E i n l e i t u n g 3
1. Die Eigenart des Eckhartschen Denkens in Gegenüberstellung zu Thomas von Aquin 4
2. Die unio mystica - Ein Weg, ein Nicht-Weg, ein Weg als zu Hause sein 5
2.1 Resümee 9
3. Gottheit, Gott und Kreatürlichkeit, oder: Sein und Nichts 10
3.1 Exkurs zur Unterscheidung von Gott und Gottheit 11
3.2 Resümee 14
4. Zum Motiv der Eckhartschen Ethik 14
S c h l u s s b e t r a c h t u n g 17
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 19
Diese einleitenden Worte beschreiben trefflich die Motivation, die mich an der Auseinandersetzung mit Meister Eckhart festhält. In diesen Eckhartschen Gedanken und Anleitungen wittere ich eine Kraft, die meiner sonst sehr leisen inneren Ahnung einer religiösen Wahrheit - welche jenseits der Begrenzungen unserer greif- und messbaren Wirklichkeit liegt und die stark überlagert wird von bestechend einleuchtenden wissenschaftlichen „Aufklärungen“ und geschwächt wird von rational nicht begründeten oder begründbaren amtskirchlicher Manifestationen - neue Impulse verleiht und mich, im Hinblick auf die Sinnfrage, die sich immer wieder aufdrängt, zu neuen, konstruktiven Auseinandersetzungen führt.
Indes begreife ich mein bevorstehendes Bemühen, die Grundzüge des Gott-Welt-Mensch-Verhältnisses im Eckhartschen Denken herauszuschälen als Chance, um die Reflexionen über die Sinnhaftigkeit der (eigenen) Existenz zu befruchten...
Die Predigten Eckharts betreffen die Ausgestaltung der Beziehung des Menschen zu Gott und beschreiben somit eine religiös-spirtituelle Dimension. Fernerhin richten sich Eckharts Predigten auch auf einen ethisch-zwischenmenschlichen Bereich. In der nun folgenden Arbeit will ich mich vorwiegend dem religiös-spirituellen Bereich in den Eckhartschen Predigten zuwenden, um daraus ableitend die Bedeutung des ethischen Handelns im Eckhartschen Welt- und Menschenbild zu skizzieren.
Bevor ich jedoch in den hier kurz vorgestellten Ablauf der Arbeit einsteige, will ich die Bedeutung der Grundannahmen des Meister Eckhart deutlich werden lassen, indem ich diese denen des Thomas von Aquin gegenüberstelle.
Die Grundlage dieser Arbeit bietet das im Sommersemester 2000 stattgefundene Seminar „Meiser Eckhart, Sein Seinsbegriff“. Ferner greife ich auf die im Literaturverzeichnis aufgeführten Schriften zurück.
4
1. Die Eigenart des Eckhartschen Denkens in Gegenüberstellung zu Thomas von Aquin.
Um wesentliche Grundannahmen des Eckhartschen Gott-Mensch-Welt-Verständnisses deutlich zu machen erscheint es mir, in Anlehnung an N. Winkler, sinnvoll, diese, in aller Kürze, den weitaus populäreren Grundannahmen des Thomas von Aquin gegenüberzustellen. Indes dann auch klarer wird, worin Kühnheit und Folgenschwere der Darstellungen Eckharts beruhen.
Bei Thomas v. Aq. bleibt Gott, in Abgrenzung von jeglichem Sein, immer sein eigenes Sein. So sind bei Thomas das göttliche Sein und das geschöpfliche Sein zwei verschiedene Arten von Sein, somit Gottes Wesen göttliches Sein hat; die Dinge hingegen nur eine unvollkommene Ähnlichkeit mit dem göttlichen Sein besitzen. 1
Ferner bildet bei Thomas das Sein die Grundlage für das Erkennen Gottes, womit er die Existenz Gottes vor das Erkennen gesetzt hat.
Wohingegen Eckhart das Verhältnis umkehrt und konstatiert, dass es ihm nicht so scheint, dass Gott deswegen erkennt, weil er ist, sondern deswegen ist, weil er erkennt; und ferner formuliert Eckhart: „Gott ist Intellekt und Denken, und das Denken selbst ist die Grundlage seines Seins.“ 2 Bei Eckhart ist somit das Denken konstitutiv für das Sein. Die Ursache der Dinge liegt folglich im Denken des Seienden. Der Intellekt denkt die Dinge nicht von ihrer erscheinenden Wirkung her (wie bei Thomas), um zu ihrer Ursache vorzustoßen, sondern den Wesenheiten kommt nur Sein zu, wenn sie im Denken sind.
