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Vorbemerkung
Eine erste Annäherung an das Thema „Einsamkeit“ zeigte schon bei der Literaturrecherche, daß es eine Fülle von Ansatzmöglichkeiten gibt, sich diesem Thema zu nähern. So gibt es etwa eine Geschichte der Einsamkeit, eine Philosophie der Einsamkeit, eine Soziologie der Einsamkeit, eine Psychologie der Einsamkeit sowie theologische, therapeutische und medizinische Ratgeber zur Bewältigung von Einsamkeit, um nur einige Beispiele zu nennen. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf den psychologischen Aspekten der Einsamkeit in hauptsächlicher Anlehnung an die Arbeit von Reinhold Schwab und der Habilitationsschrift von Eberhard Elbing. Darüber hinaus habe ich mich bemüht, um der Forderung nach Interdisziplinarität gerecht zu werden, auch andere Disziplinen, wie etwa die Soziologie einfließen zu lassen. Die Arbeit gliedert sich grob in vier Teile. Zunächst habe ich eine Begriffsklärung und Eingrenzung des Themas vorgenommen. In einem zweiten Teil werden die besonderen Aspekte der Einsamkeit für Senioren untersucht, worauf im dritten Teil eine Spezifizierung auf Senioren im Altersheim folgt. Schließlich habe ich mich in dem vierten Teil mit Aspekten der Bewältigung und der Intervention bei Einsamkeit beschäftigt.
Eine auch nur annähernde Vollständigkeit des Themas, selbst in der erwähnten Eingrenzung ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, allerdings werden einige interessante Zusammenhänge deutlich und einige Anregungen zur Vermeidung und Prävention von Einsamkeit gegeben.
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1. Einsamkeit: Bedeutung, Begriff, Erleben
Das seelische und auch das körperliche Wohlbefinden des Menschen ist zweifellos stark von der Eingebundenheit in ein Netz befriedigender sozialer Beziehungen abhängig. 1 So ist die Fähigkeit zur Knüpfung, Vertiefung und auch der Beendigung von sozialen Beziehungen ein Kennzeichen seelischer Gesundheit.
Einsamkeit hingegen wird als „ein Leiden des Individuums an der sozialen Umwelt, Ausdruck und Warnzeichen einer Beziehungsgestörtheit“ 2 charakterisiert.
Als eines der „wichtigeren Menschheitsthemen“ taucht Einsamkeit immer wieder in der Literatur und der Philosophie auf. So wird sie etwa von A. v. Gronicka als das Thema der modernen Literatur gesehen und nach B. Mijuskovic ist ihre Vermeidung ein wesentliches Bestimmungsmerkmal des Menschen. In der empirisch-psychologischen Forschung wird dieses Thema erst seit den frühen 70er Jahren beachtet. 3
Als wesentlicher Begriff der deutschen Geistesgeschichte taucht die Einsamkeit, nach H. Emmel seit der Mystik im 13. Jahrhundert auf. War sie in der Mystik die „Voraussetzung für das Einfließen Gottes in die Seele“ und im Pietismus als „Genuß anhaltender Gemütsbewegung und frommer Erlebnisfülle“ charakterisiert, erhält sie in der Aufklärung einen negativen Charakter, indem sie als etwas Krankhaftes, der Melancholie Verwandtes betrachtet wird. Der ambivalenten Betrachtung des Begriffs in der Romantik als teilweise deprimierend und teilweise tröstlich folgt die überwiegend negative Betrachtungsweise der Einsamkeit im Sinne einer krankhaften Isolierung und Vereinzelung im 20. Jahrhundert.
So beschäftigen sich die meisten Einsamkeitsforscherinnen und -forscher hauptsächlich mit den negativen, belastenden Aspekten der Einsamkeit, die auch hier im Vordergrund stehen sollen.
1 Vgl.: Parkes Stevenson-Hinde u. Marris, 1991
2 Sadler und Johnson, 1980, S. 38
3 Vgl.: Schwab, 1997 S. 13
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Für das Phänomen Einsamkeit liegen eine Fülle von Definitionen vor, die allerdings, wie Peplau und Perlman feststellen, trotz gewisser Unterschiede drei Aspekte gemeinsam haben:
