Danksagung…
Herzlichst bedanken möchte ich mich bei Herrn Professor Benedikt für die Betreuung der Diplomarbeit sowie für die vielen geistig anregenden Stunden in den von ihm gestalteten universitären Veranstaltungen. Hierbei sei auch den vielen FreundInnen und Bekannten aus den „Benedikt-Seminaren“ gedankt, deren kritische Anregungen diese Arbeit befruchteten. Herrn Professor Nagl möchte ich für das Ausleihen transzendentalistischamerikanischer Literatur danken.
Ganz besonders möchte ich mich bei meinen Eltern für die finanzielle Unterstützung, die mir mein Studium ermöglichte, bedanken. Herrn Helmut Rohrmoser, Frau Mag. Katharina Poimer und Herrn Dipl. Ing. Johannes Mayr sei für das Lesen und ihre grammatikalischen und rechtschreiberischen Besserungsvorschläge in dieser Arbeit gedankt. Für weitere Korrekturen und vor allem für das Layout stand mir meine Freundin Regina Gruber mit Rat und Tat zur Verfügung, herzlichen Dank.
Pr ro ol lo og g P
Im gerade erst begonnenen dritten Jahrtausend unserer Zeitrechnung ist die USA, ihre Weltmachtpolitik und Reaktion auf den neuzeitlichen Terrorismus, so wie das daraus resultierende Handeln als souveräner Staat stark in das Zentrum weltöffentlichen Interesses getreten. Viel wird über das neue (oder alte) amerikanische „Gut-und-Böse-Denken“, die scheinbaren Allmachtsgefühle der Bush-Administration, sowie über das „Supermacht-Syndrom“ und das wirtschaftliche Eigennutzdenken der USA geredet und geschrieben. 1 Diese Themenkreise um die Weltmacht USA sowie die populären Terrorismustheorien sind aus der noch zeitlich jungen, großteils populistischen „Globalisierungsliteratur“ kaum wegzudenken, scheinen schon beinahe einen Komplementärstatus in diesem wissenschaftlich-literarischen Genre einzunehmen. Auch hat es kaum ein öffentlich bekannter Intellektueller seit dem 11. September 2001 unterlassen, zu den neuesten Geschehnissen und Entwicklungen der USA-Politik Stellung zu beziehen, ganz zu schweigen von dem peinlichen politischen Stellungnahme-Desaster und der politischen Uneinigkeitsrepräsentanz der „Europäischen Unionsstaaten“ zum völkerrechtlich unverantwortlichen Irakkrieg.
In der Philosophie erfreut sich der amerikanische Pragmatismus seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts des vergangenen Jahrtausends wieder an Aktualität. 2 Es scheint, als hätten sich die amerikanischen PhilosophInnen des 20. Jahrhunderts von ihrer jahrzehntelangen „Heideggerbindung“ befreit, und wenden sich - neben den zeitgemäßen Strömungen der Philosophie - nun auch wieder dem klassischen amerikanischen Denken und der anfänglich eklektizistischen Philosophie in der „Neuen Welt“ zu. 3
Und genau von diesen Anfängen amerikanischer Philosophie soll diese Diplomarbeit handeln:
1 Siehe dazu: Wimmer, Kurt: Eunuchen und Unverwundbare. Genügend Amerikaner ist das Supermacht-Syndrom ihrer Heimat unheimlich. In: Die Presse. Gastkommentar, 25.06.2003.
2 Nagl, Ludwig: Pragmatismus. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, 1998.
3 Siehe dazu: Watson, James, R.[Hg.]: Amerikanische Philosophen in Selbstdarstellung. Neue Amerikanische Philosophie. Aus dem Englischen v. Erik M. Vogt. Wien: Turia + Kant, 1999, S. 20f..
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Im I. Hauptteil, einem historischen Rekurs über die amerikanische Kultur- und Politikgeschichte unter Berücksichtigung philosophischer Implikationen bis zum Ende des Bürgerkriegs 1865, wird auf die Entwicklungsgeschichte der aus Europa eingewanderten „Amerikaner“ eingegangen, wodurch sich - nach Auffassung des Verfassers - das Thema des II. Hauptteils, Henry David Thoreaus Politik- und Gesellschaftskritik, Hauptthemen dieses wichtigen und bekannten Vertreters des "New England Transcendentalism“, zielgerechter erschließen lässt. Schließlich spielten in diesem historischen Spannungsfeld sowie in der Politik- und Gesellschaftskritik Thoreaus eine ganze Menge damals bereits lange mitgetragener und ungelöster Probleme, wie etwa die Sklaverei oder das Parteiensystem der USA, eine entscheidende Rolle für die Zukunft des Unionsstaats derselben.
Der Neuengland Transzendentalismus reflektierte diese Probleme in seiner Gesellschaftstheorie wie auch in der Praxis (Experiment). Aufklärung und humanistische Bildung waren für die Transzendentalisten grundlegend, der Blick für das Wesentliche verlangt nach Übung. Thoreau war nicht nur eine der Hauptfiguren des transzendentalistischen Zirkels, er war auch einer der radikalsten Vertreter der romantischen Bewegung Amerikas, vor allem in der praktischen Umsetzung transzendentalistischer Ideen.
Egon Friedell, der die transzendentalistische Strömung studierte und kannte, und der, wie zuvor Nietzsche, ein großer Verehrer Emersons war, entwirft in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ ein zutiefst romantisches Thoreau-Bild, 4 auch wenn er ihn in seinen Essays unter die „Idealisten und Realisten“ reiht. 5 Die Herausgeberin und Thoreau-Übersetzerin Susanne Schaup schaffte es in ihrer Auswahl an Journal-Auszügen (Thoreaus Tagebuch), Thoreau über sechzig Jahre nach Friedell - 1996 - ähnlich zu verklären. 6 In der FAZ betitelte Wilhelm
4 Friedell, Egon: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krise der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. München: Verlag C. H. Beck, 2003, S. 1195- 1198.
5 Friedell, Egon: Abschaffung des Genies. Essays bis 1918. Hg. u. mit einem Nachwort - Friedell als Buchautor - v. Heribert Illig. Wien: Kremayr & Scheriau: 1993, S. 87.
6 Thoreau, Henry D.: Aus den Tagebüchern 1837-1861. Hg. u. übersetzt v. Susanne Schaup. Oelde: Tewes Verlagsbuchhandlung, 1996.
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Kühlmann Schaups „Sachbuch“ zu Recht als „Wallfahrt zu den Preiselbeeren“, in dem über Thoreau reichlich wenig zu erfahren ist. 7
In dieser Arbeit wurde im II. Hauptteil möglichst konkret auf die politischen Schriften (Vorträge) von Thoreau eingegangen, da sein Werk „Civil Disobedience“ Weltruhm erlangt hatte. Immer wieder ist im Zusammenhang mit passivem Widerstand, gewaltfreier Revolution und Pazifismus und mit Namen wie Gandhi oder Martin Luther King, die sich bei ihren Widerstandspraktiken auf „Civil Disobedience“ beriefen, vom Transzendentalisten Henry D. Thoreau die Rede. 8 Im II. Hauptteil wird nach einer allgemeinen Hinführung zum amerikanischen Transzendentalismus versucht, Thoreaus politik- und gesellschaftskritische Standpunkte über das Werk „Civil Disobedience“ hinausgehend zu untersuchen.
Transcendentalism, as it is called, the transcendental movements, was an important factor in American life. Though local in activity, limited in scope, brief in duration, engaging but a comparatively small number of individuals, and passing over the upper regions of the mind, it left a broad and deep trace on ideas and institutions. It affected thinkers, swayed politicans, guided moralists, inspired philanthropists, created reformers.” 9
Thoreaus “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ mag zwar, wie eben der Transzendentalismus auch, viele Denker beeinflusst haben. Oftmalig genügt die Auseinandersetzung mit dem „Bestseller-Essay“ eines Autors nicht, gerade dann, wenn von diesem weitere Schriften zum selben Thema vorliegen. Ich hoffe, mit vorliegender Arbeit dazu beitragen zu können, wenigsten in Teilbereichen die überaus interessante Politik- und damit zusammenhängende Gesellschaftskritik des großartigen kritischen Denkers und Transzendentalisten Thoreau zugänglicher zu machen. Nachdem das resignative Verstummen Thoreaus zeitlich mit dem Gang Amerikas in den grausamen Bürgerkrieg einhergeht, schien mir die von der Fremdbesiedelung bis dahin gehende „große Geschichte Amerikas“ - I.Hauptteil - dazu passend.
