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Inhaltsverzeichnis
K a p i t e l S e i t e
1 E i n l e i t u n g 1
2. Biologische Prädisposition und Fremdenfeindlichkeit 6
2.1 Die Logik der Wahrnehmung 8
2.2 Vorinstallierte Software 11
2.3 Wir und sie 14
2.4 Zusammenfassung 17
3. Die Evolution der Fremdenfeindlichkeit 17
3.1 Das egoistische Gen 19
3.2 Die lieben Verwandten 20
3.3 Reziproker Altruismus 21
3.4 Zusammenfassung 22
4. Kritik am soziobiologischen Ansatz 23
5. Strategien gegen Fremdenfeindlichkeit im Licht der Biologie 25
5.1 Die klassischen antirassistischen Strategien in sozio-
biologischer Sicht 26
5.2 Soziobiologischer Antirassismus 30
5.3 Das Ende vom Ende des Rassismus: Lob der
Gleich -Gültigkeit 33
6. Bibliographie 36
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1. Einleitung
Was ist Rassismus? Es scheint keine wirklich allgemein zufriedenstellende Definition zu geben, aber man kann festhalten, dass Rassismus Einstellungen oder Handlungsweisen bezeichnet, die Menschen unter Heranziehung als biologisch definierter Unterschiede in eine Hierarchie von Macht, Fähigkeiten oder Lebensrecht einteilt, wobei die eigene Rasse naturgemäß in der Skala weit oben anzusiedeln ist. 1 Insbesondere die Abgrenzung zum Begriff „Ethnozentrismus“ ist außerordentlich schwierig. Wie unterschiedlich die Definitionen auch ausfallen, alle modernen Rassismuskonzeptionen haben gemein, dass sie einen genuin biologischen Anteil des Begriffs „Rasse“ in Bezug auf Menschen komplett ablehnen; dabei berufen sie sich auf die moderne Genetik, deren Vertreter klar und deutlich sagen: „Tatsächlich ist bei der Gattung Mensch der Begriff ‚Rasse‘ völlig unsinnig.“ 2 Auf den ersten Blick erscheint dies absurd. Der Begriff „Rasse“ ist vollkommen unproblematisch, wenn es sich um Hunde, Katzen oder Pferde handelt, und die Unterschiede zwischen einem Chihuahua und einer Dänischen Dogge sind auch unter Verweis auf den wolfsähnlichen gemeinsamen Vorfahren nicht wegzudiskutieren. Sie sind ganz eindeutig biologischer Natur und lassen sich innerhalb der bestehenden Grenzen an- und wegzüchten beziehungsweise in nicht allzu ferner Zukunft vermutlich durch den direkten Eingriff in das Genom „einbauen“. Mit Menschen verhält es sich ähnlich: Ganz offensichtliche Merkmale sind eindeutig genetischer Herkunft und ermöglichen überhaupt erst eine visuelle Unterscheidung zwischen Menschen, so etwa Haarfarbe, Augenfarbe, Nasengröße und ähnliches; auch Aspekte wie Körpergröße oder Hautton sind um so genetisch bestimmter, je regulärer sich der Mensch entwickelt. 3 Konsequenterweise lassen sich Menschen entlang dieser Unterschiede in Gruppen einteilen, etwa diejenigen bis 1,60 m, diejenigen von 1,61 m bis 1,99 m und diejenigen ab 2,00 m Körpergröße. Diese Unterteilung mag auf den ersten Blick sinnlos wirken, aber vergleichbare und feinere Unterteilungen sind für die Textilindustrie von zentraler Bedeutung, genau wie eine Unterteilung nach Nasengrößen für Brillenhersteller oder eine nach Kieferstruktur für Zahntechniker von Wichtigkeit sein kann. Treten solche menschlichen Unterschiede gehäuft auf, so kann man diese Einzelaspekte
1 Meine Rassismus-Definition basiert für praktische Zwecke auf der von Claude Lévi-Strauss, die etwas zu lang
ist, um sie hier ganz zu zitieren (Claude Lévi-Strauss/Didier Eribon: Das Nahe und das Ferne. Frankfurt 1989. S.
218f.).
2 Luca und Francesco Cavalli-Sforza: Verschieden und doch gleich. München 1994. S. 367.
3 Unterernährte oder durch Umweltgifte geschädigte Kinder werden oft in ihrem Wachstum gehemmt und daher
kleiner, als sie genetisch gesehen eigentlich werden könnten. Physiologische Störungen können zu Zwerg- oder
Riesenwuchs führen, aber diese Störungen haben oft ebenfalls eine genetische Ursache. Der Hautton kann etwa
durch Albinismus verändert werden.
