Ein Volk, Ein Land, Zwei Diktaturen. Eine
diktaturtheoretische Vergleichsperspektive der
Herrschaftssysteme Drittes Reich und DDR
von: Frank Brinkmann und Michael Holtschulte
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Theorien und Vergleichsmethodik
2-1. Geschichtliche Dimension des Diktatur-Begriffs 05
2-2. Totalitarismusforschung – Diskussion und Kontroverse 07
2-3. Ausgewähltes Theoriegerüst. 10
2-4. Besonderheiten zum Vergleich NS – DDR 18
3. Drittes Reich und DDR – Aspekte des Vergleichs
3-1. Herrschaftspolitisch 22
3-2. Gesellschaftlich 36
4. Zusammenfassung und Ausblick 41
5. Quellen- und Literaturverzeichnis 44
1. Einleitung
27. Februar 2005. Hollywood, kurz nach 22:00h. Das festlich geschmückte Kodak Theatre ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Dutzende Kameras transportieren jeden Winkel des Raumes und jede Emotion seiner Gäste in Millionen Wohnzimmer rund um den Globus. Eine junge Frau haucht ein ersticktes „thank you all“ ins Mikrofon und verlässt zu Tränen gerührt das Podium in Richtung Zuschauer. Es ist der Höhepunkt ihrer Karriere. Es ist OSCAR – Nacht. Eine Männerstimme durchbricht den rauschenden Applaus und richtet die Augen der wohl bedeutendsten Menschen des Filmgeschäfts erneut auf die Bühne. „…And here are the nominees for best foreign language film!“ Unter den fünf internationalen Produktionen erscheint auch ein deutscher Beitrag: „Downfall – Der Untergang“. Der Film entführt den Zuschauer ins Frühjahr 1945. Berlin steht unter schwerem Beschuss, das Ende des 2. Weltkriegs steht kurz bevor. Ort des Geschehens ist der Führerbunker. Auf eindrucksvolle und fast dokumentarische Weise vermittelt er die letzten Tage Adolf Hitlers und das Ende des Dritten Reiches.
Der Film lockte allein im ersten Monat seiner Veröffentlichung über 3 Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos – ein immenser Erfolg! Fast 60 Jahre nach Ende der NS-Diktatur scheint das breite Interesse an ihr ungebrochen. Erfolgreicher war nur ein anderer deutscher Film: „Goodbye Lenin“ im Jahr 2002. Weit mehr als 6 Millionen Menschen sahen ihn allein in Deutschland. In Frankreich und England wurde er mit über 1 Million Zuschauer und einem Einspielergebnis von mehr als 1 Million britischer Pfund gar erfolgreichster deutscher Film überhaupt. Er gewann den Europäischen Filmpreis und erhielt eine Nominierung der Golden Globe Awards 2003. Er zeigt das Ende der DDR – und wie eine Hand voll junger Menschen in den turbulenten Monaten nach dem Mauerfall versuchen, für eine erkrankte Verfechterin des SED-Staats ein Stückchen DDR-Alltag am Leben zu halten. Auch diesen Film beherrscht die über weite Strecken dokumentarische Betrachtung und Verarbeitung deutscher, ja europäischer Geschichte.
