Auch die Fachliteratur macht darauf aufmerksam, dass Menschen in der Depression die Fähigkeit eingebüßt haben, gefühlsmäßig „mitzuschwingen“ 2 , die Impulse ihrer Umwelt aufzugreifen und adäquat zu reagieren.
In meinem Jahrespraktikum ist mir ein damals 14 - jähriges Mädchen begegnet, die an einer depressiven Störung litt. Rebekka 3 versuchte nicht wie viele andere Jugendliche die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie nach außen agierte, sondern wenn es ihr schlecht ging, verbannte sie sich selbst in einen sozialen Rückzug. In diesen Phasen war das Mädchen kaum erreichbar. Sozialpädagogische und therapeutische Maßnahmen schienen zu versagen. Das Mädchen konnte und wollte seine Gefühle und Gedanken niemanden mitteilen. Erst in einem mühevollen therapeutischen Prozess lernte Rebekka, sich den BetreuerInnen und TherapeutInnnen anzuvertrauen, ihre Gefühle zu äußern und sich so zu entlasten. Diese Entwicklung aufzuzeigen, soll ein wesentlicher Teil meiner Arbeit sein.
Die Begegnung mit Rebekka hat viele Fragen in mir ausgelöst: Wie ist ein Mensch und insbesondere ein Jugendlicher in der Depression erreichbar? Wie ist es möglich, dass natürlichen Fähigkeiten wie mit der Umgebung mitzuschwingen einfach verschütt gehen?
Was passiert in einem Menschen, der sich dem Tod näher fühlt als dem Leben, ohne dass sein Leben akut von außen bedroht wird? Sind Jugendliche für diese Störung besonders anfällig? Wie kommt es zu einer Depression?
Sind biochemische Prozesse, belastende Lebensereignisse oder die individuelle Disposition für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich? Können Betroffene in ihrer Krankheit einen Sinn sehen? Wie lässt sie sich die Störung erfolgreich behandeln?
1 Rutz 2002, S. 36 f.
2 www.depression..., Depression und Interaktion, 2004
3 Der Name des Mädchens wurde aus Gründen des Datenschutzes geändert
6
All diese Fragen haben mich zu dem Thema Depression bei Jugendlichen bewegt.
1.3. Zur Fragestellung
Die Grundfrage meiner Arbeit lautet: „Wie sehen ressourcenorientierte Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit mit depressiven Jugendlichen aus?“ Unter einer Ressource lässt sich alles verstehen, „was von einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation wertgeschätzt wird oder als hilfreich erlebt wird.“ 1 Die Begriffe „Stärken“ und „Potentiale“ werden häufig synonym zum Ressourcenbegriff verwendet. „Vulnerabilitäten“ und „Probleme“ bilden den klinifizierten und defizit-orientierten Gegenpol zum Begriff der Ressourcen. 2
Da es sich bei der Depression um eine psychiatrische Störung handelt, beschäftigt sich meine Arbeit eingehend mit psychiatrischen und psychoanalytischen Ansätzen. Allerdings habe ich mich dabei, abgesehen von den Grundlagen, auf Ansätze beschränkt, die mit dem ressourcenorientierten Menschenbild der Gesundheitslehre und der Sozialen Arbeit korrespondieren.
Der ressourcenorientierte Blickwinkel ist in meinen Augen für die Arbeit mit depressiven Menschen unerlässlich. Depression lässt sich als ein drastischer Verlust und als extreme Reduktion von äußeren und inneren Ressourcen verstehen 3 und gerade da tut es Not, mit den wenigen momentan verfügbaren Ressourcen der KlientInnen achtsam und verantwortungsvoll umzugehen. Geschieht das nicht, kann die Depression oft tödlich enden. 4
Aber auch die Störung selbst möchte ich ressourcenorientiert betrachten. Kann das Leiden an der Sinnlosigkeit in der Depression auch Sinn machen? Hat die Depression eine Schutzfunktion für die Betroffenen? Gibt es bei der Depression auch einen Krankheitsgewinn für die Betroffenen? Ich bemühe mich in meiner Arbeit, diejenigen Forschungsansätze herauszuarbeiten,
1 Nestmann zitiert bei Willutzki in Schaller & Schemmel 2003, S. 94
2 Willutzki in Schaller & Schemmel a.a.O., S. 92
3 siehe Kapitel 3.3.