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zusammenfassen und dem ganzen einen bestimmten Namen geben: Ergibt eine Messung bei einem Menschen, dass er Schuhgröße 46 hat, XXL-T-Shirts trägt und ungefähr 105 kg wiegt, dann kann man mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er nicht unter 1,85 m groß ist - vermutlich größer - und dass es sich um einen erwachsenen Mann handelt (ich komme im späteren Verlauf der Arbeit auf die Merkmalshäufung und auf die Schlussfolgerungen zurück, die sich daraus ziehen lassen). Mit der gleichen Unschuld könnte man äußerliche Merkmale wie Hautton, Haarfarbe, Nasenform und dergleichen zusammenfassen und dem ganzen Paket den Namen „Rasse“ geben. Natürlich ist es nicht so einfach, und so ist das Konzept „Rasse“ bei Menschen ein außerordentlich belasteter Begriff. Der erste Grund ist offensichtlich: Ganz unabhängig von Sein oder Nichtsein ist „Rasse“ kein neutraler Beschreibungsbegriff, sondern wurde und wird als politischer und ideologischer Kampfbegriff verwendet und stellte in den letzten beiden Jahrhunderten einen wichtigen Baustein für die Durchführung von Entrechtung, Verhaftung, Pogrom, Folterung und systematischen und unsystematischen Massenmord dar. Es fällt schwer, keine mehr oder weniger direkte Linie zwischen historischen Aussagen wie der folgenden und den Ereignissen des 20. Jahrhunderts zu ziehen: Diese Naturmenschen (z. B. Weddas, Australneger) stehen in psychologischer
Hinsicht näher den Säugetieren (Affen, Hunden), als dem hochzivilisierten Europäer;
daher ist auch ihr individueller Lebenswert ganz verschieden zu beurteilen. 4
Auch wenn es schwierig ist, direkte „geistige Brandstiftung“ nachzuweisen, so ist der Sprung zu Hitler doch eher ein Hopser, und man kann nicht bezweifeln, dass Aussagen wie diese - im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht gerade selten - eugenische Maßnahmen und „Ausmerzung“ minderwertiger „Rassen“ förderten und vielleicht sogar forderten 5 . Mit der Feststellung, dass „Rasse“ ein schädlicher Begriff ist, ist allerdings noch nichts über die Frage ausgesagt, ob menschliche Rassen existieren oder nicht; gäbe es eine Diskriminierung und Verfolgung nach Körpergröße, so änderte diese nichts an den Größenunterschieden zwischen den Menschen. Anders ausgedrückt: Nur weil Rassismus falsch ist, so heißt das nicht automatisch, dass es keine Rassen gibt. Aber es scheint sie tatsächlich in biologischer Hinsicht nicht zu geben. Zunächst einmal muss zur Begriffsklärung
4 Haeckel, Ernst: Die Lebenswunder. Stuttgart 1923 [1904]. S. 450.
5 Dabei muss man allerdings bedenken, dass gerade die Nationalsozialisten mit dem Begriff “Rasse” nicht
kleinlich waren; so wurden unter anderem Japaner und eine Gruppe Sioux-Indianer zu Ariern erklärt, als es
opportun erschien. Im Grunde leisteten sie der Nachwelt dadurch einen Dienst, indem sie die Künstlichkeit des
Rassebegriffs sozusagen auf die Spitze trieben - oder, mit Hermann Görings Worten: “Wer Jude ist, bestimme
ich!” Auch Hitler selber scheint von der biologischen Rassentrennung Arier-Jude nicht allzuviel gehalten zu
haben; für ihn waren die Juden eher eine “geistige Rasse” als eine biologische. Vgl. Pierre-André Taguieff: Die
ideologischen Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus. In: Uli Bielefeld (Hg.): Das
Eigene und das Fremde. Hamburg 1991. S. 247.