1. Einsamkeit bezieht sich auf ein wahrgenommenes Defizit an sozialen Kontakten.
2. Einsamkeit wird als ein subjektives Phänomen verstanden in Abgrenzung zu Alleinsein oder objektiver Isolation. 3. Einsamkeit wird als etwas Negatives, Belastendes erlebt. Nach Schwab gehört neben diesen drei Bestandteilen noch ein weiteres spezifisches Moment hinzu. „Von Einsamkeit kann nur dann die Rede sein, wenn zur Beeinträchtigung der Beziehung das Moment der -als negativ erfahrenen-Getrenntheit von den anderen Menschen hinzukommt.“ 4 Einsamkeit ist keine klar bestimmbare Emotion wie etwa Freude, Trauer oder Angst, sondern ein vielschichtiger Zustand, der kognitive, affektive, aktionale physische Aspekte einschließt. Kognitiv ist er als eine Diskrepanz von Wunschbild und Realbild der Beziehung eines Individuums zu anderen Menschen zu beschreiben. Die emotionale Ebene bezieht sich auf die mit der Einsamkeit in schmerzlicher Weise verbundenen Empfindungen. Spezifische Aktionen lassen sich schließlich ebenso feststellen wie physische Auswirkungen der Einsamkeit. Eine dies umfassende Definition der Einsamkeit bietet Schwab an: „Einsamkeit ist das quälende Bewußtsein eines inneren Abstands zu den anderen Menschen und die damit einhergehende Sehnsucht nach Verbundenheit in befriedigenden, sinngebenden Beziehungen.“ 5
Quälendes Bewußtsein umschreibt alle negativen, belastenden Gefühle, die bei all den affektiven, aktionalen und körperlichen Anteilen die Einsamkeit letztlich im Bewußtsein des Menschen aktualisieren. Das Belastende ist der wahrgenommene Abstand zu den Mitmenschen im Sinne eines Getrenntseins von anderen. Dieser Abstand bezieht sich nicht auf eine räumliche Distanz, sondern auf ein empfundenes Getrenntsein, so daß Einsamkeit unter vielen Menschen gespürt werden kann und nicht unbedingt in der äußeren Isolation gefühlt werden muß.
4 Ebd.: S. 21
5 Ebd.: S. 22
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Der oben genannten Definition folgend ist Einsamkeit ein Phänomen bewußten Erlebens, wobei ein einsamer Mensch nicht permanent in diesem Bewußtsein leben muß und „nicht unbedingt zur Beschreibung des Einsamkeitsempfindens das Wort `Einsamkeit´ gebrauchen [muß]“ 6 .
Im Gegensatz zum Alltagsverständnis wird im Wissenschaftsdiskurs Alleinsein von Einsamkeit unterschieden. Alleinsein wird als ein Zustand der Nicht -Kommunikation mit anderen Menschen aufgefaßt. 7
Soziale Isolation beinhaltet wie Einsamkeit und Alleinsein das Moment des Getrenntseins, wird darüber hinaus zur Beschreibung eines objektiven Sachverhalts verwandt. „... nämlich die beobachtbare Distanz des/der Betreffenden zur Gesellschaft, wie sie sich in einem Mangel an Kontakten mit anderen Menschen zeigt.“ 8
Die Unterscheidung zwischen dem Verständnis von Einsamkeit als Wesenszug und Einsamkeit als Zustand wird hier nur zur Vollständigkeit des Überblicks angebracht, da eine g enauere Unterscheidung den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde.
Die These, daß Einsamkeit mit der Persönlichkeit eines Menschen zusammenhängt, wird durch mehrere Langzeitstudien, die die Stabilität der Einsamkeit einzelner Personen messen, bestätigt. So zeigte etwa eine Studie, in der Psychologiestudenten vor dem ersten und dem vierten Semester befragt wurden, daß sich ihre Einsamkeitswerte im Mittel kaum verändert haben. 9 Daß Einsamkeit auch ein Zustand sein kann, ist „geradezu selbstevident“ 10 . So etwa Einsamkeit als Reaktion auf bzw. ausgelöst durch situative Veränderung oder den Verlust wichtiger Bezugspersonen mit begrenzter zeitlicher Ausdehnung.
Wie oben angegeben ist Einsamkeit keine klar bestimmbare Emotion, sondern ein vielschichtiger Zustand. Daß Menschen Einsamkeit verschieden erleben, daß es verschiedene Arten und Formen der Einsamkeit geben kann, liegt also nahe.