Wesen und Sein erscheinen bei Eckhart also als reine Denkbestimmungen, die den binnenreflexiven Gesetzen des Intellekts unterworfen sind. Der Intellekt gründet wesentlich aus sich selbst heraus alles Seiende. Er tritt als wesentliche Ursache (causa essentialis) seiner selbst und des Seins in Erscheinung. Damit ist bei Eckhart ein Subjektverständnis fundiert, das seinen Grund in der sich selbst reflektierenden Vernunft sieht und diese wiederum in Gottes Vernunft gründet. 3 Kernpunkt des Eckhartschen Gesamtkonzeptes ist es also, dass Gott nicht zum Wirklichen hinzutritt, um sein Sein dem geschöpflichen Sein zu vermitteln, sondern, dass das absolute Denken Gottes alles geschöpflich Mögliche mit sich und in sich selbst realisiert, womit Gottes Seinsvermittlung über
1 Vgl. Winkler, N.: !997, S. 40.
2 Quaestio Parisiensis I, n. 4; LW V, S.40, 5f. Zit. nach: N. Winkler: 1997. S.35.
3 Vgl. Winkler, 1997. S. 47.
5
jeglicher Subjekt-Objekt-Vorstellung steht. 4 Und damit geht ein komplexer Aufhebungsvorgang des Gott-Welt-Mensch-Verhältnisses des Thomas einher, indem Eckhart in ein qualitativ neuartiges Gottesverständnis einmündet. 5 Was nun aber dieses Gott-Welt-Mensch-Verhältnis im Eckhartschen Denken näherhin bedeutet und welche Folgerungen daraus Eckhart seinen Zuhörern nahelegt, dem will ich mich im weiteren Verlauf der Arbeit zuwenden.
2. Die unio mystica
Ein Weg, ein Nicht-Weg, ein Weg als zu Hause sein
Die Eckhartschen Predigten, die wir im Folgenden betrachten, können als Empfehlungen verstanden werden, die das religiöse Wirken des Menschen betreffen und dieses religiöse Wirken auf ein religiöses Ziel hin auszurichten beabsichtigen. Somit kommt bei Eckhart der Beschreibung eines religiösen Weges im Hinblick auf Gott und im Verhältnis zur Um- und Mitwelt, unter dem Leitgedanken der Vereinigung mit Gott, der unio mystica, eine zentrale Bedeutung zu. Was im Eckhartschen Gedankensystem Weg und unio mystica bedeuten, in das will ich im Folgenden versuchen einen etwas tieferen Einblick zu erheischen. Hierzu will ich einige Textstellen aus den Predigten Eckharts voranstellen, um besser erfassen zu können, was für Eckhart Weg bzw. Nicht-Weg bedeuten und welcher metaphorischen Hilfsmittel er sich bedient, um diese zu beschreiben.
Die unio mystica gilt als höchster Zustand des Heils. Der Weg dorthin ist ein Weg, der ein Nicht-Weg ist, ein Weg, der sich selbst als Weg auflöst. Er wird von Eckhart als dreifachen Tod der Seele (oder: Obsein aller Leiblichkeit, Entfremden aller Bildlichkeit, bloßes Verstehen ohne Mittel) zusammengefasst. 6 Die dritte Befreiung, der dritte Tod der Selbstsucht sei bei Eckhart, so schreibt Hecker, die unio mystica. 7
Zu diesen drei Wegen predigt Eckhart: „Der eine [Weg] ist dies: mit mannigfachem ´Gewerbe´, mit brennender Liebe in allen Kreaturen Gott zu suchen. [...] Der zweite Weg ist ein wegloser Weg, frei und doch gebunden, wo man willen- und bildlos über sich und alle Dinge weithin erhaben und entrückt ist [...]. Der dritte Weg heißt zwar ´Weg´ und ist doch ein ´Zuhause-Sein´, er ist: Gott zu schauen unmittelbar in seinem eigenen Sein. Nun sagt der liebe Christus: Ich bin (der) Weg, (die)
