Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
1. Qualitätsforschung. 4
1.1. Einordnung des Qualitätsbegriffes. 4
1.1.1. Definition. 4
1.1.2. Grundvoraussetzungen für journalistische Qualität 6
1.2. Qualität in der journalistischen Praxis 8
1.2.1. Problematik der Qualitätssicherung 8
1.2.2. Grundgesetz und Landespressegesetze. 10
1.2.3. Pressekodex 12
1.3. Wissenschaftliche Betrachtungsebenen der Qualitätsforschung. 13
1.4. Qualitätskriterien. 16
1.5. Fazit. 23
2. Der Islam in den Medien 25
2.1. Bilder und Stereotype. 25
2.2. Islam als Feindbild? 31
2.3. „Ismen“: Fundamentalismus, Islamismus und Terrorismus 38
2.4. Der Islam in den Medien - Forschungsüberblick 43
2.4.1. Ursachen und Ausprägungen des Islambildes in den Medien. 43
2.4.2. Empirische Forschung zum Islambild in den Medien. 48
2.5. Islamberichterstattung nach den Anschlägen vom 11. September 2001. 56
2.6. Fazit. 63
3. Hypothesen 66
4. Zur Methode. 69
4.1. Auswahl der Medien 69
4.2. Untersuchungszeitraum und Stichprobe 71
4.3. Vor- und Nachteile der quantitativen Inhaltsanalyse 74
4.4. Kategorienbildung. 76
4.4.1. Formale Kriterien 77
4.4.2. Inhaltliche Kriterien. 78
4.5. Der Codiervorgang. 81
4.6. Überprüfung des Messinstruments. 81
4.6.1. Pretest 81
4.6.2. Reliabilität und Validität des Messinstruments. 82
5. Ergebnisse. 86
5.1. Formale Kriterien 86
5.2. Die Islam-Berichterstattung vor und nach dem 11. September 2001 95
6. Schlusswort. 122
Literaturverzeichnis 125
Der Anhang mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis ist separat gebunden
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Die Vernetzung qualitativer Grundbedingungen nach McQuail.
Abb. 2: Das Magische Vieleck der Qualitätssicherung nach Ruß-Mohl.
Abb. 3: Qualitätskriterien nach Hagen.
Abb. 4: Qualitätskriterien der vorliegenden Untersuchung
Abb. 5: Arten von Stereotypen nach Dröge.
Abb. 6: Einflüsse auf das Islambild in den Medien
Abb. 7: Zusammenhänge von journalistischer Qualität und Islambild
Abb. 8: Formel zur Bestimmung der Intercoderreliabilität nach Früh.
Abb. 9: Formel zur Bestimmung der Intracoderreliabilität.
Abb. 10: Anzahl der Analyseeinheiten vor und nach den Anschlägen (n 917)
Abb. 11: Platzierung der Analyseeinheiten nach Publikation gesamt in Prozent
Abb. 12: Ressortzuordnung vor und nach den Anschlägen in Prozent
Abb. 13: Journalistische Darstellungsformen vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Abb. 14: Autorenbezeichnung vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Abb. 15: Regionen vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Abb. 16: Themenbereiche vor und nach den Anschlägen in Prozent
Abb. 17: Ereignisvalenz vor und nach den Anschlägen in Prozent
Abb. 18: Ereignisvalenzen nach Publikation gesamt in Prozent.
Abb. 19: Einbeziehung muslimischer Akteure vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Abb. 20: Art der Typisierungen vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Abb. 21: Tendenz der Wertungen vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Abb. 22: Verbindung von Islam und Terrorismus vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Zusammenhang von Betrachtungsebenen und Kriterien nach Karmasin
Tab. 2: Daten der zu untersuchenden Publikationen.
Tab. 3: Ergebnisse des Intracoderreliabilitätstests
Tab. 4: Top Ten der Ländernennung vor und nach den Anschlägen in Prozent
Tab. 5: Top Ten der Themen vor und nach den Anschlägen in Prozent.
Tab 6: Top Ten der Typisierungen vor und nach den Anschlägen in Prozent
1 Einleitung
Einleitung
„Gerade in einer solchen Krisensituation müssten die Journalistinnen und Journalisten für Frieden, Völkerverständigung und Toleranz eintreten und pauschale Urteile vermeiden.“ 1
Mit diesen Worten rief der damalige Bundesvorsitzende des Deutschen Journalis-tenverbandes (DJV), Dr. Siegfried Weischenberg, wenige Tage nach den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon dazu auf, die journalistische Qualität nicht unter diesen Eindrücken leiden zu lassen. Doch hat mit dem 11. September 2001 tatsächlich eine Qualitätsbeeinträchtigung in der Berichterstattung der deutschen Tagespresse stattgefunden? Diese Arbeit setzt sich mit dieser Frage insbesondere in Bezug auf Objektivität in der Islam-Berichterstattung 2 auseinander. Kommunikationswissenschaftlich ist interessant, ob sich ein so prägendes Ereignis auf die journalistische Qualität in Presseerzeugnissen, die für sich den Wert der differenzierten, quasi-objektiven Berichterstattung 3 beanspruchen, auswirkt. 4
Bisherige Untersuchungen haben sich vorwiegend auf das Nahostbild in den Medien beschränkt. Nur zwei Studien setzen sich empirisch mit dem Islambild in der deutschen Medienlandschaft auseinander, und zwar die Untersuchungen von Detlef Thofern (Islambild in Der Spiegel) 5 und Kai Hafez (Nahost- und Islambild in der deutschen Presse) 6 . Die Studie von Hafez ist die einzige kommunikationswissenschaftliche Analyse, bezieht sich aber ebenfalls vornehmlich auf das Nahostbild. Andere Forschungen zum Islambild verfolgen zumeist kulturbeziehungsweise religionswissenschaftliche Ansätze.
1 Deutscher Journalistenverband: Besonnenheit in der Berichterstattung. Pressemeldung vom 15.9.2001. Online unter http://www.djv.de/aktuelles/presse/archiv/2001/15a_09_01.shtml. Updated: 15.9.2001 (12.1.2003).
2 Mit Islam-Berichterstattung ist in dieser Abhandlung nicht die Islam thematisierende, sondern die Islam erwähnende Berichterstattung gemeint. Der oben genannte Begriff wird im Folgenden zur sprachlichen Vereinfachung verwendet.
3 „Quasi-objektiv“, da Objektivität von Individuen selbstverständlich nie vollständig gewährleistet werden kann.
4 Als in Deutschland lebende Muslima bringe ich der Islam-Berichterstattung zudem nicht nur fachliches, sondern auch persönliches Interesse entgegen.
5 Thofern, Detlef: Darstellungen des Islams in „Der Spiegel“. Eine inhaltsanalytische Untersuchung über Themen und Bilder der Berichterstattung von 1950 bis 1989. Hamburg: Kovac, 1998.
6 Hafez, Kai: Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Band 2: Das Nahost- und Islambild der deutschen überregionalen Presse. Baden-Baden: Nomos, 2002.
2 Einleitung
Es gibt keine Untersuchung zum Nahost- oder Islambild, die sich mit den Auswirkungen eines besonders einflussreichen Ereignisses außerhalb der deutschen Grenzen auf das Islambild im Inland beschäftigt. Der Aspekt Qualität spielt in den erwähnten Untersuchungen ebenfalls keine Rolle. Hierin unterscheidet sich das Thema dieser Magisterarbeit von den bisher geleisteten Analysen. Gefragt wird, wie sich die Qualität in der Berichterstattung über den Islam 7 in der deutschen Tagespresse nach den Ereignissen vom 11. September entwickelt hat. Dazu wird die Qualität in der Berichterstattung über den Islam in vier überregionalen Tageszeitungen in Deutschland direkt nach dem 11. September 2001 anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse überprüft und mit einer Stichprobe aus demselben Jahr vor den Anschlägen verglichen.
Zur theoretischen Fundierung werden im ersten Kapitel dieser Arbeit Grundlagen des journalistischen Qualitätsbegriffes erörtert und verschiedene Ansätze der Einordnung aufgezeigt. Außerdem wird erläutert, welche Grundvoraussetzungen bestehen müssen, um journalistische Qualität in einem Staat zu gewährleisten. Anschließend geht es um Ansätze zur Qualitätssicherung in der Praxis. Dabei werden Schwierigkeiten bei der Qualitätssicherung sowie Qualitätsmaßstäbe auf rechtlicher Seite und im Pressekodex aufgezeigt und diskutiert. Dann wird auf die wissenschaftliche Qualitätsforschung eingegangen, wobei zunächst unterschiedliche Betrachtungsebenen erläutert werden, von denen aus Qualitätsmaßstäbe für Medien festgelegt werden können. Danach gilt es, diese Maßstäbe und Kriterien daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie für die eigene Untersuchung relevant sind.
Im zweiten Kapitel wird der theoretische Hintergrund für eine Erforschung des Islambildes in den Medien untersucht. Dazu ist es zunächst notwendig, einen kurzen Überblick über die Bildforschung zu geben, in dem die Begriffe Bild, Stereotyp und Feindbild näher erläutert werden. Im Anschluss daran soll gefragt werden, inwiefern diese Theorien auf die Beziehung der deutschen Bevölkerung zum Islam anwendbar sind und welche Annahmen diesem Bild zugrunde liegen. Der dritte Teil dieses Kapitels widmet sich den verschiedenen „Ismen“, also
7 Wenn von „dem Islam“ die Rede ist, ist keine bestimmte Richtung gemeint. Der Autorin ist bewusst, dass die Religion verschiedenste Ausprägungen haben kann.
3 Einleitung
Begriffen wie Fundamentalismus und Terrorismus, die im Zusammenhang mit dem Islam öfter genannt werden. Da diese Begriffe in die Analyse einbezogen werden sollen, bedürfen sie einer näheren Erläuterung. Anschließend werden der Forschungsstand zum Islambild in den Medien aufgezeigt und verschiedene Untersuchungen dargestellt. Diese Erkenntnisse werden durch Annahmen verschiedener Forscher zum Islambild nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ergänzt.
Aus den im theoretischen Teil gewonnenen Erkenntnissen werden im dritten Kapitel dieser Arbeit die Hypothesen für die Erforschung des Islambildes nach dem 11. September abgeleitet, die die Grundlage für die nachfolgende Untersuchung bilden. Hierzu erläutere ich im vierten Kapitel die Medienauswahl und die Stichprobe für die anschließende Forschung, bevor die Methode der Inhaltsanalyse vorgestellt und kritisch hinterfragt wird. Anschließend werden das Forschungsdesign mit dem Kategoriensystem für die inhaltsanalytische Untersuchung sowie der Forschungsvorgang und die Reliabilität der Ergebnisse erklärt. Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse vorgestellt, die einzelnen Hypothesen überprüft und die Erkenntnisse interpretiert. Nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse wird abschließend ein Ausblick für die weitere Erforschung dieses Gebietes gegeben.
Dass die Anschläge des 11. Septembers angesichts einer wahren Informationsflut und Schwierigkeiten in der Einordnung dieser Geschehnisse zu Pauschalisierungen geführt haben könnten, wäre durchaus verständlich. Die vorliegende Arbeit soll aber diese Effekte spezifizieren und auf die möglichen Auswirkungen prägender Ereignisse auf die Berichterstattung aufmerksam machen.
„Gerade dann, wenn einige Wahnsinnige unsere Welt in Schutt und Asche legen wollen, müssen wir Journalisten einen kühlen Kopf bewahren und unseren Job so gut wie möglich machen“ 8 ,
ergänzt Weischenberg seine eingangs zitierte Aussage zu den Anschlägen vom 11. September. Ob die Köpfe der Journalisten tatsächlich kühl geblieben sind, soll in dieser Abhandlung analysiert werden.
8 Deutscher Journalistenverband: Besonnenheit in der Berichterstattung. Pressemeldung vom 15.9.2001. Online unter http://www.djv.de/aktuelles/presse/archiv/2001/15a_09_01.shtml (12.1.2003).