7 Kühlmann, Wilhelm: Wallfahrt zu den Preiselbeeren. Rezension. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.1997, Nr. 99, S. 42.
8 Als Beispiel mag folgender Zeitungsartikel dienen: Wimmer, Kurt: Eunuchen und Unverwundbare. In: Die Presse. Gastkommentar, 25.06.2003.
9 Frothingham, Octavius B.: Transcendentalism in New England. A History. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 1959, S. XXV.
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In nh ha al lt ts sv ve er rz ze ei ic ch hn ni is s I
Pr ro ol lo og g ................................................................................................................ 2 P
In nh ha al lt ts sv ve er rz ze ei ic ch hn ni is s ............................................................................................ 5 I
1. Einleitung .................................................................................................... 8
2. Britisches Empire und eigenständige Identitätsentwicklung
der USA ....................................................................................................... 9 2.1. Anfänge................................................................................................................... 9
2.2. Beginnendes Autonomiestreben der Siedler...................................................... 14
2.3. Der „kapitalistische“ Benjamin Franklin: Deismus und Aufklärung;
Max Webers „Geist“ des Kapitalismus ............................................................. 17
2.4. Erster Kontinentalkongress................................................................................ 21
2.5. Vom zweiten Kolonialkongress zur „Declaration of Independence“ am
4. Juli 1776............................................................................................................ 24
2.6. Unabhängigkeitskrieg und neue Verfassung..................................................... 29
3. Politische Systeme in der Anfangsphase der amerikanischen
Union ......................................................................................................... 33 3.1. Die „Federalists“ an der Macht (1789-1800)..................................................... 33
3.2. Der Republikanismus - Jeffersons „Liberale Aufklärung“ im
Widerspruch......................................................................................................... 36
3.3. Der „zweite Unabhängigkeitskrieg“ gegen England und seine Folgen........... 39
3.4. Resümee und Widersprüche der Zeit ................................................................ 40
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4. Demokratie, „liberale“ amerikanische Identität, Marktrevolution
und territoriale Expansion - 1815-1854. 42
4.1. Era of Good Feeling. 42
4.2. Krise, Wirtschaftspolitik und Parteiensystem 43
4.3. Bevölkerungswachstum und territoriale Expansion 45
4.4. „Markt- und Transportrevolution" 47
4.5. Die politische Wende - Demokratie und Parteipolitik 50
4.6. Territoriale Expansion: Texas - Oregon 54
4.7. Der Krieg gegen Mexiko 55
4.8. Der „Clay-Kompromiss“ - 1850: Die ungelöste Frage der Sklaverei. 57
4.9. Nebraska und Kansas - Unerträgliche Spannungen, politische
Veränderungen 58
5. Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-65) 62
5.1. Abraham Lincolns Aufstieg 62
5.2. Lincolns „Emanzipationserklärung“, Schrecken und Strategien des
Krieges 65
5.3. Kapitulation des Südens und die Ermordung Lincolns 68
II. Hauptteil:
„New England Transcendentalism“: Henry D. Thoreaus
Politik - und Gesellschaftskritik
1. Amerikanischer Transzendentalismus: Definition, Einleitung,
allgemeiner Überblick. 70
2. Der Transzendentalist Henry David Thoreau - eine
biographische Skizze seines Lebens und Werkes. 77
3. Die Politik- und Gesellschaftskritik Henry David Thoreaus 86
3.1. Einleitung 86
3.2. Civil Disobedience: Hinführung und Wirkungsgeschichte. 87
3.2.1. Über den Essay „Civil Disobedience“ 87
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3.2.2. Postum. 89
3.3. Civil Disobedience: Legalität und Legitimation - das Verhältnis von
Recht und Moral. 91
3.4. Über das Gewissen und von der Gewalt 99
3.4.1. Passivität? 102
3.4.2. Peaceable Revolution? - If any such is possible. 103
3.5. „Slavery in Massachusetts“ 106
3.6. Am Ende Gewalt? 110
3.6.1. Emerson und John Brown. 110
3.6.2. Thoreaus Captain John Brown. 113
Ep pi il lo og g 118 E
Bi ib bl li io og gr ra ap ph hi ie e 119 B
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“How does it become a man to behave toward this American government today? I answer, that he cannot without disgrace be associated with it. I cannot for an instant recognize that political organization as my government which is the slave`s government also.” 10
1. Einleitung
In „Empire“ von Hardt und Negri wird im „Teil II: Passagen der Souveränität - 5. Netzwerkmacht: Die Souveränität der USA und das neue Empire“, der Grundlagen wegen, aus denen eine neue imperiale Souveränität entstand, die ursprüngliche Entwicklung des amerikanischen Souveränitätsbegriffes unter Berücksichtigung der allerwichtigsten geschichtlichen Ereignisse skizzenhaft nachgezeichnet. 11 Die amerikanische Revolution wird seitens der Autoren als „die“ große Neuerung und als Bruch im Vergleich zur traditionellen modernen Souveränität (Die Souveränität des Nationalstaats - Teil II/2) angesehen. Darüber hinaus werden dem amerikanischen Souveränitätsbegriff drei Charakteristika zugesprochen. Auch dies bedarf einer kultur- und politikgeschichtlichen Betrachtung, wie beispielsweise anhand des Expansionsbedürfnisses imperialer Macht, der Gewaltenteilung der republikanischen Verfassung, sowie funktionierender Kontrolle souveräner Macht, gegensätzlich der vorrevolutionären Epoche mit ihren Charter-Verträgen.
Diesem ersten Hauptteil liegt eine ähnliche Idee zugrunde: nämlich die Geschichte der USA bis zum Zeitalter der Neuengland-Transzendentalisten - insbesondere bis
10 Aus dem Essay Civil Disobedience: In: Thoreau, Henry David: Walden and other Writings. Introduction by Ralph Waldo Emerson. Edited by Brook Atkinson. New York: The Modern Library, 2000, S. 670.
11 Hardt, Michael; Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt; New York: Campus Verlag, 2003, S. 172-194.
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zu David Henry Thoreaus Politik- und Gesellschaftskritik (siehe II. Hauptteil)nachzuvollziehen.
Aufbauend auf die chronologische Geschichtsschreibung wurde der Versuch unternommen, wichtige politische, ökonomische und kulturelle Ereignisse sowie philosophische Einflüsse in dieses Spannungsfeld einzubringen. Dass es sich dabei bereits immer schon um eine spezifische Auswahl an Literatur handelt, viele andere interessante Details unberücksichtigt bleiben, muss vorweg gesagt werden. Verweise auf allgemeine sowie spezielle Literatur sollten diesem Manko weitgehend entgegenwirken.
2. Britisches Empire und eigenständige Identitätsentwicklung der
USA
2.1. Anfänge
Die Besiedelung der nordamerikanischen Ostküste durch die Engländer erfolgte aufgrund der Initiative privater Handelsgesellschaften, die durch Frei- und Schutzbriefe, durch so genannte „Charter Colonies“, seitens der Englischen Krone abgesichert waren. 12 1585 kam es zu einer gescheiterten Ansiedelung von circa 100 Siedlern auf der Insel Roanoke (vor dem heutigen North-Carolina). Krankheiten wie Malaria, aber auch die Unerfahrenheit in der Bodennutzung des neuen Kontinents und die Kämpfe mit Indianern, wurden von der 1607 von einer Londoner Aktiengesellschaft (Virginia-Kompanie) gegründeten Kolonie „Virginia“ (zu Ehren der jungfräulichen Königin Elisabeth I) jedoch überwunden. 1624 ging die Kolonie in die Macht der Krone über und wurde von einem königlichen Gouverneur samt Staatsrat geleitet, wobei die 1619 unter Erlaubnis der Krone - schon seit 1615 durch den Gouverneur John Smith vertreten - gebildete Versammlung gewählter
12 Die durch private Handelsunternehmen vorgenommene anfängliche Kolonienbildung der Engländer stand im Gegensatz zu den auf Staatsmonopolen beruhenden Kolonialgründungen der Spanier und Franzosen. Siehe: Sandweg, Jürgen: Nordamerika - Die Erschließung des Kontinents bis zur Gegenwart. In: Holle Universalgeschichte. Hg. v. Gérard du Ry van Beest Holle. Erlangen: Karl Müller Verlag, 1988, S. 760/3.
