Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS I
1 EINLEITUNG 1
2 DEFIZITE IM DEUTSCHEN BILDUNGSWESEN 3
2.1 Die Studie zur Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung
in der Bundesrepublik Deutschland 4
2.1.1 Inhalt der Studie 4
2.1.2 Der Untersuchungsprozess 5
2.1.3 Ergebnisse des Länderberichtes 6
2.1.3.1 FBBE-Angebot 7
2.1.3.2 FBBE-Anbieter 8
2.1.3.3 FBBE-Beschäftigte 9
2.1.3.4 FBBE-Einrichtungen 10
2.1.3.5 FBBE-Einrichtungen und Elterneinsatz 11
2.1.4 Fazit 11
2.2 Die PISA-Studien 12
2.2.1 Allgemeines 12
2.2.2 Methodenkritik 15
2.2.3 PISA 2000 und 2003 in Deutschland 15
2.2.4 Ergebnisse der PISA-Studien 16
2.2.4.1 Lesekompetenz im Vergleich 16
2.2.4.2 Mathematische Kompetenz im Vergleich 17
2.2.4.3 Naturwissenschaftliche Kompetenz im Vergleich 18
2.2.4.4 Fächerübergreifende Kompetenzen 19
2.2.4.5 Soziale Verhältnisse im Vergleich 19
2.2.4.6 Lebens- und Lernbedingungen 21
2.2.5 Zusammenfassung 21
I
3 DIE THEORIE DER PSYCHOANALYSE 22
3.1 Einleitung 22
3.2 Entstehung und Entwicklung der Psychoanalyse 23
3.3 Die psychoanalytische Auffassung vom seelischen Erleben 27
3.4 Kritik 47
4 ANWENDUNG PSYCHOANALYTISCHER PÄDAGOGIK - EIN WEG
AUS DER KRISE ? 48
4.1 Einleitung 48
4.2 Praktische Ansatzpunkte 50
4.2.1 Eltern und Erzieher 50
4.2.2 Lehrer 57
4.2.3 Institution Schule 65
5 ERGEBNIS 71
LITERATURVERZEICHNIS IV
II
1 Einleitung
Wer sich heute um die Zukunft Deutschlands sorgt, denkt meistens im wirtschaftlichen Kontext an ständig steigende Steuerlasten, Lohn- und Lohnnebenkosten, die Arbeitslosenzahlen oder die Umwelt. Genauso wichtig ist es jedoch, zu überprüfen, ob das deutsche Bildungs- und Erziehungssystem und somit die Bildung der gesamten Bevölkerung noch den zukünftigen Ansprüchen und Anforderungen entspricht.
Bildung und Erziehung eröffnen jedem Einzelnen den geistigen Zugang zu und eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Sie bezeichnen somit nicht nur individuelle Reifevorgänge, sondern müssen auch immer stärker als Überlebensqualifikation betrachtet werden, da sich heutzutage Lebensziele ohne ausreichende Bildung kaum noch erreichen lassen. Die Bedeutung von Bildung und Erziehung spielt eine große Rolle, denn es ist eine unumstößliche Tatsache, dass die Leistungsfähigkeit unserer gesamten Gesellschaft von der Qualifikation der einzelnen Individuen abhängt. Die Kompetenzen derselben, erworben durch lebenslanges Lernen, welches bereits unmittelbar nach der Geburt einsetzt, sind Vorteile von unschätzbarem Wert.
Die deutsche Bildungswirklichkeit sieht leider ganz anders aus. Die Situation in Kindergärten, Schulen und Hochschulen wird häufig nur noch mit Begriffen wie Bildungskrise oder gar Bildungskatastrophe beschrieben, Positives erfährt man eher selten.