4 Qualitätsforschung
1. Qualitätsforschung
Journalistische Qualität steht immer mehr im Mittelpunkt der aktuellen Kommu-nikatorforschung. Medienwissenschaftler diskutieren die Einordnung des Qualitätsbegriffes, die Bewertung journalistischer Qualität und die Anwendung des Qualitätsbegriffes in der journalistischen Praxis. Das Islambild als Indiz für eine Veränderung journalistischer Qualität erfordert eine nähere Erörterung dieser wissenschaftlichen Diskussion, die im Folgenden geleistet werden soll. Dabei wird journalistische Qualität vorerst begrifflich eingegrenzt und Grundvoraussetzungen für diese Leistung angeführt. Anschließend wird erörtert, wie journalistische Qualität in der Praxis gewährleistet werden kann, bevor dann wissenschaftliche Untersuchungsebenen und Qualitätskriterien vorgestellt und kritisch diskutiert werden. Aufgrund des eigenen Forschungsinteresses werden dabei Qualitätsmerkmale näher beleuchtet, die mit dem Fremdbild einer Gruppierung und seiner Bewertung im Zusammenhang stehen.
1.1. Einordnung des Qualitätsbegriffes
1.1.1. Definition
Eine fachübergreifende Definition für Qualität lässt sich der entsprechenden DIN-Norm entnehmen, nach der Qualität als „Gesamtheit von Eigenschaften und Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte oder vorausgesetzte Erwartungen und Anforderungen zu erfüllen“ 9 , zu bezeichnen ist. Qualität misst folglich, inwiefern Eigenschaften von Dienstleistungen, Produkten oder Prozessen mit an sie gestellten Erwartungen und Erfordernisse übereinstimmen. Im Kontext journalistischer Arbeit jedoch ist das Produkt oder die Dienstleistung die journalistische Information, deren Qualität nach dieser Definition steigt, je stärker die Berichterstattung mit den Erwartungen der Leser, aber auch mit den Erfordernissen der Gesellschaft, hier einer freien pluralistischen Grundordnung, korrespondiert. Allerdings lassen sich weder die Erwartungen der Leser noch die gesellschaftlichen Anforderungen ohne weiteres benennen. Daher werden Definitions-
9 DIN55 350 von 1987. Siehe beispielsweise Quality.de: QM-Lexikon. Lexikon von „QAR“ bis „Qualitätskontrolle“. Online unter http://www.quality.de/lexikon/qualitaet.htm. Updated: 1.2.2004 (15.2.2004).
5 Qualitätsforschung
versuche im Bereich der journalistischen Qualitätsforschung von einigen Wissenschaftlern als geradezu unmöglich bezeichnet. Ruß-Mohl meint gar, Qualität zu definieren gleiche „dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“ 10 Journalistische Qualität ist nicht eindimensional zu betrachten, sondern kann sich sowohl darauf beziehen, inwiefern das ganze System journalistischer Tätigkeiten oder aber nur der individuelle Journalist qualitativ zu bewerten ist. 11 Aber nicht nur durch diese Unterscheidung, sondern auch wegen der unterschiedlichen Perspektiven des Betrachters (Rezipient oder Kommunikator, wissenschaftlicher Experte oder Medienpraktiker) und gegensätzlicher Untersuchungsobjekte (Realisierungsprozess, Endprodukt oder Reaktionen auf die Veröffentlichung) verliert der „Pudding“ weiter an Konsistenz. 12 Dass immer wieder auf das Argument einer Undefinierbarkeit von journalistischer Qualität zurückgegriffen wird, hat eine Ursache darin, dass eine solche Einordnung und entsprechende Kontrollinstanzen als Einschränkung journalistischer Freiheit gesehen werden. Auf diese Problematik wird in Punkt 1.2 noch näher eingegangen. Die Bedeutung von Qualität im Journalismus und damit einer annehmbaren Begriffsbestimmung darf dennoch nicht unterschätzt werden. Der Journalist steht als Vermittler von Information im Dienste des Kommunikationsinteresses der Gesellschaft, hat also eine gewisse Verantwortung gegenüber dem Rezipienten sowie gegenüber dem Ereignisträger. 13 Göpfert versucht, journalistische Qualität folgendermaßen zu umschreiben: 14
„Ein publizistisches Produkt zeichnet sich durch eine besonders hohe Qualität aus, wenn es das vorgegebene Kommunikationsziel in möglichst kurzer Zeit bei möglichst vielen Rezipienten erreicht, wenn Rezeption mit Spaß verbunden ist und wenn der im Sinne des Kommunikationszieles erwünschte Effekt möglichst langanhaltend ist.“
10 Ruß-Mohl, Stephan: Am eigenen Schopfe… Qualitätssicherung im Journalismus - Grundfragen, Ansätze, Näherungsversuche. In: Publizistik, 37. Jg., Heft 1, 1992, S. 83-96, S. 85.
11 Vgl. Karmasin, Matthias: Qualität im Journalismus. Ein medienökonomisches und medienethisches Problem. Theoretische und empirische Ansätze. In: Medien Journal, 20. Jg., Heft 2, 1996, S. 17-26, S. 17.
12 Vgl. Bucher, Hans-Jürgen: Journalistische Qualität und Theorien des Journalismus. In: Ders. / Altmeppen, Klaus-Dieter (Hrsg.): Qualität im Journalismus. Grundlagen - Dimensionen - Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 11-34, S. 12f.
13 Vgl. Schröter, Detlef: Qualität und Journalismus. Theoretische und praktische Grundlagen journalistischen Handelns. München: R. Fischer, 1995, S. 18.
14 Göpfert, Winfried: Publizistische Qualität: Ein Kriterien-Katalog. In: Bammé, Arno/ Kotzmann, Ernst / Reschenberg, Hasso (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. München, Wien: Profil, 1993, S. 99-109, S. 99.
6 Qualitätsforschung
Nach dieser Einordnung werden allerdings zum Beispiel wissenschaftliche Magazine oder ernsthafte Hintergrundberichterstattungen als mögliche Produkte ausgeschlossen. Die Beliebtheit oder gar der Spaß am Lesen sollte nicht entscheidend für die Beurteilung journalistischer Qualität sein und lässt auch keine objektive Klassifizierung zu. Die Eingrenzung des Qualitätsbegriffes durch Schulze ist ebenso unzureichend. Demnach bedeute journalistische Qualität, „das verlegerische Ziel zu unterstützen“ 15 . Qualität wird hier auf den ökonomischen Zweck reduziert, anstatt eine inhaltliche Betrachtung mit zu berücksichtigen. Raue sieht dagegen Qualität als Auftrag der den Bürgern verpflichteten Medien, „frei, unbeeinflusst, unverzüglich und verständlich“ zu recherchieren und zu berichten. 16 Hier steht demnach die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft im Vorder-grund.
Für diese Arbeit wird auf die DIN-Norm zurückgegriffen, indem Qualität als Maß der Übereinstimmung zwischen journalistischen Inhalten und den Interessen von Medienmachern, Publikum und Gesellschaftsordnung definiert wird. Wie sich diese Interessen als Kriterien für Qualität einordnen lassen, wird in Punkt 1.4 erörtert. Zunächst wird jedoch untersucht, inwiefern die Gesellschaftsordnung und das politische System eine Rolle in der Beurteilung journalistischer Qualität spielen.
1.1.2. Grundvoraussetzungen für journalistische Qualität
Nach dem demokratietheoretischen Ansatz von McQuail sind die drei Werte Freiheit, Gerechtigkeit (Gleichheit) und Ordnung (Solidarität) sowohl Grundvoraussetzungen als auch Aufgaben der Medien. 17 McQuail nennt damit ein idealtypisches Modell, durch das optimale Vorbedingungen für journalistische Qualität bestehen. Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind Werte, die auf die grundlegenden Menschenrechte zurückzuführen sind. Freiheit kann im Sinne der Grundrechte der jeweiligen Verfassung und medienrechtlich (Pressefreiheit, Meinungs-
15 Schulze,Rudolf: Qualität ist, was sich verkauft. In: Bammé, Arno/ Kotzmann, Ernst / Reschenberg, Hasso (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. München, Wien: Profil, 1993, S. 235-255, S. 237.
16 Vgl. Raue, Paul-Josef.: Unsere Gesellschaft braucht bessere Journalisten - Eine Definition von Qualität. In: Trägerverein des Deutschen Presserats e.V. (Hrsg.): Deutscher Presserat Jahrbuch 2003. Mit der Spruchpraxis des Jahres 2002. Schwerpunkt: Qualität im Journalismus. Konstanz: UVK, 2003, S. 15-20, S. 17.
17 Vgl. McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London, Newbury Park, New Delhi: Sage, 1992, S. 67.
7 Qualitätsforschung
freiheit…) gewährleistet werden, Gleichheit und Gerechtigkeit wiederum bedingen sich gegenseitig und sind ebenfalls rechtlich sicherzustellen. Letztere sind insofern auf Massenkommunikation zu übertragen, als dass alle Menschen gleiches Recht auf Kommunikation, Anteilnahme am Kommunikationsprozess und Information haben sollten. 18 Ordnung wiederum sieht McQuail als Vorbedingung für eine gerechte Gesellschaft. Solidarität als Bestandteil der Ordnung stärke die Gemeinschaft und fördere eine gemeinsame Kultur. Die Medien sollten demnach kontrollierend auf diese Ordnung einwirken, Solidarität stiften und so eine eigene Kultur schaffen und fördern. 19 Freiheit, Gleichberechtigung und Ordnung/Solidarität bedingen sich jedoch auch gegenseitig. Grafisch können diese Bedingungen folgendermaßen dargestellt werden: 20
Abb. 1: Die Vernetzung qualitativer Grundbedingungen nach McQuail
Diese Grafik liefert erste Anhaltspunkte für die Schwierigkeiten, journalistische Qualitätskriterien trennscharf zu operationalisieren. Denn die Wirkungsfelder, bei denen sich die übergeordneten Grundvoraussetzungen überlappen, können bereits als Qualitätskriterien verstanden werden.
Thomass stellt in ihrem Aufsatz über interkulturelle Kommunikation Standards vor, nach denen eine Einordnung der Qualitätsvoraussetzungen eines Staates mög-
18 Vgl.ebd.
19 Vgl. ebd., S. 73ff.
20 In Anlehnung an McQuail, Denis, 1992, S. 78.
8 Qualitätsforschung
lich sei. Dazu gehöre der verfassungsmäßig und politisch ermöglichte Grad der Medienfreiheit, die Vielfalt im Medienangebot, die Balance zwischen Eigendarstellung und Berücksichtigung von Fremddarstellungen, die Unabhängigkeit in der Konfliktberichterstattung, die Zugangsmöglichkeiten und der Bildungsbeitrag der Medien. 21 Auch Schröter nennt eine freiheitliche demokratische und pluralistische Gesellschaft als Grundbedingung für seine weitere Analyse von Qualität und stellt damit ebenfalls die Werte Freiheit und Gleichberechtigung in den Vorder-grund. 22
Gerade diese Grundvoraussetzungen erschweren jedoch eine zentrale Qualitätssicherung. Diese Problematik wird im nächsten Abschnitt erörtert.
1.2. Qualität in der journalistischen Praxis
Journalistische Qualität als solche zu fordern, stellt keine Schwierigkeit dar, die Umsetzung dieses Begriffes in der Praxis ist jedoch weit problematischer. Inwiefern sich hier Barrieren ergeben und woran Qualität bisher in Deutschland festgemacht werden kann, wird im Folgenden erläutert.