6 Ebb.: S. 23
7 Vgl. ebd.: S. 24
8 Ebd.: S. 24
9 Diese und weitere Studien bei Schwab 1996 S. 29 f.
10 Vgl. ebd.: S. 29
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Demnach wird Einsamkeit in der Forschung als mehrdimensionales Konstrukt behandelt, und es existieren eine Vielzahl von Einteilungen der Einsamkeit. Die Unterscheidung von R. Weiss ist am weitesten verbreitet. Weiss unterscheidet zwischen einer „Einsamkeit der emotionalen Isolation“ und einer „Einsamkeit der sozialen Isolation“. Demnach liegt emotionale Einsamkeit vor bei Fehlen einer engen emotionalen Bindung (Intimpartner, enger Freund) und ist vor allem mit Angst verbunden, während die soziale Einsamkeit bei Fehlen eines sozialen Netzwerks (Freunde, Bekannte, Nachbarn) entsteht und gemäß Weiss vor allem Gefühle der Langeweile und Depression beinhaltet. Ein Ausgleich der einen Form durch Erfolge im jeweils anderen Bereich ist nach Weiss nicht möglich. 11
2. Einsamkeit im Alter
Es ist ein gängiges Stereotyp, daß Menschen im letzten Lebensabschnitt (Altersstufe über 65 Jahren) in besonderem Maße als einsam bzw. anfällig für Einsamkeit zu betrachten sind. So wird beispielsweise im Bundessozialhilfegesetz § 75 ohne nähere Begründung und Belege behauptet, daß Einsamkeit eine der wichtigsten Begleiterscheinungen des Alters sei. Da in unserer Gesellschaft ältere Menschen zunehmend länger leben, nicht im Erwerbsleben integriert sind und auch nicht in einer Großfamilie unterkommen, leben augenscheinlich immer mehr ältere Menschen allein. Daß allerdings der Syllogismus „Alt sein heißt allein sein, allein sein bedeutet einsam sein, folglich sind ätere Menschen einsam“ 12 keine empirische Bestätigung findet, zeigen verschiedene Untersuchungen. Darüber hinaus muß die These, daß ältere Menschen in stärkerem Maße allein leben, in differenzierterer Weise gesehen werden.
Um allein leben nicht nur als negativen Sachverhalt zu sehen, muß man sich verdeutlichen, daß das auch bedeutet, in einem eigenen Haushalt mit all den dazugehörigen Verantwortungen zu leben, finanziell hinreichend unabhängig zu sein und gesundheitlich über ausreichende Kräfte zu verfügen.
11 Vgl.: Weiss 1973, S. 64 ff.
12 Elbing 1991, S. 216
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„Entgegen der alltäglichen Erwartung ist das Ausmaß des Alleinlebens auch bei älteren Menschen nach empirischen Befunden keineswegs übermäßig hoch.“ 13 Im eigenen Haushalt zu leben, bedeutet für ältere Mensch nicht, wie unterstellt wird, ohne einen Partner zu leben oder kaum Kontakte zu den nächsten Verwandten zu haben. So zeigt eine Studie von Marquis, durchgeführt in den USA, daß „ältere Menschen in einem beträchtlichen Ausmaß mit einem Partner zusammen leben“ 14 , wobei aufgrund der höheren Sterblichkeitsrate der Männer der Anteil der allein lebenden Frauen größer ist.
Darüber hinaus zeigen empirische Befunde 15 , daß zum einen ältere Menschen keineswegs die erwarteten wenigen soziale Kontakte haben und zum anderen, daß vor allem die Qualität der Kontakte und nicht deren Häufigkeit und Umfang für psychisches Wohlbefinden ausschlaggebend ist. Allein lebende ältere Personen haben zwar nicht ständig, aber regelmäßig Kontakt mit näheren Angehörigen, wobei ein häufiger Kontakt oftmals auch nicht gewünscht wird. 16 Wie Studien von Dean (1962) und Tustall (1967) 17 zeigen, berichten Senioren in geringerem Ausmaß als jüngere Menschen, daß sie sich einsam fühlen. Für diese Untersuchungsergebnisse werden verschiedene Deutungen angeboten nämlich, daß ältere Menschen grundsätzlich zufriedener mit ihren Sozialkontakten als jüngere sind,
daß jüngere Personen zwar grundsätzlich mehr Möglichkeiten haben, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, allerdings auch zu hohe und zu unrealistische Erwartungen hinsichtlich einer sozialen Beziehung haben, daß sich mit zunehmenden Alter realistische Erwartungen und Bezugsnormen für soziale Beziehungen bilden,
daß der beobachtete Alterstrend eine unterschiedliche Bereitschaft der Altersgruppen, Einsamkeit zu akzeptieren, widerspiegelt
13 Ebd.: S. 216
14 Ebd.: S. 216
15 So z.B. die empirischen Erhebungen von Cantor 1975 oder von Perlmann, Gerson & Spinner
1978
16 Vgl.: Elbing 1991, S. 218
17 Die beiden Studien werden vorgestellt in: Elbing 1991, S. 219 f.
Arbeit zitieren:
2001, Einsamkeit von Senioren in Seniorenheimen, München, GRIN Verlag GmbH
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