1 Einleitung. 2
2 Geistesgeschichtlicher Kontext des -RXUQDOV 3
2.1 Zum Begriff „Aufklärung“ 3
2.1.1 Periodisierung der Epoche der XINOlUXQJnach Alt 4
2.2 Zum Begriff „Sturm und Drang“ 8
2.2.1 „Absetzung von aller Fremdbestimmung“ -
Beschreibungsmodell nach Siegrist 10
2.3 Problematik des Verhältnisses von Aufklärung und Sturm und Drang
14
3 Herders geistesgeschichtlicher Kontext zur Zeit der Niederschrift des
-RXUQDOs 18
3.1.1 Rousseau und Spinoza 18
3.1.2 Herders 0HQVFKOLFKH3KLORVRSKLH 20
4 Einordnung des -RXUQDOV im Kontext von XINOlUXQJ und 6WXUPXQG
'UDQJ 22
4.1 Theoreme des Sturm und Drang im Journal nach Braune-Steininger
25
4.2 Aufklärerische Aspekte im Journal 27
5 Geschichtsphilosophische Aspekte im -RXUQDO 29
5.1 Mensch und Natur 30
5.2 Despotismus 31
5.3 Religion und Mythologie 31
5.4 Das Wunderbare und das Erhabene. 32
6 Stellung des -RXUQDOV im Gesamtwerk Herders. 33
7 Resümee. 36
1
(LQOHLWXQJ , das Johann Gottfried Herder in einem Das -RXUQDOPHLQHU5HLVHLP-DKU
zeitlichen Abstand von mehreren Monaten zu seiner Schiffsreise von Riga nach Nantes im Jahre 1769 niederschrieb, wurde in vollständiger Form das erste Mal mehr als 70 Jahre später von seinem Sohn Emil Gottfried Herder veröffentlicht. Das „sonderbare Ding“ 2 , wie Herder selbst den Text in einem Brief an seinen Verleger Johann Friedrich Hartknoch genannt hat, war nicht zur Veröffentlichung gedacht, der Autor intendierte keine größere Rezeption, allenfalls einige engere Freunde schwebten ihm als mögliche Leser vor. Fragment geblieben, historisch und geistesgeschichtlich an der Schnittstelle von $XINOlUXQJ und 6WXUPXQG'UDQJ angesiedelt, hat er das Interesse der literaturwissenschaftlichen Forschung in einem besonderen Maße geweckt. Dies erklärt sich zum einen aus seiner genannten geistesgeschichtlichen Lage, zum andern aus dem dokumentarischen Charakter, den der Text für die Ideenwelt des jungen Herder besitzt; viele seiner späteren Anschauungen und Geisteskonzepte scheint er bereits im Kern zu enthalten.
Es soll in der vorliegenden Arbeit nicht in erster Linie darum gehen, eine eindeutige Zuordnung des Textes zu einer bestimmten (literatur-) historischen Epoche vorzunehmen. Ebenso wenig soll versucht werden, eine eindeutige Beantwortung der Frage der Zugehörigkeit oder der Gegenläufigkeit des 6WXUP XQG'UDQJ zur $XINOlUXQJ zu liefern. Vielmehr soll am Beispiel von Herders -RXUQDO aufgezeigt werden, inwiefern der 6WXUPXQG'UDQJ berechtigterweise als Fortführung oder Ergänzung der $XINOlUXQJ, aber ebenso als Kritik an bestimmten Formen derselben gesehen werden kann; stellt sie doch selbst keinesfalls eine reine, geradlinige Bewegung, sondern ein lebendiges Gebilde mit unterschiedlichen Strömungen dar.
Eine radikale Ablehnung eines Teiles der $XINOlUXQJ durch die Dichter des 6WXUPXQG'UDQJ muss daher nicht zwangsläufig eine generelle Abkehr von allen aufklärerischen Ideen bedeuten. Gerade an der Person Herders lässt sich das deutlich zeigen. In dem Versuch der vornehmlich älteren Herder-
1 Herder:Journal meiner Reise im Jahr 1769; im weiteren Verlauf der Arbeit verkürzt -RXUQDO genannt.
2
Forschung, ihn einseitig entweder der Periode der $XINOlUXQJ oder der des 6WXUPXQG'UDQJ zuzuordnen, zeigt sich die Begrenztheit der Beschreibungsmöglichkeiten eines literaturwissenschaftlichen Verfahrens, das stets darum bemüht ist, literarische Phänomene in eindeutiger Weise zu kategorisieren. Herders außergewöhnlichem Denken - außergewöhnlich insofern, als er Aspekte ganz verschiedener Denkansätze in seinem Denken vereinigt - kann so nicht entsprochen werden. Der traditionelle Epochenbegriff muss hier unweigerlich an seine Grenzen stoßen.