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deutlich gemacht werden: Alle lebenden Menschen sind samt und sonders Mitglieder einer Spezies; eine Spezies ist definiert als eine Gruppe, deren Mitglieder miteinander lebensfähigen Nachwuchs hervorbringen können. Frühere biologische Formen - Vorfahren des Menschen oder Seitenlinien wie der Neandertaler - gehören zu anderen Spezies, die mit unserer Spezies verwandt sind, aber keine Nachkommen hätten haben können 6 (und nicht könnten, wenn sie heute noch lebten oder falls sie eines Tages durch Klonierung neu entstehen sollten). Alle Menschen sind Nachfahren einer kleinen Population, die in Afrika lebte und vor etwa 100.000 Jahren (oder etwas weiter zurück, aber keinesfalls in den Millionenbereich) durch einen „Flaschenhals“ ging und kurz vor dem Aussterben stand; folglich sind alle sehr eng miteinander verwandt: „The human species today is, to a geneticist, especially uniform.“ 7 Die Unterschiede zwischen Individuen und Bevölkerungsgruppen, die uns so offensichtlich erscheinen, sind marginal, wenn man sie mit den Unterschieden vergleicht, die nicht so offensichtlich sind 8 ; und Letztere verlaufen überhaupt nicht entlang der Linien, die wir als „Rassemerkmale“ bezeichnen. Anders gesagt: Das oben erwähnte Paket „Rasse“ ist vom Informationsgehalt her wesentlich uninteressanter als andere Pakete, die sich an Hand von Merkmalen wie Blutgruppen oder anderen „unsichtbaren“ genetischen Faktoren schnüren ließen:
Taking such genetic variation as the human population does possess, we can measure the fraction that is
associated with the regional groupings that we call races. And it turns out to be a small percentage of
the total: between 6 and 15 per cent [...] Geneticists conclude, therefore, that race is not a very important
aspect of a person. 9
Hätten Menschen einen Super-Sinn, der sie diese Merkmale auf Anhieb erkennen ließe, die „Rassenzugehörigkeit“ würde die Menschheit in ganz andere Gruppen einteilen; da die Menschen jedoch mit den Sinnen zurechtkommen müssen, die sie haben, ist eine Einteilung nach Rassen im Sinne Friedrich Vogels 10 als praktisches Arbeitsinstrument möglicherweise ganz nützlich.
Wenn „Rasse“ ein Begriff ist, der nicht nur schädlich und gefährlich ist, sondern auch im Bezug auf Menschen keine Verankerung in der Biologie zu haben scheint, worum geht es
6 Dazu Josef Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung. Stuttgart 1990. Kapitel 20. S. 201-212.
7 Richard Dawkins: The Ancestor’s Tale.
http://www.prospect-magazine.co.uk/ArticleView.asp?P_Article=12850. Aufgerufen am: 24.03.2005
8 Von den Gemeinsamkeiten einmal ganz zu schweigen. Ein Missverständnis bei der Diskussion um die
Soziobiologie, das gelegentlich auftritt, ergibt sich aus dem Umstand, dass alle Menschen natürlich über 99
Prozent ihres kompletten Genoms gemeinsam haben. Soziobiologie und Verhaltensgenetik befassen sich mit den
Unterschieden im übrigen Teil des Genoms. Der genetische Abstand zwischen Mensch und Schimpanse liegt bei
etwa 1,2 %, aber offenbar können geringe Unterschiede große Konsequenzen haben.
9 Richard Dawkins: The Ancestor’s Tale.
http://www.prospect-magazine.co.uk/ArticleView.asp?P_Article=12850. Aufgerufen am: 24.03.2005
10 Vgl. Friedrich Vogel: Die biologische Grundlage von Gruppenunterschieden beim Menschen. In: Eckhard J.
Dittrich/Frank-Olaf Radtke (Hg.): Ethnizität, Wissenschaft und Minderheiten. Opladen 1990. S. 224.
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dann in dieser Arbeit, wenn von den biologischen Grundlagen des Rassismus die Rede ist? Die meisten Diskussionen über Rasse und Biologie befassen sich mit den Opfern des Rassismus und bemühen sich, zu ihren Gunsten die Künstlichkeit des Rassebegriffs aufzuzeigen und in einen größeren gesellschaftlich-politischen Kontext zu rücken (etwa in der Frage, wem Rassismus eigentlich nützt). Mir wird es in den folgenden Kapiteln mehr um die „Täter“ gehen - die Fragestellung wird sich auf das Individuum richten und dabei auf die Möglichkeit, dass es biologische Dispositionen in Richtung Rassismus geben könnte. Dabei soll in keiner Weise gesagt werden, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen oder auch psychologische Probleme rassistisch denkender Menschen keine Rolle spielen - ganz im Gegenteil: In direkt biologischer Hinsicht ist der Mensch ein soziales Wesen, so dass Soziologie und Biologie im Grunde kaum zu trennen sind; und die Psychologie hat einen wesentlichen biologischen Kern. Schwerpunkt soll jedoch das biologische Einzelwesen „Mensch“ mitsamt seinem Geist, seiner Wahrnehmung und seiner Stammesgeschichte sein. Dabei liegt der Fokus auf dem abstrahierten durchschnittlichen“ Menschen und seiner stammesgeschichtlichen Ausstattung; anders als bei typischen „psychologisierenden“ Ansätzen sollen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hier nicht als Pathologie verstanden werden.
