2
Im Gegensatz zu der Existenz von Naturbeschaffenheit, die offensichtlich sei, werde die Naturanlage bei einigen Denkern als das „erste in einem jeden Vorfindliche“ 3 , was nicht offensichtlich sein müsse, bestimmt. Als Beispiel führt Aristoteles die Beweisführung des Antiphon an: Grübe man eine Liege in die Erde ein und würde im Zuge der Verrottung ein Keim aus der Liege sprießen, so würde niemals eine Liege daraus entstehen, sondern nur Holz. So sei das eigentliche Wesen des künstlichen Gebildes Liege, deren Bestimmtheit „Liege“ ihm nur nebenbei zukäme, das, was sich erhalte, nämlich Holz. Das überdauernde Element bzw. Elemente sei die Naturbeschafenheit und das Wesen des Gegenstandes.
So hätten einige Denker versucht, ein Element oder mehrere Elemente als die Naturbeschaffenheit des Gegebenen zu bestimmen, wie etwa Feuer, Luft, Wasser oder Erde. Alles Sein sei nur ein Zustand eine Anordnung oder ein Ereignis dieser zugrunde liegenden unveränderlichen Elemente bzw. Elements. Hiermit ist die Stoffursache bestimmt als das, was den Dingen, die die Fähigkeit zum Wandel in sich haben, zugrunde liegt, und was sie überdauert. Als zweite Möglichkeit, von Naturbeschaffenheit zu sprechen, führt Aristoteles die Form eines Dings, das die Fähigkeit zum Wandel in sich trägt, an. Zur Bestimmung der Form müsse das Ding seine endgültige Gestalt erreicht haben. Es reiche nicht, wenn es nur der Möglichkeit nach ist, wie etwa ein halbfertiges Haus, da es (noch) kein eigenes bestimmbares Wesen habe. Als Formursache bestimmt Aristoteles die Gestalt eines Dings, die es uns als eben solches erkennen läßt und die sich allenfalls in Gedanken von ihm ablösen läßt. So werde Naturbeschaffenheit zum einen als stoffliche Grundlage und zum anderen als Gestalt aufgefaßt.
Die Form sei im höheren Maße Naturbeschaffenheit, als der Stoff, aus dem ein Ding besteht, da es erst zu einem Bestimmten werde, und als solches benannt werden könne, wenn es seine (vollendete) Zweckform erreicht habe. Naturanlage als eine Entwicklung sei immer eine Entwicklung zum eigentlichen Wesen.
3 Physik, 193a 16 f.
3
So entwickle sich etwas, das aus etwas anderem entsteht, nicht zu diesem, sondern zu seinem eigentlichem Wesen. „Die [erreichte] Form ist also das natürliche Wesen“ 4
Als nächstes geht Aristoteles der Frage nach, worin sich Mathematiker und Naturforscher unterscheiden: So interessiere sich der Naturforscher für die Form, Beschaffenheit und Eigenschaften von Sonne und Mond. Der Mathematiker hingegen beschäftige sich lediglich mit der Form der Himmelskörper insofern, als sie geometrische Figuren seien. So löse sich der Mathematiker von den eigentlichen Dingen und untersuchte sie auf einer abstrakten Ebene. Diese Art der Untersuchung führe allerdings nicht zu falschen Ergebnissen, da sie (die eigentlichen Dinge) „im Denken von der allgemeinen Veränderung der Dinge abtrennbar“ 5 seien.
Parallel dazu würden auch die, die Ideen voraussetzen, namentlich die Platoniker, diese Ideen von den natürlichen Bestimmungen der tatsächlichen Gegenstände betrachten, obwohl diese weniger abtrennbar seien, als die mathematischen Beziehungen von den Körpern.
Wie gezeigt wurde, sei die Naturbeschafenheit zweifach zu fassen, nämlich zum einen in Bezug auf den Stoff, aus dem ein Gegenstand besteht, und zum anderen in Bezug auf die Form, in der es in vollendeter Art erscheint. Aristoteles geht im weiteren Verlauf des Textes der Frage nach, mit welcher dieser beiden Arten der Naturbeschaffenheit sich der Naturforscher befassen müsse, oder ob er sich mit einer Zusammensetzung der beiden Arten beschäftigen müsse. Und falls es eine Zusammensetzung dieser beiden Arten sei, so müsse er sich mit beiden Teilen beschäftigen.