Im Folgenden soll daher versucht werden, in einem knappen Überblick die Epochen der $XINOlUXQJ und des 6WXUPXQG'UDQJ zu definieren und in ihrem Verhältnis zueinander zu skizzieren sowie aufzuzeigen, auf welche Weise sich das -RXUQDO in diesen Zusammenhang einfügt.
*HLVWHVJHVFKLFKWOLFKHU.RQWH[WGHV-RXUQDOV
=XP%HJULIIÄ$XINOlUXQJ³
Der Mensch hat nichts vortreflichers von GOtt empfangen, als seinen Verstand [...] 3 Die Frage der Definition von $XINOlUXQJist grundlegend sowohl für die Beschreibung des 6WXUPXQG'UDQJ, indem daraus die Beziehung resultiert, in welcher dieser zur $XINOlUXQJ steht, als auch für die Einordnung des -RXUQDOV in den geistesgeschichtlichen Komplex von $XINOlUXQJ und 6WXUPXQG'UDQJ. Das oben angeführte Zitat von Christian Wolff steht paradigmatisch für eine ganze Tradition literaturwissenschaftlicher Auffassungen und Beschreibungen des Begriffes und der Epoche der $XINOlUXQJ, welche diese auf ihre rationale Seite reduzierten und die sog. „Tyrannei der Vernunft“ als Auswuchs der einzigen, nämlich rational orientierten, Tendenz aufklärerischen Denkens ausmachte. Diese Fehlinterpretation wurde, so Emil Adler, erleichtert durch eine „ungeschichtliche Interpretierung der Strömungen der ersten Periode“ 4 , welche die gesamte Aufklärungsbewegung mit einer „gewissen vulgarisierenden, als ‚Aufkläricht’ verlachten Strömung der Aufklärung“ 5 gleichsetzte.
2 Herder: Briefe, Band I, S. 170. Brief an Johann Friedrich Hartknoch, geschrieben Ende Oktober 1769.
3 Wolff: Gesammelte Werke, Band 1, S. 105.
4 Adler: Herder und die deutsche Aufklärung, S. 37. Die Bezeichnung „erste Periode“ bezieht sich auf das von Adler beschriebene Modell der Einteilung der Aufklärung nach Georg Lukàcs in drei Perioden: 1. „Lessing-“ oder auch „kritische“ Periode, 2. Sturm-und-Drang-Periode, 3. Periode der (Weimarer) Klassik.
5 Ebd.
3
Richtig ist, wie es in jüngerer Zeit etwa Peter-André Alt bestätigt, dass die $XINOlUXQJ in allen ihren unterschiedlichen Phasen jeweils „die Vernunft des Menschen in den Mittelpunkt ihres analytischen bzw. praktischen Interesses rückt“ und die „Arbeit des menschlichen Verstandes [...] den bevorzugten Gegenstand aufklärerischer Erkenntnis und zugleich das maßgebliche methodische Instrument“ bildet. 6
Jedoch ist das Konzept von $XINOlUXQJ durch die neuere Forschung dahingehend erweitert worden, dass sie nicht mehr als puristisch rationale Bewegung beschrieben wird, sondern ihrer empfindsamen Unterströmung Rechnung getragen wird. Diese erweiterte Fassung des Begriffs $XINOlUXQJ hatte zur Folge, dass der jahrzehntelang behauptete Gegensatz zum 6WXUPXQG'UDQJ als emotionale Befreiung vom aufklärerischen Diktat der „Tyrannei der Vernunft“ - nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Unbestritten war stets der politische Charakter der $XINOlUXQJ, dessen Gewicht etwa Alt speziell für die gesamte deutsche Frühaufklärung herausstreicht. Auch Katharina Mommsen betont den politischen Charakter von $XINOlUXQJ, wenn sie schreibt:
Mit der Aufklärung geht Herder konform, wenn er in politischer Freiheit die Voraussetzung für jedes echte Leben sieht. 7
Adler nennt den Kampf gegen den feudalen Absolutismus neben dem gegen die herrschende Kirchenhierarchie eines der Hauptanliegen der $XINOlUXQJ:
Ohne Zweifel lag der bleibende Anteil der spinozistischen Idee im aggressiven Antitheologismus, der dem Menschen seine natürlichen, menschlichen Rechte wiedergab und der sich in einem Protest gegen die herrschende Kirchenhierarchie und indirekt gegen die Staatsgewalt äußerte. 8
Exemplarisch für die jüngere Forschung soll im Folgenden kurz die Periodisierung der $XINOlUXQJ nach Alt aufgezeigt werden.
