Gliederung
1. Einleitung 2
2. Die Konstruktion von Gender 4
3. Der Ursprung des im Rap dargestellten Geschlechterverhältnisses 6
3.1 Die prägenden historischen Erfahrungen 7
3.2 Gründe aus der gegenwärtigen sozialen Situation 9
4. Die Darstellung von Geschlechterstereotypen im Rap 11
4.1 Zwei Arten Frauen? 12
4.2 Der Mann als Macher 13
5. Die Reaktion der Kolleginnen 14
6. Die Wirkung auf die Rezipienten 17
7. Fazit 20
8. Literaturliste 22
1
1. Einleitung
Rapmusik ist einer der bedeutendsten Einflüsse für die gegenwärtige Jugendkultur. Die von ihr transportierten Normen erhalten demnach eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung, weil sie prägend wirken für nachfolgende Generationen und damit Auswirkungen auf die Ausgestaltung des sozialen Zusammenlebens nehmen.
Im Fokus der Arbeit steht die Untersuchung der Konstruktion von Gender innerhalb des Rap, wobei explizit der Frage nachgegangen werden soll, inwieweit Rapmusik als Reproduktionsmechanismus für geschlechtliche Herrschaftsverhältnisse angesehen werden kann. Als außen stehender Betrachter erscheint die Beantwortung dieser Frage trivial, da die HipHop-Kultur in ständiger Assoziation zu tradierten Geschlechterverhältnissen verstanden und gesehen wird. Der Arbeit liegt die Motivation zugrunde, festzustellen, ob diese oberflächlichen Eindrücke auch bei genauerer Betrachtung ihre Bestätigung finden oder einfach aufgrund von mangelnder Auseinandersetzung entstanden sind.
Hierbei findet eine Beschränkung auf den Bereich des Rap statt, 1 da dieser allseits und ohne besondere Voraussetzungen konsumierbar ist (Radio, MTV) und deshalb nahezu keine Zugangsbarrieren aufweist. 2 Dies führt zu einer Verbreitung dieses HipHop-Zweiges, die beispielsweise Breakdance oder Graffiti nicht erreichen können, weil sie nach einer stärkeren Verwurzelung in der Kultur verlangen und auch immensen Anspruch an die Aktivität und das Engagement der B eteiligten stellen. Jedoch macht genau dieser Charakter des Rap seine Untersuchung so interessant, da sein Rezipientenkreis sich gerade nicht auf Personen beschränkt, die sich mit den kulturellen Hintergründen der Musikform auskennen oder sogar identifizieren. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass Rap heute von nahezu jedem Jugendlichen, wenn nicht gehört, so doch zumindest wahrgenommen wird, und deshalb die dort präsentierten Geschlechterbilder unweigerlichen Einfluss ausüben. Hier sieht man auch den Ansatzpunkt, den Rap für postfeministische Konzepte und Strategien spielen kann. Stellt sich nämlich heraus, dass die Zuschreibung von klassischen Geschlechterrollen 3 durch die Musik tatsächlich reproduziert wird, so ist damit eine Quelle von Ungleichheit gefunden, die e s zu beseitigen oder mindestens zu beeinflussen gilt. Gleichzeitig darf man jedoch nicht vergessen, dass HipHop als Jugendkultur ein
1 HipHop ist der Überbegriff für die gesamte Jugendkultur, während Rap den Bereich innerhalb des HipHop
umschreibt, der die Produktion, Aufführung … von Musik umfasst. Häufig wird HipHop mit Rap in der
Öffentlichkeit gleichgesetzt.
2 Rap ist damit auch der einzige Bereich, der Jugendliche erreicht, die sich nicht der gesamten Kultur zugehörig
fühlen - Rap ist heute Mainstream.
3 Als klassische Geschlechterrolle wird hier ganz grob die Dichotomie zwischen den männlichen Aufgaben als
Ernährer, Versorger, Denker und den weiblichen Aufgaben der Reproduktions- und Hausarbeit verstanden.
Also die Reduzierung aller Individuen auf die ihnen qua biologischen Geschlechts zugeschriebene Rolle.
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gesellschaftliches P rodukt darstellt und damit auch die soziale Wirklichkeit in einem begrenzten Raum widerspiegelt. In einer Gesellschaft, in der Sexismus überall zu beobachten und zu spüren ist, scheint es fast unmöglich dass sich die Kultur dessen ausnimmt. 4 Jedoch besteht trotzdem immer die Möglichkeit, Schaden begrenzend zu agieren, indem man überhaupt erst einmal ein Bewusstsein für bestehende Stereotypen schafft und deren Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ausleuchtet, um damit das kritische Hinterfragen der HörerInnen anzuregen.