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Repräsentanten erhalten blieb. „Die „Freemen“, wahlberechtigte Vollbürger, die Grund und Boden besitzen, behalten mittels ihrer Vertreter die gesetzgebende und fiskalische Gewalt.“ 13 Gesetzesnorm ist also noch nicht bestimmt durch Vereinbarung von Recht und Gewalt.
Der Norden des neu zu besiedelnden Kontinents wurde zum Zentrum der Puritaner. 14 1620 erreichten 120 Passagiere an Bord der „Mayflower“ die Bucht beim „Cap Cod“ (Massachusetts), wo man sich zu einer sich selbst autorisierenden Kolonie in dem unbekannten Land zusammenschloss. Die Begründung eines sichtbaren, festgerahmten, christlichen Gemeinwesens, das dem Britischen Reich untertan ist, wurde schriftlich dokumentiert („Mayflower Compact“). 15 Ein zweites, bereits auf dem Festland niedergeschriebenes, ergänzendes Dokument („Covernant“), als Quasi-Charta der „Pilgrim-fathers“ war für die innere Linie des Gemeinwesens -Orientierung in Hinkunft zum Reich Gottes - gedacht. 16 Dieser kirchlich und politisch sich vereinigten Gemeinde entstammte die Kolonie Massachusetts (1691). Immer mehr neue Auswanderer erreichten das „Neue England“ 17 und begannen es zu
13 Ebd.: S. 761/1.
14 Eine sehr gute Einführung unter der neueren Literatur über Amerika und die Religionsgeschichte, hier im speziellen über den Puritanismus, bietet die Sammlung religiöser Studien in historischen Kontexten und unter der Präsentation von Originalauszügen von verschiedensten Denkern von Porterfield: American Religious History. Edited by Amanda Porterfield. Massachusetts: Blackwell Publishers Ltd., 2002. Sowie zur frühen Religionsgeschichte der USA: Krickeberg, Walter: Die Religion des alten Amerika. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 1961.
15 Heideking und Nünning heben hervor, dass der hohe Rang, den geschriebene Verfassungen in Amerika erlangten, eine Besonderheit ist, dass es aber umstritten ist, ob man den „Mayflower Compact“ der Pilgerväter von 1620 schon als Ursprung einer eigenständigen Verfassungstradition begreifen darf. Siehe: Heideking, Jürgen; Nünning, Vera: Einführung in die amerikanische Geschichte. München: Beck, 1998, S. 24.
„Alle Kolonien verfügten aber über Organisationsstatuten in Form der Charters sowie über Deklarationen, in denen die Rechte der Bürger ausgeführt waren.“ Ebd.: S. 24. Die Texte der beiden Dokumente in deutscher Übersetzung: Chambon, Joseph: Der Puritanismus. Sein Weg von der Reformation bis zum Ende der Stuarts. Zürich: Evangelischer Verlag A. G. Zollikon, 1944, S. 14f..
16 Siehe: Chambon: Der Puritanismus: S. 15.
17 Der Name „New England“ entstammt dem Seefahrer und Abenteurer John Smith, der diese Region 1614 so benannte. Siehe: Heideking, Jürgen: Geschichte der USA. Tübingen; Basel: Francke - UTB, 1999, S. 9.
Ein guter Überblick über die Einwanderung der ersten Engländer und ihrer Religion findet sich bei Bitterli unter „Die Kulturbeziehung als „Heiliges Experiment““. Die Engländer in Pennsylvanien. Siehe: Bitterli, Urs: Alte Welt - Neue Welt. Formen des europäisch-überseeischen Kulturkontakts vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. München: Beck, 1986, S. 123-152.
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besiedeln. „Im Jahre 1640 zählt die „Massachusetts Bay Company“ schon sechzehntausend Menschen; Salem und Boston werden gegründet.“ 18
Die „Massachusetts Bay Company“ (1629 von der Krone mit einer Charta ausgestattet) wurde von ausgewanderten Puritanern begründet, Angehörige einer gemäßigten calvinistischen Glaubensrichtung, die die Staatskirche von England gerne von allen katholischen „Glaubensresten“ gereinigt gesehen hätte. Denen entgegen standen die strenggläubigen Calvinisten, die Pilgrims der Plymouth-Kolonie, die nach strikten religiösen Regeln lebten, und das Streben nach Wohlstand und weltlicher Macht bewusst ablehnten. Für die Puritaner hingegen war Macht nicht verwerflich und sie strebten nach wirtschaftlichem Erfolg, den sie als Zeichen der göttlichen Gnade und Auserwähltheit werteten.
John Winthrop, der als puritanische Führerpersönlichkeit galt, sah angesichts der blutigen Glaubenskriege in Europa durch einen Exodus nach Amerika die Chance, das Christentum und gläubige Puritaner zu retten. „In der Wildnis sollte eine „City upon a Hill“, ein dem wahren Glauben geweihtes und dem Rest der Welt zum erleuchtenden Vorbild dienendes Gemeinwesen errichtet werden.“ 19
„Zum ersten Gouverneur wurde John Winthrop gewählt, dessen religiös-orthodoxer und elitärer Führungsstil die Kolonie auf lange Zeit hinaus prägte. Das von Winthrop formulierte Sendungsbewußtsein überdauert die Kolonialzeit und bildet bis heute - in religiöser und in säkularisierter Formeines der wichtigsten Elemente des amerikanischen Selbstverständnisses und der nationalen Identität.“ 20
Jedoch kam es durch die von den Geistlichen gepredigten puritanischen Tugenden im
17. Jahrhundert nach den ersten zwanzig Jahren im Anschluss an die Landung der Pilgerväter sukzessive zur Abspaltung dreier Kolonien von Massachusetts (Gründung von Rhode Island, Connecticut, New Hampshire). Zu weltlich war die Gesellschaft um die Puritaner herum geworden. Händler, Fischer und Seeleute - nach Müller „die Yankees“ - lassen sich nach fast neunzig Jahren die puritanische
18 Chambon: Der Puritanismus: S. 27.
Nach Heideking waren es über 20000 englische Puritaner, er spricht von einer ersten „Einwanderungswelle“. Heideking: Geschichte der USA: S. 10.
19 Ebd.: S. 10.
20 Ebd.: S. 11f..
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Theokratie nicht mehr auferlegen. „Mit der „glorreichen Revolution“ in England (1688) ist es dann mit dem politischen Puritanismus zu Ende.“ 21
Mit dem von nun an gesetzten Beginn der Geschichte der amerikanischen Philosophie - mit dem „System“ von Jonathan Edwards 22 - und den damit verbundenen geistigen Kämpfen, spricht Müller dem Puritanismus dennoch ein Weiterwirken zu. So z. B. in Bezug auf die Begründung der Demokratie, wo Gemeindeleben und die Schärfung individuellen Pflichtgefühls neben geschäftlichen Motiven als Wurzel der amerikanischen Revolution und als Bedingung für ihr Gelingen angesehen werden können. So kann Müller den dreifachen Ursprung der politischen Philosophie der amerikanischen Demokratie folgendermaßen bestimmen: „Hier in der Revolution verschmilzt die puritanische Richtung zusammen mit dem liberal-bourgeoisen Aufklärungsdenken und dem ursprünglichen demokratischen Individualismus des Grenzertums.“ 23
Wenn von Jonathan Edwards die Rede ist, dann zumeist in Verbindung mit dem „First Great Awakening“, das Neu-England und die gesamte Ostküste bis
21 Müller, Gustav E.: Amerikanische Philosophie. Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag, 1936, S.15.
22 “Often regarded as American`s greatest theologian, Jonathan Edwards defended the intellectual fiber and emotional realism of Puritan theology against religious writers who wanted to define God in gentler and more humane terms. His best-known sermon, “Sinners in the Hands of an Angry God” (1734), used terrifying images of hell to awaken people to their internal rottenness, and to the need to cast off their complacency. As a result of his promotion of a religious awakening in his own parish of Northampton in 1734, Edwards became famous as a defender of religious revivals. He was an influential supporter of the Great Awakening of 1734-40, which swept through many of the English colonies in America and helped to create a sense of shared American identity that contributed to American independence from Britain. But while he supported the Awakening as a work of the Holy Spirit, he also criticized misguided forms of enthusiasm that he thought were mixed in.