4 siehe Kapitel 3.2.
7
die sich der ausschließlich negativen Bewertung von Krankheit in unserer Gesellschaft entziehen und die in der Krankheit eine wichtige Funktion im menschlichen Entwicklungsprozess erkennen.
Die Soziale Arbeit mit psychisch kranken Menschen sollte sich meiner Meinung nach auch immer stark an den Forschungsergebnissen der Psychiatrie orientieren. Dennoch darf dabei der soziale Kontext niemals aus dem Blick geraten. Die Sozialpsychiatrie schlägt eine vielversprechende Brücke zwischen diesen beiden Bereichen. Sie bildet einen Schwerpunkt meiner Arbeit.
Bei den Erklärungsmodellen und den Interventionsmöglichkeiten bin ich zum Teil nicht eigens auf die Jugendlichen eingegangen, weil ich glaube, dass diese Themenbereiche weitgehend allgemeingültig sind und für Erwachsenen und Jugendlichen gleichermaßen zutreffen. Wo es wichtige Unterschiede gibt, habe ich versucht, sie herauszuarbeiten.
2. Die Depression in der Geschichte
Im 1.Buch Samuel des Alten Testaments wird König Saul als ein jähzorniger und schwermütiger Mann dargestellt, der zunehmend mit seinem Schicksal hadert und letztlich seinem Leben durch die eigene Hand ein Ende setzt.
Der 22. Psalm des Alten Testaments beschreibt den elenden Zustand eines Menschen, den wir aus heutiger Sicht schwer depressiv nennen würden: ...
8
Aus diesen Zeilen spricht ein negatives Selbstkonzept, eine starke emotionale Niedergeschlagenheit, Gefühle der Depersonalisation und die Wahrnehmung der Todesnähe. Auch wenn es nicht auszumachen ist, ob der Psalmist nach heutigen Vorstellungen depressiv war, so hat er doch Bilder gefunden, in denen sich heutige Menschen mit Depression durchaus wiederfinden können.
Depressive Menschen tun sich oft schwer, für ihren „lebensfernen“ Zustand Worte und Bilder zu finden. Deshalb können Texte wie dieser Psalm eine wertvolle Hilfe für den/die Depressive sein, die eigenen Gefühle und Gefühllosigkeiten in den Zeilen eines anderen Menschen wiederzufinden. Durch die Identifizierung kann ein Stück weit die Isolation aufbrechen, in der ein depressiver Mensch subjektiv gefangen ist. Die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Depression“ fand in der Schule des griechischen Arztes Hippokrates im fünften vorchristlichen Jahrhundert statt. Die antiken Ärzte gingen davon aus, dass ein Ungleichgewicht der Körpersäfte, nämlich ein Überhandnehmen der schwarzen Galle, der Schwermut zugrunde liegt und bezeichneten sie als „Melancholie“, was „schwarze Galle“ bedeutet. „Wenn Angst und Traurigkeit lange andauern, so handelt es sich um einen melancholischen Zustand” zitiert Hell die Hippokratischen Schriften. 1 Im 4. Jahrhundert nach Christus berichten die christlichen Wüstenväter, wie sehr sie unter ihrer eigenen Trägheit, ihrem Überdruss und ihrem Widerwillen zu leiden haben. Der Wüstenmönch Evagrius Ponticus nennt diesen Zustand „Akedia“ und beschreibt ihn eindringlich:
„Der Dämon der Akedia, den man auch den Mittagsdämon nennt,
macht wohl die größten Schwierigkeiten... Zuerst scheint es dem Mönch, dass sich die Sonne, wenn überhaupt, nur ganz langsam weiter bewege und dass die Länge des Tages mindestens fünfzig Stunden betrage. Er fühlt sich genötigt, dauernd aus dem Fenster zu schauen... Langsam lässt er im Herzen des Mönches einen Hass auf den Ort aufsteigen, an dem er sich befindet, auf sein gegenwärtiges Leben und