Die Defizite im deutschen Bildungswesen wurden bereits in früheren Zeiten thematisiert. Die Öffentlichkeit begann sich jedoch erst dafür zu interessieren, als im Jahr 2001 die ersten Ergebnisse aus dem Test „Programme for International Student Assessment“ (PISA) veröffentlicht wurden. So konnte man in vielen deutschen Tageszeitungen lesen, dass Deutschlands Schüler beim internationalen Schülertest PISA nur im unteren Drittel der Wertung lagen. 1 Von 32 Teilnehmerstaaten belegte Deutschland nur den 25. Platz. 2 Laut dem Magazin „FOCUS“ gab es „schlechte Noten für deutsche Schüler“ 3 , und innerhalb der deutschen Schülerschaft wurden
1 Vgl. DDP Wirtschaftsdienst vom 01.12.2001
2 Vgl. Financial Times Deutschland vom 04.12.2001
3 Focus vom 01.12.2001
1
europaweit die größten Leistungsunterschiede offenbart. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, bezeichnete die Ergebnisse der PISA-Studie als „Drama für den Bildungsstandort Deutschland“ 4 . Der Bremer Bildungssenator Willi Lemke nannte sie „nicht akzeptabel“ 5 . Weitaus drastischer drückte sich Arbeitgeber-Präsident Dr. Dieter Hundt aus, für ihn war die „faktische Analphabetenrate von 22 Prozent in einer der führenden Industrienationen der Welt schlichtweg ein Skandal“ 6 .
Die Ergebnisse der zweiten PISA-Erhebungsrunde im Jahr 2004 zeigten leider ein ähnliches erschütterndes Ergebnis: Wiederum wurde deutschen Schülerinnen und Schülern nur Mittelmaß bescheinigt, die Medien griffen das Thema erneut besorgt auf. 7 Deutschland hatte zwar in der zweiten Runde besser abgeschnitten als in der ersten und lag somit im Durchschnittsbereich aller Teilnehmerstaaten. Die soziale Chancenungleichheit und daraus resultierend die großen Leistungsunterschiede hatten sich jedoch weiter verschärft. Auch im letzten Jahr hörte oder las man die Worte „sozialpolitischer Skandal“ und „Armutszeugnis“ häufig im Zusammenhang mit der deutschen Bildungskrise. 8 Die Bildungskrise erstreckt sich jedoch nicht nur auf Schulen, sondern ebenfalls auf den vorschulischen Bereich. Auch vor den Hochschulen macht sie nicht halt, was zahlreiche renommierte Autoren bereits aufgezeigt haben. 9
Die Forderung nach Auswegen aus der Bildungskrise wird immer lauter, mit Hilfe von groß angelegten Reformen, wie zum Beispiel die von der SPD geforderte flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen, soll gegengesteuert werden. Fraglich ist, ob sie Erfolg bringen werden.
Gut 150 Jahre vor dieser Zeit wurde ein Mann geboren, der bekanntermaßen sehr großen Einfluss auf das psychologische und gesamtgesellschaftliche Denken seiner und auch unserer Zeit hatte und immer noch hat. 10 Er war circa 1,70 m groß, kleidete sich immer sorgfältig und ging meistens betont aufrecht. Zeitgenossen beeindruckte sein eindringlicher Blick. Er liebte Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und
4 Josef Kraus, zitiert in Focus vom 01.12.2001
5 Willi Lemke, zitiert in Frankfurter Allgemeine vom 05.12.2001
6 Dr. Dieter Hundt, zitiert in Frankfurter Allgemeine vom 05.12.2001
7 Leipziger Volkszeitung vom 18./19.12.2004
8 Süddeutsche Zeitung vom 06.12.2004
9 Vgl. Konrad Schily: Wege aus der Bildungskrise
10 Vgl. Philip G. Zimbardo und Richard J. Gerrig: Psychologie, Seite 11
2
sammelte Antiquitäten, kurzum, er machte ganz den Eindruck eines Professors, wie er im Buche steht.