Edwards believed that religious virtue was essentially a matter of will, and that natural tendencies to self-love had to be uprooted so that the will could be reoriented toward to God, he believed including benevolence, sincerity, humility, and meekness of spirit. The Nature of True Virtue (published seven years after Edwards`s death) defines this reorientation of the will in philosophical terms as responsiveness to the beauty of being in general. Remarkable for its avoidance of explicitly Christian terminology, this dissertation stands as an importable link between Puritan theology and the religious thought of Ralph Waldo Emerson and other New England Transcendentalists of the ninteenth century.” (Hervorhebungen v.V.) Aus: Porterfield: American Religious History: S. 186f..
Vergl.: Müller: Amerikanische Philosophie: S. 17-39 („Das System: Jonathan Edwards“); bzw. http://www.bautz.de/bbkl/e/edwards_j.shtml (Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon) -23.02.2003.
23 Müller: Amerikanische Philosophie: S. 16.
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hinunter in den Süden erfasste. 24 So schreibt etwa Frothingham im Zusammenhang mit der Theologiegeschichte Neuenglands über Edwards: „The spiritual writings of Jonathan Edwards, the „Treatise on the Religious Affections“ especially, breathe the sweetest spirit of idealism.“ 25
Religiöse Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen haben in der gesamten Geschichte eine Rolle gespielt. Wersich sieht die immer wiederkehrenden konservativen Proteste sowie Gegenströmungen contra dem Prozess der Modernisierung, der Verwissenschaftlichung, der fortschreitenden Aufklärung und Säkularisierung in einem Nahverhältnis zum Fundamentalismus 26 . Ziel der „Awakenings“, bzw. „Revivals“ ist primär die Bekehrung des Einzelnen zur Bewusstmachung der Sünde, die Rückkehr in ein Vertrauen auf die Gnade Gottes, der Aufwertung des Lebens, sowie das Kritisieren von Glaubensroutine und liberaler Theologie. Die Erweckungsbewegungen wurden des Öfteren von nicht ausgebildeten Laienpredigern ausgelöst, jedoch auch als Glaubenserneuerungsstrategie von etablierten Kirchen („Baptists“, „Methodists“, „Presbyterians“) eingesetzt. 27
Die wirtschaftlichen Grundlagen der nördlichen Kolonien waren vor allem der Fischfang, die Schifffahrt, der Handel mit Pelzen und Holz und die Ausübung der Landwirtschaft in Form kleiner Familien-Farmen, wobei - nach schweren anfänglichen Problemen - Getreide-, Flachs- und Obstanbau sowie die Viehwirtschaft im Vordergrund standen. In Pennsylvania und New Jersey wurden außerdem Stoffe und Papier, Eisen und Glas erzeugt. In den südlichen Kolonien Virginia und Maryland wurde vor allem Tabak, in Carolina - das John Locke mit einer Verfassung versehen hatte - Reis und Indigo in Plantagen erwirtschaftet. 28 In zunehmenden Maße (nachweislich ab 1619 in Jamestown) wurden Schwarze aus Afrika zur Arbeit in der Plantagenwirtschaft nach
24 Außer Jonathan Edwards werden von Wersich im Zusammenhang mit dem „First Great Awakening“ noch die Namen des englischen Predigers George Whitefield (1714-70) sowie die Gebrüder Tennent erwähnt. Siehe: Wersich: USA-Lexikon: S. 118f..
25 Frothingham: Transcendentalism in New England. A History: S. 108.
26 USA-Lexikon: Schlüsselbegriffe zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Geschichte und zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Hrsg. v. Rüdiger R. Wersich. Berlin: Erich Schmidt, 1996, S. 118.
27 Die einzelnen Kirchen finden sich im USA-Lexikon unter „Schlüsselbegriffe A - Z“. Siehe: Wersich: USA-Lexikon.
28 Siehe: Sandweg: Erschließung des Kontinents bis zur Gegenwart: S. 761/2.
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Virginia gebracht, wobei deren rechtlicher Status sich aber immer mehr zu verschlechtern begann, bis sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Konzept der „chattel slavery“ etablierte, wonach in Amerika die Afrikaner zu „beweglichem Besitz“ (personal property) und zur Ware degradiert wurden. 29 So kam es aufgrund der differenten Wirtschaftens zur Entwicklung unterschiedlicher Sozialverhältnisse: in den Neuenglandstaaten waren vorwiegend Bauern, Kaufleute und Handwerker anzutreffen, denen die aristokratisch auftretenden Plantagen- und Sklavenbesitzer gegenüberstanden. Z. B.: Die „Virginia Aristocracy“ - eine durch Blutsbande und wirtschaftliche Interessen eng verknüpfte Eliteschicht, der gute Bildung, kultivierter Lebensstil und Sinn für elegantes Vergnügen eigen war, und die sich so von den übrigen Bürgern abhoben. So kam es gesellschaftspolitisch schon von Anfang an zu einer Spaltung der Gesellschaft, die für die gesamte weitere amerikanische Geschichte folgenschwer war.
2.2. Beginnendes Autonomiestreben der Siedler
Bereits im Pfälzischen Krieg (King William`s War - 1689-1697), in dem es um die englisch-französische Vorherrschaft ging, kämpften Siedler für die Englische Krone in Nordamerika. Auch im Spanischen- und Österreichschen Erbfolgekrieg (1701-1713 - Queen Anne`s War; 1740-1748 - King George`s War) sowie im Kampf gegen die Franzosen, Spanier und Indianer wurden die regulären britischen Truppen stets von kolonialen Milizen unterstützt. Das Band zum Mutterland war noch gefestigt, von einem eigenständigen amerikanischen Bewusstsein konnte zu dieser Zeit noch keine Rede sein.
Nach dem Siebenjährigen Krieg Englands gegen Frankreich (French and Indian War, 1756-1763), der in Europa und in den Kolonien geführt wurde, ging nun England endgültig als Kolonialmacht auf dem neuen Kontinent hervor. Zwar stärkte
29 Heideking: Geschichte der USA: S. 4.
Anfangs waren die schwarzen Sklaven den weißen Knechten („indentured serverants“) rechtlich relativ gleichgestellt, d. h. sie mussten eine bestimmte Zeit ihre Schiffspassagekosten abdienen. Zum Kolonialismus bzw. dessen Struktur, der erfolgten Sklavenwirtschaft sowie deren Krise siehe auch: Hardt; Negri: Empire: S: 127-147.
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der Sieg das Selbstbewusstsein der nordamerikanischen Kolonisten, jedoch begann sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Bewusstsein der Amerikaner zunehmend vom Englischen Staatsmodell zu entfernen.
Durch die leichte Verfügbarkeit von Grund und Boden war es seit den ersten Siedlungsgesellschaften nicht gelungen feudale Besitzverhältnisse nach europäischem Muster zu etablieren. Die Gesellschaft der Kolonialisten definierte sich durch ihre Eigenleistung; die religiöse Liberalisierung des 18. Jahrhunderts förderte eine wirtschaftliche Aufbruchsstimmung. „Unter den gewandelten Umständen konnten die alten puritanischen Tugenden mehr und mehr zu Triebfedern einer an individueller Leistung und Wachstum orientierten Wirtschaft werden.“ 30
Kolonialparlamente, die von den Siedlergesellschaften gegründet wurden, dehnten ihre Kompetenzen, vor allem das Besteuerungsrecht, immer weiter aus. Dies sogar unter Berufung auf die „English Constitution“ sowie auf ihre „Rights of Englishman“. Jedoch restringierte die merkantilistische 31 Politik des 18. Jahrhunderts durch ungewohnte Steuerauflagen und Handelsvorschriften das Leben der Siedler immer mehr. England verlangte hohe Kriegskosten. Auch fielen die Vorschriften der „Navigation Acts“ von 1696 - wonach der Handel nur auf englischen Schiffen abgeschlossen werden darf - nicht weg.