1.2.1. Problematik der Qualitätssicherung
Um Qualität sichern zu können, ist es notwendig, gemeinsame Maßstäbe zu finden, nach denen die journalistische Arbeit beurteilt wird. Jedoch wird Qualität unterschiedlich empfunden. So weist Wallisch darauf hin, dass sowohl eine objektive als auch eine subjektive Qualität existiere. 23 Objektive Qualität lasse sich demnach an der Beschaffenheit eines Objekts ausmachen, subjektive Qualität sei jedoch interpretativ. In letzterer liegt auch die Schwierigkeit, journalistische Qualität einzugrenzen, wird ein Bericht oder eine Reportage doch unterschiedlich beurteilt. Dennoch muss ein gemeinsamer Nenner in der Qualitätssicherung gefunden werden, um zu gewährleisten, dass Medien ihre Verantwortung gegenüber
21 Vgl. Thomass, Barbara: Interkulturelle Kommunikation und Medienethik - Interkulturelle Medienethik? In: Bucher, Hans-Jürgen / Altmeppen, Klaus-Dieter (Hrsg.): Qualität im Journalismus. Grundlagen - Dimensionen - Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 93-110, S. 95.
22 Vgl. Schröter, Detlef, 1995, S. 23f.
23 Vgl. Wallisch, Gianluca: Journalistische Qualität. Definitionen - Modelle - Kritik. Konstanz: UVK Medien/Ölschläger, 1995, S. 77.
9 Qualitätsforschung
den Rezipienten, die im vorigen Abschnitt angesprochen wurde, ausreichend wahrnehmen. Schließlich sind die Medien als Dienstleister zu betrachten, die ebenso Qualitätsstandards unterzogen werden müssen wie Versicherungsunternehmen oder private Bildungsstätten. 24 Zahlreiche Argumente sprechen allerdings gegen die Einführung eines gemeinsamen Normenkataloges oder gar einer gesetzlichen Sicherung von Qualität mit einer entsprechenden Kontrollinstanz. Ruß-Mohl betont, dass eine Zentralisierung der Qualitätssicherung der Pressefreiheit widerspreche und somit gegen die zugesicherten Rechte im Grundgesetz verstoße. 25 Der im Abschnitt 1.1.2 erwähnte Freiheitsanspruch behindere somit eine kontrollierte Qualitätssicherung, Qualität müsse demnach auf andere Weise gewährleistet werden. Auch Wallisch sieht einen Widerspruch zwischen Pressefreiheit und zentralisierten Normen, sieht Qualität allerdings als „logische Konsequenz“ einer gewissenhaften Berufsausübung. 26 Allgemeingültige journalistische Qualitätsstandards könne es jedoch nicht geben. 27
Möglichkeiten, Qualität im Berufsstand des Journalisten automatisch zu gewährleisten, sieht Ruß-Mohl in langfristigen Prozessen mit präventiven, begleitenden und korrektiven, aber dezentralen Elementen. 28 Er vergleicht Qualitätssicherung mit einem Leitsystem im Straßenverkehr, das dem Journalisten Freiheit gewähre, ihn jedoch gleichzeitig durch Warnschilder (zum Beispiel Pressekodex) vor Fehlern bewahre und durch Wegweiser (zum Beispiel Auszeichnungen für gute Leistungen) auf den richtigen Weg führe. 29 Außerdem ergebe sich Qualität durch Marktzwänge, besseren Informationszugang und die Selektion auf dem harten Arbeitsmarkt praktisch von selbst. 30
Wichtig ist, dass Journalisten das Handwerkszeug für ihre Arbeit erlernen, um damit überhaupt über die Fähigkeiten zu verfügen, qualitativ zu berichten. Saxer
24 Vgl. Sattelmair, Kay E.: Qualität im Journalismus - Eine permanente Herausforderung. In: Trägerverein des Deutschen Presserats e.V. (Hrsg.): Deutscher Presserat Jahrbuch 2003. Mit der Spruchpraxis des Jahres 2002. Schwerpunkt: Qualität im Journalismus. Konstanz: UVK, 2003, S. 9-13, S. 10.
25 Vgl. Ruß-Mohl, Stephan, 1992, S. 86.
26 Vgl. Wallisch, Gianluca, 1995, S. 153.
27 Vgl. ebd., S. 233.
28 Vgl. Ruß-Mohl, Stephan: Netzwerke - Die freiheitliche Antwort auf die Herausforderung journalistischer Qualitätssicherung. Überlegungen zur Messbarkeit von journalistischer Qualität und zum Infrastrukturbedarf im Journalismus. In: Bammé, Arno/ Kotzmann, Ernst / Reschenberg, Hasso (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. München, Wien: Profil, 1993, S. 185-206, S. 191.
29 Vgl. Ruß-Mohl, Stephan, 1992, S. 87.
30 Vgl. ebd., S. 91.
10 Qualitätsforschung
und Kull versuchten sich bereits 1981 an der Einordnung von Standards in journalistischen Ausbildungswegen zur Qualitätssicherung. 31 Doch neben den Fähigkeiten ist nach Schröter auch die innere Bereitschaft des Journalisten ausschlaggebend, seiner gesellschaftlichen Aufgabe gerecht zu werden. 32 Dennoch erscheint ein gemeinsames Regelwerk als Orientierung - nicht als Kontrolle - notwendig, um einen Mindeststandard an Qualität in der journalistischen Berichterstattung zu ermöglichen.
Bevor aber auf ein solches Regelwerk eingegangen werden kann, müssen im Folgenden zunächst gesetzliche Rahmenbedingungen vorgestellt werden, die Qualität im Journalismus begünstigen. Da in dieser Untersuchung auf Printmedien eingegangen wird, wird auf die Darstellung von Rundfunkgesetzen und darauf bezogenen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts verzichtet.
1.2.2. Grundgesetz und Landespressegesetze
In Abschnitt 1.1.2 wurde bereits dargestellt, dass nach McQuail Freiheit, Gleichberechtigung und Ordnung/Solidarität als Grundvoraussetzungen für journalistische Qualität bezeichnet werden können und dass in pluralistischen, demokratischen Gesellschaften diese Bedingungen prinzipiell erfüllt sind. In der Bundesrepublik Deutschland wird das Recht der freien Meinungsäußerung in Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert. Diese Norm gewährleistet zudem die Pressefreiheit, die Freiheit der Berichterstattung anderer Medienformen und das Recht auf Information. 33 Gleichberechtigung ist Kerninhalt von Artikel 3 des Grundgesetzes. Demnach darf niemand „wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ 34 Ordnung und Solidarität ergeben sich aus dem Gesamtwerk des Grundgesetzes. Für journalistische Qualität bedeutet dies, dass die Grundvoraussetzungen hierfür in Deutschland gegeben sind. Aus der Forderung nach Meinungsvielfalt, dem
31 Siehe Saxer, Ulrich / Kull, Heinz: Publizistische Qualität und journalistische Ausbildung. Zürich: Publizistisches Seminar, 1981.
32 Vgl. Schröter, Detlef, 1995, S. 56f.
33 Vgl. Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.): Verfassung des Freistaates Bayern/Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. München: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2003, S.112.
34 Ebd., S.111f.
11 Qualitätsforschung
Schutz der Menschenwürde (Artikel 1) und der Persönlichkeitsrechte (siehe Einschränkungen der Freiheitsrechte, Artikel 2) ergeben sich zudem erste Ansätze für den Anspruch an journalistische Mindeststandards.
In den jeweiligen Landespressegesetzen werden die Anforderungen an die Presse konkretisiert. Demnach ist es die öffentliche Aufgabe der Presse, Nachrichten zu beschaffen und zu verbreiten, Meinungen zu äußern und zu kritisieren, an der Meinungsbildung in der Gesellschaft teilzuhaben und einen Bildungsbeitrag zu leisten. 35 In diesem Rahmen finden sich unter anderem auch Verpflichtungen zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung, die Sorgfaltspflicht, Impressumspflicht, Pflicht zur Kennzeichnung von Anzeigen oder auch Ansprüche auf Gegendarstellungen. Journalisten können zudem zivil- und auch strafrechtlich belangt werden, wenn sie Personen durch Behauptungen Schaden zufügen, zu Rassenhass, Angriffskrieg oder Straftaten aufrufen, gegen das Briefgeheimnis verstoßen oder Hausfriedensbruch begehen. 36 Dies sind nur einige Beispiele für die Einschränkungen der journalistischen Tätigkeiten, die für Pressejournalisten gelten, aber auch den rechtlichen Grundlagen (darunter alle zivil- und strafrechtliche Regelungen) anderer Medienbereiche ähneln. Hier wird deutlich, dass eine Konkurrenz von Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechten besteht, wobei im Einzelfall entschieden werden muss, welchen von beiden Vorrang zu geben ist. Für die vorliegende Untersuchung von Qualität lässt sich festhalten, dass gesetzliche Rahmenbedingungen bestehen, die durch die Gewährleistung von Pressefreiheit bei gleichzeitiger rechtlicher Einschränkungen ein Mindestmaß an journalistischer Qualität insofern garantieren können, da das Bewusstsein dafür gefördert wird, ebenso vielfältig und informativ wie sorgsam zu berichten, ohne die Persönlichkeitsrechte eines anderen zu gefährden. Darüber hinaus gibt es innerhalb der Berufsgruppe der Journalisten einen weitergehenden Ansatz, Qualität durch gemeinsame, nicht rechtsverbindliche Normen zu unterstützen: den Pressekodex.
35 Siehe beispielsweise § 3, Bayerisches Pressegesetz (BayPrG) vom 3. Oktober 1949 (BayBS I S. 310), online unter http://www.presserecht.de/gesetze/bayern.html. Updated: 16.12.2003 (23.11.2003) oder auch § 3, Gesetz über die Presse (Landespressegesetz Schleswig Holstein) vom 19. Juni 1964 (GVOBl. SH S. 71), online unter http://www.presserecht.de/gesetze/schleswig.html. Updated: 8.7.2003 (23.11.2003).
36 Eine Übersicht über Medienrecht findet sich unter: Deutscher Journalistenverband: Rechtliche Grundlagen journalistischer Arbeit. Online unter
http://www.djv.de/journalist/berufsbild/recht.shtml. Updated: o.A. (23.11.2003).
12 Qualitätsforschung
1.2.3. Pressekodex
Der Deutsche Presserat hat 1973 zusammen mit den Presseverbänden die Normen des Pressekodexes beschlossen, die als gemeinsame Grundlage für eine qualitative Berichterstattung in Deutschland gelten können, aber mit keinerlei rechtlichen Einschränkungen für Journalisten verbunden sind. Das ist auch der Grund dafür, dass der Presserat häufiger als „zahnloser Tiger“ bezeichnet wird, der zwar Rügen erteilt, aber ansonsten keinen Druck auf die Presseberichterstattung ausüben könne. Dennoch stellt der Pressekodex ein konkretes Normenwerk mit Bezug zur praktischen Arbeit von Journalisten und Verlegern dar. 37 Qualität wird in den Ziffern des Kodexes nicht direkt erwähnt, allerdings lassen sich aus seinen verschiedenen Richtlinien Hilfen für eine Qualitätssicherung ableiten. Wunden nennt fünf Arten von Normen, die sich aus dem Pressekodex ergeben, und zwar oberste moralische Prinzipien, Verhaltensregeln, sonstige moralische Prinzipien, allgemeine Regeln des sozialen Verkehrs sowie die Regeln des Presserats als solchen. 38 So ordnet er Ziffer 1 des Pressekodexes, der wahrheitsgemäße, die Menschenwürde nicht verletzende Berichterstattung fordert, den obersten moralischen Prinzipien zu. Diese Ziffer ist zu vergleichen mit dem oben behandelten gesetzlichen Rahmen, in dem sich Journalismus bewegen sollte. Ein Beispiel für die davon abgeleiteten Verhaltensregeln stellt nach Wunden Ziffer 3 dar, die fordert, dass eine nicht wahrheitsgemäße Berichterstattung von der entsprechenden Publikation richtig gestellt werden sollte. Ziffer 9 beinhalte beispielsweise sonstige, nicht pressespezifische, moralische Prinzipien, hier: den journalistischen Anstand gegenüber den Personen, die im Medieninteresse stehen. Allgemeine Regeln des sozialen Verkehrs finden sich nach Wunden in Ziffer 15, die auf die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion hinweist und sich mit der Ablehnung von Bestechung befasst. Schließlich führt Wunden als Beispiel für die Regeln des Presserates Ziffer 16 des Pressekodexes an, in dem darauf hinge-
37 Vgl.Wunden, Wolfgang: Medienethik - normative Grundlage der journalistischen Praxis? In: Bucher, Hans-Jürgen / Altmeppen, Klaus-Dieter (Hrsg.): Qualität im Journalismus. Grundlagen -Dimensionen - Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 55-77, S. 60.