3HULRGLVLHUXQJGHU(SRFKHGHU$XINOlUXQJQDFK$OW Alt unterscheidet im „gesamteuropäischen Epochenphänomen Aufklärung“ 9 drei Phasen, als deren programmatische Begriffe er ausmacht: 1) Rationalismus (1680 - 1740), 2) Sensualismus bzw. Empirismus (1740 - 1780),
6 Alt: Aufklärung, S. 11.
7 Mommsen: Nachwort. In: Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769, S. 210.
8 Adler, S. 30.
4
3) Kritizismus (1780 - 1795).
Alt erkennt übergreifende Gemeinsamkeiten zwischen diesen verschiedenen Phasen, die im Anschluss ebenfalls kurz skizziert werden.
5DWLRQDOLVPXV
Die Phase der frühen $XINOlUXQJ datiert Alt von 1680 bis 1740 und sieht sie beherrscht durch den Rationalismus. Das Prinzip der Rationalität begründet demnach die neue Denkmethode, die sich im Zusammenspiel mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt und in deren Zentrum der Gedanke steht, dass die gottgeschaffene Natur als Vernunftnatur und logisch gegründete Ordnung aufzufassen und vom Menschen mit den Mitteln des Verstandes systematisch zu erschließen sei. War die absolute Erkenntnis der Natur im Rahmen der Ordnungsentwürfe der Scholastik und des Humanismus noch Gott als Schöpfer vorbehalten gewesen und wollte die frühe $XINOlUXQJ nun zwar einen neuen Wissensbegriff durchsetzen, so trat der neue Rationalismus dennoch nicht in offene Konkurrenz zur christlichen Metaphysik, deren Grundsätze als Komplement zum Wahrheitsanspruch der Vernunft gelten und möglichst mit ihr vermittelt werden sollten.
6HQVXDOLVPXV
Die zweite Phase der $XINOlUXQJ geht nach diesem Erklärungsmodell ab ca. 1740 auf Distanz zum logozentrischen, rein verstandesorientierten Lehrsystem des Rationalismus und neigt statt dessen zu einer neuen Philosophie der menschlichen Erfahrung, die zwar immer noch vom Primat der Vernunft geleitet ist, jedoch unter Einbeziehung der Untersuchung des psychischen Wahrnehmungsvermögens, individueller Empfindungen und des Verhältnisses von Leib und Seele eine veränderte methodische Basis für die systematische Erforschung von Mensch und Natur schaffen will. Dabei sind insbesondere diejenigen Bereiche Ziel des neuen Interesses, die nicht als verstandesgestützt gelten, wie Akte der Sinneswahrnehmung, physiologische Prozesse, Empfindungen und Nervenreize.
Der Sensualismus betrachtet das Feld der Wahrnehmungen, denen sich der Mensch überantworten kann, als einen der Vernunft korrespondierenden, durchaus rational analysierbaren Bereich, der keineswegs der Regellosigkeit des Irrationalen unterliegt, vielmehr wissenschaftlichem Urteil zugänglich ist. 10
9 Vgl. Alt, S. 7 - 14.
10 Ebd., S. 9.
5
So entfaltet sich der Sensualismus als Lehre von den Empfindungen des Menschen und bestimmt beispielsweise in den 1740er Jahren die poetologischästhetischen Abhandlungen der Schweizer Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger.
Aus dieser erweiterten, den Sensualismus einbeziehenden Fassung des Begriffes $XINOlUXQJ resultiert auch die neue Betrachtung des 6WXUPXQG'UDQJ nicht mehr als Gegenströmung zur $XINOlUXQJ, sondern als Teil von ihr.
