2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.3
2. Entstehungsgeschichte und Inhalt 4
3. Wirkungsgeschichte
3.1 Die Rührung der Zeitgenossen S.8
3.2 Der Briefwechsel zwischen Mendelson und Lessing S.10
4. Schluß und Ausblick S.12
5. Literaturverzeichnis S 14
3
1. Einleitung
Folgt man der Legende, dann hat Gotthold Ephraim Lessing mit der Uraufführung seines Trauerspiels „Miß Sara Sampson“ am 10. Juli 1755 im Exerzierhaus zu Frankfurt eine Wette gewonnen: „Lessing war mit Mendelson bey der vorstellung eines der französischen weinerlichen dramen zugegen. Der letzte zerfloß in thränen. Am ende des stücks fragte er seinen freund, was er dazu sagte? das es keine Kunst ist, alte weiber zum heulen zu bringen, versetzte Leßing, in sechs wochen bringe ich ihnen ein solches stück“ 1 . Lessing brachte tatsächlich ein solches Stück. Für die Aufführung kann bezeugt werden, daß „die Zuschauer [...] drey und eine halbe Stunde zugehört, stille geseßen wie Statüen und geweint“ 2 haben. Was für den heutigen Theatergänger oftmals kurios erscheinen mag und im Seminar, für das diese Hausarbeit geschrieben wurde, zu der regen Diskussion führte, ob die Tränen denn „echt“ gewesen seien, war im Zeitalter der Empfindsamkeit, dem „weinenden Saeculum“, durchaus nichts ungewöhnliches. Über die Gefühlskultur dieser Zeit, die ihren sichtbaren Ausdruck eben auch in dem kultivierten öffentlichen Weinen fand, ist viel geforscht und geschrieben worden. Um zu verstehen, wie sich die Empfindsamkeit nicht aus der Literatur, sondern letztlich aus einem veränderten Verständnis von Religiösität heraus entwickelt hat, sei unter anderen die Arbeiten von Michael Mauer empfohlen 3 . Dieser beschreibt unter Verwendung zahlreicher literarischer Beispiele sehr anschaulich, wie das Gefühl, Gottes Schöpfung nahe zu sein, zunächst nur beim Lesen durch die Bibel, dann zunehmend auch davon losgelöst in der Natur oder eben durch schöne Literatur oder im Theater empfunden werden konnte. Der weinende Mensch sollte der „beste Mensch“ sein, weil er durch sein Befähigung zu großen Empfindungen angesichts der von Gott geschaffenen Natur, deren Teil auch die (Mit-) Menschen seien, sein Verständnis für die göttliche Schöpfung offenbarte. Doch auch die vermehrte Lektüre von theoretischen Texten überwindet oft nicht das seltsame Befremden, welches die Zeitgenossen von heute angesichts des großen Tränenflusses z.B. im Theatersaal beschleicht. Deshalb soll diese Hausarbeit an einem Fallbeispiel ganz quellennah nachzeichnen, und zu verstehen versuchen, warum viele Menschen in diesem Fall durch die Aufführungen von „Miß Sara Sampson“ so sehr bewegt waren. Dieses Theaterereignis eignet
1 1792 von Friedrich Wilhelm Basilius von Ramdohr (1757-1822) so erzählt, zitiert nach: Daunicht, Trauerspiel,
S.81f.
2 Karl Wilhelm Ramler an Johann Ludwig Gleim, zitiert nach: Daunicht, Trauerspiel, S.88.
3 Michael Mauer
4
sic h aus verschiedenen Gründen sehr gut für eine solche Analyse: Zum einen erscheint das Stück zeitlich zur Hochzeit der aufklärerischen Bewegung, zum anderen ist die Quellenlage außerordentlich gut, auch aufgrund der Bedeutung des Werkes für die Literaturgeschichte. Maurer stellt in seinen Ausführungen treffend fest, daß „die umsichtigeren unter den Litertaturhistorikern [...] ihre Studien mentalitätsgeschichtlich aufgefaßt“ haben 4 . Meine historische Arbeit wird umgekehrt nicht auf Elemente der Literaturwissenschaft verzichten können: Um zu verstehen, welche Aspekte in „Miß Sara Sampson“ das Publikum so sehr in Mitleidenschaft gezogen haben, muß sinnvollerweise zunächst aufgearbeitet werden, welche (damals neuen) Themen denn in diesem Werk verhandelt werden. Es folgt eine Zweigliederung, die sich zunächst mit Entstehungsgeschichte und Inhalt befaßt, und dann quellennah die Reaktion der Zeitgenossen analysiert, um abschließend verstehen zu können, warum „die Zuschauer [...] drey und eine halbe Stunde zugehört, stille geseßen wie Statüen und geweint“ 5 haben.