1 Hell 2002, S.112
9
auch auf die Arbeit, die er verrichtet. Er macht ihn glauben, dass die Liebe unter den Brüdern erstorben sei und dass es niemanden gibt, der einem Mut zuspricht.“ 1
Dieser Text beschreibt sehr anschaulich den Zustand der Lust - und Ziellosigkeit in der Depression. Der Wiener Psychiater Hans Lenz hat von einer Krankheit der „Losigkeiten“ gesprochen. Depressive Menschen erfahren sich als interesse - und konzentrationslos, als schlaf - und appetitlos, als kraft - und gefühllos 2 . Die Beschreibung von Evagrius ergänzt diese Aufzählung um das Gefühl der Zeitlosigkeit. In der Depression hält das Leben scheinbar den Atem an und die Zeit kommt zum Stillstand. Der Wüstenmönch spricht auch von der „Erschlaffung der Seele“, was in der zeitgenössischen Psychiatrie als Atonie oder allgemeiner Spannungsverlust in der Depression bezeichnet wird. 3
Im Mittelalter wurde das Akedia - Konzept dann dahingehend ausgelegt, dass Ekel, Überdruss und Trägheit als Todsünden bewertet wurden, die härteste Strafe verdienen. An dieser Stelle möchte ich kurz auf die Gegenwart Bezug nehmen: Leider hat sich die moralische Verurteilung von depressiven Menschen bis in unsere Zeit hinein gehalten. Der Psychoanalytiker Viktor Frankl berichtet von einer schwer depressiv erkrankten Karmelitin, deren Beichtvater ihr immer wieder vorgehalten habe, „eine gute Christin dürfe nicht an einer Depression leiden.“ 4
Im 16. Jahrhundert hat der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz seine durchlittenen depressive Zustände als „dunkle Nacht der Seele“ bezeichnet und als wichtiges Durchgangsstadium auf dem Weg zur mystischen Einheit und Erkenntnis begriffen. Johannes und andere Mystiker seiner Zeit haben dabei die Depression keineswegs verklärt, sondern sie als etwas sehr Bitteres und Entbehrungsreiches dargestellt. Sie haben diese Bitterkeit und Dunkelheit aber nicht aus dem momentanen Erleiden heraus negativ gewertet, sondern stellten sie in einen größeren Sinnzusammenhang.
1 zitiert bei Hell 2002, S. 112
2 zitiert bei Hell a.a.O., S. 118
3 Hell a.a.O. S. 117
4 Frankl 1977, S.104
10
Gleich einem langen Tunnel, der letztlich ans Licht führt, bekam die Depression in der Sichtweise der Mystiker einen wichtigen Platz im göttlichen Kosmos. 1 Jüngere Quellen wie das „Medicinischchirurgische Handwörterbuch für praktische Ärzte“ aus dem Jahr 1887, beschreiben das Krankheitsbild der Melancholie ebenfalls eindringlich: Die Patienten verstünden es, in das „Gleichgiltigste traurige Beziehungen hineinzulegen und wie die Nadel eines Multiplicators schlägt ihr geistiges Empfinden aus auf eine unbedeutende Erregung, die jenes trifft“. Die Kranken begännen „zu erwägen (...), ob es nicht besser sei, der aussichtslosen, traurigen Zukunft mit nicht absehbarem Ende bis zum natürlichen Tode ein schnelles, selbst bereitetes Ziel zu setzen. Ein nicht kleiner Theil der Melancholiker geht in diesem Stadium durch Selbstmord zu Grunde.“ 2
Depression ist also offensichtlich durchaus ein historisches Phänomen und nicht erst eine Zivilisationskrankheit in der Postmoderne. Dennoch tritt diese Störung in unserer Zeit mit besorgniserregender Häufigkeit auf.