Fast 15 Jahre nach ihrem Zusammenbruch erscheint die DDR in der Öffentlichkeit lebendiger denn je. Im Sommer 2004 produzierte der deutsche Privatsender RTL die 3-teilige „DDRShow: Von Ampelmännchen bis Zentralkomitee“. Durchs Programm führten ein junger Moderator und Katharina Witt, Ausnahmesportlerin und Vorzeigeathletin des DDR-Regimes. Inhaltlich ließ die Sendung kaum eine kritische Perspektive zu. „Das passe auch nicht […]“, erklärte Witt selbstbewusst, „die DDR ist schließlich ein Teil unserer Geschichte, den muss man annehmen.“1 Der Moderator ergänzte: „Es hat natürlich keinen Zweck, […] einen Grenzer einzuladen, um ihn zum Schießbefehl zu befragen.“2 So regierten fast ausschließlich Nostalgie und Niedlichkeit. Katharina Witt: „Ich bin stolz auf die DDR. […] Es gab Thüringer Rostbratwürste und Spreewaldgurken, es war eine schöne Zeit.“3 Deutschland befindet sich in einer Umbruchphase. Anhaltender Reformeifer, wirtschaftliche Krisen und eine gewisse Neuorientierung von Werten dominieren die Tagespolitik. In diesem Umfeld bestimmt zunehmend auch eine idealisierte Darstellung der DDR-Wirklichkeit die politischen Debatten. Die Themen „Arbeitsmarktpolitik“ und „Kinderbetreuung“ sind hier nur zwei Beispiele. Auf der anderen Seite zeigt das jüngste Erstarken der NPD und ihr Einzug in den sächsischen Landtag im September 2004, wie ähnliche Thematiken mit „Fakten“ aus Zeiten des Nationalsozialismus öffentlich verzerrt werden. Unwissenheit und Halbwissen sowohl über die DDR, als auch über das Dritte Reich bilden stets den Kern solch polemischer Argumentationen. Die ideologische Verblendung dieser Regime scheint offenbar heutzutage immer noch nicht ausreichend erkannt.4 Für Lothar Fritze, Mitarbeiter des Hannah-Arendt- Instituts in Dresden, ist dies eine bleibende Gefahr des Totalitarismus. Im Zentrum dieser Arbeit stehen daher die theoretische Einordnung beider politischen Systeme als Diktaturen und ihr Vergleich anhand ausgewählter Beispiele. Dies erscheint bereits „[…] aus Gründen der politischen Bildung unverzichtbar […].“5 Ausgehend von Karl-Dietrich Brachers Definition einer Diktatur werden im ersten Teil der Arbeit mit Hilfe ausgewählter Totalitarismus-Theorien verschiedene Kriterien aufgezeigt, die eine Diktatur kennzeichnen. Darüber hinaus wird eine geeignete wissenschaftliche Methodik des Vergleichs vorgestellt, sowie auf Risiken und Chancen des vorliegenden Falles hingewiesen. Darauf aufbauend werden schließlich im zweiten Teil einzelne Elemente beider Systeme exemplarisch und vertiefend verglichen. Hierbei werden vor allem Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der DDR und dem Nationalsozialismus erarbeitet. Im Fazit soll dargelegt werden, in wiefern beide Staatsformen einer Diktatur entsprechen, ob es legitim ist, sie als solche zu bezeichnen und welche Bedeutung ein solcher Vergleich für die politische und öffentliche Debatte hat.
2. Theorie und Vergleichsmethodik
„Wer die Anstrengung des Begriffs scheut, findet sich nur allzu schnell in der nächtlichen Umgebung wieder, die alle Kühe grau macht.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)6 Zentraler Begriff dieser Arbeit ist die Diktatur. Da jedoch im Volksmund fast jede Staatsform einer Diktatur entspricht, die nicht eine funktionierende parlamentarische Demokratie ist, bedarf es zunächst einer begrifflichen Einordnung. Diese wird auf der Grundlage zentraler Totalitarismustheorien geschehen. Darüber hinaus wird eine geeignete Methodik zum Vergleich von Drittem Reich und DDR vorgestellt. Kern dieses Kapitels stellt also die Beantwortung folgender Was-Fragen dar: 1) Was ist eine (moderne) Diktatur und welche Merkmale zeichnen sie aus? 2) Was ist beim politikwissenschaftlichen Vergleich dieser zwei Staatsformen zu beachten? Dieses Kapitel bildet somit das Fundament, auf dem der spätere Vergleich beider Herrschaftssysteme vorgenommen wird.