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Ab ca. 1780 beginnt nach dem Altschen Modell die dritte und abschließende Phase der $XINOlUXQJ, deren intellektuelles Zentrum Immanuel Kant ist, der in seiner .ULWLNGHUUHLQHQ9HUQXQIW neben der rationalistischen Metaphysik der Frühaufklärung auch den Empirismus der zweiten Phase in einer neuen methodischen Synthese aufhebt. Kant geht von der Frage aus, wie es dem Menschen gelingen könne, seine Freiheit als reflektierendes Wesen im Akt des Urteils über die ihn umgebende Erfahrungswelt zu behaupten. Dabei leitet ihn der Grundgedanke, dass das Urteil über die äußere Realität zunächst selbst unabhängig von jeglicher Erfahrung gefällt wird, bzw. von ihr nur beiläufig geprägt wird. Vielmehr stützt es sich auf allgemeine, logisch begründbare Vernunftprinzipien und formale Kategorien, durch welche wiederum unsere Wahrnehmung der Realität und somit diese selbst wesentlich strukturiert werden. In Kants Annahme des Menschen als Vernunftwesen und intellektuellem Souverain der Wirklichkeit bekundet sich ein Optimismus, der keines metaphysischen Beistands mehr bedarf. So macht Kritik, also das Denken, auch vor den Autoritäten der Kirche und der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht Halt und ge-horcht autonomen Prinzipien.
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Alt benennt vier Leitmotive aufklärerischen Denkens, die für jede der drei unterschiedenen Phasen der $XINOlUXQJ gelten.
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Phasenunabhängig sieht Alt die $XINOlUXQJ grundsätzlich beherrscht durch die Ermächtigung der Vernunft. Dabei unterliegt der Vernunftbegriff selbst gleich-
6
wohl divergierenden Auffassungen. Bezieht er sich zur Zeit des Rationalismus ausschließlich auf die Verstandestätigkeit des Menschen, so weitet er sich im Sensualismus und Empirismus auf den Bereich des Fühlens und Empfindens aus und wird bei Kant schließlich zu einem die Realität selbst konstituierenden Instrument.
Somit bildet die Vernunft stets den Mittelpunkt des analytischen und praktischen Interesses und steht zugleich im Zentrum des optimistischen aufklärerischen Denkens. Das praktische Ideal vernunftgegründeten Handelns soll dabei garantieren, dass sich der Mensch in seiner individuellen bzw. gattungsgeschichtlichen Entwicklung zu immer größerer Vollkommenheit entwickelt, wie Herder es auch in seinem im -RXUQDO propagierten Bildungsideal vorsieht.
(U]LHKXQJGHV0HQVFKHQ
Die $XINOlUXQJ hat eine klare pädagogische Ausrichtung, indem sie den Menschen zum Gebrauch seines Verstandes anleiten will. Sie will einen Beitrag leisten zur vernünftigen Lebensführung, „als Programm der Befreiung von Aberglaube und Unfreiheit im Interesse der Ausbildung intellektueller Fertigkeiten“. 11 Als Hilfsmittel bei der Verwirklichung dieses pädagogischen Anspruchs dienen, so Alt, die Förderung publizistischer Öffentlichkeit, die Ausbildung von Buch- und Zeitschriftenmarkt und die Neukonzeption des schulischen und universitären Unterrichts. Somit sind Buch, Schule, Lektüre und Ausbildung zentrale Elemente des aufklärerischen Diskurses. Nach Auffassung Ulrich Karthaus’ kann man $XINOlUXQJ sogar nahezu mit Erziehung gleichsetzen, wenn man sie als Tätigkeit betrachtet. 12
=HLWDOWHUGHV:LVVHQVXQGGHU:LVVHQVFKDIWHQ
Alt führt aus, wie die Naturwissenschaften mit einem veränderten methodischen Anspruch ein neues Vertrauen in die intellektuellen Fertigkeiten des Menschen begründeten und im Zeitalter der $XINOlUXQJ ein vorher nicht gekanntes Wahrheitspostulat wissenschaftlicher Verfahrensweisen zutage trat. Wissenschaftliche Erkenntnisse hatten fortan nicht mehr nur rein hypothetischen Charakter, sondern erhielten eine realitätserschließende Dimension und traten somit in Konkurrenz zum Wahrheitsprivileg der Theologie.
11 Ebd., S. 12.
7
Arbeit zitieren:
Florian Görner, 2002, Johann Gottfried Herders "Journal meiner Reise im Jahr 1769" im Kontext von Aufklärung und Sturm und Drang, München, GRIN Verlag GmbH
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