Einleitung
,,Deutschland [...] kann [...] nur dann als einheitlicher Staat hervorgehen, wenn der Neuaufbau im Einvernehmen und in Zusammenarbeit mit sowohl dem Osten wie dem Westen vollzogen wird. Jede einseitige Lösung [...] trägt dazu bei, die Zonengrenzen zu stabilisieren [...]"1
Dieses Zitat Willy Brandts aus dem Jahr 1946 illustriert seine Position zur Situation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem sich jedoch die Teilung Deutschlands in den unmittelbaren Nachkriegsjahren immer stärker abzeichnete, rückte das Ziel bzw. der Wunsch eines einheitlichen deutschen Staates in immer weitere Ferne. Brandt gestaltete zunächst als Regierender Bürgermeister von Berlin in den Jahren 1949-1966 und anschließend als Bundesaußenminister die Außenpolitik Deutschlands maßgeblich mit. Auch in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) wirkte Brandt durch seine Reformbestrebungen und besonders durch seine außenpolitische Zielsetzung am Wandel der Partei entscheidend mit.
Unter besonderer Berücksichtigung seiner außenpolitischen Position - in Bezug auf die deutsche Frage - soll im Folgenden die biographische Dimension Willy Brandts für die bundesrepublikanische Geschichte veranschaulicht werden. Dabei stellt sich zunächst die große Frage, welche außenpolitischen Konzepte und Ideen Brandt entwickelte und welche Ziele er damit verfolgte. Im Rahmen dieser übergeordneten Fragestellung ist es erkenntnisreich, die drei Etappen auf dem Weg zum Kanzleramt 19692 im Hinblick auf die Ost- und Deutschlandpolitik zu betrachten.
Nach einer sehr kurzen Einführung in den Lebenslauf Willy Brandts wird seine Amtszeit als Berliner Bürgermeister dargestellt. Wie weit war er als Regierender Bürgermeister in außenpolitische Probleme mit einbezogen - was konnte Brandt in dieser Funktion hinsichtlich gesamtdeutscher Interessen erreichen? In diesem Kontext werden besonders das Jahr des Mauerbaus, die ersten Gedanken zur ,,Neuen Ostpolitik" (Politik der kleinen Schritte) und der Bundestagswahlkampf 1961 beleuchtet. Anschließend wird unter Berücksichtigung einiger Einzelaspekte die Amtszeit Willy Brandts als deutscher Außenminister dargestellt. In wieweit konnte er möglicherweise außenpolitische Erfahrungen in diese Tätigkeit mit einbringen und seine außenpolitischen Ziele verwirklichen?
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1 Brandt, Willy: Draußen. Schriften während der Emigration, Berlin / Bonn-Bad Godesberg 1976, S.58.
2 (das ich in dieser Arbeit nicht berücksichtigen werde)
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Biographie
2. Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von Berlin 1957-1966
2.1 Der Mauerbau
2.2 Die „Politik der kleinen Schritte“ und der Ursprung der Neuen Ostpolitik
2.3 Willy Brandt als Kanzlerkandidat bei den Wahlen zum 4. Bundestag der Bundesrepublik Deutschland im September 1961
3. Willy Brandt als deutscher Außenminister in der Großen Koalition
4. Der Wandel in der SPD – Willy Brandts Position in der Partei
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die biographische Dimension Willy Brandts und analysiert seine außenpolitischen Konzepte sowie seine Rolle als Reformer innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Zeitraum von 1949 bis 1969. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, welche außenpolitischen Ideen Brandt entwickelte, welche Ziele er verfolgte und wie er diese während seiner Ämter als Berliner Bürgermeister und Außenminister in der Großen Koalition in die Praxis umzusetzen versuchte.
- Die außenpolitische Rolle Willy Brandts als Regierender Bürgermeister von Berlin während der Berlin-Krisen.
- Die Entwicklung und Bedeutung der „Politik der kleinen Schritte“ und der Neuen Ostpolitik.
- Der Einfluss von Willy Brandt auf die inhaltliche und strukturelle Modernisierung der SPD.
- Die Herausforderungen und außenpolitischen Handlungsspielräume während der Großen Koalition (1966-1969).
- Die Bedeutung Brandts als Symbolfigur des antifaschistischen Deutschlands in der internationalen Politik.
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Mauerbau
Dass West-Berlin nicht ohne Grund als „Achillesferse des Westens“ bezeichnet wurde, das als Stadt, die „nicht zu verteidigen [war], [...] aber geschützt werden [musste]“, zeigte sich spätestens, als Angehörige der Nationalen Volksarmee der DDR ermächtigt durch die Staaten des Warschauer Paktes die Ost-West-Sektorengrenze in Berlin schlossen und die Teilung mit dem Bau einer Mauer buchstäblich zementierten. Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 reagierte Willy Brandt sehr bestürzt und forderte die Westmächte auf, dafür einzutreten, dass die „rechtswidrigen Maßnahmen rückgängig gemacht werden“.