Vor allem Kinder und Jugendliche leiden immer früher und öfter an depressiven Störungen. 3 Die Ursachen hierfür werden uns im Kapitel 4.4. beschäftigen.
3. Die Diagnose depressiver Störungen bei Jugendlichen
3.1. Die Diagnose im Wandel der Zeit
Diagnose soll hier im Sinne des Psychiaters Klaus Dörner als „Leitidee“ und „Modell“ verstanden werden, um die psychischen, somatischen und sozialen Auffälligkeiten eines Menschen systematisch beschreiben zu können und um die Aufmerksamkeit für begleitende Symptome zu erhöhen. Für psychiatrisch Tätige ist es wichtig, dass sie sich im Umgang mit Diagnosen der Tatsache bewusst sind, dass es sich dabei um eine „künstliche Übereinkunft“ handelt, aber keineswegs um ein Instrument, das erschöpfend die
1 www.depression..., Depression und Sinnfrage, 2004
2 www.bmbf…, 2004
3 siehe Kapitel 3.5.
11
individuelle Wirklichkeit eines Menschen erfassen kann. 1
Die Bewertung und Diagnostizierung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen hat in den letzten Jahrzehnten einen entscheidenden Wandel erfahren. 2 Noch vor drei Jahrzehnten wurden Depressionen bei Kindern und Jugendlichen in der psychiatrischen Diskussion und Praxis kaum beachtet. Man glaubte, dass Kinder auf Grund ihrer kognitiven und emotionalen Unreife das typische Störungsbild einer Depression noch nicht entwickeln können 3 oder man ging davon aus, dass depressive Störungen im Kindes - und Jugendalter entwicklungsbedingt und deshalb nicht behandlungsbedürftig seien.
In den 60-iger Jahren schlug man das Konzept der „larvierten“ oder „maskierten“ Depression für die Diagnose von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen vor. Die Forschung ging davon aus, dass sich diese Störung nicht in erster Linie psychisch äußere, sondern sich hinter körperlichen Beschwerden, Schulangst und anderen Verhaltensauffälligkeiten verborgen halte. 4 In den 70-iger Jahren, im Zuge differenzierter Beschreibungen und Klassifikationen psychischer Störungen, wurde die Depression bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als nahezu identisch diagnostiziert. 5 Die Entwicklungspsychopathologie lenkt in jüngster Zeit wieder verstärkt das Augenmerk auf die entwicklungsspezifischen Aspekte und differenziert genauer zwischen Depressionen bei Erwachsenen und jungen Menschen. 6
Heute gilt die Depression bei Kindern und Jugendlichen als ein weitverbreitetes und ernstzunehmendes Gesundheitsproblem, das häufig mit schweren Beeinträchtigungen und großen Entwicklungsrisiken verbunden ist.
3.2. Definition und Klassifikation
Das Wort Depression kommt von lateinisch: „deprimere“ - „niederdrücken, niederschlagen“. Längst haben sich die Ausdrücke „Depression“, „deprimiert sein“ und
1 Dörner 2002, S.201
2 Groen, 2002, S.11 ff.
3 Mahler; Rie; Rochlin zitiert bei Groen a.a.O. S.12
4 Glaser; Nissen; Toolan zitiert bei Groen a.a.O., S.13
5 Carlson & Kashani zitiert bei Groen a.a.O., S.13
6 Achenbach zitiert bei Groen a.a.O., S.13
12
„depressiv sein“ in unsere Alltagssprache eingeschlichen und bezeichnen häufig ein nur vorübergehendes Gefühl der Niedergeschlagenheit. Das trägt dazu bei, dass die psychiatrische Störung der Depression oft gefährlich unterschätzt wird. Eine weltweite Studie der World Health Organisation ( WHO ) bestätigt jedoch, dass es sich bei der Depression um eine der größten Volkskrankheiten handelt. 1 Die WHO definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“
Eben dieses Wohlbefinden auf allen Ebenen ist dem depressiven Menschen aber vollständig abhanden gekommen.