Bei diesem Mann handelte es sich um Sigmund Freud. Vor 110 Jahren begann er, ein revolutionäres psychologisches Theoriesystem zu entwickeln. Er fühlte sich dabei als Aufklärer. Als Wissenschaftler kämpfte er zeitlebens um die Anerkennung der unlogischen und unwissenschaftlichen Wirklichkeit des Seelischen und um Anerkennung seiner Erkenntnisse. Entscheidungen und Kämpfen ist er niemals ausgewichen, und doch überfiel ihn manchmal Angst. Trotzdem betrieb Sigmund Freud sein Lebenswerk - eine neue Psychologie - immer konsequent. 11 Dieses Werk Freuds, ein unglaublich komplexes Theoriesystem, ist die Psychoanalyse. Sie wurde vielfach nicht akzeptiert, von einigen Wissenschaftlern sogar verdammt. Auch heute noch ist sie umstritten.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob die Anwendung psychoanalytischer Theorie uns heute helfen kann, die Bildungssituation in Deutschland zu verbessern. Um einen Zusammenhang aufzuzeigen, wird im ersten Teil der Arbeit eine Auswahl von Studien zum Thema Bildung vorgestellt. Im zweiten Teil wird die Theorie der Psychoanalyse erläutert. Im dritten Teil wird dann überprüft, ob es Problembereiche gibt, in welchen die psychoanalytische Theorie angewandt werden kann, um so vielleicht einen Ausweg aus der Bildungskrise zu finden.
2 Defizite im deutschen Bildungswesen
Deutschlands Bildungssystem steckt in einer Krise. Anhand der Studie „Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und den bereits erwähnten PISA-Studien soll die Bildungskrise detailliert beschrieben werden. Dass es sich hierbei nicht um Einzelberichte handelt zeigen eine Menge anderer Studien im Bereich der Bildung, die leider zu ähnlich niederschmetternden Ergebnissen geführt haben. Zu diesen gehören unter anderem folgende Studien:
11 Vgl. Wilhelm Salber: Sigmund und Anna Freud, Seite 7 ff.
3
N PIRLS/IGLU (Progress in International Reading Literacy Study): Hier wurde international vergleichend das Leseverständnis von Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse getestet.
N CivEd (Civic Education Study): Bei dieser Studie ging es um politische Bildung und demokratisches Bewusstsein und Handeln bei 14-jährigen Schülerinnen und Schülern.
N DESI (Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International) untersuchte die Leistungen von Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse bezüglich ihrer Kenntnisse der deutschen und der englischen Sprache. N TIMSS (Third International Mathematics an Science Study): Mit dieser Studie wurden zum ersten Mal gleichzeitig die Mathematik-und Naturwissenschaftsleistungen von Schülerinnen und Schülern der
Grundschule, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II untersucht. 12
Für die Darlegung der Problematik wurden die beiden oben aufgeführten Studien aufgrund ihrer Popularität ausgewählt. Eine genauere Definition der Studien und die Präsentation der Ergebnisse werden im nachfolgenden Kapitel vorgenommen.
2.1 Die Studie zur Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland
2.1.1 Inhalt der Studie
Eine Bildungsministerkonferenz, die im Jahr 1996 zu dem Thema „Making Lifelong Learning a Reality for All“ tagte, stellte in ihrem Communiqué das Bestreben in den Vordergrund, „den Zugang zu und die Grundlagen für lebenslanges Lernen zu stärken“ 13 . Auf dessen Basis rief die OECD im März 1998 ein Projekt ins Leben, welches sich mit der thematischen Untersuchung der Politik frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung (im Folgenden mit FBBE abgekürzt) beschäftigt. Die Intention
12 http://pisa.ipn.uni-kiel.de/anderestudien.html
13 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 5
4
des Projektes war es, Untersuchungen in den Teilnehmerstaaten durchzuführen, die nachstehenden Ziele verfolgen:
N FBBE-Kontexte, Hauptanliegen der Politik und Politikreaktionen auf diese Anliegen in den Teilnehmerländern zu unterscheiden und zu erforschen; N Die Rollen der nationalen Regierung, dezentralisierter Behörden, von Sozialpartnern sowie die Ressourcen, die auf jeder Ebene für die Planung und Realisierung aufgewendet werden, zu erforschen;
N realisierbare Politikoptionen für verschiedene Kontexte zu identifizieren und zu bewerten;
N besonders innovative Politiken und Praktiken herauszustellen; N einen Beitrag zum INES-Projekt (Indicators of Education Systems) zu leisten, durch Identifizieren der Arten von Daten und Instrumenten, die für die Unterstützung von Informationssammlung, politische Maßnahmen sowie Forschung, Überwachung und Bewertung im Bereich der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung entwickelt werden müssen. 14