In einem persönlichen Schreiben an den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy forderte er ihn dazu auf, eine deutliche politische Initiative zu ergreifen. Neben der Forderung nach einer demonstrativen Verstärkung der amerikanischen Garnison schlug Brandt u.a. die Aufrufung der Vereinten Nationen und die Proklamation eines zusätzlichen "Drei-Mächte-Status" für West-Berlin vor, unter dem die Westalliierten auch künftig die Freiheit und Lebensfähigkeit der Stadt garantieren sollten. Der amerikanische Präsident lehnte jedoch jede politisch-moralische Verantwortung der USA für den Bau der Berliner Mauer ab. Brandt war über die defensive amerikanische Haltung in der Berlin-Frage sehr enttäuscht. Diese für Brandt erschreckende Reaktion – oder vielmehr Nicht-Reaktion - konnte er auch später nicht vergessen: „Zwanzig Stunden vergingen, bis die erbetenen Militärstreifen an der innerstädtischen Grenze erschienen, Vierzig Stunden verstrichen, bis eine Rechtsverwahrung beim sowjetischen Kommandanten auf den Weg gebracht war. Zweiundsiebzig Stunden dauerte es, bis – in Wendungen, die kaum über die Routine hinausreichten – in Moskau protestiert wurde“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage und die Fragestellung ein, wie Willy Brandt die deutsche Außenpolitik prägte und den Wandel der SPD vorantrieb.
1. Biographie: Der Abschnitt skizziert den Lebensweg Brandts vom Exil bis hin zu seinen verschiedenen politischen Ämtern in Berlin und auf Bundesebene.
2. Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von Berlin 1957-1966: Dieses Kapitel behandelt Brandts Wirken in Berlin, insbesondere seinen Umgang mit der Berlin-Krise und der Zuspitzung durch den Mauerbau.
2.1 Der Mauerbau: Fokus auf die unmittelbaren Reaktionen auf die Grenzschließung am 13. August 1961 und die diplomatische Enttäuschung über die westliche Untätigkeit.
2.2 Die „Politik der kleinen Schritte“ und der Ursprung der Neuen Ostpolitik: Darstellung der Konzepte von Brandt und Bahr, die auf pragmatische Annäherung und menschliche Erleichterungen in der deutschen Teilung zielten.
2.3 Willy Brandt als Kanzlerkandidat bei den Wahlen zum 4. Bundestag der Bundesrepublik Deutschland im September 1961: Analyse des Wahlkampfs, in dem Brandt als junger Herausforderer gegen Adenauer antrat.
3. Willy Brandt als deutscher Außenminister in der Großen Koalition: Untersuchung von Brandts Rolle als Außenminister und seiner Versuche, neue außenpolitische Impulse innerhalb der Regierung zu setzen.
4. Der Wandel in der SPD – Willy Brandts Position in der Partei: Analyse des innerparteilichen Modernisierungsprozesses, der Brandt zu einer zentralen Figur der SPD als Volkspartei machte.
Schluss: Zusammenfassung der politischen Leistungen Brandts als Wegbereiter der Neuen Ostpolitik und als Reformer seiner Partei.
Schlüsselwörter
Willy Brandt, Außenpolitik, SPD, Mauerbau, Berlin, Neue Ostpolitik, Politik der kleinen Schritte, Große Koalition, Deutschlandpolitik, Reform, Reformer, Kanzlerkandidatur, Modernisierung, DDR, Westintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die politische Laufbahn Willy Brandts zwischen 1949 und 1969 mit einem speziellen Fokus auf seine außenpolitischen Aktivitäten und seine Reformarbeit innerhalb der SPD.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rolle Brandts als Regierender Bürgermeister von Berlin, die Entwicklung der Ostpolitik sowie der interne Transformationsprozess der SPD.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die außenpolitischen Konzepte Brandts sowie seine Rolle als prägende Figur der Sozialdemokratie im Kontext der deutsch-deutschen Geschichte darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer biographischen Analyse und der Auswertung zeithistorischer Literatur, um Brandts politischen Einfluss in den entsprechenden Etappen nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert Brandts Amtszeit als Berliner Bürgermeister, seine Kanzlerkandidatur 1961, seine Zeit als Außenminister sowie seine Bedeutung für die parteiinterne Modernisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere die „Neue Ostpolitik“, der Mauerbau, das Godesberger Programm und der Rollenwandel der SPD zur Regierungs- und Volkspartei.
Wie bewertet der Autor die Reaktion auf den Mauerbau?
Der Autor stellt dar, dass Brandt zutiefst enttäuscht über die passive Haltung der Westmächte und der Bundesregierung in den ersten Stunden nach dem Mauerbau war, da diese nicht die von ihm geforderten energischen Schritte einleiteten.
Was kennzeichnete den Wandel der SPD unter Brandt?
Der Wandel war geprägt von der Abkehr vom marxistischen Dogmatismus hin zur Öffnung für bürgerliche Wählergruppen und der Annahme der sozialen Marktwirtschaft, was den Weg zur Regierungsverantwortung ebnete.
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- Kathrin Woltering (Author), 2001, Die Außenpolitik Willy Brandts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4309