1763 wurde von Seiten Englands auch die so genannte „Proclamation Line“ auf der Kammhöhe der Appalachen festgelegt, die das westliche Land bis zum Mississippi als Handelszone und Indianerreservat direkt der Krone bzw. zwei
30 Heideking: Geschichte der USA: S. 11.
31 Definition, Formen und einzelstaatliche Varianten von Merkantilismus: „Merkantilịsmus [lat.-frz.], die Wirtschaftspolitik der absolutistischen Staaten zw. dem 16. und 18. Jh.. Charakteristisch war die Verbindung von wirtschaftlichen Nationalismus und staatlichen Dirigismus, Hauptantrieb der steigende staatliche Geldbedarf. Dazu wurden in erster Linie Exportförderung, Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten, Beseitigung der Binnenzölle und eine aktive Bevölkerungspolitik vorangetrieben. In Frankreich konzentrierte sich der Merkantilismus als Colbertismus (Colbert) mehr auf die staatlich gelenkte Entwicklung des Gewerbes, in England v. a. auf die Hebung der Nachfrage nach den Produkten der einheimischen Wollindustrie und auf die Kolonialpolitik, in Deutschland als Kameralismus auf die Erhöhung der Bevölkerungszahl und die Sicherung der Staatsfinanzen.“ Aus: Meyers Lexikon, LexiRom 4.0, Microsoft.
Nach Weber ist England auch das Ursprungsland des Merkantilsystems - der rationalen fürstlichen Wirtschaftspolitik, dessen Spuren der Anwendung sich dort bereits am Ende des 14. Jahrhunderts fänden. Siehe: Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundrisse der verstehenden Soziologie. Studienausgabe. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1980, S. 819f..
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Sonderbeauftragten unterstellte, eine weitere Restriktion, die für die nach Neuland hungernden Siedler der „Frontier“ der Küstenregion nicht nachvollziehbar war und als Willkürakt empfunden wurde.
Die nach Verstärkung der administrativen Kontrolle und nach Reglementierung trachtenden Londoner Regierung über die Kolonien hatte zur Folge, dass die nach politischer und ökonomischer Autonomie strebenden Siedler sich immer häufiger auf die „natürlichen“ Rechte, des Rechts auf Leben, Freiheit und Eigentum beriefen, wodurch die britischen Herrschaftsansprüche abgewehrt wurden. Die Identitätsbildung der amerikanischen Nation geschah von da an in bewusster Abgrenzung zu Großbritannien. 32 Nach Spannungen und Kontroversen hinsichtlich der Zollpolitik, wobei Radikale (Whigs), wie die Neuengländer Samuel Adams oder Thomas Jefferson, ihre „antibritische Agitation“ vorantrieben, brach schließlich 1773 durch den „Boston Tea-Act“ 33 im Hafen von Bosten ein offene Konflikt aus, der ökonomische Zwangsmaßnahmen seitens des britischen Königs zur Folge hatte. 34
32 In einer Vorlesungszusammenfassung über Volkswirtschaftslehre von Eugen Schwieland in Wien aus dem Jahre 1919 im ersten Kapitel - Wirtschaftliche und soziale Wandlungen - ist über den Abnabelungsprozess Nordamerikas folgendes zu lesen:
„Die Kolonien aber, die England begründete, trugen seine Wesenszüge, gewannen eigenes Leben. Durch familienhafte Besiedelung faßte es festen Besitz am Boden und brachte die jungen Gemeinwesen zu reger Betätigung wie Selbstverwaltung. Während die spanischen Kolonisationsgebiete aus ihren (klimatisch anpassungsfähigeren) Einwanderern und den Ureinwohnern schwache Mischvölker bildeten, schufen die Engländer Siedlungskolonien für Europäer und in ihnen bürgerliche Freiheit und Selbstverwaltung, und die unterworfenen Fremdvölker wurden durch ihre Verwaltung aufgehoben. Fielen auch Ende des 18. Jhts. die Vereinigten Staaten von Nordamerika von Großbritannien ab, so lernte es daraus eine klügere, den Umständen angepaßte Behandlung der Kolonien und behielt immer seine herrschende Stellung zur See, beeinträchtigte durch Kaperkriege die Schiffahrt aller Nationen, vollzog „Kolonialraub großen Stils“ (Hoeniger).“ Schwieland, Eugen: Volkswirtschaftslehre. Dreiundvierzig Vorlesungen. Wien; Berlin: Wiener Literarische Anstalt, 1920, S. 14.
33 Siehe: Heideking: Geschichte der USA: S. 34f. „Als Ende 1773 drei Teeschiffe in den Bostoner Hafen einliefen, verweigerte das Town Meeting die Zollabgabe und die Entladung. In der Nacht zum
17. Dezember enterten etwa 60 als Indianer verkleidete Sons of Liberty die Schiffe und warfen die Teeballen im Wert von 10 000 Pfund Sterling in das Hafenwasser. Diese Provokation konnte die Londoner Regierung nicht hinnehmen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren.“ Ebd.: S. 34. Vergl.: Sandweg: Erschließung des Kontinents bis zur Gegenwart: S. 763/1.
34 Adams und Jefferson gründeten in Massachusetts „Korrespondenz-Komitees“, welche 1767 einen ersten großen Erfolg bei der Organisation eines breiten Importboykotts britischer Waren erzielten. Siehe: Ebd.: S.761/2f..
„1770 müssen die inkriminierten Importzölle (sog. Townshend-Zölle), da zahlreiche exportabhängige britische Kaufleute und Bankiers bei der Regierung vorstellig werden, aufgehoben werden. Noch einmal atmen die Loyalisten und Gemäßigten (Tories) unter den nordamerikanischen Kolonisten auf und hoffen auf eine friedliche Lösung.“ Ebd.: S. 763/1.
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Lennhoff macht in seinem Buch über das Freimaurertum darauf aufmerksam, dass die berühmte „Bostoner Tea-Party“ wie auch andere „Aktionen“, welche in der amerikanischen Revolution verwirklicht wurden, freimaurerischem Gedankengut entsprungen waren. Im Ehrenbuch des amerikanischen Befreiungskrieges sind nach Lennhoff viele Freimaurer wie z. B. George Washington oder Benjamin Franklin eingetragen, da die Freimaurerlogen, „ohne daß ihre Arbeiten selbst zu politischen Beratungen dienten, zu Keimzellen der Vereinigten Staaten“ 35 wurden. Die Mehrzahl der „geistigen Häupter“ der Freimaurer gehörten dem Lager der Unabhängigkeit an (Loge der „Antients“), wohingegen in den existierenden Logen der „Moderns“ hauptsächlich die „Tories“ saßen, also jene, die den Bruch mit England nicht wünschten. 36 Es sei hier auch gleich noch vorausgeschickt, dass sich im „Freimauerlexikon“ auch ein längerer Passus über Benjamin Franklin findet.
2.3. Der „kapitalistische“ Benjamin Franklin: Deismus und
Aufklärung; Max Webers „Geist“ des Kapitalismus
In diesem Kapitel soll auf die Person Benjamin Franklin (1706-1790) eingegangen werden, also auf jenen Amerikaner, den Phillips Russell in seinem Buch „Benjamin Franklin“ aus den 1930er Jahren zum „ersten zivilisierten Amerikaner“ hochstilisiert hatte. (Originaltitel der Biographie: „Benjamin Franklin, the first civilized American“). 37
Schulz spricht deswegen vom „kapitalistischen“ Franklin (was hier im Titel des Kapitels berücksichtigt wurde), da dieser, im Gegensatz zu Jefferson, welcher die agrarische Tradition repräsentiert, unter den Tugenden, die er in der „Autobiography“ als Teil seines Projektes der Selbstvervollkommnung aufzählt,
35 Lennhoff, Eugen: Die Freimaurer. Nachdruck der Ausgabe von 1929. Wien: Michael Lechner Verlag, 1981, S. 230.
36 Spezifische Information über das Wesen der Freimaurerei in Amerika liefert Lennhoff in dem Buch „Die Freimaurer“ (siehe oben), wobei das Kapitel „U.S.A.“ (S. 251f.) dem Verfasser am informationsreichsten erscheint. Für genaue Detailinformation über die Freimaurerei im Allgemeinen siehe auch: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar: Internationales Freimaurerlexikon. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe 1932. München; Wien: Amalthea-Verlag, 1978.