38 Vgl. ebd., S. 64f.
13 Qualitätsforschung
wiesen wird, dass es „fairer Berichterstattung“ entspräche, vom Presserat ausgesprochene Rügen abzudrucken. 39
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Pressekodex konkretere Anhaltspunkte liefert, an welchen Kriterien Qualität festzumachen und letztendlich zu operationalisieren ist. So wird auf Wahrheitsgehalt (Ziffer 1), Sorgfalt (Ziffer 2), Unabhängigkeit (Ziffer 7) und Objektivität (Ziffern 12 und 13) verwiesen, wobei in letztgenannten Ziffern besonders darauf aufmerksam gemacht wird, dass Vorurteile und Vorverurteilungen sowie Diskriminierungen gegenüber „rassischen, ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen“ Gruppen keinesfalls erfolgen dürfen. Hier ist ein direkter Bezug zur Thematik dieser Abhandlung zu erkennen. Der Pressekodex deutet folglich bereits auf journalistische Qualitätskriterien hin. Bevor jedoch solche Kriterien und die Operationalisierung von Qualität näher diskutiert werden, sollen darauf bezogene wissenschaftliche Betrachtungsebenen der Qualitätsforschung vorgestellt werden.
1.3. Wissenschaftliche Betrachtungsebenen der Qualitätsforschung
Journalistische Qualität lässt sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Daher ist es für die vorliegende Arbeit notwendig, diese Sichtweisen zu erläutern und die eigene Betrachtungsebene für die Erforschung dieses Themenbereiches festzulegen.
Journalistische Qualität wird grundsätzlich von verschiedenartigen Akteuren diskutiert. Bucher nennt hier fünf Bezugsgruppen: 40 1. Repräsentanten des Rechtssystems, die um die gesetzliche Verankerung eines Mindestmaßes an Qualität bemüht sind, 2. Medienpraktiker, die sich selbst im Markt positionieren wollen und eine Legitimation ihrer Arbeit erwarten, 3. medienexterne Repräsentanten, die journalistische Arbeit aus der Perspektive eines bestimmten Interessenverbandes beurteilen, 4. medienexterne Experten, wie Wissenschaftler mit einem bestimmten Forschungsinteresse, und 5. das Medienpublikum, das seine eigene Beziehung zu
39 Diese, vorige und nachfolgende Zitate aus dem Pressekodex aus: Deutscher Presserat: Pressekodex. Online unter http://www.presserat.de/site/pressekod/kodex/index.shtml. Updated: o.A. (11.11.2003).
40 Vgl. Bucher, Hans-Jürgen, 2003, S. 12f.
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den Medien definiert und den Nutzen der Publikation abwägt. Entsprechend der unterschiedlichen Ansprüche an Qualität ergeben sich hier auch divergierende Maßstäbe, die nur schwerlich zu vereinen sind. Qualität kann demnach anhand des journalistischen Werks, der Art der Fertigung, der Folgen der Veröffentlichung oder der Sorgfalt in der Vorbereitung beurteilt werden. Mit den unterschiedlichen Bezugsobjekten entstehen widersprüchliche Urteile. Für diese Abhandlung steht jedoch der wissenschaftliche Betrachtungspunkt im Vorder-grund, indem theoretische Ableitungen empirisch überprüft werden und eine möglichst objektive Sichtweise angestrebt wird.
Aber auch in der Journalismus-Forschung haben sich verschiedene Ebenen der Betrachtung von Qualität herausgebildet. Bucher nennt diesbezüglich die akteurs-orientierte, die rollenorientierte und die systemorientierte Bestimmung von Qualität. 41 Aus akteursorientierter, individualethischer Sicht entsteht Qualität Bucher zufolge aus der Leistung des Einzelnen. Dieser hält sich demnach an Richtlinien der Profession, wie den Pressekodex, um einen gewissen Qualitätsstandard zu erlangen. Eine rollenorientierte Sichtweise meint die Beurteilung anhand der Institutionen, also des Rollenverständnisses, das den einzelnen Medienakteuren als Berufsgruppe zugeordnet wird, wie zum Beispiel die Klassifizierung der Rolle des Chefredakteurs, des Kommentators etc. Die Funktionen dieser Rollen werden auf der wissenschaftlichen Betrachtungsebene näher bestimmt. Dadurch können dann je nach Rollenverständnis unterschiedliche Qualitätsurteile zustande kommen. In der dritten, systemorientierten Betrachtungsebene wird Journalismus als System mit einer übergeordneten Funktion betrachtet. Der moralische Aspekt tritt dabei in den Hintergrund, wohingegen die Strukturen des Journalismus, die Organisation und die Arbeitsprogramme in den Vordergrund rücken. Somit muss das System als Ganzes, nicht das einzelne Individuum journalistische Qualität realisieren. 42
Karmasin fasst den systemorientierten und den akteursorientierten Ansatz in einem Modell zur journalistischen Qualität zusammen, indem er die beiden Dimensionen der Betrachtung (systemisch/individuell) jeweils den Kriterien der
41 Vgl. ebd., S. 15ff.
42 Vgl. Karmasin, Matthias, 1996, S. 17.
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zweckrationalen, der ethischen und der ästhetischen Qualität zuordnet. 43 Tabellarisch lassen sich seine Überlegungen folgendermaßen darstellen: 44
Tab. 1: Zusammenhang von Betrachtungsebenen und Kriterien nach Karmasin
Deutlich wird dabei, dass sich die Kriterien für zweckrationale, ethische oder ästhetische Qualität je nach Betrachtungsebene stark unterscheiden. So ist das Kriterium für zweckrationale Qualität im Falle der systemorientierten Sichtweise der Markt an sich, im Falle der akteursorientierten Betrachtung jedoch der individuelle Profit.
Letztendlich sind alle Betrachtungsebenen für die Einordnung von Qualität relevant und müssen dementsprechend in der Qualitätsforschung Eingang finden, um eine umfassende wissenschaftliche Beurteilung von Qualität gewährleisten zu können. 45 Im Vordergrund dieser Abhandlung steht jedoch nur die akteursorientierte, individualethische Betrachtungsebene.
Welche Kriterien für Qualität als Maßstab dienen können, wird im Folgenden erläutert. Dabei werden die verschiedenen Betrachtungsebenen weiter berücksichtigt.
43 Vgl. ebd., S. 19.
44 In Anlehnung an Karmasin, Matthias, 1996, S. 19.
45 Vgl. Fabris, Hans Heinz: Zur Wiederentdeckung journalistischer Qualität. In: Medien Journal, 20. Jg., Heft 2, 1996, S. 3-16, S. 5.
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1.4. Qualitätskriterien
Journalistische Qualität lässt sich im Gegensatz zu anderen üblichen Produkten im Handel nicht allein durch Marktwerte oder Produkttests evaluieren. 46 Die Qualität dieser Profession ist vielmehr kaum zu operationalisieren, wird sie doch von sehr unterschiedlichen Ebenen aus betrachtet und in gegensätzlicher Weise eingeordnet. 47 Ruß-Mohl führt an, dass Qualitätskriterien sowohl vom Selbstverständnis des Journalisten, der Funktion und Art des Mediums, seiner Aktualität, der Dar-stellungsform und der Zielgruppe abhängen würden. So könnten unterschiedliche Maßstäbe gefunden werden, wenn es sich beispielsweise um eine Zeitschrift mit Unterhaltungsfunktion und einer jungen, einkommensschwachen Zielgruppe oder um eine Zeitung mit Informationsfunktion und einer älteren, einkommensstarken Zielgruppe handele. 48
Trotz dieser unterschiedlichen Betrachtungsebenen müssen Qualitätskriterien gefunden werden, die die speziellen Eigenarten der journalistischen Profession berücksichtigen und die Möglichkeit eröffnen, Forschungen auf einer einheitlichen Basis zu vergleichen. Im Folgenden werden daher verschiedene Ansätze für Qualitätskriterien vorgestellt, wobei die in Punkt 1.3 erwähnten unterschiedlichen Untersuchungsebenen einzubeziehen sind.
Mit Blick auf die Arbeit der Journalisten nennt Schröter sechs Dimensionen, anhand derer journalistisches Handeln einzuordnen ist: 49
1. Transparenz der Vermittlungs-Kontexte (Umstände der Vermittlung) 2. Transparenz der Kommunikations-Kontexte (Inhalt) 3. Transparenz der Mitteilungs-Herkunft 4. Transparenz der Trennung von Fremdmitteilung und Eigenwertung 5. Inhaltliche-sachliche Entsprechung von reduzierter Realität und Mitteilung 6. Berücksichtigung aller aktuellen, relevanten Themen und Meinungsspektren
46 Vgl. Karmasin, Matthias, S. 20.
47 Vgl. Wallisch, Gianluca, 1995, S. 79f.
48 Vgl. Ruß-Mohl, Stephan, 1993, S. 188.
49 In Anlehnung an Schröter, Detlef, 1995, S. 64f.
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Der Journalist hat laut Schröter folglich darauf zu achten, dass er „die verschiedenen Standpunkte inhaltlich korrekt darstellt, deren Herkunft präzise kenntlich macht, chancengleiche, gerechte Vermittlungsbedingungen für alle möglichen Sichtweisen garantiert und ein ausreichend breites Spektrum der real vorhandenen Sach- und Wert-Positionen in der Gesellschaft zu aktuellen Fragen sichtbar macht.“ 50 Diese Grundansprüche lassen sich als die Qualitätskriterien Verständ-
lichkeit des Inhaltes, Quellentransparenz, Trennung von Nachricht und Meinung, Richtigkeit, Ausgewogenheit und Vielfalt festhalten. Vielfalt und Ausgewogenheit weisen auf eine Grundvoraussetzung journalistischer Qualität nach McQuail hin, und zwar auf die Grundnorm der Gleichberechtigung. Ausgewogenheit bedeutet nach Schröter, dass nicht nur viele verschiedene Standpunkte Eingang finden in die Berichterstattung, sondern dass hier Chancengleichheit zur Kommunikation besteht:
„Nicht der meinungslose Journalist, nicht die meinungsfreie Mitteilung, sondern die vorurteilsfreie, nach allen Seiten offene und chancengleiche Vermittlung von kritischen und kontroversen Standpunkten kennzeichnet ausgewogene Berichterstattung.“ 51
Dieser Punkt ist für das Forschungsinteresse dieser Arbeit besonders wichtig, da er auch eine Forderung nach einer Ausgewogenheit in der Berichterstattung über den Islam impliziert und aufzeigt, dass sich Ausgewogenheit durch das Fehlen von Vorurteilen und das Aufzeigen verschiedener Meinungen, sprich auch der Standpunkte von Muslimen, auszeichnet. Das Kriterium der Trennung von Nachricht und Meinung, das prinzipiell McQuails Grundvoraussetzung der Freiheit erfordert, zeigt, dass für höhere Qualität Meinungsjournalismus durchaus stattfinden kann, aber als solcher gekennzeichnet werden muss. Wertungen müssen also daraufhin untersucht werden, ob sie als Meinung gekennzeichnet beziehungsweise zitiert sind oder aber Eingang in Informationen gefunden haben, die nicht als kommentierende Darstellungsform deklariert sind. Die Quellentransparenz ist anhand der Angaben des Journalisten im Text ohne weiteres zu evaluieren, sofern nicht ein bestimmter untergeordneter Themenbereich der Texte, sondern die gesamte Berichterstattung untersucht wird, worauf weiter unten noch näher einzugehen ist. Verständlichkeit und Richtigkeit sind dagegen Kriterien, deren
50 Ebd., S. 56.
51 Schröter, Detlef, 1995, S. 37.
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Beurteilung kaum objektiv erfolgen kann. Ob ein Text verständlich ist, kann zwar nach sprachwissenschaftlichen Kriterien untersucht werden, ob der Leser den Kontext jeweils erfasst hat, ist damit jedoch noch nicht geklärt. Die Richtigkeit der Angaben kann ebenfalls höchstens anhand von konkreten Zahlen ermittelt werden, die Informationen insgesamt jedoch werden stets durch die Wahrnehmung des Journalisten gefiltert, der selbst als Individuum immer eine subjektive Betrachtungsweise hat, die in die Information bewusst oder unbewusst einfließt. 52 Nach Bader, die sich allerdings ausschließlich auf Wissenschaftsjournalimus bezieht, ist das Kriterium der Richtigkeit allerdings das Wichtigste. Es lasse sich aus einer rollenorientierten Betrachtungsebene ableiten, derzufolge der Journalist als reiner Vermittler von Realitäten zu betrachten sei. 53 Auch Bader nennt Ausgewogenheit und Verständlichkeit als weitere Kriterien, führt aber zusätzlich noch die Kriterien Ganzheitlichkeit, Bildungsfunktion, Informationsgehalt, Aufklärung, Unterhaltungsfunktion und Aufbereitung an, die sich jedoch teilweise nur auf den Wissenschaftsjournalismus beziehen lassen.
