Probleme der Leistungsbeurteilung und Leistungsdiagnose (bei ausländischen Kindern) von Ina Linke - Benzing
Zensur als Urteilsinstrument der Schule über Schüler und implizit über dessen Eltern > Entscheidet ob und wie weit Schüler schulische Normen erfüllt, wie weit oben er in der Rangliste in Konkurrenz zu seinen Mitschülern steht > Konkurrenzprinzip verstößt gegen gesellschaftspolitischen, pädagogischen Grundsatz > Fö rderung der Individualität des jungen Menschen in einer Gruppe, die nach Prinzip der Solidarität gemeinsam lernt und miteinander versucht Probleme zu lösen.
Problem bei ausländischen Kindern: Benotungspraxis muß neu durchdacht und verändert werden > statt Auslese (und damit verbundene Verurteilung) Leistungsmessung als Instrument der Lernförderung und Diagnostik. Liefert Daten und Informationen über individuelle Lernprozesse für Schüler und Lehrer, bzw. über Qualität von Unterricht.
Folgende systematische Einstellungsfehler des Lehrers u.a. bei Beurteilung ausländischer Schüler:
Lehrer neigt zu scharfer oder zu milder Beurteilung. Urteil abhängig vom Geschlecht des Beurteilten.
Urteil abhängig von Informationen über soziale Herkunft und Fremdaussagen über Verhalten des Schülers.
Enger Zusammenhang zwischen Leistungsbeurteilung und Urteilen über soziale Verhaltensweisen.
Urteil abhängig von implizierter Persönlichkeitstheorie des Lehrers. Urteil abhängig von persönlicher Einschätzung des Lehrers bezüglich Ze nsuren. > Günstige Einstellung = Schüler motiviert, verstärkte Erfolgsorientation, Negative Sanktionierung = hemmende Wirkung auf Lernmotivation. Konkurrenzklima entsteht, verhindert Kooperation und Solidarität. Schwächere werden demotiviert, in hoffnungslose Lage gedrängt > Diskrepanz in Lernbereichen wird als Folge negativer Urteile immer größer > psychologische Belastung für Eltern und Schüler. Lehrer-Schüler-Verhältnis stark emotionalisiert und nicht versachlicht.
Besondere Problemmerkmale der Beurteilung von ausländischen Schülern:
Fragen, ob Schüler für Übergang aus Vorbereitungsklass in Regelklasse empfohlen werden kann. Ob er in nächsthöhere Klassenstufe aufrücken kann. Ob er in eine weiterführende Schule überwechseln kann. Ob er generell einen formalen deutschen Schulabschluß zuerkannt bekommen kann. Doppelte Schwierigkeit für den Lehrer > Muß sich auf sprachlich benachteiligten, soziokulturell anders orientierten und im Verhaltensrepertoire nicht auf mittelschichtspezifische Leistungsorientiertheit der Schule ausgerichteten ausländischen Schüler einstellen.
Erlaß von Rheinland-Pfalz, Zensur im Fach Deutsch wird durch erklärende Bemerkungen über folgende Dimensionen der Sprachleistung interpretiert: Über Fähigkeit des Verstehens, über Fähigkeit des Sprechens, über Fähigkeit der Verständigung, über Schreibfähigkeit, über die in allen Dimensionen erzielten Fortschritte.
Erlaß von Schleswig-Holstein: Zensur im Fach Deutsch wird ersetzt durch Bemerkung über Dimension “Verständigungsfähigkeit“. Durch Anstreichen soll beurteilt werden ob Lernfortschritt im Gebrauch der deutschen Sprache sehr groß, groß, ausreichend oder nur ein einfacher Fortschritt ist. Übergang in Regelklasse abhängig von Schüler ob er sich in der deutschen Sprache verständigen kann und ob seine Sprachkenntnisse ausreichen um am Unterricht teilzunehmen.
Zum Unterricht in Deutsch als Fremdsprache (Hans-H.Reich)
Sprachlernsituation:
Deutschunterricht für ausländische Kinder hat andere Grundsätze als Deutschunterricht für deutsche Kinder > er ist ein Fremdsprachenunterricht. Auch Sprachlernsituation eine andere: Bei deutschen Kindern soll Erstsprache gefördert werden. Situation unterscheidet sich auch von Englischunterricht der deutschen Kinder an Hauptschulen.
Ausländische Kinder lernen Deutsch als Sprache ihrer Umwelt und nicht als Sprache ihrer Familie > Sprachkonflikte: linguistische Interferenz (psychische, soziale Konflikte, die über Sprache vermittelt werden). Beginn des Deutschlernens wird nicht von pädagogischen Überlegungen bestimmt > Deutsch
wird auf einem Niveau gelernt, das über Beherrschung der Erstsprache hinausführt (insbesondere im Schriftlichen). Andererseits ist oft Vermittlung des Notwendigen auch bei bester didaktischer Ausstattung nicht möglich. Schulischer Sprachunterricht, nicht einzige Sprachlernquelle: Deutsch von Spielplatz, von der Straße, vom Fernseher, Slang (“Gastarbeiterdeutsch“) > wird vom Deutschlehrer im Unterricht völlig ignoriert > Verwirrung auf beiden Seiten. Anforderungen an das Deutschlernen sind sehr hoch: Umweltdruck, Leistungsdruck der Schule.
Ziel des Lehrers im Deutschunterricht: Integration! Entwicklung von Fähigkeiten, sich in der neuen Umwelt durchzusetzen, ihre eigenen Interessen zu vertreten, Konflikte auszutragen und ein den Umständen entsprechendes soziales und kulturelles Selbstverständnis aufzubauen. Zunehmende Partizipation und Gewinnung von Identität! Kommunikation > ermöglicht Teilnahme in verschiedenen Integrationsfeldern. Kommunikationsfähigkeit im Bereiche des Alltags, Berufs, und der Gesellschaft. Ein Zurechtkommen mit irgendeiner Form von Zweisprachigkeit in Familie, Schule und Öffentlichkeit.
Ziel des Deutschunterrichts für ausländische Kinder (Barbara Götze: Was erschwert Ausländerkindern das Erlernen der deutschen Sprache?) Laut Beschluß der Kultusministerkonferenz vom 8.4.1976: Einerseits sollen ausländische Schüler befähigt werden, “die deutsche Sprache zu erlernen und die deutschen Schulabschlüsse zu erreichen“ andererseits sind “die Kenntnisse in der Muttersprache zu erhalten und zu erweitern.“ > Verursacht Konflikte
Lehrer für Deutsch als Fremdsprache:
Problem bei deutschen Lehrern: keine spezifische Ausbildung für diesen Unterricht. Keine fremdsprachendidaktische Ausbildung wie beim deutschen Auslandslehrer oder dem Englischlehrer in der Hauptschule > oft fehlt Blick für andersartige Sprachlernsituation und Verbindung von sprachlichem und sozialem Lernen.
Problem bei ausländischen Deutschlehrern: Fehlen von spezifisch fremdsprachendidaktische Ausbildung und allgemeine pädagogische und didaktische Vorbereitung für ein Arbeiten innerhalb des deutschen Schulsystems
Arbeit zitieren:
Didem Oktay, 2001, Die Beurteilung ausländischer Schüler im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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