2. Entstehungsgeschichte und Inhalt
Es sind leider von Lessing selbst keinerlei Äußerungen überliefert, die vor oder während der Niederschrift von „Miß Sara Sampson“ seine Intentionen kommentieren 6 . Die Legende, er sei mit Mendelson eine Wette eingegangen, er könne in kürzester Zeit einen großen Weinerfolg für das Theater schreiben, läßt sich an den Quellen nicht sicher belegen. Wir wissen jedoch, daß er in der ersten Jahreshälfte des Jahres 1755 „7 Woche n in Potsdam gewesen [ist]; allein [...]“ 7 und dort Miß Sara Sampson niedergeschrieben hat. Lessing „derselbe Dichter, der uns im Lustspiel so sehr entzückt [hatte] 8 “ war durch seine Lustspiele (Die Juden (1749), Der Freigeist (1749)) bereits als Theaterautor in Erscheinung getreten und doch markierte „Miß Sara Sampson“ nicht einfach eine Fortsetzung der Theaterarbeit des vielseitigen Intellektuellen, sondern eine Zäsur für das dramatische Schaffen im deutschsprachigen Raum. Im folgenden sollen die Neuerungen in „Miß Sara Sampson“ herausgearbeitet werden, die wegbereitend für die gesamte nachfolgende dramatische Produktion in Deutschland sein sollten.
4 Michael Mauer
5 Anm 1.
6 vgl. Richel, Dokumente, S.28.
7 Ewald Christian von Kleist (1715-59) an Ludwig Gleim (1719-1803), zitiert nach Daunicht, Trauerspiel, S.82f.
8 S.49. Christian Heinrich Schmid, in: Chronologie des deutschen Theaters (1775), zitiert nach: Richel,
Dokumente, S.49.
5
Aus dem Jahre 1751 sind von Lessing Schriften überliefert, in denen er die Veränderungen der zeitgenössischen Theaterkonzepte aus Frankreich und Deutschland vergleichend gegenüberstellt: Aus dem französischen Lustspiel sei in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts das „rührende Lustspiel“ geworden. Die Zeitgenossen wollten nicht mehr länger „gelacht und [an] abgeschmackte[n] Laster“ sich amüsiert haben, sondern „an stillen Tugenden ein edles Vergnügen“ empfinden. In England sei dagegen aus der Tragödie ein „bürgerliche(s) Trauerspiel“ geworden, in dem statt „Regenten und hohe(n) Standespersonen“ jetzt Helden aus dem „Mittelstande“ „in uns Schrecken und Mitleiden erwecken sollen“. 9 Es soll an dieser Stelle kurz die theatergeschichtliche Entwicklung beschrieben werden vor deren Hintergrund Lessing schreibt. Noch 1724 konnte man die Theatersituation in Deutschland grob zweiteilen: es gab das Hoftheater, daß zwar angesehen und priviligiert war, aber inhaltlich kaum als Plattform für aufklärerisches Gedankengut dienen konnte und die umherreisenden Wanderbühnen, die von Lessings Wegbereiter und Konkurrenten Johann Chris toph Gottsched (1700-1766) als „Gauklertruppen“ beschimpft worden, „die durch ganz Deutschland von einem Jahrmarkt zum anderen laufen und den Pöbel durch priviligierte Possen belustigen“ 10 . Aus diesem Mangel an Plattformen zur Präsentation von aufgeklärtem Gedankengut war die Idee eines deutschen Nationaltheaters entstanden, für das Gottsched in seinen Stücken Pionierarbeit leistete, z.B. in „Sterbenden Cato“ (1732), in dem bereits „die Herrschsucht und die mit einer listigen Verstellung überfirmste Tyrannei“ 11 angeklagt werden. Während über die aufklärerischen Ideale und Ideen zwischen Lessing und Gottsched wohl weitgehend Einigkeit bestand, grenzte sich Lessing jedoch in der Diskussion, wie diese zu vermitteln seien scharf von ihm ab: Er wolle lieber der Urheber des „Kaufmanns von London, als des sterbenden Cato seyn, gesetzt auch, daß dieser alle die mechanischen Richtigkeiten hat“ 12 . Die Begründung für den Vorzug von Shakespeare, obwohl Gottsched inhaltlich alle Anforderungen erfüllt hatte, markiert bereits eine Mentalitätsweiterentwicklung, die für das 18. Jahrhundert sehr typisch ist: „Bey einer einzigen Vorstellung des erstern sind, auch von den Unempfindlichsten, mehr Thränen vergossen worden, als bey allen Vorstellungen des andern, auch von den Empfindlichsten, nicht können vergossen werden“ 13 . Es reicht Lessing nicht mehr, aufklärerisches Gedankengut lehrhaft zu vermitteln, sondern die Erweckung von Emotionen, die Förderung der Empfindsamkeit der Zuschauer, sind das erklärte Ziel von
9 G.E. Lessings Schriften. 6 Tle., Berlin 1753-55, zitiert nach: Richel, Dokumente, S.27f.
10 Johann Christoph Gottsched (1700-1766), zitiert nach: Beutin, Literaturgeschichte, S.160.
11 ders., ebd, S.161.
12 G.E. Lessing, in der Vorrede zu: Des Herrn Jakob Thomson sämtliche Trauerspiele (1756), zitiert nach:
Richel, Dokumente, S.28.
13 ebd.
Arbeit zitieren:
Alexander Kohlmann, 2003, Kalkuliertes Weinen? Die Uraufführung von G. E. Lessings 'Miß Sara Sampson' als mentalitätsgeschichliches Ereignis, München, GRIN Verlag GmbH
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