Darüber hinaus sei zu untersuchen, ob es Aufgabe der gleichen Wissenschaft sei, beide Arten zu untersuchen oder die verschiedener Wissenschaften. Aristoteles beginnt die Untersuchung dieser Frage mit einem kurzen Rückblick auf die Untersuchungen von Philosophen, die sich mit Ähnlichem beschäftigt haben. So hätten sich die Alten bis auf Empedokles und Demokrit, die die Form
4 Physik, 193b 20
5 Physik, 193b 33
4
der Gegenstände am Rande untersuchten, überhaupt nicht mit der Form, sondern nur mit dem zugrunde liegenden Stoff beschäftigt. Ein Argument dafür, daß der Naturwissenschaftler Stoff und Form von Gegenständen untersuchen muß, leitet Aristoteles aus der Notwendigkeit dieses Wissens für die Kunstfertigkeit ab. Wenn sich die Kunstfertigkeit, wie etwa die Technik oder die Medizin, an der Natur orientiere und sowohl Stoff als auch Form kennen müsse, so sei es Aufgabe des Naturwissenschaftlers, beides zur Erkenntnis zu bringen. Als Beispiel nennt er den Baumeister, der sowohl die für den Hausbau erforderlichen Stoffe kennen, als auch über einen Plan für den Bau verfügen müsse.
Neben dem Wissen um den Stoff und die Form müsse die Naturwissenschaft auch Erkenntnisse über das Weswegen und die zur Entstehung gebrauchten Mittel liefern.
Das Weswegen, beziehungsweise das Ziel seines Seins erreiche ein Gegenstand nicht unbedingt im Endzustand oder seinem Schlußpunkt. Vielmehr sei das Weswegen sein bester Daseinszustand.
„... es will nicht jeder Schlußpunkt Ziel sein, sondern nur der beste Zustand“ 6 Der Begriff Weswegen werde in zweifacher Bedeutung gebraucht: Zum einen habe ein Gegenstand einen gewissen Zweck, also einen bestimmten Gebrauchswert, für den er hergestellt werde. In diesem Sinn sei es das Weswegen bzw. Wofür er existiert.
Zum anderen sei der Vorgang der Herstellung Ursache für seine Existenz. In diesem Sinne sei das Weswegen als Antrieb für die Existenz des Gegenstandes gemeint.
Als Beispiel nennt Aristoteles die unterschiedliche Bedeutung des St euerruders für den Schiffssteuermann und den Schiffszimmermann. Während der Steuermann die Form des Ruders kenne und demgemäß den Auftrag zu seiner Herstellung erteile, wisse der Zimmermann, aus welchem Holz und durch welche Arbeitsvorgänge das Ruder herzustellen sei. So habe der Steuermann den Zweck des Ruders im Sinn, während der Zimmermann den Antrieb für seine Existenz im Blick habe.
6 Physik, 194a 32 f
Arbeit zitieren:
2001, Aristoteles: Die vier Gründe des Seienden, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Goethe, Johann Wolfgang von - Prometheus - Interpretation
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Die Gottesbeweise bei THOMAS VON AQUIN in der "summa theologiae&q...
Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1350)
Hausarbeit (Hauptseminar), 38 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Prometheus
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Die Grundbestimmungen der Natur nach Aristoteles' Physik, Buch II,...
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit, 16 Seiten
"Werk und Leben des Aristoteles. Die Bedeutung der Aristotelische...
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 19 Seiten
Der Mensch als leib-seelisches Wesen bei Platon und Aristoteles - Eine...
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Identitätstheorie kann zutreffen
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Seminararbeit, 15 Seiten
Thomas Hobbes "Leviathan" und seine Zeit
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 24 Seiten
Goethe, Johann Wolfgang von - Prometheus - Vergleich mit Ganymed
Referat / Aufsatz (Schule), 6 Seiten
Physis und Techne im Verhältnis: Hat Aristoteles' Ansicht von Natu...
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 20 Seiten
Anonym hat den Text Aristoteles: Die vier Gründe des Seienden veröffentlicht
Four Weddings and a Funeral - Vier Hochzeiten und ein Todesfall. Filma...
Abitur Englisch
Stefan Munaretto
0 Kommentare