Ruß-Mohl stellt in seinem systemorientierten „Magischen Vieleck“ Ziele der Qualitätssicherung dar, die ebenfalls als Kriterien für Qualität bezeichnet werden können: 54
52 Vgl. ebd., S. 24ff.
53 Vgl. Bader, Renate: Was ist publizistische Qualität? Ein Annäherungsversuch am Beispiel Wissenschaftsjournalismus. In: Bammé, Arno/ Kotzmann, Ernst / Reschenberg, Hasso (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. München, Wien: Profil, 1993, S. 17-40, S. 23.
54 In Anlehnung an Ruß-Mohl, Stephan, 1993, S. 190.
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Abb. 2: Das Magische Vieleck der Qualitätssicherung nach Ruß-Mohl
So würden sich Komplexitätsreduktion, Aktualität, Objektivität, Transparenz und Originalität gegenseitig bedingen. Zum Beispiel beeinflusse eine Erhöhung der Verständlichkeit die Transparenz negativ, die Aktualität wirke wiederum negativ auf die Faktentreue ein. Ein höheres Maß an Qualität werde nach Ruß-Mohl nicht durch eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber einem dieser Kriterien erreicht, sondern durch ein ausgewogenes Zusammenspiel des gesamten Vielecks. 55 Ein ähnliches Modell hatten Saxer und Kull bereits 12 Jahre zuvor vorgestellt: die Journalistische Normenkonstellation. Auch in diesem Modell wird das Zusammenspiel und die Interdependenz verschiedener Kriterien der Qualität verdeutlicht, auch wenn der von Saxer und Kull gewählte Kriterienkatalog andere Schwerpunkte erkennen lässt. Nach Meinung der beiden Autoren ist die journalistische Qualität abhängig von der formalen und thematischen Bearbeitung eines Inhalts (Gestaltung und publizistische Relevanz), institutionellen Intentionen, Forderungen der Programmpolitik, der Inhaltswahl (Aktualität und Universalität) und der Publikumsfunktion. 56
Hagen stellt dagegen Qualitätskriterien vor, die wissenschaftlich leichter evaluierbar erscheinen als die bisher vorgestellten. So leitet er seine Kriterien für Qualität aus den in Punkt 1.2.2 angesprochenen Medienrechten und der dort benannten
55 Vgl. Ruß-Mohl, Stephan, 1993, S. 191.
56 Vgl. Saxer, Ulrich / Kull, Heinz, 1981, S. 49.
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Öffentlichkeitsfunktion der Medien ab, wodurch er zu dem Schluss kommt, dass Informationsmenge, Relevanz, Objektivität, Aktualität und Verständlichkeit Grundmaßstäbe für Qualität seien, wobei Objektivität als sehr umstrittener Begriff eine weitere Spezifizierung erfordere, was durch die Kriterien Richtigkeit, Transparenz, Sachlichkeit, Ausgewogenheit und Vielfalt erfolgen könne: 57
Zur Anwendbarkeit dieser Kriterien lässt sich sagen, dass die Menge der Information sich nur schwer ermitteln lässt. Die Messung der Informationsmenge erfordert eine semantische Analyse, bei der quantifizierbare Textteile auf ihren tatsächlichen Informationsgehalt hin untersucht werden müssen. 58 Auch die Beurteilung von Verständlichkeit macht, wie bereits erwähnt, eine semantische Analyse notwendig. Relevanz wiederum lässt sich nur beurteilen, wenn sowohl die journalistische als auch die Sicht der Rezipienten einbezogen werden, da Relevanz von den Lesern unterschiedlich aufgenommen wird und nicht zwingend mit dem Relevanzempfinden der Journalisten übereinstimmen muss. In der vorliegenden inhaltsanalytischen Untersuchung kann dieser Aspekt jedoch nicht weiter berücksichtigt werden. Da sehr unterschiedliche Gruppen von Rezipienten bestehen, lässt sich eine allgemeingültige Relevanz ohnehin kaum ermitteln. Ansätze, die
57 Vgl. Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Messmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995, S. 52.
58 Näheres zur semantischen Analyse von Information siehe ebd., S. 59ff.
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Relevanz als Qualitätskriterium anhand von Nachrichtenfaktoren ermitteln wollen, sind ebenfalls abzulehnen, da dabei kaum intersubjektiv nachvollziehbare Möglichkeiten der Klassifizierung der einzelnen Analyseeinheiten bestehen. 59 Aktualität ist nach Hagen messbar, indem erforscht wird, wie schnell die richtigen Informationen zu einem Ereignis übermittelt werden. 60 Fraglich bleibt jedoch, was unter „richtiger“ Information zu verstehen ist, weshalb auch hier Schwächen in der Operationalisierung deutlich werden.
Für die vorliegende Untersuchung der Qualität anhand des Islambildes erscheint allerdings das Kriterium der Objektivität und seine Untergliederung in Richtigkeit, Transparenz, Sachlichkeit, Ausgewogenheit und Vielfalt interessant. Richtigkeit ist hier erneut kritisch zu betrachten und im Falle der Ereignisse vom 11. September bis heute kaum zu beurteilen, denn die Einordnung erfordert einen Vergleich der berichteten Fakten mit dem Wissen von Experten, der wegen der vielen noch offenen Fragen in der Untersuchung des Angriffs nicht geleistet werden kann. 61 Transparenz als zweites Kriterium kann durch die Quellenangaben festgestellt werden. Diese sind aber in der Berichterstattung über den Islam schwieriger zu ermitteln, da das Thema zumeist nur ein Randthema neben anderen Informationen darstellt, die Quellen sich somit nur selten auf den Untersuchungsgegenstand beziehen und somit verfälschte Ergebnisse erzeugen können. Das Kriterium Sachlichkeit dagegen eignet sich gut zur Beurteilung der Qualität in der Islam-Berichterstattung. Messbar ist Sachlichkeit durch den Vergleich von Bewertungen mit der Angabe kommentierender Darstellungsformen beziehungsweise der Kennzeichnung der Quelle der Bewertung. 62 Sachlichkeit kann also danach beurteilt werden, ob der Autor auf Wertungen verzichtet, solange er unkommentierend berichtet oder Zitate als Ursprung der Wertungen anführt. Jedoch kann neben der offensichtlichen Wertung auch die Zuordnung von Charakteristika eine wertende Wirkung erzielen, was in der vorliegenden Untersuchung berücksichtigt werden muss. Weiterhin sollen die bereits angeführten Kriterien der Vielfalt und Ausgewogenheit Beachtung finden. Ausgewogenheit ist laut Hagen relativ leicht zu
59 Vgl. Fahr, Andreas: Katastrophale Nachrichten? Eine Analyse der Qualität von Fernsehnachrichten. München: R. Fischer, zugl.: München, Univ., Diss., 2001, S. 15.
60 Vgl. Hagen, Lutz M., 1995, S. 129.
61 Zur Messung von Richtigkeit vgl. ebd., S. 109f.
62 Vgl. ebd., S. 117ff.
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messen, indem verschiedene Sichtweisen mit deren Häufigkeiten in Bezug gesetzt werden. Dabei dürfe man aber nicht außer Acht lassen, dass Publikationen verschiedene politische Tendenzen verfolgen dürften. 63 Vielfalt, auch in dem Sinne, Relevanz für alle Nutzer zu gewährleisten, lasse sich durch die Anzahl unterschiedlicher Themen, durch die Menge der Beachtung fremder Standpunkte und bei kommentierenden Darstellungsformen durch die Anzahl der berücksichtigten Meinungen messen. 64
Auch Thomass betont die Bedeutung des Kriteriums Vielfalt und führt an, dass dieses Merkmal für die Umsetzung einer pluralistischen Gesellschaft spreche und grundlegend dafür sei, die unterschiedlichen Aspekte des sozialen Umfeldes wahrzunehmen. 65 Zusätzlich führt die Autorin bezogen auf Konflikte an, dass ein Qualitätsindiz gegeben sei, wenn besonnen über potentielle Gegner berichtet werde und eine Unabhängigkeit von der eigenen Regierung gewahrt werde. 66 Diese Forderung nach Besonnenheit und Unabhängigkeit lässt sich auch auf die Wirkung der Anschläge vom 11. September 2001 auf die Berichterstattung übertragen, denn die Angriffe können durchaus nicht als einmalig, sondern als Konflikt bezeichnet werden können.
Schatz und Schulz ergänzen diese Kriterien in ihrer Untersuchung der Qualität von Fernsehprogrammen mit den Dimensionen Rechtmäßigkeit und Akzeptanz. 67 Rechtmäßigkeit bezieht sich allerdings auf die Einhaltung von zivil- und strafrechtlichen Bestimmungen beziehungsweise auf die Beachtung des Medienrechts und rundfunkrechtliche Vorschriften. Sie stellt also eher eine Grundvoraussetzung für Qualität, denn ein Qualitätskriterium dar. Akzeptanz der Rezipienten ist wiederum ein Kriterium, das in der Forschung umstritten ist, da dem Rezipienten ein unterschiedlich hohes Mitspracherecht zugestanden wird und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Publikumsurteil besteht. 68 Für die vorliegende Unter-
63 Vgl.ebd., S. 124.
64 Vgl. Hagen, Lutz M., 1995, S. 126f.
65 Vgl. Thomass, Barbara, 2003, S. 97.
66 Vgl. ebd., S. 100.
67 Vgl. Schatz, Heribert / Schulz, Winfried: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. In: Media Perspektiven, o.Jg., Nr. 11, 1992, S. 690-712, S. 705ff sowie S. 708ff.
68 Vgl. Hohlfeld, Ralf: Objektivierung des Qualitätsbegriffs. Ansätze zur Bewertung von Fernsehqualität. In: Bucher, Hans-Jürgen / Altmeppen, Klaus-Dieter (Hrsg.): Qualität im Journalismus. Grundlagen - Dimensionen - Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2003, S. 203-221, S. 209.
23 Qualitätsforschung
suchung kann das Kriterium der Akzeptanz nicht berücksichtigt werden, da ausschließlich der Inhalt von Publikationen, nicht jedoch die Reaktion der Leser getestet wird. Dies müsste mithilfe einer Befragung erfolgen, die in dieser Arbeit nicht geleistet werden kann.
