1. Einleitung und Problemstellung 2
1.1 Untersuchungsgegenstand 2
1.2 Aufbau der Arbeit 3
2. Empirische Bestandsaufnahme 3
2.1 Zum Wandel der allgemeinen ökonomischen Lage 3
2.2 Zum Wandel der individuellen materiellen Lebensbedingungen 5
2.3 Zum Wandel der politischen und sozialen Einstellungen 7
3. „Die innere Einheit“ aus sozialwissenschaftlicher Perspektive 10
3.1 Die Sozialisationshypothese 11
3.2 Die Situationshypothese 12
3.3 Sozialisations- versus Situationshypothese? 12
4. Detlef Pollack: Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung 13
4.1 Ein gebräuchlicher Interpretationstypus 13
4.2 Widerspruch: die Voraussetzungen sind falsch 14
4.3 Erfahrung und Kompensation 15
4.4 Worum es den Ostdeutschen geht 15
4.5 Abgrenzung als Folge von Ausgrenzung 16
4.6 Beurteilung des Erklärungsansatzes 17
5. Schlussbetrachtungen und Ausblick 20
6. Literaturverzeichnis 22
1
1. Einleitung
1.1 Untersuchungsgegenstand
Mit dem Fall der Berliner Mauer begann in allen Staaten des ehemaligen Ostblocks ein vielschichtiger Transformationsprozess, an dessen Ende ein demokratisch-repräsentatives, pluralistisches, gewaltenteilig organisiertes und auf der A chtung der Menschenrechte basierendes Staatswesen mit sozialer und freier Marktwirtschaft stehen sollte. 1 Der deutsche Vereinigungsprozess bekleidet in diesem Kontext einen Sonderfall, da er sich mit einem enormen Tempo als „Institutionentransfer“ vollzog, also als Transfer des gesamten politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Gefüges der Bundesrepublik Deutschland auf die DDR. 2
Die Vollendung der staatlichen Einheit liegt mittlerweile mehr als eine Dekade der Zeitgeschichte zurück und die Euphorie der Jahre 1989/90 ist einer relativen Deprivation 3 der Bevölkerung im Ostteil des Landes gewichen. Im Herbst 1989 gingen die Menschen auf die Straße und demonstrierten in Leipzig, Berlin, Dresden und in vielen anderen Städten der damaligen DDR für mehr Demokratie und Freiheit. Der Fall der Berliner Mauer wurde mit dem Slogan „Wir sind ein Volk“ bejubelt. 4 Heute fühlen sich die „Ossies“ großenteils als „Bürger zweiter Klasse“ und haben ihr Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft verloren. 5
Nach einer Allensbach-Umfrage im September 2000 hielten nur 42 Prozent aller Befragten in den neuen Bundesländern die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik für verteidigenswert, 38 Prozent äußerten Zweifel. Und lediglich 33 Prozent der Neubundesbürger w aren der Meinung, dass mit der Demokratie die Probleme der Bundesrepublik gelöst werden können. Im Vergleich dazu vertrauten 61 Prozent der Altbundesbürger der Demokratie als Problemlöser. 6 Noch alarmierender ist das Ergebnis einer Untersuchung des Emnid-Institutes, in der sich 80 Prozent der Ostdeutschen als „Bürger zweiter Klasse“ fühlten und lediglich 17 Prozent meinten, sie seien mit den Westdeutschen gleichberechtigt. 7
1) Vgl. Alexander Thumfart (2001a) und im Einzelnen Thumfart (2001b)
2) Vgl. Yves Winkler (2002)
3) meint das Phänomen des subjektiv empfundenen Grades der Benachteiligung einer Person gegenüber
anderen bzw. gegenüber einer Bezugsgruppe, der nicht allein durch die objektive Situation determiniert ist,
sondern der aus der negativen Abweichung von den sozialen Erwartungen der betreffenden Person resultiert.
Reinhold (1997): 110
4) Vgl. Pollack (2000): Einleitung
5) zum „Bürger zweiter Klasse“ Empfinden im Speziellen Kapitel 2 und 4
6) Vgl. u.a. Yves Winkler (2002), Klaus Schröder (2001)
7) Vgl. u.a. Yves Winkler (2002), Klaus-Peter Schöppner (2002)
2
Solche Umfrageergebnisse lassen auf eine tiefe Kluft zwischen Ost und West schließen und eine noch nicht abgeschlossene „innere Einheit“, was zahlreiche sozialwissenschaftliche Untersuchungen und Erklärungsversuche auf den Plan gerufen haben.
1.2 Aufbau der Arbeit
Mit der vorliegenden Arbeit soll dargestellt werden, warum und wie sich die Sozialwissenschaften mit den Problemen der deutschen Einheit beschäftigen. Dafür werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit die empirischen Daten dargestellt, die als Auslöser der Diskussionen bezeichnet werden können. Im anschließenden Kapitel wird der Begriff „Innere Einheit“ operationalisiert und die verschiedenen Auffassungen und Darstellungen werden dargestellt. Im vierten Kapitel werden exemplarisch anhand des Erklärungsansatzes von Detlef Pollack „Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung“ die verschiedenen Probleme der Auswertung und Interpretation der empirisch ermittelten Einstellungsunterschiede zwischen Ost und West herausgearbeitet. Das fünfte und abschließende Kapitel dieser Arbeit soll allgemeinen Schlussfolgerungen dienen und den Blick auf die Zukunft im Kontext des europäischen Einigungsprozesses und Globalisierung öffnen.