Die Untersuchungen bezogen sich auf Kinder von der Geburt bis zum Grundschulalter sowie während der Übergangszeit bis zur Einschulung. 15 Ein besonderes Augenmerk legten die Expertenteams dabei auf Fragen der Qualität, des Zugangs und der Gerechtigkeit. Auf eine Politikentwicklung in den Bereichen Regelungen, Personalpolitik, Programminhalte und Durchführung, Familieneinbeziehung undunterstützung und Finanzierung lag hierbei der Schwerpunkt. 16
2.1.2 Der Untersuchungsprozess
Bevor das OECD-Expertenteam die Untersuchung durchführte, lieferte das für die frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung zuständige Ministerium einen Hintergrundbericht ab, dessen Umfang vorher von allen Teilnehmerstaaten vereinbart wurde. Dieser Bericht gab „einen kurzen Überblick über den nationalen
14 Vgl. Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 6
15 Vgl. Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 5
16 Vgl. Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 6
5
Kontext, Hauptanliegen und -probleme der Politik und Versorgung im Bereich frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung, über innovative Ansätze sowie verfügbare quantitative Daten und Bewertungsdaten“ 17 . Sie dienten zusätzlich als Partizipationsaufgabe auf nationaler Ebene und sollte den verschiedenen Interessensgruppen ein Diskussionsforum bieten.
Die Untersuchergruppe, bestehend aus einem Mitglied des OECD-Sekretariats und Experten mit unterschiedlichen Kompetenzgebieten, startete nach der Analyse des Hintergrundberichtes ihren Besuch, der von dem entsprechenden Ministerium oder den Ministerien koordiniert wurde. Bei diesem Besuch wurden die Hauptbeteiligten, die sich mit der Politik und der Praxis der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung beschäftigten, intensiv befragt und eine repräsentative Auswahl an Beispiele für die FBBE-Programme besichtigt. Auf Basis dieser Erkenntnisse verfasste die OECD einen Länderbericht, der den Hintergrundbericht mit den Resultaten des Expertenteams kombinierte.
Der Besuch der OECD-Untersuchergruppe erfolgte in Deutschland vom 6. bis 16. Juni 2004. Er wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) koordiniert, das ebenfalls einen Hintergrundbericht in Auftrag gab und zur Verfügung stellte. Dieser beinhaltete eine „umfassende Darstellung des FBBE-Angebots in ganz Deutschland und eine ausführliche Analyse der gegenwärtigen Politik und Einrichtungen in einem offensichtlich hochgradig dezentralisierten föderalen Staat“ 18 . Die Untersuchergruppe musste sich aus zeitlichen Gründen auf den Besuch von fünf Bundesländern beschränken. Zusätzlich kam ein Besuch in der Bundeshauptstadt Berlin hinzu, um sich mit der Vorsitzenden der Kinderkommission des Deutschen Bundestages zu treffen.
2.1.3 Ergebnisse des Länderberichtes
Als Gesamtergebnis ist festzustellen, dass der überwiegend komplette Bereich der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in Deutschland hohen Nachholbedarf hat. Dies betrifft vor allem das Gebiet der alten Bundesländer, wo das FBBE-System wesentlich schlechter ausgebaut ist als im Gebiet der Neuen
17 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 6
18 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 6
6
Bundesländer. Allein die Aussage, dass die FBBE aus verschiedenen Gründen auf der politischen Agenda in Deutschland ganz oben steht, zeigt, dass es um die Gesamtsituation schlecht bestellt ist. Die Behauptungen, dass vorhandene Schwachstellen in der einen oder anderen Form auch in den anderen Ländern vorzufinden seien und dass man diese Schwachstellen „unbedingt mit den vielen Stärken und Ressourcen des Systems, die für das Team offensichtlich waren, in Zusammenhang gesehen werden“ 19 müssen, versuchen nur die Lage zu entschärfen. Nur die Tatsache, dass die Bundesregierung schon vor dem Besuch des OECD-Teams mit zwei Projekten tätig wurde, lässt erkennen, dass nicht nur Handlungsbedarf besteht, sondern auch Initiative ergriffen wird. Während sich das erste Vorhaben mit dem FBBE-Ausbau für Kinder unter drei Jahren in den alten Bundesländern beschäftigt, beinhaltet das zweite Programm den Ausbau von Ganztagsschulen. Beide Projekte haben auch eine (und vielleicht sogar eine größere) Bedeutung für den Arbeitsmarkt, da durch die Initiativen viele Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Nachfolgend werden die Beobachtungen des Expertenteams im Detail betrachtet.