Damit versteht sich diese Arbeit als Teil einer Blickrichtung, die man wahlweise soziobiologisch, biosoziologisch oder evolutionspsychologisch nennen kann (diese Begriffe sind allerdings nicht vollständig austauschbar). Da ich mich damit in den Augen einflussreicher Rassismustheoretiker bereits als Pseudowissenschaftler 11 und Rassist oute 12 und mein Weg zu Hitler nicht mehr weit ist 13 , sind vielleicht einige Vorbemerkungen angebracht.
Selbst wenn heute in den meisten Teilen der Welt glücklicherweise keine Menschen mehr auf Grund ihrer „Rasse“ gejagt und getötet werden 14 , so sind sich alle vernünftigen Menschen darin einig, dass Rassismus ein Übel ist, das am besten vollständig aus dem Katalog der menschlichen Verhaltensweisen gestrichen werden sollte; konsequenterweise ist eine Diskussion des Rassismus grundsätzlich politisch-ideologisch aufgeladen. Da der Autor
11 Stephen Castles: Weltweite Arbeitsmigration, Neorassismus und der Niedergang des Nationalstaats. In:
Bielefeld, Das Eigene, S. 140.
12 Etwa bei Etienne Balibar, der die Soziobiologie als “hervorragendes Beispiel [für eine] rassistische[...]
Ideologie [...]” bezeichnet (Etienne Balibar: Der Rassismus: Auch noch ein Universalismus. In: Bielefeld, Das
Eigene, S. 183).
13 Laut Heiner Geißler jedenfalls: “Adolf Hitler ist nicht mehr weit, wenn man dem logischen Muster der
Humanethologen folgt, die die Xenophobie für angeboren erklären.“ (Heiner Geißler: Der Irrweg des
Nationalismus. Weinheim 1995. S. 60).
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dieser Zeilen in den folgenden Seiten vorhat, so wissenschaftlich-neutral wie möglich zu schreiben und dabei nicht nur Rassismus und Biologie wieder zusammenbringen will - mit den oben beschriebenen Richtlinien - sondern auch eher pessimistisch ist, was die Möglichkeit des „Ende des Rassismus“ betrifft und dabei viele zeitgenössische Konzepte zur Rassismusbekämpfung als verfehlt betrachtet, würde er gerne darauf hinweisen, dass er selbst gerne in einer Welt lebte, in der Rassismus keine Rolle mehr spielt (ähnlich wie Sexismus, Klassenhass, religiöse Diskriminierung und so weiter). Der erste Schritt zur Bekämpfung eines Übels ist jedoch eine exakte Diagnose und das Aufzeigen möglicher Ursachen - und wenn diese in der biologischen Disposition des Menschen zu finden sein sollten, dann kann die Bekämpfung des Rassismus wesentlich exakter ansetzen. Es ist ja nun nicht so, dass die bisher vorgeschlagenen Konzepte einen überwältigenden Erfolg gezeitigt hätten (dazu mehr in Kapitel 5).
Es ist vermutlich kein Zufall, dass sinnvolle Kritik am soziobiologischen Modell insbesondere aus der Biologie selber gekommen ist 15 ; die Soziologie hat sich leider viel zu oft bemüht, der Anmerkung Pierre-André Taguieffs gerecht zu werden:
Und da sie eine prinzipiell antibiologische Position einnehmen, weisen die Antirassisten die Argumente
der vererbungstheoretischen Psychologen und auch die soziobiologischen Thesen spontan und ohne
Diskussion [...] zurück. 16
Fundierte Kritik am soziobiologischen Modell wird in Kapitel 4 angesprochen werden. Einen Denkfehler, der sich offenbar bei vielen Geisteswissenschaftlern nicht beseitigen lässt, möchte ich jedoch bereits im Voraus erwähnen: Das Schreckgespenst des genetischen Determinismus. Für einfache körperliche Merkmale wie die Augenfarbe ist er Realität, aber alles, was in Komplexität darüber hinausgeht, ist lediglich genetisch beeinflusst; das heißt, die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten eines Individuums hängt von zahllosen Faktoren ab, von denen seine Gene nur einer sind (mal wichtiger, mal unwichtiger). Dazu kommt, dass selbst genetische Einflüsse oft nicht an einem Strang ziehen und daher eine Ursachenforschung außerordentlich kompliziert machen. Soziobiologische Forschung hat nicht den Anspruch, alles zu erklären, sondern will lediglich einen Beitrag zum Verständnis leisten. Eine Kritik wie die folgende geht komplett am Ziel vorbei: „Erklärungsansätze der Soziobiologie greifen zu kurz, weil sie die politischen und ökonomischen Hintergründe
14 In den meisten Teilen der Welt. Wie eine solche rassistische Verfolgung im letzten Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts aussehen kann, dazu (über den Völkermord in Ruanda): Keith B. Richburg: Jenseits von Amerika.