2. Empirische Bestandsaufnahme
Die Datenlage zur dargestellten Problemlage ist vielschichtig und kann je nach Intention unterschiedlich interpretiert werden. Für eine differenzierte Analyse des gegenwärtigen Standes der deutsch-deutschen Wiedervereinigung soll hier zwischen unterschiedlichen Bereichen des sozialen Wandels unterschieden werden. 8
2.1 Zum Wandel der allgemeinen ökonomischen Lage
Eine Beurteilung der Entwicklung der allgemeinen ökonomischen Lage in Ostdeutschland nach 1989 fällt eher negativ aus. Zwar wurden im Zuge der Vereinigungseuphorie „blühende Industrielandschaften in Ostdeutschland“ 9 vorausgesagt, doch die Realität sah anders aus. „Die ostdeutsche Industrieproduktion, die 1939 noch fast 30% der westdeutschen betragen hatte, halbierte sich im Verlaufe der 40jährigen DDR-Geschichte bis 1989 auf ca. 15%, um dann in nur drei Jahren auf einen Anteil von 3,8% abzufallen.“ 10 Damit erlebte Ostdeutschland einen Einbruch, der in der Entwicklung von modernen Industriegesellschaften einzigartig ist und von dem es sich auch noch nicht erholen konnte. 11
8) Im Anschluss an Detlef Pollack (2000)
9) Gerhard Bosch (1994)
10) ebd.
11) vgl. ebd.
3
Ein anderer Indikator für den Absturz der ostdeutschen Wirtschaft ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). 12 Wie aus der Grafik 1 zu entnehmen ist, kam es in den ersten beiden Jahren nach der Wende zum einem regelrechten Einbruch des BIP. Zwar waren dann in den Jahren 1992 bis 1994 die Wachstumsraten beträchtlich, aber konnte der Schwung nicht weiter mitgenommen werden. Die Zahlen sind deutlich schwächer und seit 1997 liegt der Zuwachs des realen Bruttoinlandsproduktes sogar wieder hinter dem der alten Bundesländer. 13
Angesichts dieser Zahlen in Ostdeutschland ist es nicht verwunderlich, dass ebenfalls die Arbeitslosigkeit hoch ist. Von den rund 9,8 Millionen Arbeitsplätzen in der DDR sind zwischen 1989 und 1994 mehr als 4 Millionen verloren gegangen. Aus politischen Gründen wurden zahlreiche arbeitsmarktpolitische Auffangmaßnahmen bereitgestellt und von der Bundesagentur für Arbeit 15 finanziert. Mehr als drei Viertel aller Erwerbstätigen in Ostdeutschland durchliefen in diesem Zeitraum eine dieser Maßnahme. 16
12) als Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum
13) vgl. Pollack (2001)
14) Grafik übernommen aus Pollack (2001)
15) ehemals Bundesanstalt für Arbeit
16) vgl. Bosch (1994) und im Speziellen Bosch / Knuth (1993)
4
Seit 1991 liegt die Arbeitslosigkeit der neuen Bundesländer deutlich über dem West-Niveau und macht heute mehr als das Doppelte der westlichen Arbeitslosenquote aus. Würden die Zahlen der verdeckten Arbeitslosigkeit hier mit beachtet werden, wäre fast ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung Ostdeutschlands arbeitslos. Es ist demnach in den letzten Jahren nicht gelungen, einen sich selbst tragenden wirtschaftlichen Aufschwung in den neuen Bundesländern zu erreichen. 17
2.2 Zum Wandel der individuellen materiellen Lebensbedingungen
Trotz der großen wirtschaftlichen Probleme in den neuen Bundesländern geht es den Menschen subjektiv besser als vor 1989. Das Vermögen der Haushalte hat sich nahezu verdreifacht und das Haushaltseinkommen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen 18 , auch wenn es noch immer deutlich unter dem westlichen Durchschnittsniveau liegt (Grafik 3). Während im früheren Bundesgebiet 57,5% der Haushalte monatlich über 1534 Euro zur Verfügung hatten, waren es in den neuen Ländern erst 47,5%. 19 Andere Indikatoren für die objektive Verbesserung der Lebensverhältnisse können in der verbesserten Wohnsituation der Ostdeutschen oder der Ausstattung der privaten Haushalte mit langlebigen Gebrauchsgütern gesehen werden. 20
17) Vgl. Detlef Pollack (2000): Abschnitt I
18) Vgl. ebd.: Abschnitt II
19) Vgl. statistisches Bundesamt (2002): 112f.
20) Vgl. ebd.: 133 ff.
5
Die Verbesserung der individuellen Lebenslage spiegelt sich auch in der Entwicklung der Lebenszufriedenheit wider. Dabei ist die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben der Ausdruck einer umfassenden Bewertung der persönlichen Lebensverhältnisse und diese fällt sowohl für die Westdeutschen, aber gerade eben auch für die Ostdeutschen sehr positiv aus. Ein Großteil der Ostdeutschen ist sehr zufrieden mit dem Leben und nur wenige sind unzufrieden. 21 Fasst man die Angaben zur subjektiven materiellen Lebenssituation in den neuen Bundesländern zusammen, so ist festzustellen, dass sich eine deutliche Verbesserung seit 1989 vollzogen hat. Doch trotz der enormen Anhebung des Wohlstandsniveaus ist nach wie vor eine materielle Schlechterstellung der Ostdeutschen gegenüber den Westdeutschen in fast allen Lebensbereichen zu konstatieren. Dabei sind den Ostdeutschen die Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland genauso bewusst wie die Verbesserung ihrer Lage. Auf die Frage, ob es zwischen Ost- und Westdeutschland bereits eine Gleichberechtigung gäbe, antworteten 78 Prozent mit Nein. 22
21) Vgl. ebd.: 431f.
22) Vgl. Pollack (2000): Abschnitt II
6
Arbeit zitieren:
Holger König, 2004, "Die Innere Einheit" - Ein Thema im Diskurs der Sozialwissenschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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