2.1.3.1 FBBE-Angebot
Das FBBE-Angebot wird im Wesentlichen durch die Elternzeit und durch die Strukturierung der Schulpflicht beeinflusst. Zur Elternzeit zählen der Mutterschaftsurlaub, der grundsätzlich aus sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt besteht, und die reguläre Elternzeit, die bis zu 3 Jahre nach der Geburt andauern kann. Die Schulpflicht beginnt mit sechs Jahren, kann allerdings auf Wunsch auch vorher starten. Da die Kinder in den ersten beiden Schuljahren relativ wenige Schulwochenstunden haben, werden Betreuungsprogramme benötigt, die Kinder bis ins zehnte Lebensjahr aufnehmen. Demzufolge lassen sich die Leistungen in drei Hauptgruppen einteilen: „Einrichtungen für Kinder unter 3 Jahren (Krippe); Einrichtungen für Kinder zwischen 3 Jahren und dem Schuleintrittsalter (6 Jahre) (Kindergarten); und Angebote für Schulkinder (Hort)“ 20 . Aufgrund dessen, dass die Hort-Pädagogen einem anderen Ministerium unterstehen als die Schul-Pädagogen,
19 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 49
20 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 30
7
sollte hier ein besonderes Augenmerk darauf liegen, denn durch die unterschiedlichen Strukturen und der daraus resultierenden Qualität der Arbeit sind Probleme bereits vorprogrammiert. Ein Nachdruck liegt ebenfalls auf „dem Ausbau eines Angebots, das den Bedürfnissen berufstätiger Eltern entgegenkommt: Angebote für Kinder unter 3 Jahren; längere Öffnungszeiten der Kindergärten; „Betreuung“ von Schulkindern, mit einer Tendenz, den Hort, als Teil einer Ganztagsschulinitiative, in die Schule hineinzuverlegen“ 21 . Als Beispiel hierfür seien die folgend aufgeführten Angebote in den Kindergärten eines besuchten Bundeslandes genannt:
- Halbtagsgruppen entweder am Vormittag oder am Nachmittag bis zu vier Stunden pro Tag
- Vormittags (vier Stunden) und nachmittags (zwei bis drei Stunden) geöffnet, aber über Mittag geschlossen
- Verlängerte Öffnungszeiten am Vormittag für mindestens sechs Stunden, manchmal auch mit Mittagsverpflegung
- Ganztagsgruppen, die durchgehend sieben bis zehn Stunden geöffnet sind, einschließlich Mittagverpflegung
Zusätzlich gibt es noch altersübergreifende Gruppen sowie „integrative“ Gruppen, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen betreut werden. 22
2.1.3.2 FBBE-Anbieter
Der überwiegende Teil der FBBE-Plätze wird von nicht-staatlichen Organisationen zur Verfügung gestellt. Das größte Angebot in diesem Sektor offerieren die katholischen und evangelischen Kirchen. Es gibt aber auch Elterninitiativen, die FBBE-Angebote bereitstellen. Eher selten existiert die Variante, dass der Arbeitgeber seinen Angestellten FBBE-Einrichtungen anbietet. Neben den Tagesmüttern, einer weiteren Art von Anbietern, gibt es schlussendlich noch einige sehr wenige gewinnorientierte privat-gewerbliche Träger. Der Rest wird durch die öffentliche Hand gefördert bzw.