Berlin 1999. Kapitel 5. S. 120-152.
15 Etwa von dem kürzlich verstorbenen Paläontologen Stephen Jay Gould oder von dem Genetiker Richard
Lewontin.
16 Taguieff, in: Bielefeld, Das Eigene, S. 235.
6
gesellschaftlicher Konflikte ignorieren.“ 17 Kein Autor, der sich wirklich mit Soziobiologie auseinandergesetzt hat, kann eine solche Behauptung ernsthaft aufstellen: gerade typisch soziologisch zu deutende Phänomene wie Status, Gruppenkonflikte oder Kampf um Ressourcen sind klassiche soziobiologische Themen. „Schließlich dürften es gerade inhaltliche Fehlinterpretationen zu Biologie sein, die bestimmte Paradigmen sozusagen sympathisch oder unsympathisch machen.“ 18 Die umgekehrte Kritik an den nichtbiologischen Modellen wäre wesentlich gerechtfertigter 19 . Wenn es wünschenswert ist, die „[...] Routinisierung, ja die Sklerose des Antirassismus [...]“ 20 aufzubrechen, dann ist ein Blick auf neuere Ansätze als die in der üblichen ideologisch überfrachteten Rassismusforschung dringend geboten.
2. Biologische Prädisposition und Fremdenfeindlichkeit
Rassismus beinhaltet die Aufteilung der Menschheit in verschiedene Gruppen; auf dieser Ebene unterscheidet er sich nicht von anderen Formen der Diskriminierung wie etwa Sexismus, Klassenhass oder Antiamerikanismus, aber er hat auch Gemeinsamkeiten mit harmloseren Einteilungen, etwa in „Bayern und Preißn“. Offensichtlich ist Rassismus jedoch nicht harmlos und gehört daher in die erste Gruppe, die sich von der zweiten dadurch unterscheidet, dass nicht nur Unterschiede festgestellt, sondern direkt und politischgesellschaftlich relevant bewertet werden: Der Andere ist nicht nur anders, er ist in vielerlei Hinsicht schlechter, und es wäre nur konsequent, dies bei seiner Behandlung zu berücksichtigen. Rassismus ist in diesem Sinne eine Untergruppe einer weiter gefassten Haltung, die man als „Fremdenfeindlichkeit“ im weitesten Sinne bezeichnen kann und die sich je nach historischem und sozialem Kontext verschieden manifestieren kann: In religiösen Zeitaltern zeigt sie sich als religiöse Diskriminierung; in kommunistischen Gesellschaften sieht man sie als Kampagnen und Vernichtungsfeldzüge gegen „Kulaken“ oder „Kapitalisten“, und in Gesellschaften, in denen die Naturwissenschaften ein hohes Prestige genießen, zeigt sie sich unter anderem als „echter“, das heißt biologischer, Rassismus. Die These, die es zu belegen gilt, lautet also: Es gibt in der menschlichen Gesellschaft eine in gewissem Sinne freischwebende Fremdenfeindlichkeit, die sich je nach der sozialen,
17 Christoph Butterwegge: Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt. Darmstadt 1996, S. 19.
18 Anne Katrin Flohr: Fremdenfeindlichkeit. Opladen 1994. S. 100.
19 Anne Katrin Flohr führt einige Gründe an, an denen es liegen dürfte, dass gerade die deutsche Soziologie so
“biophob” ist (Flohr, Fremdenfeindlichkeit, S. 97ff.).
20 Taguieff, in: Bielefeld, Das Eigene, S. 223.
Arbeit zitieren:
Tobias Budke, 2005, Soziobiologische Grundlagen des Rassismus, München, GRIN Verlag GmbH
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