37 Russell, Phillips: Benjamin Franklin. Leipzig: Quelle & Meyer, 1937.
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Fleiß („industry“) und Sparsamkeit („frugality“) besonderes Gewicht beimisst. 38 Das Ziel ist ein Wohlstand, der aber keineswegs als Selbstzweck aufgefasst werden darf, sondern der unauflöslich mit dem Projekt moralischer Bildung verwoben ist. „Die durch Fleiß und Sparsamkeit erwirtschaftete finanzielle Unabhängigkeit übersetzt sich in Urteilsfähigkeit - die „Sincerity and Justice“ des freien, für das Ganze wirkenden Bürgers. Arbeit, Eigentum und Glück gehören zusammen.“ 39
Zur damaligen Lage: Philadelphia galt ab den 1720er Jahren als kulturelle Hauptstadt der Festlandkolonien, in der auch die aufklärerischen Ideen am entschiedensten in die Praxis umgesetzt wurden.
„Diese Vorrangstellung der Quäker-Kolonie ist eng mit der Person Benjamin Franklins verbunden, der nach der Jahrhundertmitte, als er sich lange Zeit in diplomatischer Mission in London und Paris aufhielt, zur Leitfigur einer praktisch-gemäßigten amerikanischen Aufklärung avancierte. Franklin neigte seit seiner ersten Englandreise 1724/25 dem Deismus zu, verzichtete auf religiöse Spekulation und konzentrierte sich auf sein berufliches Fortkommen. Im Poor Richard`s Almanack säkularisierte er ab 1732 calvinistische Tugenden und übermittelte den Zeitgenossen Verhaltensregeln und Lebensweisheiten, die zu einem Leitfaden für den amerikanischen Selfmade man wurden.“ 40
Nach Müller findet die „Yankeeklasse“ 41 in Franklin ihren philosophischen Ausdruck, und er zeigt, dass die berühmten fünf Punkte in der Religionsphilosophie
38 Dies seien nach Max Weber die klassischen Tugenden, die den ideologischen Motor des Kapitalismus bilden. Siehe: Schulz, Dieter: Amerikanischer Transzendentalismus: Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau, Margarete Fuller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1997, S. 39.
39 Siehe: Ebd.: S. 39.
40 Heideking: Geschichte der USA: S. 24.
41 Nach Müller entstanden neben den Puritanern und Aristokraten zwei weitere Gesellschaftsklassen, nämlich die Pioniere einerseits, und die Händler und Geldmänner andererseits. Als das Zentrum der Letztgenannten , der „Yankees“, galten die Hafenstädte, vorrangig Philadelphia und New York. Siehe: Müller: Amerikanische Philosophie: S. 40f..
Müller beschreibt die „Yankees“ als Gesellschaftsklasse folgendermaßen: […] „pfiffige, wohlhabende Händler, Geschäftsleute, Finanzmänner. Walfischfang, Schnaps und Sklavenhandel bauten eine mächtige Flotte, die nebenbei durch Piraterei gegen französische und spanische Plätze und Schiffe Geld erbeutete. 1690 ist Massachusetts gezwungen, politische Rechte von Kirchenangehörigen auf wirtschaftlich Mächtige auszudehnen, „die nicht hergekommen sind um der Religion willen, sondern um Fische zu fangen“.“(Hervorhebung v.V.) Ebd.: S. 41. Dies darf Müller folgend wohl auch als der Punkt angesehen werden, an dem die „alten“, „natürlichen“ theologischen Werte aufgrund aufklärerischer Ideen (vorrangig die englische Aufklärung mit John Locke), die aus Europa in die „Neue Welt“ gelangt waren, zugunsten eines „neuen“ Glaubensbekenntnisses ihre Vormundstellung einbüßten. Siehe: Ebd.: 42f..
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des Herbert Cherbury, die als „Restbestand“ der „natürlichen“ Religion, die aufgrund der beginnenden Vorherrschaft der aufklärerischen Ideen zurückbleiben, „nachdem man die verschlechternden und abergläubischen Zutaten der geschichtlichen Kirche und jeder überlieferten Gebundenheit von sich getan hat“ 42 , in „Franklins Glaubensbekenntnis“ 43 Erwähnung fanden. Die Theologie wurde somit durch das unabhängige weltliche Denken der Pioniere und Yankees in deistische und materialistische Bahnen geleitet. So war auch die Universität von Pennsylvanien, deren geistiger Vater Franklin war, frei von Theologie, und stand im Interesse der Nützlichkeit, im Gegensatz zu jener Jeffersons (Universität von Virginien), an der philosophisches Denken und humanistische Bildung vordergründig waren. Müller schreibt, dass Franklin nicht nur Praktiker, Erfinder des Blitzableiters und des sparsamen Ofens mit offenem Feuer, Organisator des Straßenreinigungswesens, der öffentlichen Bibliotheken und der Schule, des Postwesens der Vereinigten Staaten, nicht nur politischer Agitator, Staatsmann und Diplomat von weltpolitischen Ausmaßen gewesen ist, sondern eben auch als das Musterbeispiel des aufklärerischen Amerikaners angesehen werden kann, der in seiner beruflichen Eigenschaft als Drucker und Verleger der Sammler und Verbreiter selbstständig und aufgeklärten Stimmen, die der politischen Unabhängigkeit vorausgetönt sind, angesehen werden kann. 44
Max Weber bringt in seiner provisorischen „Veranschaulichung“ dessen, was in seiner Untersuchung „Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus“ unter dem „Geist“ des Kapitalismus - im Sinne der Verständigung über den Gegenstand - ein Dokument Benjamin Franklins, das nach Weber „in nahezu klassischer Reinheit“ ein Dokument des von ihm gemeinten kapitalistischen
42 Ebd.: S. 42.
43 „Ich war nie ohne einige religiöse Grundsätze. Zum Beispiel bezweifelte ich nie das Dasein der Gottheit; daß sie die Welt gemacht hat und sie durch Vorsehung regiert; daß der beste Gottesdienst darin bestehe, anderen Gutes zu tun; daß unsere Seelen unsterblich sind; und daß jegliches Verbrechen bestraft und jegliche Tugend belohnt wird, entweder hier oder jenseits. Diese hielt ich für die wesentlichen Teile jeder Religion; und da sie in allen Religionen gefunden werden können, die wir in unserem Land haben, achtete ich sie alle, obschon mit verschiedenen Graden von Achtung, sintemal ich sie mehr oder weniger mit anderen Artikeln vermischt fand, welche, ohne Tendenz zu begeistern (inspire), zu fördern oder moralisch zu bessern, nur dazu dienten, uns auseinanderzubringen und uns gegeneinander unfreundlich zu machen.“ (Hervorhebung v.V.). Ebd.: S. 43.