21 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 31
22 Vgl. Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 31
8
unterhalten. Die Finanzierung dieser Einrichtungen ist ein sehr komplexes Thema, da für jedes Bundesland eine individuelle Regelung gilt. Im Wesentlichen kommen dafür die Bundesländer, die Kommunen, die Träger und die Eltern in Betracht. 23
2.1.3.3 FBBE-Beschäftigte
Die Überzahl der FBBE-Arbeiter gehört zu der Berufsgruppe der Erzieherinnen und Erzieher, deren Ausbildung an einer Fachschule für Sozialpädagogik stattfindet. Da diese vom Rang her unterhalb der Ebene einer Fachhochschule angesiedelt ist, wird ein nicht unerheblicher Unterschied des Ausbildungsniveaus zwischen der Erziehertätigkeit und anderen beruflichen Tätigkeiten mit Kindern deutlich. Die Ausbildung erstreckt sich über vier Jahre, wovon das erste Jahr ein Praktikum ist und mit einem praktischen Jahr, in dem man unter Aufsicht arbeitet, abschließt. Es existieren Bestrebungen, die Ausbildung auf eine höhere Bildungsebene zu transportieren, aber von einer grundlegenden Reform ist man weit entfernt. Zu den weiteren Gruppen der FBBE-Beschäftigten zählen die Kinderpflegerinnen, die einen zweijährigen Kurs absolvieren, die Sozialpädagogen, die eine
Fachhochschulausbildung haben und die Gruppe der Praktikantinnen und Praktikanten, die sich im ersten oder letzten Jahr der Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher befinden ergänzt durch die Männer die ihren Zivildienst ableisten. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten arbeiten nur halbtags, was bedeutet, dass sie von ihrem Beruf alleine nicht leben können. Zusätzlich haben viele befristete Verträge. Als letztes sei vermerkt, dass nur ein Bruchteil der Beschäftigten Männer sind. Als Wegweiser lässt sich festhalten: „Je kleiner die Kinder, desto weniger Männer“ 24 . Die Tagesmütter, die zwar nicht in Kindertageseinrichtungen tätig sind, zählen ebenfalls zu den Beschäftigten in der FBBE. Nur langsam zeichnen sich Änderungen ab, nach denen diese Gruppe eine Art von Basisausbildung durch gegründete Organisationen für Tagesmütter erhalten soll.
23 Vgl. Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 34 ff.
24 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 40
9
2.1.3.4 FBBE-Einrichtungen
Für die FBBE-Einrichtungen gelten von den Bundesländern definierte Standards, die eingehalten werden müssen und von den Landesjugendämtern, die von den Landesregierungen unabhängig sind, überwacht werden. Diese sind für das Wohlergehen der Kinder und die pädagogische Arbeit notwendig. Die Standards erstrecken sich über diverse Bereiche, zu denen unter anderem die „Berechnung der Zahl der benötigten Plätze, Öffnungszeiten, Elternbeitrag, Richtlinien für Gebäude und Gebäudeinstandhaltung, Gruppengröße, Betreuer-Kind-Relation und Platzbedarf im Innen- und Außenbereich“ 25 gehören. Leider tragen diese Standards nach Auffassung der OECD Expertengruppe nicht ausreichend zu einer stetigen Qualitätsverbesserung bei. Ob es in dieser Hinsicht allerdings in naher Zukunft zu einer deutlichen Verbesserung kommt ist schwer zu sagen. Einerseits besteht durch die angefangene Debatte bezüglich der Qualität durchaus die Möglichkeit, Signale zu setzen und positive Einflüsse zu nehmen. Auf der anderen Seite besteht durch die Tendenz zur „Kommunalisierung“ und die damit verbundene Schwächung der Aufsichtsverantwortung des Landesjugendamts die Gefahr, dass diese bereits niedrigen Standards auf kommunaler Ebene zu weiteren Qualitätsverlusten führen. Von diesen Einrichtungen ausgenommen ist die Betreuung durch Tagesmütter. Bei einer Aufsicht von weniger als drei Kindern bedarf es zur Zeit keiner Zulassung und auch bei einer Betreuung von mehr als drei Kindern findet keine Kontrolle bezüglich einer vorhandenen Pflegeerlaubnis statt. Dadurch existiert ein exorbitanter „grauer Markt“ von Tagespflegeverhältnissen. 26
Neben den Rahmenbedingungen, die durch die Standards festgehalten werden, sind die Maßnahmen zur Unterstützung und Betreuung der Mitarbeiter von höchster Bedeutung. Für eine Verbesserung der zukünftigen pädagogischen Arbeit sind Weiterbildungskurse unerlässlich. Daher bieten sowohl die öffentlichen Behörden als auch die freien Träger regelmäßig Schulungen an.