Zuallererst muss also festgestellt werden, wie im Rap Geschlechter über die Sprache und die Darstellung in Videos konstruiert werden, um daraus ableiten zu können, welche Wirkung auf die Rezipienten stattfindet. Hierfür wird im ersten Teil der Arbeit versucht, theoretisch zu klären, wie Gendervorstellungen entstehen, wie sie sich reproduzieren und damit verfestigen. Hierbei wird nachzuvollziehen sein, dass man nur durch Wissen über die gesellschaftlichen Bezüge in der Lage ist, ein Urteil über die Art der Geschlechterkonstruktion zu fällen. Deshalb wird im zweiten Abschnitt auf dieser Basis der Ursprung der im Rap dargebotenen Geschlechterverhältnisse geklärt werden. Dabei werden sowohl historische als auch soziokulturelle Faktoren einbezogen, um ein möglichst vielschichtiges Bild entwickeln zu können. Schließlich dient dies wiederum dem Verständnis für die nachfolgende Analyse der Darstellung von Geschlechterstereotypen im Rap, die sich untergliedert in den Versuch, zum einen das präsentierte Bild des Mannes als auch das der Frau separat wiederzugeben. Einen zentralen Aspekt nimmt darauf folgend die Frage nach der Reaktion von weiblichen Künstlerinnen auf das durch die männlichen Kollegen geschaffene Bild. Hierbei existieren interessante Unterschiede in der Wahrnehmung des präsentierten Geschlechterverhältnisses und im künstlerischen Verhalten zu diesen. Wichtig dabei ist die Untersuchung, ob weibliche Künstler mit ihren Reaktionen versuchen, die Konstruktionen aufzulösen, oder ob sie eher dazu beitragen, Hierarchien zu reproduzieren.
Schließlich wird die Wirkung auf d ie Rezipienten betrachtet, wobei natürlich die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Hörern sowie ihre soziale Herkunft betrachtet werden. Erst an diesem Punkt wird man feststellen können, inwieweit Rapmusik wirklich Einfluss nehmen kann auf die Vorstellungen und Lebensweisen seiner Fans, und daraus wird schließlich ableitbar, ob Rap tatsächlich - wie vermutet - zur Reproduktion traditioneller Geschlechterverhältnisse beiträgt.
Aufgrund der mangelnden Relevanz, aber auch der verschwindend geringen Referenz in der Fachliteratur, blendet die Arbeit „weißen“ Rap aus. Des Weiteren konzentriert sich die
4 Kage, Jan: American Rap, Explicit Lyrics - US-HipHop und Identität, Mainz 2000, S.144.
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Analyse auch lediglich auf den kommerziellen Musikbereich, da dies Aussagen über die Rezipienten zulässt (Untersuchungen liegen vor) und gleichzeitig die Auswirkungen auf diese auch gesellschaftlich relevant werden lässt.
Die Bearbeitung des Themas erfolgt anhand einer Sekundärliteraturanalyse, da die Untersuchung von einzelnen Songt exten keinen geeigneten Überblick über die bestehende Debatte ermögliche n würde und eine Videoanalyse einer stark subjektiven Selektion unterlegen hätte. Entscheidend ist vielleicht noch, dass man bei der Sichtung der Literatur keine Korrelation zwischen der Einstellung zu den Geschlechterdarstellungen im Rap und dem Geschlecht des Autors feststellen konnte.
2. Die Konstruktion von Gender
Die Kategorie Gender ist ein soziales Produkt und entsteht durch die mit Erwartungen aufgeladenen Interaktionen von Subjekten. Demnach wird die soziale Konstruktion der Geschlechter also von den Individuen innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens immer selbst vorgenommen. Dieser Rahmen besteht zum einen darin, dass die Individuen darauf bedacht sind, ihre Aktivitäten und Äußerungen immer nach den bestehenden Gender-Normen zu wählen und damit zu funktionieren, und zum anderen in der Erwartungshaltung gegenüber anderen Akteuren, sich ebenfalls entlang dieser Normen zu verhalten. 5 Gender ist also Kennzeichen einer sozialen Situation und nicht ein jedem Individuum inhärentes Wesensmerkmal. Trotzdem besitzt jede Person scheinbar essentielle Ausdrucksweisen, wenn sie in Kontakt zu anderen tritt. Dazu gehört die eindeutige Sichtbarmachung des eigenen Geschlechtes innerhalb des Diskurses und der Performanz, die getragen wird durch eine Konstruktion von eigenen Erwartungen und der vermuteten Erwartungen von Anderen im Hinblick auf die geschlechtliche Wahrnehmung. 6 Dies soll jedoch nicht implizieren, dass es einem Individuum möglich wäre, selbst darüber zu entscheiden ob es als Mann oder als Frau (oder vielleicht auch als etwas Anderes) gesehen wird. 7 Es öffnet allerdings den Blick für Butlers Idee, die Veränderlichkeit von Identitäten denkbar zu machen.