4 Vgl. ebd. S. 49.
5 Vgl. ebd. S. 47.
6 Vgl. ebd. S. 222.
7 Vgl. Hecker, H.: 2001. S.223.
6
Wahrheit und (das) Leben´ (Joh.. 14,6): ein Christus in der Person, ein Christus im Vater, ein Christus im Geist als Drei: Wahrheit und Leben, Eins als der liebe Jesus, in dem dies alles ist. Außerhalb dieses Weges bilden alle Kreaturen Umringung und (trennendes) ´Mittel´. Auf diesem Wege (aber) in Gott (-Vater) hineingeleitet vom Lichte seines ´Wortes´ und umfangen von der Liebe des (Heiligen) ´Geistes´ ihrer beider: das geht über alles, was man in Worte fassen kann.“ 8 Und weiter führt Eckhart aus: „Lausche (denn) auf das Wunder! Wie wunderbar: draußen stehen wie drinnen, begreifen und umgriffen werden, schauen und (zugleich) das Geschaute selbst sein, halten und gehalten werden - das ist das Ziel, wo der Geist in Ruhe verharrt, der lieben Ewigkeit vereint.“ 9
Um diese schlechterdings kaum fassbaren Umschreibungen seinen Zuhörern näher zu bringen unterzieht sich Eckhart in den Predigten 10 über das Kapitel 10,38-42 des Lukas-Evangeliums weiteren Bemühungen, dieses Erleben der unio mystica auszudrücken. Er bedient sich hierbei verschiedener Begriffe, die ihm dienlich scheinen seine Zuhörer an ebendieses an sich Nichtsagbare heranzuführen: 11
Eckhart formuliert in Anlehnung an den Evangelientext:
„Unser Herr Jesus Christus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.“ 12
Zwar ist im Evangelientext 13 weder von einer Jungfrau noch von einem Weib die Rede, aber dennoch benutzt Eckhart diese Metaphern, um das, wie er sagt, was über alles geht, das man in Worte fassen kann, in irgendeiner Weise auszudrücken, wobei ihm der Evangelientext sozusagen lediglich als Aufhänger für Weiteres dient, um die von ihm gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse darzutun. 14 Erklärend fügt Eckhart dann auch zu seiner Auslegung hinzu: „Jungfrau besagt soviel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war. [...]
8 Pred. 28. In: Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. 1979. S. 284f.
9 Pred. 28. In: Ebd. S. 285
10 Predigten 2 u. 28. In: Josef Quint: Meister Eckhart. Deutsche Predigten und Traktate. 1979. S. 159.
11 Überhaupt scheint mir die etwas genauere Betrachtung dieser Texte (die auch im o. g. Seminar einen
Schwerpunkt bildeten) als sehr hilfreich, um etwas mehr über das Gott-Mensch-Welt-Verständnis des Meister
Eckhart zu erfahren.
12 Ebd. Predigt 2.
13 « Intravit Jesus in quoddam castellum et mulier quaedam, Martha nomine, excepit illum in domum suam.“ (Luc.
10,38)
Arbeit zitieren:
Klaus Itta, 2001, Die Grundzüge des Gott-Welt-Mensch-Verhältnisses im Eckhartschen Denken, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Bereich der Wortbildung in der Sekundarstufe I des Gymnasiums
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Die Minnekonzeption bei Hartmann von Aue am Beispiel ausgewählter Lied...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 28 Seiten
Das Gallische Sonderreich unter Postumus: 260 n.Chr. - 269 n.Chr.
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 16 Seiten
Die Einschätzung von John F. Kennedy und der Berlinkrise in der zeitge...
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Seminararbeit, 23 Seiten
Entwicklung der Titelfiguren aus Lessings Stücken "Miß Sara Samps...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 33 Seiten
Macht und Ohnmacht in Hugo von Hofmannsthals "Reitergeschichte&qu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Stefan George und der Algabal-Zyklus - Eine Beispielanalyse
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
"Unter der Linden" von Walther von der Vogelweide - eine Pa...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 21 Seiten
Die Gruppierungen und die politische Situation zur Zeit Jesu
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 14 Seiten
Aristoteles: Nikomachische Ethik - Die Tugend als eine Mitte
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 20 Seiten
Zu David Humes "An Enquiry Concerning Human Understanding" -...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit, 22 Seiten
Das Prophetieverständnis in der Bibel und im Koran, dargestellt an Abr...
Möglichkeit für einen Dialog?
Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft
Seminararbeit, 24 Seiten
Die empiristische und skeptizistische Erkenntnistheorie David Humes
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit, 20 Seiten
Exegese von Ex 2,1-10 - Moses Geburt und wunderbare Errettung
Theologie - Biblische Theologie
Quellenexegese, 24 Seiten
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 11 Seiten
Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1350): Die Grundzüge des Gott-Welt-Mensch-Verhältnisses im Eckhartschen Denken ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Klaus Itta hat den Text Die Grundzüge des Gott-Welt-Mensch-Verhältnisses im Eckhartschen Denken veröffentlicht
Klaus Itta hat einen neuen Text hochgeladen
Meister Eckhart: Selections from His Essential Writings
Meister Eckhart, Emilie Griffin, Edmund Colledge
German Mystical Writings: Hildegard of Bingen, Meister Eckhart, Jacob ...
Carol Zaleski, Karen J. Campbell, Meister Eckhart
The Complete Mystical Works of Meister Eckhart
Meister Eckhart, Mani Bhaumik, Maurice O'C Walshe
Passion for Creation: The Earth-Honoring Spirituality of Meister Eckha...
Matthew Fox, Eckhart
0 Kommentare