2-1. Geschichtliche Dimension des Diktatur-Begriffs
Um die Herrschaftssysteme Drittes Reich und DDR als Diktaturen klassifizieren zu können, ist zunächst eine Klärung des Diktatur-Begriffs nötig. Historisch gesehen liegt der Ursprung dieses Herrschaftstyps in der griechischen Tyrannis und dem römischen Cäsarismus7. Hierbei handelte es sich um eine spezielle Regierungsform, die herrschaftstypologisch etwa einer Krisenregierung entsprach und sich meist auf einen gewissen Zeitraum beschränkte. Im römischen Sinne durfte diese verfassungsmäßige Notstandsmaßnahme nicht länger als 6 Monate andauern. 8 Franz Neumann liefert in seinen „Notizen zur Theorie der Diktatur (1954)“ eine allgemeine Definition der Diktatur und bezeichnet sie als: „Herrschaft einer Person oder einer Gruppe, die […] die Macht im Staat […] monopolisiert und ohne Einschränkung ausübt.“9 Ihm zufolge entspricht die frühgeschichtliche Despotie einer „einfachen Diktatur“, da sie sich allein auf die damals üblichen Herrschaftsinstrumente (Armee, Polizei, Bürokratie) beschränkte. Otto Stammer charakterisiert diese Ausprägung auch als „konstitutionelle Diktatur“ und sieht sie als ursprünglichste Form an.10
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verändert sich durch die stark zunehmende Industrialisierung und Technisierung der Gesellschaften auch die Gestalt von Diktaturen. Zwar versteht Karl- Dietrich Bracher die Beschaffenheit der modernen Diktatur „nachdrücklich von den historischen Formen […] der unbeschränkten Selbstherrschaft seit der Antike abgehoben“, dennoch existiert eine Rückbezüglichkeit zu früheren Ausprägungen. 11 Er versteht ihren wesentlichen Unterschied im Anspruch auf permanente Herrschaft, sowie durch die konstante Politisierung der Gesellschaft im Sinne eines autoritären Einheitsstaates.12 Speziell die neuen Entwicklungen auf technischem Gebiet (Massenkommunikationsmittel wie Radio und Film, sowie Transportmittel, insbesondere das Flugzeug) erlauben eine viel stärkere ideologische Durchdringung und Manipulation der Bevölkerung durch gezielte Propaganda als früher.13 Dies wird ebenfalls durch die zunehmende Verbreitung von Bildung in der Bevölkerung vereinfacht: mittlerweile sind Mitglieder aller sozialen Schichten in der Lage, Lesen und Schreiben zu können.
Für moderne diktatorische Regime ist seit der Französischen Revolution und der dadurch hervorgerufenen „Politisierung der Massen“ eine Berufung auf den Volkswillen, eine pseudolegale Machtergreifung, eine pseudo-demokratische und plebiszitäre Verkleidung als Rechtfertigung der Alleinherrschaft, sowie eine breite propagandistische Fundierung einer „Volksdiktatur als wahre Demokratie“ unverzichtbar.14 Eine völlige Kontrolle und Erfassung, sowie die ideologische Gleichschaltung des Lebens und Denkens der Staatsbürger bildet hierbei nach Bracher die Grundlage dieser neuen Ausprägung. 15 Diese Merkmale werden auch autorenübergreifend als wesentliche Elemente einer „modernen Diktatur“ des 20. Jahrhunderts angesehen. Otto Stammer setzt den Begriff der modernen Diktatur auch mit „totalitärer Herrschaft“ gleich. 16 Im Folgenden entsprechen die Begriffe der „modernen Diktatur“ und „totalitären Herrschaft“ also diesen angeführten Eigenschaften.
2-2. Totalitarismus - Diskussion und Kontroverse
[...]
1 http://www.stern.de/unterhaltung/film/?eid=512223&id=512202&nv=ex_rt (24.02.2005).
2 Ebenda.
3 http://www.katharinawitt.de/index_de.html (24.02.2005).
4 Lothar Fritze in: Heydemann; Jesse (1998), S. 118.
5 Schmiechen-Ackermann (2002), S. 18.
6 In: Kühnhardt; Leutenecker; et al. (1994), S. 25.
7 Karl-Dietrich Bracher (1962), S. 6.
8 Audunn Arnörsson, in: Kühnhardt; Leutenecker; et al. (1994), S. 200.
9 Detlef Schmiechen-Ackermann (2002), S. 6.
10 Otto Stammer, in: Sills (1968), S. 161-169.
11 Karl-Dietrich Bracher (1962), S. 5. 12 Ebenda, S. 6, S. 12.
13 Benito Mussolini nannte in den 1920er Jahren als wesentliches Ziel einer „totalen Herrschaft“ die Regelung allen öffentlichen, wie privaten Lebens der Bevölkerung durch einen zentral geführten und organisierten Staat.
14 Karl-Dietrich Bracher (1962), S. 7.
15 Ebenda, S. 3.
16 Detlef Schmiechen-Ackermann (2002), S. 8.
Quote paper:
Frank Brinkmann, Michael Holtschulte, 2005, Ein Volk, Ein Land, Zwei Diktaturen. Eine diktaturtheoretische Vergleichsperspektive der Herrschaftssysteme Drittes Reich und DDR., Munich, GRIN Publishing GmbH
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