Handlungen werden demzufolge erst durch ihre Benennung begründet, wodurch jede Performanz selbst auch zu einer Handlung wird und jeder Sprecher unweigerlich zum Akteur. Performative Äußerungen unterscheiden sich von narrativen durch ihren referentiellen
5 West, Candace/ Zimmerman, Don H.: Doing Gender, in: , S. 14f.
6 Als Performanz bezeichnet man sprachlich konstituierte Handlungen. , vgl. Duden, Fremdwörterbuch, 6.
überarb. und erw. Auflage, Mannheim 1997, S.610.
7 West, Candace/ Zimmerman, Don H.: a.a.O., S.16f.
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Charakter, der Äußerungen auch immer zu symbolischen Akten macht. Die Sprache ist sowohl der Name für die eigenen Handlungen als auch die Handlung an sich und ihre Folgen. Solch ein erweiterter Sprachbegriff lässt die Vorstellung entstehen, dass Geschlechteridentitäten sprachlich konstituierte Handlungen darstellen und eine Natürlichkeit von Identitäten bezweifelt werden muss.
Die Konstruktion von Gender erfolgt nach Butler diskursiv, da der Diskurs als Quelle des Ichs und seiner Identität betrachtet werden kann. Identitäten entstehen immer erst durch ihren Benennungsakt, der von den Subjekten selbst ausgeführt wird. Durch die Bezeichnung und ihre ständige Wiederholung wird erst das Entstehen von Subjekten als solche ermöglicht. Im Vorfeld des Diskurses existieren sie nicht wirklich, obwohl sie als bereits existent präsentiert werden. 8
Geschlechteridentitäten werden innerhalb des Diskurses immer im Rahmen von Dichotomien konstituiert, wobei die zwei Geschlechter ihre Existenz nur durch ihre oppositionelle Beziehung zueinander erhalten. Die Frau ist also nur als das Andere im Bezug auf die männliche Identität denkbar, und die Individuen sind nur als Subjekte anzuerkennen, wenn sie sich innerhalb dieser geschlecht lichen Differenz verorten lassen. Parallel dazu bestehen diese Dichotomien nicht natürlich, sondern werden ebenfalls vom durch die Individuen hervorgebrachten Diskurs aufgebaut, welcher wiederum die Entstehung der Identitäten nur zulässt, sobald sie sich dieser Dichotomie unterwerfen. Diskurse zwingen demzufolge also zu einer Positionierung auf einer der beiden Seiten, und zeitgleich können die Oppositionen nur durch die Subjekte aufrechterhalten werden. Nur die ständige Wiederholung gestaltet Identitätskonstruktionen für die Öffentlichkeit wahrnehmbar. Identitäten müssen gelebt und damit erlebt werden, um überhaupt existent zu sein. 9
Aus diesen beschriebenen Wiederholungszwängen kann geschlussfolgert werden, dass Identitäten eine Art von Zitaten darstellen, also nur einer gewissen Vorstellung von Realität entsprechen ohne tatsächlich real zu sein. 10 Identitäten werden so zu nicht zu erfüllenden Stereotypen, die gleichzeitig alles Individuelle negativ konnotieren und damit wiederum verhindern. 11
8 Individuen erscheinen erst als Subjekte, wenn sie sich in der Interaktion mit anderen wieder finden. Hier erfolgt
die zwanghafte Verortung innerhalb der Geschlechternormen (vgl. West/ Zimmerman), welche das Individuum
nötigt, seine „natürliche“ Identität zu benennen und gleichzeitig vom Gegenüber dadurch erst wahrgenommen
werden kann.
9 Menrath, Stefanie: Represent what…, Performativität von Identitäten im HipHop, Hamburg 2001, S.21-23.
10 Hier muss nochmals auf den Doppelcharakter der Identitätsbildung verwiesen werden, der gleichermaßen
Zwang und Freiwilligkeit beinhaltet.
11 Menrath, Stefanie: a.a.O., S.24f.
5
Arbeit zitieren:
Claudia Felber, 2005, Die soziale Konstruktion von Geschlechtern im Rap, München, GRIN Verlag GmbH
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