25 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 41
26 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung, Seite 33
10
2.1.3.5 FBBE-Einrichtungen und Elterneinsatz
In den Tageseinrichtungen gewinnt der Einsatz der Eltern immer mehr an Bedeutung. Die Eltern erkennen die Wichtigkeit dieser Einrichtungen als „Nachbarschaftszentren für Familien und Kinder“ 27 und sollten nach dem Kindes- und Jugendhilfe-Gesetz (KJHG) in die Entscheidungen wichtiger Angelegenheiten der Einrichtungen mit einbezogen werden.
Im Wesentlichen beschränkt sich die Einbeziehung der Eltern beispielsweise auf Elternabende und Vorträge von Experten, die sich die Eltern anhören können. Das liegt allerdings unter anderem daran, dass die Eltern häufig älter und erfahrener sind als die Mitarbeiter der Tageseinrichtungen, was bei diesen zu Unsicherheiten führt. Es existieren aber auch Varianten, bei denen die Einrichtungen komplett von Elterninitiativen geführt werden, oder bei denen die Eltern zumindest in Ausschüssen oder Räten vertreten sind. Die Beteiligung ist wesentlich höher, je kleiner die Kinder sind. Mit steigendem Alter lässt das Interesse bei den Eltern nach und steigt kurzfristig bei der Einschulung erneut an.
2.1.4 Fazit
Im Bereich der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung besteht ein erheblicher Nachholbedarf, wie die Studie zur Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland gezeigt hat. Das System frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung muss hinsichtlich seines Versorgungsumfanges und vor allem seiner Qualität weiter ausgebaut werden. Die Spannungen zwischen nationalen Standards und lokaler Zuständigkeit sollten abgebaut werden. Ein sehr wichtiger Kritikpunkt ist die Beziehung zwischen frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung und der Schule sowie der Betreuung von Schulkindern. Auch die Seite der Beschäftigten darf nicht unterschätzt werden, sie benötigen höhere Ausbildungsstandards und bessere Arbeitsbedingungen. Nicht zu vernachlässigen sind natürlich auch Finanzierungsfragen. Der FBBE-Bereich besitzt allerdings nicht nur Schwächen, sondern weist auch einige Stärken auf: Zum einen
27 Die Politik der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der BRD, Seite 48
11
hat Deutschland eine lange Tradition in diesem Bereich, und in den neuen Bundesländern ist das System gut ausgebaut, so dass eine optimale Versorgung gesichert ist. Das deutsche FBBE-System ist nicht auf Gewinn ausgerichtet und hat das Ziel, alle Kinder gleichermaßen zu fördern, unabhängig von ihrer Herkunft oder finanziellen Verhältnissen. Es ist außerdem durchaus offen für Veränderungen. Die Qualität des deutschen FBBE-Systems ist also nicht durchweg schlecht, seine Stärken bieten vielmehr die Chance zu einem qualitativ hochwertigen Ausbau. Diese Chance sollte genutzt werden, denn wie sich noch zeigen wird, finden gerade bei Kindern, die ihrem Alter nach dem Bereich FBBE zugeordnet werden, solche bedeutenden Veränderungen statt, dass die Qualität aller beteiligten Personen und Organisationen die Entwicklung der Kinder beeinflusst.