1.5. Fazit
Qualität lässt sich schwer einordnen, doch durch die Betrachtung von Grund-voraussetzungen, Umsetzungsansätzen in der Praxis, der Beleuchtung verschiedener wissenschaftlicher Betrachtungsebenen und letztendliche Vorschläge für konkrete Qualitätskriterien wird deutlich, dass sich der „Pudding“ in Teilaspekten durchaus „an die Wand nageln“ lässt. In Anlehnung an die Forderungen innerhalb der journalistischen Profession (Pressekodex) sowie anhand medienrechtlicher Forderungen und Ansprüche an die pluralistische, demokratische Gesellschafts-form in Deutschland werden für die vorliegende Untersuchung folgende Kriterien für journalistische Qualität festgelegt: Ausgewogenheit, Vielfalt und Sachlichkeit. Diese Kriterien sind auch in den Ziffern 12 und 13 des Pressekodexes festgeschrieben.
Der Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung liegt auf der Analyse dieser Bestandteile journalistischer Qualität, da das Islambild evaluiert werden soll, was besonders die Untersuchung von Objektivität erfordert. Objektivität setzt sich Hagen zufolge aus Richtigkeit, Transparenz, Sachlichkeit, Ausgewogenheit und Vielfalt zusammen, führt aber wie erwähnt zur Problematik der Evaluierung von Richtigkeit und Transparenz in Bezug auf den Forschungsgegenstand. Daher scheinen die ausgewählten Kriterien am besten dazu geeignet, Qualität in der Berichterstattung über das Bild einer fremden Religion oder Kultur zu beurteilen:
24 Qualitätsforschung
Ausgewogenheit meint in der vorliegenden Analyse, dass unterschiedliche Lebensweisen des Islam angesprochen werden und dass Muslime zu Wort kommen. Vielfalt lässt sich durch die Anzahl verschiedener Themen, im vorliegenden Falle auch die Anzahl der Länder, über die berichtet wird, ermitteln. Sachlichkeit ist dann gegeben, wenn Wertungen entweder als Meinungsjournalismus oder aber als Zitat gekennzeichnet sind. Berücksichtigt werden muss hier zudem die Typisierung von Muslimen, ebenso wie die bewusste oder unbewusste Identifizierung von Islam und Terrorismus, durch die eine Wertung impliziert wird. Noch einmal sei erwähnt, dass die tatsächliche Wirkung dieser Bereiche auf den Leser hier nicht untersucht werden kann, sondern nur eine Vermutung in diese Richtung besteht. Diese wertungsrelevanten Untersuchungsansätze werden im folgenden Kapitel, das sich dem Bild des Islam in der Berichterstattung widmet, näher erläu- tert.
25 Der Islam in den Medien
2. Der Islam in den Medien
Nachdem im ersten theoretischen Teil dieser Abhandlung unterschiedliche Aspekte der Qualitätsforschung aufgezeigt wurden, widmet sich der zweite Teil der Darstellung des Islam in den Medien. Dieser Forschungsgegenstand erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen, bei dem neben kommunikations- auch kulturwissenschaftliche Aspekte einzubeziehen sind. Mediendarstellungen und ihre möglichen Wirkungen müssen dabei ebenso berücksichtigt werden, wie die Bilder einer bestimmten Kultur, die sie erzeugen. Zu Beginn dieses Kapitels gilt es, Bilder und Stereotype begrifflich einzuordnen. Danach wird darauf eingegangen, was Wissenschaftler bisher zum Islam als Fremdbild unabhängig vom Bereich Medien festgestellt haben und einzelne Begriffe erklärt, die häufiger mit dem Islam in Zusammenhang gebracht werden. Anschließend wird ein Überblick über Forschungen gegeben, die sich direkt mit dem Islambild in den Medien beschäftigen. Berücksichtigung finden dabei auch erste Veröffentlichungen zum Thema Islambild nach dem 11. September 2001.
2.1. Bilder und Stereotype
Nach Boulding, der den Begriff Image stark geprägt hat, hängt das menschliche Verhalten von Vorstellungen ab, die sich durch die Gesamtheit aller Erfahrungen des betreffenden Menschen gebildet haben. 69 Teil dieser Vorstellungen oder Bilder sei die Überzeugung des Einzelnen, dass andere Menschen über ähnliche oder gleiche Vorstellungen und Bilder verfügen würden. Der Mensch glaube also, nicht alleine mit seinen Bildern zu stehen, sondern fühle sich mit diesen in einem größeren Kreis von Menschen integriert. 70 Informationen könnten diese Bilder formen, verändern, aufklären, aber auch verunsichern. 71 Das bedeutet, dass auch Medieninformationen einen Einfluss auf diese Bilder ausüben können. Denn Medien geben Erfahrungen aus zweiter Hand weiter und wirken so auf die Bilder der Rezipienten ein. Besonders deutlich wird diese Wirkung bei Themen, zu denen bisher keine Bilder gebildet wurden, wie zum
69 Vgl. Boulding, Kenneth E.: The Image. Ann Arbor: The University of Michigan Press, 1956, S. 6.
70 Vgl. ebd., S. 14.
71 Vgl. ebd., S. 10.
26 Der Islam in den Medien
Beispiel bei fremden Kulturen, zu denen im Alltag kein Kontakt besteht. Dort übermittelt das Medium die Ersterfahrung. 72 Die Intensität des Einflusses der Medien auf die Rezipienten ist in der Medienwirkungsforschung zwar nicht unumstritten, für die vorliegende Untersuchung ist aber festzuhalten, dass Medien zumindest einen Anteil an den Bildern der Rezipienten haben können. Boulding nennt zehn Aspekte der individuellen Vorstellungen: 73
1. Spatial Image (Umgebung)
2. Temporal Image (zeitliche Einordnung) 3. Relational Image (Umgebendes Regelsystem) 4. Personal Image (Eingliederung der eigenen Person im System) 5. Value Image (Einordnung nach den eigenen Wertemustern) 6. Affectional Image (Einordnung von Gefühlen)
7. Conscious, Unconscious and Subconscious Areas (Einteilung in bewusste, unbewusste und unterbewusste Bereiche) 8. Certainty (Sicherheit und Überzeugung) 9. Reality (Realitätsempfinden)
10. Public/Private Scale (Stellung der eigenen Bilder bei anderen/beim Einzelnen)
Den meisten Einfluss auf das Value Image übt dabei die Gesellschaft aus, in der der Mensch lebt, da in dieser das Wertesystem verankert ist, in dem der Betroffene aufwächst. 74
Bilder sind folglich als komplexe Konstrukte zu bezeichnen, deren Beeinflussung auf unterschiedlichste Weise geschehen oder ausbleiben kann. Außerdem wird deutlich, dass Bilder nicht als rational zu bewerten sind. Werden die Einflüsse auf das Bild von einem bestimmten Objekt zu komplex, beginnt der Mensch laut Boulding mit einem Reduktionsprozess, der in symbolischen Bildern oder auch Stereotypen resultiert. 75
72 Vgl. Wilke, Jürgen: Imagebildung durch Massenmedien. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Franz Spiegel, 1989, S. 11-21, S. 16.
73 Vgl. Boulding, Kenneth E., 1956, S. 47f.
74 Vgl. ebd., S. 72.
75 Vgl. ebd., S. 111.
27 Der Islam in den Medien
Die Begriffe Image/Bild, Vorurteil und Stereotyp werden in der Wissenschaft unterschiedlich definiert und überlappen teilweise in ihrer Interpretation. Dröge spricht sich dennoch für eine klare Trennung dieser Bezeichnungen aus. Vorurteile seien demnach Urteile, die vor der Erfahrung mit dem Gegenüber gefasst würden, wobei Stereotype Ausdruck dieser Vorurteile seien. Beides sei aber nur auf die Beziehung von Mensch zu Mensch anwendbar, wohingegen Images sich nur auf Objekte bezögen. 76 Nach aktuelleren Theorien ist Image oder Bild jedoch ein umfassenderer Begriff, der sowohl auf Objekte als auch auf Subjekte übertragen und in Beziehung zu Stereotypen gesetzt werden kann. 77 Bilder, ob vorgefertigt oder authentisch, können demnach von Stereotypen beeinflusst werden. Wilke unterscheidet zwischen Image und Stereotyp, indem er ersteres als neutral und veränderbar bezeichnet, wohingegen Stereotype relativ feste Vorstellungen bezeichnen, weshalb sie in der Forschung zumeist einer negativen Bewertung unterlägen. 78 Mit dieser Einordnung soll auch im Weiteren gearbeitet werden.
Stereotype zeichnen sich durch eine Erwartungshaltung gegenüber „den Anderen“ aus und können beispielsweise gegenüber dem anderen Geschlecht oder jedweder anderen Gruppierung bestehen, wie z.B. bestimmte Berufsgruppen, ethnische oder religiöse Minderheiten, wobei letztere für diese Abhandlung relevant sind. Verallgemeinerungen stellen bereits den ersten Schritt einer Stereotypisierung dar. 79 Lippmann als Vorreiter der Stereotypenforschung nimmt an, dass der Mensch deshalb zunächst definiere und erst dann betrachte, weil er dadurch besser mit einer als überkomplex erlebten Umwelt umgehen zu können glaubt. Dabei werde auf kulturelle Stereotype zurückgegriffen. 80 Stereotype können sich aber auch für die eigene Gruppe bilden, der man ebenfalls reduzierte, wenn auch immer positive Merkmale zuschreibt. Das Stereotyp für die eigene Gruppe wird
76 Vgl. Dröge, Franz W.: Publizistik und Vorurteil. Münster: Regensberg, 1967, S. 122ff.
77 Vgl. Hafez, Kai: The Middle East and Islam in Western Media: Towards a Comprehensive The-ory of Foreign Reporting. In: Hafez, Kai (Hrsg.): Islam and the West in the Mass Media: Fragmented Images in a Globalizing World. Cresskill, New Jersey: Hampton Press, 2000, S. 27-66, S. 30.
78 Vgl. Wilke, Jürgen, 1989, S. 12f.
79 Vgl. Dröge, Franz W., 1967, S. 211.
80 Vgl. Lippmann, Walter: Die öffentliche Meinung. Bochum: Universitätsverlag Brockmeyer, Reprint 1990, S. 63.
28 Der Islam in den Medien
Auto-Stereotyp, das gegenüber der anderen Gruppe Hetero-Stereotyp genannt. 81 Im Folgenden werden die Hetero-Stereotype im Vordergrund stehen. Stereotype entstehen durch einen längeren Lernprozess, wobei Erfahrungen in Familie, Schule und im Zusammenhang mit anderen sozialen Kontakten in Bezug auf die Beurteilung einer Gruppe gemacht werden. Kennzeichnend für die Bildung von Stereotypen ist, dass sie in der Regel ohne direkten Kontakt zu der stereotypisierten Gruppe entstehen. Hier kommen die Medien ins Spiel, denn ein indirekter sozialer Kontakt kann natürlich auch die Tageszeitung sein. Jedoch setzt die Tageszeitung noch nicht im Kindesalter an und ist daher nicht dazu in der Lage, den Grundstein für Stereotype zu legen. Es könnten laut Nicklas und Ostermann nur Stereotype aufgegriffen werden, die vorher bereits beim Rezipienten vorhanden waren. 82 Allerdings kann das Medium den Zugang zu den Stereotypen erleichtern, da es eine bereits reduzierte Realität anbietet, die dem Drang nach Verminderung der Komplexität entgegenkommt. Dröge meint gar, dass sich eine stereotype Nachrichtenauswahl durch die Medien angesichts der komplexen Informationen kaum vermeiden ließe. 83 Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Journalisten ebenfalls Menschen sind, die vor Stereotypisierung nicht gefeit sind.
Der Grad der Stereotypisierung ist nach Dröge abhängig von den Berührungspunkten, die zwischen einem selbst und den Fremden bestehen. So steige die Stereotypisierung des anderen mit der Erhöhung der Verbindungspunkte zwischen den Gruppen. 84 Der Wandel von Stereotypen hängt aber neben den Berührungspunkten auch von der Art des Stereotyps ab. Dröge unterscheidet hier zwischen kulturandauernden, kultur-epochalen und zeitgeschichtlich determinierten Stereotypen. 85 Deren Bedeutung lässt sich anhand einer Pyramide darstellen:
81 Vgl. Dröge, Franz W., 1967, S. 126.
82 Vgl. Nicklas, Hans / Ostermann, Änne: Die Rolle von Images in der Politik. Die Ideologie und ihre Bedeutung für die Imagebildung am Beispiel des Ost-West-Konflikts. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Franz Spiegel, 1989, S. 22-35, S. 33. Siehe auch Dröge, Franz W., 1967, S. 113.