Derzeit sind schätzungsweise 5% der Bevölkerung in Deutschland, also ca. 4 Millionen Menschen, an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt. 2 Und die Depression kann zu einer tödlichen Krankheit werden. Etwa 15% aller depressiven Erkrankungen enden mit dem Suizid. Umgekehrt leidet die Mehrheit der Menschen, die Selbsttötung begehen, an einem depressiven Syndrom. In Deutschland nehmen sich laut Statistik ca. 12.000 Menschen pro Jahr das Leben, wobei die Dunkelziffer erheblich höher liegt. Damit übersteigt die Zahl der Suizide deutlich die Anzahl der jährlichen Verkehrstoten. 3
Immer öfter sind auch Kinder und Jugendliche von der Depression betroffen. Und innerhalb dieser Altersgruppe werden die Betroffenen immer jünger. 4 Bei Jugendlichen zählt der Suizid inzwischen zur zweithäufigsten Todesursache. 5 Während Kinder nur sehr selten einen Selbstmord begehen ( 1:100.000 ), ist die Suizidrate bei Jugendlichen ( 11:100.000 ) bereits fast so hoch wie bei den Erwachsenen (19:100.000 ). 6
An dieser Stelle möchte ich die wichtigste Regel im Umgang mit suizidalen PatientInnen erwähnen: Sobald ein akuter Verdacht auf Selbstmordabsichten bei KlientInnen oder PatientInnen besteht, ist es ist die Pflicht jeder sozialpädagogisch oder
1 „Global burden of disease", Lopez und Murray zitiert bei www.kompetenznetz..., 2004
2 www.a.a.O..., 2004
3 www.a.a.O...., 2004
4 siehe Kapitel 3.4.
5 Dörner 2002, S.111
6 www.ptp..., 2004
13
psychiatrisch tätigen Person, eine Klinikeinweisung zu veranlassen. Anderenfalls kann er/sie sich der fahrlässigen Tötung schuldig machen. Depressive Verstimmungen als Reaktion auf unangenehme Erlebnisse kennt jeder Mensch. Krankhaft wird diese Verstimmung erst durch die Dauer, die Intensität und die Häufigkeit ihres Auftretens und dadurch, dass sie nicht mehr willentlich kontrolliert werden kann. 1
Früher unterschied man die verschiedenen Formen von Depressionen an Hand ihrer vermeintlichen Ursachen, z.B. in neurotische, exogene oder reaktive Depressionen. Heute werden Depressionen nach Art und Ausmaß der Störung unterschieden. 2 Zur Klassifikation depressiver Störungen werden am häufigsten das DSM IV ( Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders ) und das ICD 10 ( International Classification of Deseases ) verwendet.
Vergleicht man die beiden Klassifizierungssysteme in Hinblick auf die depressive Störung, stimmen sie weitgehend überein. 3 Beide Systeme verwenden für die Diagnose einer depressiven Störung von Kindern und Jugendlichen dieselbe Klassifikation wie für eine entsprechende Diagnose im Erwachsenenalter. Eine Ausnahme bildet die „Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung“ ( F 92.0 ), die im Abschnitt „Verhaltens-und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ ( F90 - F98 ) im ICD 10 aufgeführt wird.
Das DSM IV hebt hervor, dass bei Kindern und Jugendlichen anstelle einer traurigen auch eine reizbare oder übellaunige Verstimmung auftreten kann und dass die Symptome je nach Entwicklungsstand unterschiedlich aussehen können. 4 Entgegen früheren Versionen verwendet das ICD 10 nicht mehr den Begriff „Krankheit“, sondern den Begriff „Störung“, um zu verdeutlichen, dass psychische Auffällig- 1 Essau2002, S. 17 ; Groen 2002, S.18
2 Bock 1998, S.50
3 Essau a.a.O., S.19
4 Groen a.a.O., S.18
Arbeit zitieren:
Marie Laschitz, 2004, Ressourcenorientierte Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit mit depressiven Jugendlichen - dargestellt an Hand eines Fallbeispiels aus der stationären Jugendhilfe, München, GRIN Verlag GmbH
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