Madness, thy name is woman -
Viktorianische Vorstellungen von weiblicher ,,Hysterie"
und ihre Verarbeitung in Charlotte Bronté`s Jane Eyre,
Jean Rhys` Wide Sargasso Sea und
John Fowles` The French Lieutenant`s Woman
Tanja Hamann
INHALT
1) Einleitung 2
2) Was ist Hysterie?
a) Versuch einer allgemeinen Definition 3
b) Viktorianische Vorstellungen von weiblicher Hysterie 6
3) Die Verarbeitung der viktorianischen Vorstellungen von weiblicher Hysterie in
a) Charlotte Brontë_`s Jane Eyre 10
b) Jean Rhys` Wide Sargasso Sea 17
c) John Fowles The French Lieutenant`s Woman 26
4) Resümee 33
5) Benutzte Sekundärliteratur 35
1) Einleitung
Das Thema Hysterie im Allgemeinen und während der Viktorianischen Zeit im Besonderen ist von vielen Autoren behandelt worden. Teils in Fachbüchern über psychische Krankheiten (wie z.B. bei Mentzos, Danis und Hoppe), teils in Büchern, die sich speziell mit dem Leben viktorianischer Frauen und ihrer Psyche befassen (z.B. von Sanders oder Shuttleworth) habe ich einen umfassenden Überblick über diese Krankheit, ihre verschiedenen Erscheinungsformen, Ursachen und die damit verbundenen Vorstellungen zwischen 1837 und 1901 erhalten, die ich im folgenden Teil meiner Arbeit, unter Zuhilfenahme der bereits erwähnten Literatur zusammenfassend darstellen möchte.
Auch die Verarbeitung dieser Art von ,,female madness" in verschiedenen viktorianischen und neoviktorianischen Romanen wird in den Studien zu den entsprechenden Texten immer wieder angesprochen. Allerdings gelang es mir nur wenige Bücher ausfindig zu machen, die sich ausschließlich damit auseinandersetzen und die einzigen Funde beziehen sich vornehmlich auf Charlotte Bront_ und das Phänomen der ,,mad woman in the attic", so wie die bereits erwähnte Studie von Shuttleworth, oder die im Folgenden zitierten Werke von Maynard oder Chase. Auch in allgemeinen Abhandlungen über Bront_s Jane Eyre (z.B. von Heather Glen oder Pauline Nestor) ist Bertha Mason und ihre Rolle als ,,mad woman" ein wichtiges Thema. Es gibt jedoch unterschiedliche Erklärungstheorien für Berthas Verhalten und Bront_s Gestaltung dieses Charakters, und diese Begründungen bekommen eine neue Dimension, wenn man seine Augenmerk auf Berthas Vorgeschichte als Antoinette Cosway richtet, so wie sie in Jane Rhys neoviktorianischem Roman Wide Sargasso Sea dargestellt ist.
Der scheinbar am wenigsten eindeutige Fall von Hysterie zeigt sich in John Fowles ebenfalls neoviktorianischen Roman ,,The French Lieutenant`s Woman". In den drei Studien zum Autor und seinem Werk, die ich hier zu Rate ziehen möchte (von Tarbox, Loveday und Burden) wird stets betont, daß Sarah nicht eindeutig krank ist, sondern ihr Handeln auch vollkommen berechnet und einzig und allein auf die Befreiung Charles und eine Lehre über die Identitätsfindung gerichtet sein könnte. Ich werde dies unter Punkt 3c) meiner Arbeit noch genauer erläutern und auch zeigen, daß Sarah dennoch, der Definition nach, einen eindeutig hysterischen Charakter abgibt.
2) Was ist Hysterie?
a) Versuch einer allgemeinen Definition
Zu Beginn dieses Kapitels möchte ich darauf hinweisen, daß es sich bei den folgenden Ausführungen nur um einen kurzen, überblickshaften Abriß zum Thema handelt und handeln kann, da das Gebiet der Hysterie ein weites und schwer zu definierendes Feld ist, wie das folgende Zitat von Veith verdeutlicht:
Wie ein Quecksilberkügelchen läßt sie (die Hysterie) sich nicht fangen. Wo immer sie auftaucht, übernimmt sie die Färbung der umgebenden Kultur und der Sitten; und somit zeigt sie sich im Laufe der Jahrhunderte als ein ständig sich verstellendes, sich veränderndes, im Nebel verhülltes Phänomen, welches trotzdem so behandelt wird, wie wenn es definierbar und greifbar wäre. (Mentzos, 11)
Hysterie ist eine neurotische Störung, bei der neben psychischen Auffälligkeiten Dämmerzustände, Wahnvorstellungen, Schrei- und Weinkrämpfe) körperliche Beschwerden (Zitteranfälle, heftige Herz- oder Magenschmerzen) ohne organische Ursachen auftreten können. Nach psychoanalytischer Auffassung entsteht eine Hysterie auf der Grundlage bestimmter Persönlichkeitsmerkmale durch unbewußte Konflikte (v.a. durch Veränderung sexueller Bedürfnisse) in der kindlichen Entwicklung und wird durch belastende Situationen ausgelöst. (150),
so die allgemeine Definition für Hysterie im Schülerduden Psychologie. Hysterie ist also eine Krankheit, eine neurotische Störung, die mit ganz bestimmten Symptomen einhergeht und ganz bestimmte Ursachen hat.