83 Vgl. Dröge, Franz W., 1967, S. 179.
84 Vgl. ebd., S. 137.
85 Vgl. ebd., S. 151ff.
29 Der Islam in den Medien
Das kulturandauernde Stereotyp gehört nach Dröge zur Kultur einer Gesellschaft und ändert sich nie vollständig, sondern nur in Teilaspekten. Es ist die Basis für weitere Stereotype und daher die erste Stufe auf der Stereotypen-Pyramide. Ein Beispiel für diese Art von Stereotypen sind religiös motivierte Vorstellungen. Das kultur-epochale Stereotyp ist kurzlebiger als das kulturandauernde Stereotyp. Es kann sich außerdem vollständig ändern und tritt beispielsweise bei den Stereotypen des Feudalstaates, der sich zum Industriestaat gewandelt hat, auf. Hier setzt die nächste Stufe der Stereotypisierung an. Zeitgeschichtlich determinierte Stereotype können sich durch ein Ereignis erheblich wandeln, daher wird diese Form auch Ad-hoc-Stereotyp genannt und steht an der Spitze der Stereotypen-Pyramide. Diese Ausprägung der Stereotype ist publizistisch besonders interessant, geht es doch um einen Bereich der Stereotypisierung, der von den Medien beeinflusst werden kann. Zeitgeschichtlich determinierende Stereotype könnten auch im Falle der Ereignisse vom 11. September 2001 aufgetreten sein, weil es sich um ein Ereignis gehandelt hat, das die Menschen tief bewegte. Informationsmangel, der in dieser Situation herrschte, da der Tathergang und die Täterschaft vorerst weitgehend unbekannt blieben, sowie die Entscheidungssituation, die angesichts einer drohenden Vergeltung bestand, könnte eine Stereotypisierung zudem begünstigt haben. 86
86 Zum Einfluss von Informationsmangel und Entscheidungssituationen auf Stereotype siehe ebd., S. 172.
30 Der Islam in den Medien
Stereotype sind nicht nur als negatives Phänomen zu betrachten, sondern haben auch einen gewissen Nutzen. Die Reduktion führt mit dazu, dass das eigene Selbst näher definiert und von einer komplexen Umwelt entlastet wird. 87 Gleichzeitig dienen Stereotype dazu, irrationalen Vorurteilen eine Pseudo-Rationalität zuzu-ordnen, die das eigene Sicherheitsgefühl und das Selbstbewusstsein stärkt. 88 Dieses positive Gefühl geht aber auf Kosten der betroffenen Fremdgruppe. Eine Folge ist die so genannte „self-fulfilling prophecy“, die auf Merton zurückgeht. 89 Allen führt hierzu an, dass Gruppen, die mit Stereotypen belegt werden, häufig dazu neigen, sich dieser Erwartung entsprechend zu verhalten, also sich der „Prophezeiung“ anzupassen. 90 Stereotype können also auch insofern Schaden zufügen, als dass sie die betroffene Gruppe dazu bringen, sich tatsächlich „auffällig“ zu verhalten.
Starre Stereotypisierungen einer fremden Gruppe führen zu Feindbildern. Hippler und Lueg definieren das Feindbild als „eine bestimmte Art der Fremdwahrnehmung, die Teile der Realität so zusammenmontiert, daß ein verzerrtes, feindseliges und anklagendes Gesamtbild entsteht“ 91 . Eine ähnliche, aber differenziertere Definition verwenden Nicklas und Ostermann: 92
„Ein Feindbild ist die nicht realitätsangemessene Perzeption eines Menschen, einer gesellschaftlichen Gruppe oder eines Akteurs des Internationalen Systems, wobei die Realitätsadäquanz die Verallgemeinerung des Aspekts der Feindschaft betrifft.“
Weller betont, dass bestehende Feindbilder positive Zuordnungen an den Gegner ausschließen würden, ein Feindbild also keine Differenzierung mehr zulasse. 93 In Konfliktsituationen können diese Bilder besonders leicht entstehen, da hier Ein-ordnungsmuster schnell Übereinstimmungen finden, die sich gegenseitig stärken
87 Vgl. ebd., S. 125.
88 Vgl. Bernhardt, Hans-Michael. Voraussetzungen, Struktur und Funktion von Feindbildern. Vorüberlegungen aus historischer Sicht. In: Jahr, Christoph / Mai, Uwe / Roller, Kathrin (Hrsg.): Feindbilder in der deutschen Geschichte. Studien zur Vorurteilsgeschichte im 19. und 20. Jahr-hundert. Berlin: Metropol Verlag, 1994, S. 9-24, S. 12.
89 Siehe Merton, Robert K.: Social Theory and Social Structure. New York: Free Press, 3 1968, S. 477.
90 Vgl. Allen, Irving Lewis: Unkind Words. Ethnic Labeling from Redskin to WASP. New York u.a.: Bergin & Garvey, 1990, S. 8f.
91 Hippler, Jochen / Lueg, Andrea: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Feindbild Islam oder Dialog der Kulturen. Hamburg: Konkret, 2002, S. 7-15, S. 8.
92 Nicklas, Hans / Ostermann, Änne, 1989, S. 27.
93 Vgl. Weller, Christoph: Warum gibt es Feindbilder? In: Hippler, Jochen / Lueg, Andrea (Hrsg.): Feindbild Islam oder Dialog der Kulturen. Hamburg: Konkret, 2002, S. 49-58, S. 49.
31 Der Islam in den Medien
und in einem Negativbild resultieren. 94 Das bedeutet, dass sich möglicherweise auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Gefahr für Feindbilder erhöhte.
Erkennbar sind Feindbilder laut Bernhardt anhand von Charakterisierungen, die der Fremdgruppe zugesprochen werden und stets negativ ausfallen. 95 Hier bestehe also eine Möglichkeit, Feindbilder zu operationalisieren.
2.2. Islam als Feindbild?
Ob in der westlichen Welt 96 ein Feindbild Islam besteht, wird schon länger diskutiert, besonders jedoch seit dem Ende des Ost-West-Konflikts. Das Ende des Kalten Krieges soll eine Ursache für ein Aufkeimen von Ressentiments gegenüber Muslimen sein, da mit dem Wegbrechen des alten Feindes eine Identitätskrise entstanden sei, die zu neuen Stereotypen geführt habe. 97 Nach dem Ende der Konfrontation mit der UdSSR sei die westliche Welt verunsichert, ob ihre Machtstellung und ihr Zusammenhalt ohne nominellen Feind aufrecht erhalten werden könne. 98 Diese Bedrohungsperzeption seit Ende des Kalten Krieges geht nach Mowlana damit einher, dass islamisch geprägte Gebiete als besondere Krisenherde empfunden werden, wobei man sich des Begriffs „Islamischer Fundamentalismus“ sehr einseitig bediene. 99 Das Bild der Bedrohung lasse sich leicht aufbauen und je nach Bedarf für politische Interessen einsetzen. 100 Die Übereinstimmungen zwischen dem alten Feindbild Kommunismus und einem neuen Feindbild Islam werden von Bernard, Gronauer und Kuczera gestützt, die in einer Metaphernanalyse zu dem Ergebnis kamen, dass sich die Metaphern für Kommunismus vor Ende des Ost-West-Konflikts und diejenigen für Islam in den 90er Jahren stark ähneln. Die Möglichkeit für ein Feindbild Islam sei allerdings
94 Vgl. ebd., S. 56.
95 Vgl. Bernhardt, Hans-Michael, 1994, S. 21.
96 „Westen“ sei für die vorliegende Arbeit definiert als Nordamerika und Europa (außer ehemalige Ostblockstaaten).
97 Vgl. Hippler, Jochen / Lueg, Andrea, 2002, S. 7-15, S. 8.
98 Vgl. Bernhardt, Hans-Michael, 1994, S. 11.
99 Vgl. Mowlana, Hamid: Elements of Cross-Cultural Communication and the Middle East. In: Kamalipour, Yahya R. (Hrsg.): The U.S. Media and the Middle East. Image and Perception. West-port: Greenwood, 1995, S. 3-16, S. 14.
100 Vgl. Hippler, Jochen: Der Islam, der Westen und die politische Gewalt in den internationalen Beziehungen. In: Ders. / Lueg, Andrea (Hrsg.): Feindbild Islam oder Dialog der Kulturen. Ham- burg: Konkret, 2002, S. 159-195, S. 195.
32 Der Islam in den Medien
schon seit der islamischen Revolution im Iran gegeben gewesen, jedoch erst in der Golfkrise 1990/91 angewandt worden. 101 Hafez nennt ebenfalls die islamische Revolution als wichtiges Ereignis in der Entstehung eines Negativbildes des Islam und betont, dass vorher der Islam zwar auch als unmodern oder mittelalterlich wahrgenommen, eine Bedrohung jedoch erst seit diesem Umsturz empfunden worden sei. 102 Said nennt als weitere Ereignisse, die das Islambild geprägt hätten, den Bombenanschlag im Libanon 1983, bei dem über 240 US-Soldaten starben, die Explosion der Pan Am-Maschine 1988 über Lockerbie, den ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993, die Fatwa gegen Salman Rushdie 1989, den Nahost-Konflikt, Machtkämpfe im Sudan, Bürgerkrieg in Algerien und einige Flugzeugentführungen. Alle diese Ereignisse werden muslimischen Gruppierungen zugeschrieben. 103 Mowlana nennt vier Erklärungen für die angenommene Neuentwicklung eines Feindbildes Islam, und zwar die neue Weltordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, die geringe Medienpräsenz von islamischer Kultur in den westlichen Medien, die Annahme, dass der Islam die einzig verbliebene Bedrohung sei und historisch begründete Stereotype, die sich über Jahr-hunderte hinweg gehalten hätten. 104
Gestärkt wird ein Bedrohungsszenario des Islam durch Huntingtons Thesen des „Clash of Civilizations“, in denen eine unvermeidbare Konfrontation zwischen westlicher und islamischer Kultur vorhergesagt wird. 105 In Bezug auf die Anschläge vom 11. September 2001 wurden diese Annahmen immer wieder als Bestätigung herangezogen. Diese Gegenüberstellung zweier Kulturen ist jedoch fraglich, ist eine Eingrenzung von „Westen“ und „Islam“ doch kaum möglich. „Westen“ ist eine geographische Bezeichnung, „Islam“ jedoch eine Religion, die sich über die arabischen Länder, Zentralasien bis hin zu Teilen Chinas und
101 Vgl. Bernard, Jutta / Gronauer, Claudia / Kuczera, Natalie: Auf der Suche nach einem neuen Feindbild. Eine vergleichende Metaphernanalyse zu Kommunismus und Islam. In: Medienprojekt Tübinger Religionswissenschaft (Hrsg.): Der Islam in den Medien. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1994, S. 198-207, S. 204f.
102 Vgl. Hafez, Kai, 2002, S. 237 (Nahost- und Islambild).
103 Vgl. Said, Edward W.: Covering Islam. How the Media and the Experts determine How We See the Rest of the World. New York: Vintage Books, 2 1997, S. XIIf.
104 Vgl. Mowlana, Hamid: The Renewal of the Global Media Debate: Implications for the Relationship between the West and the Islamic World. In: Hafez, Kai (Hrsg.): Islam and the West in the Mass Media: Fragmented Images in a Globalizing World. Cresskill, New Jersey: Hampton Press, 2000, S. 105-118, S. 106f.
105 Näheres zu Huntingtons Thesen siehe Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs, Jg. 72, Heft 3, 1993, S. 22-49.
33 Der Islam in den Medien
Indonesien ausdehnt. Hier kann man keinesfalls von einem einheitlichen Kulturkreis sprechen.