44 Ebd.: S. 69.
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„Geistes“ sei, den er sich nicht in Form einer begrifflichen „Definition“ vorzustellen vermöge. 45 Der Einstieg Webers, um zu einer Festlegung des Objekts zu gelangen, um deren Willen er seine Analyse und historische Erklärungen vornahm, nimmt seinen Anfang also mit Benjamin Franklin. 46 Auch Müller bemerkt in seinem Kapitel über Franklin, dass dieser „in unüberbietbarer Eindeutigkeit jene Umschichtung der Werte“, die Weber als allgemeinamerikanisch beschrieben hat, vollzieht 47 So wird wirtschaftlicher Erfolg gleichbedeutend mit gesellschaftlich geachteter Stellung, und beide zusammen gelten schließlich als untrügliches Zeichen der Vorsehung; Franklins „Religion“ liegt somit in einer Verschmelzung von Reichtum, Ansehen, Glück und Erwählung, was Müller mit folgendem Umstand erklärt:
„Dies ist nicht nur Utilitarismus, dies ist religiöser, absoluter Utilitarismus, bei dem die Begriffe Armut, gesellschaftliche Schande, und Sünde aufs engste zusammenrücken. Gewiss war im achtzehnten Jahrhundert, zumal in einem Kolonialland, die Gleichung individueller Tüchtigkeit, Fleiß und Sparsamkeit mit Reichtum und gesellschaftlichen Ansehen eher möglich als
45 Weber, Max: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus. Hg. und eingeleitet v. Klaus Lichtblau und Johannes Weiß. Weinheim: Beltz Athenäum Verlag, 1996, S. 12f.. Weber zitiert den Schlusspassus aus Franklins „Necessary hints to those that would be rich” (geschrieben 1736), das übrige aus: „Advice to a young trademan (1748), Works ed. Sparks Vol. II p. 87.
46 Wie auch später Schulz (siehe oben) auf die „Selbstbiographie“ Franklins verweist, zeigt Weber, dass bei Franklin (noch) „nicht rein egozentrische Maxime vorliegen“, sondern eine Verknüpfung mit gewissen religiösen Vorstellungen vorliegt:
„Fragt man nämlich: warum denn „aus Menschen Geld gemacht“ werden soll, so antwortet Benjamin Franklin, obwohl selbst konfessionell farbloser Deist, in seiner Autobiographie darauf mit einem Bibelspruch, den, wie er sagt, sein streng calvinistischer Vater ihm in der Jugend immer wieder eingeprägt habe: „Siehst du einen Mann rüstig in seinem Beruf, so soll er vor Königen stehen (Spr. Sal. C.22 v. 29. Luther übersetzt: „in seinem Geschäft“, die älteren englischen Bibelübersetzungen „business“)“. Der Gelderweb ist - sofern er in legaler Weise erfolgt - innerhalb der modernen Wirtschaftsordnung das Resultat und der Ausdruck der Tüchtigkeit im Beruf und diese Tüchtigkeit ist, wie nun unschwer zu erkennen ist, das wirkliche A und O der Moral Franklins, wie sie in der zitierten Stelle ebenso wie in allen seinen Schriften ohne Ausnahme uns entgegentritt.“ Weber: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus: S. 15f..
Es soll noch darauf hingewiesen werden, dass Webers Analyse über Benjamin Franklin - in der zweiten Version seines Essays über die protestantische Ethik 1920 (erste Fassung 1904/05), in der wichtige Zusätze und Veränderungen erfolgten - deshalb so großer Wert beizumessen ist, da Weber sich aufgrund einer unbedingt sichtbaren Abgrenzung zu Sombart genau in diesem Punkt, sprich der Ableitung des „Geist“ des Kapitalismus, um größtmögliche Genauigkeit bemühte, da er die von Sombart („Der Bourgeoise“) betonte Ähnlichkeit zwischen Franklin und Leon Battista entschieden ablehnte. Siehe dazu: Lehmann, Hartmut: Max Webers „Protestantische Ethik“. Beiträge aus der Sicht eines Historikers. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1996, S. 104f..
47 Siehe: Müller: Amerikanische Philosophie: S. 69.
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in feudal gebundenen, kollektivistischen abgestuften und gedrängten 48 Kulturen.“
2.4. Erster Kontinentalkongress
„Immerhin waren gnostisch-manichäische Töne vom Kampf „Gut gegen Böse“ schon vom „Wiedergeborenen“ im Weißen Haus zu vernehmen.“ 49
Am 5. September 1774 versammelten sich beim 1. Kontinentalkongress 55 Delegierte aus 12 Festlandkolonien und kündigten unter Berufung auf das englische Recht Widerstand gegen die Sanktionen sowie die Einstellung des gesamten England-Handels an. „In einer Grundsatzerklärung (Declaration of Colonial Rights) beschwor der Kongress an vorderster Stelle die „unveränderlichen Gesetze der Natur“ (liberale Natur- und Vertragslehre John Lockes) 50 und danach erst die englischen Verfassungsgarantien und die Charter-Rechte der Kolonien.“ 51 Immer mehr gelangten die Kolonisten zu einer verhältnismäßig geschlossenen Weltanschauung, woraus sich eine spezifisch amerikanische Country-Ideologie zu verfestigen begann, die das Selbstbestimmungsrecht vertrat und fundamentale Veränderungen der imperialen Beziehung anstrebte. Weiters wurden die Verschwörungsängste, die sich gegen das Mutterland zu manifestieren begannen, auch noch durch eine eigene „manichäisch 52 -apokalyptische Sicht der Dinge“ 53 der calvinistischen Geistlichen der Neuengland-Kolonien gesteigert: 54
48 Ebd.: S. 69.
49 Burger, Rudolf: Das Ende der Politik. Über die Re-Theologisierung der Politik im 21. Jahrhundert und deren Verwandlung zum Krieg. In: Die Presse. Spektrum. 18.10. 2003, S. I-II.
50 Anm.d.V.; vergl.: Luf, Gerhard: Einführung in die Rechtswissenschaften und ihre Methoden. Grundfragen der Rechtsphilosophie, Teil III. Wien: Skriptum, 1995/96, S. 57f.. Hier werden Grundzüge des politischen Denkens von Locke - im rechtsgeschichtlichen Kontext und in Abgrenzung zu Thomas Hobbes - dargestellt.
51 Heideking: Geschichte der USA, S. 36.
52 „Manichäịsmus, von Mani gestiftete gnostische Erlösungslehre, nach der der Weltprozess und die Entstehung des Menschen durch eine schuldhafte Vermischung von Licht und Materie bedingt sind. Der Mensch muss diese Weltordnung in einem Akt der Erkenntnis durchschauen und die in ihm selbst vorhandenen Lichtteile von der Materie seines Leibes befreien (durch Askese). Der Manichäismus hatte bald nach dem Tod Manis die Verbreitung einer Weltreligion erlangt. Im Osten wurde der Manichäismus 763 Staatsreligion des zentralasiatischen Reiches der Uiguren. Im Westen Einfluss auf mittelalterliche religiöse Strömungen (z.B. Bogomilen)“. Aus: Meyers Lexikon, LexiRom 4.0, Microsoft.
53 Heideking: Geschichte der USA: S. 37.
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„Waren ihnen während des Siebenjährigen Krieges noch die Franzosen als Werkzeug des Antichrist erschienen, so deuteten sie nun die „Privilegierung“ der katholischen Siedler in Quebec und die Bestrafung von Massachusetts durch London als ein neues Kapitel im eschatologischen Kampf zwischen Gut und Böse, der gemäß der Offenbarung des Johannes die Wiederkehr Christi und den Beginn des Millenniums, des tausendjährigen Friedensreiches, einleitete. Damit ging auch die religiöse Klammer verloren, die englische und amerikanische Protestanten über den 55 Atlantik hinweg zusammengehalten hatte.“
Grundlegende Faktoren hinsichtlich der Ursprünge der Revolution waren somit gegeben. Immer mehr Amerikaner traten gegen das monarchische System und die (gottgegebene) gesellschaftliche Hierarchie auf. Und im Zuge dessen wurden die „pro“ England und für ein Zusammenbleiben des Gefüges England - Kolonien denkenden „Loyalists“ - im Sprachgebrauch der (amerikanischen) Patrioten „Tories“ genannt -, zu Feinden des Volkes erklärt. Der Patriotismus, der sich immer mehr radikalisierte und zu interkolonialen Kooperationen unter der Elite führte, verlangte nach einem freien Bürgerdasein; die Amerikaner wollten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.