In unserem heutigen Sprachgebrauch steht das Wort ,,Hysterie" auch ganz allgemein für ein aufgesetztes, und übertriebenes Verhalten, daß zumeist Frauen unterstellt und vorgeworfen wird. Laut Stavros Mentzos, Professor und Leiter der Abteilung für Psychotherapie/ Psychosomatik im Klinikum der Universität Frankfurt, ist diese Konnotation zwar nicht grundsätzlich falsch, aber wir verwenden das Wort in unserer Umgangssprache viel zu leichtfertig und in einem zu engen, negativen Sinn:
Zwar enthält das Hysterische vieles, was mit übertriebener Emotionalität, Dramatisierung, Theatralik, Unechtheit bezeichnet werden kann, aber in einem ganz anderen Zusammenhang, als es der moralisch abwertende Gebrauch des Wortes impliziert. (Mentzos, 11)
Daß der Begriff ,,Hysterie" meistens mit Frauen in Verbindung gebracht wird, erklärt sich schon von seiner Etymologie her. Die Bezeichnung ,,Hysterie" kommt von dem griechischen Wort hystera = Gebärmutter und geht auf den Arzt Hippokrates zurück, der diese, in der Antike als typisches Frauenleiden bekannte Krankheit, auf krankhafte Vorgänge im Unterleib zurückführte. Eine Vorstellung übrigens, die, wie wir noch sehen werden, selbst im viktorianischen Zeitalter noch nicht ganz überholt war. Heutzutage ist diese Auffassung jedoch widerlegt und es ist bekannt, daß es ebenso hysterische Männer wie Frauen gibt.
Was aber leistet nun die Hysterie für den Kranken? Laut Duden geht man davon aus, ,,daß Hysterie den Betroffenen zu einer (allerdings ,,verzerrten") Bedürfnisbefriedigung verhilft und ihnen den Eindruck von Zuwendung und Geltung verschafft, die sie angeblich sonst nicht erhalten."(150) Zu diesem Zweck inszeniert der Charakter unbewußte szenische Darstellungen, in denen er etwas erlebt, was er sonst nicht erleben kann und darf. Diese hysterischen Inszenierungen werden also immer für ein bestimmtes Publikum aufgebaut, z.B. für den Partner, der darauf mit Zuwendung reagiert. Doch obwohl dieser Krankheitsgewinn bei der hysterischen Persönlichkeit immer im Vordergrund steht, ist es nur ein ,,neurotischer und kein realer Gewinn" (Mentzos, 96), denn:
Es geht nämlich um die Entlastung von neurotischen Schuldgefühlen, die Konservierung von Minderwertigkeitsgefühlen, den Ersatz für fehlende, oder unerlaubte Gefühle und Ereignisse, das Wiederbeleben von infantilen Szenen mit den dazugehörigen Affekten, in versteckter und nur dadurch erlaubter Form.(Mentzos, 96)
Die Inszenierung des hysterischen Charakters richtet sich also vornehmlich an sich selbst, an das eigene Über-Ich, das man davon zu überzeugen versucht, daß man doch eigentlich schuldlos oder ganz anders ist, als es den Anschein hat. Trotzdem braucht die hysterische Person aber auch noch ein außenstehendes Publikum, um die Inszenierung konsequent durchhalten zu können und vor sich selbst glaubwürdig zu bleiben.
Und wie verhält sich nun so ein hysterischer Charakter? Dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Die ersten Beschreibungen eines hysterischen Charakters stammen von WITTELS (1930, 1931) und W. REICH (1933).
Als charakteristische Züge beschreibt REICH verhüllte oder unverhüllte Koketterie bei Frauen und Weichheit und Feminität bei Männern. Dazu gehört Unbeständigkeit in den Reaktionen mit unerwarteten und nicht beabsichtigten Wendungen im Verhalten, starke Suggestibilität, Tendenz zu starken Enttäuschungsreaktionen, Neigung zum Phantasieren u.s.w. (Mentzos, 45)
Sowohl bei Mentzos, als auch bei Hoppe findet sich eine übereinstimmende Beschreibung der Hauptzüge des hysterischen Charakters, die die von REICH geschilderten Merkmale aufgreift:
[...]
Quote paper:
Tanja Hamann, 1998, Madness, thy name is woman - Viktorianische Vorstellungen von weiblicher 'Hysterie' und ihre Verarbeitung in Charlotte Bronté's Jane Eyre, Jean Rhys' Wide Sargasso Sea und John Fowles' The French Lieutenant's Woman, Munich, GRIN Publishing GmbH
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