Es wird also angenommen, dass der Islam das Feindbild der letzten 50 Jahre, die Sowjetunion, abgelöst habe. Allerdings ist das Islambild wesentlich diffuser als das Bild der UdSSR es war. Es handelt sich hier um keine Nation, sondern um eine religiöse Gemeinschaft, die nicht auf ein festes Gebiet einzugrenzen ist. Ein „Feinbild Islam“ wirkt also nicht nur als Abgrenzung nach außen, sondern auch als Ausgrenzung nach innen, indem muslimische Gruppen im eigenen Land, als sichtbar gemachtes Feindbild, derselben Stereotypisierung ausgesetzt sind. 106
Wissenschaftler sprechen einem stereotypen Islambild bestimmte Eigenschaften zu. Ein wichtiger Aspekt der Stereotypisierung ist demnach die Reduktion vom Islam auf eine eingegrenzte Lebensform. Eine Einordnung stellt sich aber als schwierig dar, ist diese Religion doch nicht auf eine Form reduzierbar, sondern in unterschiedlichster Ausprägung vorhanden und teilweise in Traditionen übergegangen, die jedoch keine religiöse Bedeutung mehr haben. 107 Demgegenüber lässt sich in den letzten Jahrzehnten ein Wiederaufleben islamischer Traditionen beobachten. Diese Entwicklung verstärkt, dass der Islam zunehmend als Bedrohung empfunden wird. Die Religion des Islam erlebt eine Art Renaissance, die jedoch gleichgesetzt wird mit einem Erstarken radikaler, terroristischer, sich gegen den Westen richtender Kräfte. Tatsächlich finden sich Neubestrebungen in unterschiedlichster Form und Facon. 108 Steinbach wiederum mutmaßt, dass diese Entwicklung nicht einmal als Re-Islamisierung bezeichnet werden könne, da der Glauben zuvor nicht geschwächt worden war. Vielmehr seien die zu beobachtenden Veränderungen durch Machtbestrebungen zu erklären. 109 Weder der Begriff
106 Vgl. Geiger, Klaus F.: Deutsch-europäische Festungsgeschichten und die (Re-) Konstruktion des Feindes Islam. In: Foitzik, Andreas / Leiprecht, Rudi / Marvakis, Athanasios / Seid, Uwe (Hrsg.): Ein Herrenvolk von Untertanen. Rassismus - Nationalismus - Sexismus. Duisburg: Basisdruck, 1992, S. 163-184, S. 179.
107 Vgl. Amanuel, Saba: Frauenfeind Islam? Wie die Frauenzeitschrift Brigitte an Klischees weiterstrickt. In: Röben, Bärbel / Wilß, Cornelia (Hrsg.): Verwaschen und verschwommen. Fremde Frauenwelten in den Medien. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel, 1996, S. 95-108, S. 96.
108 Vgl. Wiegand, Krista E. / Malek, Abbas: Islam and the West: Cultural Encounter. In: Kamalipour, Yahya R. (Hrsg.): The U.S. Media and the Middle East. Image and Perception. West-port: Greenwood, 1995, S. 201-211, S. 206.
109 Vgl. Steinbach, Udo: Flucht in die Geschichte? Zur Genesis und Wirkung islamistischer Strömungen. In: Lüders, Michael (Hrsg.): Der Islam im Aufbruch? Perspektiven der arabischen Welt. München, Zürich: Piper, 2 1993, S. 76-93, S. 81.
34 Der Islam in den Medien
Islam, noch der des Fundamentalismus, auf den später noch eingegangen wird, erlauben eine monolithische Betrachtung, da beide verschiedenste Erscheinungs-formen verkörpern, die aber nicht über die westliche Öffentlichkeit kommuniziert werden. 110
Kuske führt zudem an, dass auch in der westlichen Welt Neuorientierungen zurück zur Religion und eine Suche nach einem neuen Wertesystem zugenommen hätten, nicht selten verbunden mit gewalttätigen Auseinandersetzungen, was eine pauschale Verurteilung der Entwicklung in islamisch geprägten Gebieten verwunderlich mache. 111
Hoffmann weist aber einschränkend darauf hin, dass ein Feindbild Islam dennoch nicht mit einem antisemitischen Bild verglichen werden könne. Der Islam sei zunächst als Bedrohung von außen (staatliche Bedrohung) betrachtet worden, bevor ein Überschwappen auf die Innenpolitik in Form von Immigranten ein eventuelles Feindbild komplett gemacht habe, wohingegen die Wurzeln des Antisemitismus gegen die jüdischen Bevölkerungsgruppen Europas seit vielen Jahrhunderten im Innern lägen und erst später Verbindungen zu feindlichen Staaten hinzugedichtet worden seien. 112 Hoffmann konstatiert gar, dass man Verbündete des Islam hätte erfinden müssen, um das Feindbild zu forcieren, wenn es keine Anhänger des Islam im Inland gäbe. 113
Hippler nennt zehn stereotypisierende Mechanismen, die ein Feindbild Islam entstehen lassen könnten: 114
110 Vgl. Malik, Jamal: Islamischer Fundamentalismus oder politischer Islam. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, 52. Jg., Nr. 11-12, 2001, S. 686-693, S. 693.
111 Vgl. Kuske, Silvia: Von Tausendundeiner Nacht zu Tausendundeiner Angst: der Islam in den Medien. In: Jahr, Christoph / Mai, Uwe / Roller, Kathrin (Hrsg.): Feindbilder in der deutschen Geschichte. Studien zur Vorurteilsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Berlin: Metropol Verlag, 1994, S. 251-279, S. 272.
112 Vgl. Hoffmann, Lutz: Feindbild Islam. Warum man hierzulande den Islam erfinden würde, wenn es ihn nicht schon gäbe. In: Hannemann, Tilman / Meier-Hüsing, Peter (Hrsg.): Deutscher Islam - Islam in Deutschland. Beiträge und Ergebnisse der 1. Bremer Islam-Woche. Marburg: Diagonal-Verlag, 2000, S. 63-81, S. 76.
113 Vgl. ebd., S. 76.
114 Vgl. Hippler, Jochen: Der interkulturelle Dialog zwischen dem Westen und dem Nahen und Mittleren Osten. In: Ders. / Lueg, Andrea (Hrsg.): Feindbild Islam oder Dialog der Kulturen. Hamburg: Konkret, 2002, S. 196-214, S. 206.
35 Der Islam in den Medien
1. Vergleiche auf unterschiedlichen Realitätsebenen
2. Übernahme fundamentalistischer Erklärungsmuster 3. Religiöse Interpretation säkularer Politik 4. Unterstellung von nicht bewiesenen Tatsachen 5. Verwechslung vom Islam als Religion und der kulturellen Ausprägung 6. Geschichtslosigkeit 7. Verzicht auf Analyse von Interessen 8. Kulturelle Überheblichkeit 9. Verwendung unterschiedlicher Maßstäbe 10. Psychologisierung
Der Vergleich verschiedener Realitäten (1) würde sich demnach dadurch äußern, dass stets Westen mit Islam anstatt Christentum mit Islam oder Europa mit dem Nahen Osten verglichen werde. Hier würden also unterschiedliche Ebenen betrachtet, was zu falschen Ergebnissen führe. Fundamentalistische Erklärungsmuster (2) würden übernommen, wenn der Islam durch Aussagen erläutert werde, die von radikalen Gruppierungen stammen. Es würden folglich nicht grundlegende islamische Quellen zur Interpretation vom Islam herangezogen, sondern spezielle gefilterte Auslegungen bestimmter muslimischer Persönlichkeiten. Säkulare Politik (3) werde unter religiösen Gesichtspunkten untersucht. Das heißt, dass aus der Verwendung von religiösen Formeln auf den Islam geschlossen werde, obwohl nur eine religiöse Instrumentalisierung erfolge, die aber säkularer Natur sei. Zudem werde eine religiöse Absicht unterstellt (4), anstatt das Zusammenspiel zwischen Religion und Politik in dem jeweiligen Land erst zu untersuchen. Kulturelle Prägungen und Traditionen, die durch den Islam in das Land gekommen seien, aber inzwischen keine Rückschlüsse mehr auf die Religionsausübung, sondern nur auf die Kultur zuließen, würden mit der Religion verwechselt (5). Wie die Menschen leben, sage also mehr über das kulturelle Leben als über die Verbreitung islamischer Praxis aus. Historische Hintergründe (6), die nicht durch die Religion selbst zu erklären seien, würden außer Acht gelassen. Es werde ausschließlich auf die Entstehungsgeschichte des Islam hingewiesen, wohingegen gerade die späteren Entwicklungen für die heutige Ausprägung des Islam bedeutsam seien.
36 Der Islam in den Medien
Interessen wirtschaftlicher oder sozialer Art würden wiederum stets mit dem Islam begründet, ohne jedoch die wahren Beweggründe zu analysieren (7). Eine weitere Schwierigkeit stelle kulturelle Überheblichkeit (8) dar. Hippler unterstellt hiermit der „westlichen Welt“, aus wirtschaftlichem und militärischem Erfolg auch eine kulturelle und moralische Überlegenheit gegenüber islamisch geprägten Gesellschaften zu schließen. Hieraus ergibt sich auch eine Verwendung unterschiedlicher Maßstäbe (9), beispielsweise in der Beurteilung, welches Land welche Waffen besitzen dürfe. So seien ABC-Waffen für westliche Streitkräfte legitim und friedenserhaltend, für den Nahen Osten jedoch verboten. Als letzten Punkt nennt Hippler Psychologisierung (10). Demnach würden machtpolitischen Bestrebungen nahöstlicher Politiker psychologische Begriffe zugeordnet, die einen negativen Charakter hätten, wie zum Beispiel „Größenwahn“, wohingegen gleiche Anstrengungen westlicher Politiker als legitim angesehen würden. Das Argument der kulturellen Überlegenheit (8) sprechen auch Bailie und Frank an, differenzieren jedoch zwischen technischer, kultureller und religiöser Dominanz. 115
In Deutschland kann ein mögliches Feindbild besondere Ursachen haben. Hier leben etwa 3 Millionen Muslime 116 , also eine zahlenmäßig nicht zu unterschätzende Minderheit. Es handelt sich dabei mehrheitlich um Türken, die sich schon aus historischer Sicht (Türken vor Wien) als Feindbild eignen. 117 Lueg spricht von einem stark klischeehaften Bild des Islam in Deutschland, das in zu geringen Kenntnissen über diese Religion begründet sei. So werde der Islam als aggressiv, brutal, fanatisch, irrational, mittelalterlich und frauenfeindlich angesehen. Dieses Bild habe sich seit den Anschlägen vom 11. September weiter verschlechtert. 118
115 Vgl. Bailie, Mashoed / Frank, David A.: An Occidental Construction of the Orient: Media, Madness, and the Muslim World. In: Wasko, Janet / Mosco, Vincent (Hrsg.): Democratic Communications in the Information Age. Toronto: Garamond, 1992, S. 75-86, S. 77ff.
116 Diese Angabe und nähere Statistik zum Islam in Deutschland siehe Abdullah, Muhammad Salim: Muslime in Deutschland - Geschichte und Herausforderungen. In: Hannemann, Tilman / Meier-Hüsing, Peter (Hrsg.): Deutscher Islam - Islam in Deutschland. Beiträge und Ergebnisse der 1. Bremer Islam-Woche. Marburg: Diagonal-Verlag, 2000, S. 35-62, S. 59ff.
117 Vgl. Bernard, Jutta / Gronauer, Claudia / Kuczera, Natalie, S. 199.
118 Vgl. Lueg, Andrea: Der Islam in den Medien. In: Hippler, Jochen / Lueg, Andrea (Hrsg.): Feindbild Islam oder Dialog der Kulturen. Hamburg: Konkret, 2002, S. 16-34, S. 17.
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Maren Iman Imran geb. Kagemann, 2004, Feindbild Islam? Zur Qualität der Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001, München, GRIN Verlag GmbH
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