Zu dem „mystische Weltbild“ des 17. Jahrhundert bemerkt Müller bezüglich des puritanischen Theismus folgendes: „Man erfährt hier mehr über Teufel und Dämonen als sonst wo. Nach Mather gibt es nicht nur einen Teufel, wie die ketzerischen Manichäer annehmen, sondern, wie die Bibel bezeugt, Legionen (Cotton Mather, Berühmtester einer Geistlichendynastie des Harvard Colleges -Boston; Universitätsgründung im puritanischen Zentrum von Massachusetts, 1636 - Anm.d.V.).“ Müller: Amerikanische Philosophie: S. 10. 54 Nach Wersich erklärt sich die Anfälligkeit der amerikanischen Gesellschaft für Verschwörungstheorien aller Art möglicherweise einmal durch das stark manichäisch geprägte Weltbild des amerikanischen Protestantismus bzw. der aus ihm entwickelten Sekten, mit der Grundvorstellung eines das Gute bekämpfenden satanischen Prinzips und einer endgültigen Entscheidungsschlacht (Armaggedon), zum anderen aus der durchgehenden Diskrepanz zwischen fortlebenden älteren Denktraditionen und dem Prozess der Modernisierung sowie durch die kulturelle Fragmentierung und Pluralität des Landes. Siehe: Wersich: USA-Lexikon: S. 200. 55 Heideking: Geschichte der USA: S. 37f..
Im Zusammenhang mit dem Transzendentalisten David Henry Thoreau sei hier vorweg erwähnt, dass dieser beinahe ein dreiviertel Jahrhundert später mit dem Religionsverständnis seiner Landsleute -Neuengland, Massachusetts - in Konflikt geraten war, weil er sich von den (noch immer herrschenden) puritanischen Vorurteilen zu lösen versucht hatte. So sah man beispielsweise den römischen Katholizismus als die Religion des Antichristen an. Thoreau nahm eine wesentlich differenziertere Haltung ein und unterschied zwischen Religion, die er als einen unabdingbaren Ausdruck des spirituellen Wesenskerns des Menschen ansah, und der Amtskirche, die seiner Meinung nach die Religion für allzu weltliche Ziele auszunützen schien. Siehe: Klumpjan, Hans-Dieter und Helmut: Henry D. Thoreau. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, S. 66f..
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Auch Adam Smith betonte - durchaus im Sinne des amerikanischen Freiheitsdenkens -, dass den europäischen Regierungen kaum ein Verdienst an den Niederlassungen der Kolonien sowie deren Planung zugemessen werden könne. „Ebenso wenig steuerte die englische Regierung zur Gründung der wichtigsten Kolonien in Nordamerika bei.“ 56 Smith legt in weiterer Folge dar, dass das Interesse des Mutterlandes (England) nur in der Sicherung des Handelsmonopols und in der Einschränkung des Absatzmarktes der Kolonien bestanden hatte, um den eigenen Markt auf deren Kosten zu erweitern: „Das Mutterland verfolgte also eher das Ziel, das Streben der Kolonien nach Wohlstand zu unterdrücken und aufzuhalten, als es zu fördern oder gar zu beschleunigen.“ 57 Diese Provokationen blieben natürlich nicht ohne Folgen.
Am 19. April 1775, als britische Truppen ein Waffendepot der Miliz von Massachusetts ausheben wollten, fielen in Lexington und Concord 58 - an der North Bridge - die ersten Schüsse des Unabhängigkeitskrieges, „deren Echo angeblich „rund um die Welt“ gehört wurde“: 59
„Auf der einen Seite des Concord River standen damals die britischen Soldaten, auf der anderen Seite die „Minute men“, wie sich die einheimischen Farmermilizen nannten. Concords Ruhm reicht noch weiter zurück, denn es ist auch die 1635 gegründete erste Inlandsiedlung der puritanischen Pilgerväter. Concord ist insofern auch ein Inbegriff für das religiös-politische Erbe, das Neuengland prägte, nämlich für den Puritanismus mit seinem Sendungsbewußtsein und seinem unbezwingbaren Pioniergeist, aber auch mit seiner asketischen Strenge und seiner 60 dogmatischen Intoleranz.“
56 Smith, Adam: Der Wohlstand der Nation (Vollständige Ausgabe nach der 5. Aufl., London 1789).
7. Kapitel: Kolonien. München: dtv klassik, 1993, S. 495.
57 Ebd.: S. 495.
58 Und wie noch zu zeigen sein wird ist der Name der Stadt Concord eng mit der gleichermaßen philosophischen wie literarischen Strömung des „Transcendentalism“ - Neuengland-Transzendentalismus - verbunden. Siehe auch: Wersich: USA-Lexikon: S. 722f.. Auch in Hinblick auf die Staatsverfassung kommt Concord Wichtigkeit zu, da in einem „Town Meeting“ von Concord schon im Oktober 1776 festgestellt und festgehalten wurde, dass „ein System von Prinzipien, das die Rechte und Freiheiten der Regierten gegen alle Übergriffe der Regierenden schützt“ (Heideking: Geschichte der USA: S. 42) in einer republikanischen Staatsform Geltung haben müsse, und schriftlich zu verfassen sei. Eine solche schriftlichen Erklärung („Constitution“) ging im Sinne der aufklärerischen Idee (Volkssouveränität als Legitimationsgrundlage) also weit über die Festlegung der Staatsform und der Kompetenzverteilung der Regierungsorgane hinaus.
59 Heideking: Geschichte der USA: S. 39. 60 Klumpjan: Henry D. Thoreau, S. 9-10.
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2.5. Vom zweiten Kolonialkongress zur „Declaration of
Independence“ am 4. Juli 1776
Nach diesen ersten Gefechten kam es am 10. Mai 1775 in Philadelphia zum zweiten Kontinentalkongress (1. Sitzung), wo man sich noch einmal bezogen auf England auf eine Verständigungs- bzw. Widerstandspolitik zu einigen versucht hatte. George Washington wurde aufgrund des Verteidigungszustands am 15. Juni mit dem militärischen Oberbefehl betraut. Die Rebellion für eine gerechte republikanische Ordnung hatte begonnen.
Dazu hatte nicht zuletzt Thomas Paines 61 Pamphlet „Common Sense“ (Januar 1776) beigetragen, das selbst die letzten zögernden Kolonialisten Amerikas zu überzeugen vermochte. Nach Müller bleiben die von Paine verfassten Pamphlete - obschon sie ihrem philosophischen Gehalt nach ganz und gar entlehnt sind - „die schärfste Ausprägung aufklärerisch-revolutionärer Überzeugung und leben als solche weiter. Sie bilden noch heute eine Bibel des angelsächsischen Proletariats.“ 62 In kürzester Zeit erlebte Paines Schrift (dt.: „Gesunder Menschenverstand. An die Einwohner von Amerika gerichtet“, 1794), eine Analyse des Verhältnisses der Kolonien zum englischen Mutterland, in welcher er gegen Englands König - den er mit einem tyrannischen Pharao verglich -, contra politische Korruption und den moralischen Verfall Englands anschrieb, eine ungemein hohe Auflage in nur wenigen Monaten. Bis zu einer halben Million Exemplare sollen innerhalb der Kolonien bis zu den entlegensten Siedlern hin verbreitet worden sein.
„Der phänomenale Erfolg dieser Flugschrift spiegelte das Entstehen einer kraftvollen politischen Öffentlichkeit wider, die den Kontinentalkongress im Frühjahr und Sommer 1776 über eine Welle von Gemeinde- und
61 Thomas Paines (1737-1809) kam 1774 auf Empfehlung von Benjamin Franklin nach Amerika, wo er erfolgreich in volksnaher Sprache die amerikanische Unabhängigkeit propagierte, obwohl er politisch wie philosophisch großteils Autodidakt war. Paine wird im Vorfeld der amerikanischen, sowie später der französischen Revolution (The Rights of Man - 1791) großer Einfluss zugesprochen. Siehe: Hornung, Alfred: Lexikon Amerikanische Literatur. Mannheim; Leipzig; Zürich; Wien: Meyers Lexikonverlag, 1992, S. 250.
62 Müller: Amerikanische Philosophie: S. 75.
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Arbeit zitieren:
Martin Kitzberger, 2003, Kritik der historischen Vernunft in den U.S.A. und Henry David Thoreaus "New England Transcendentalism", München, GRIN Verlag GmbH
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