2.2 Die PISA-Studien
2.2.1 Allgemeines
Die Bezeichnung PISA steht für „Programme for International Student Assessment“ und ist ein von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung durchgeführtes Programm, mit dessen Hilfe grundlegende Kompetenzen nachwachsender Generationen zyklisch erfasst werden. Es ist ein Teil des Indikatorenprogramms der OECD, welches den Mitgliedsstaaten der OECD vergleichende Daten über die Funktions- und Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme liefern soll. Gemäß einer Übereinkunft zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder ist Deutschland an diesem Programm beteiligt. 28 PISA ist eine international standardisierte Leistungsmessung. Sie wurde von den 32 Teilnehmerstaaten gemeinschaftlich entwickelt und mit 15-jährigen Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Mit der praktischen Planung und der wissenschaftlichen Koordination wurde ein internationales Konsortium beauftragt. In diesem Konsortium arbeiten folgende Forschungseinrichtungen zusammen: Australian Council for Educational Research (ACER), The Netherlands National Institute for Educational
28 Vgl. PISA 2000 Zusammenfassung zentraler Befunde, Seite 4
12
Measurement (CITOGROEP), Niederlande, National Institute for Educational Research
(NIER), Japan, Educational Testing Service (ETS), USA und WESTAT, USA. 29 Die
Inhalte der PISA-Studien erfassen drei Bereiche: die Lesekompetenz, die
mathematische und die naturwissenschaftliche Grundbildung. Dabei wird das
Hauptaugenmerk auf die Beherrschung von Prozessen, auf das Verständnis von
Konzepten sowie auf die Problemlösefähigkeit gerichtet. Darüber hinaus werden die
Sch ülerinnen und Schüler zu ihrer Meinung über Schule und Unterricht befragt und
um Auskunft über ihren familiären Hintergrund gebeten. Die Befunde zeigen, ob
unterschiedliche Bedingungen des Aufwachsens zu unterschiedlichen Lern- und
Entwicklungschancen führen können. 30
Die Tests, an denen die Schülerinnen und Schüler teilnehmen, bestehen aus Multiple
Choice Aufgaben und Aufgaben, zu denen eigene Antworteten ausgearbeitet werden
m üssen. Darüber hinaus wird ein Schülerfragebogen beantwortet, der
Hintergrundinformationen über die Schüler selbst gibt. Ähnliches gilt für die
Schulleiter , diese beantworten Fragen über ihre Schule.
Die PISA-Erhebungen erfolgen in einem Abstand von drei Jahren. Die erste fand im
Jahr 2000 statt, die zweite im Jahr 2003. Die dritte und letzte Erhebung startet in
2006. In jedem Erhebungszyklus wird einer der drei genannten Bereiche gründlicher
getestet , im Jahr 2000 die Lesekompetenz, im Jahr 2003 die mathematische
Grundbildung und im Jahr 2006 die naturwissenschaftliche Grundbildung.
Als Ergebnis der PISA-Studie erhalten alle Teilnehmerstaaten ein genaues Profil von
Kenntnissen und Fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler am Ende der
Pflichtschulzeit. Darüber hinaus gewinnen sie Einblicke in kontextbezogene
Indikatoren, mit welchen ein Zusammenhang zwischen den spezifischen Merkmalen
von Jugendlichen und ihren Schulen und den Ergebnissen der Studie hergestellt wird.
Durch die zyklischen Erhebungen ist es möglich, aufzuzeigen, in welche Richtung sich
die Ergebnisse im Laufe der Zeit verändern. 31
Um die Ergebnisse der Studien richtig interpretieren zu können, muss zuerst geklärt
werden , was PISA unter den überprüften Kompetenzen versteht.
„Unter Lesekompetenz versteht PISA die Fähigkeit, geschriebene Texte
unterschiedlicher Art in ihren Aussagen, ihren Absichten und ihrer formalen Struktur
29 Vgl. PISA 2000 Zusammenfassung zentraler Befunde, 10
30 Vgl. PISA 2003 Ergebnisse des zweiten internationalen Vergleichs, 3
31 Vgl. PISA 2000 Zusammenfassung zentraler Befunde, 5
13
Arbeit zitieren:
M.A. Livia Kosch, 2005, Defizite im deutschen Bildungswesen, aufgezeigt anhand der PISA-Studien – Überlegungen zur Verbesserung der Bildungssituation durch psychoanalytisch-pädagogische Konzeptionen, München, GRIN Verlag GmbH
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