Inhaltsverzeichnis
I Objektive Hermeneutik: Einleitung 3
1. Begriffsklärung 3
2. Objektbereich 5
3. Strukturbegriff der objektiven Hermeneutik 5
4. Methode 7
4.1 Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation 8
4.2 Empirisches Vorgehen 10
4.3. Gültigkeit der Fall-Rekonstruktionen 11
II Sequenzanalyse 13
1. Vorgehensweise bei der Auswertung 13
2. Text-Interpretation 15
3. Demonstration 16
3.1. Lesarten 16
3.2. Zusammenfassende Interpretation des untersuchten Ausschnitts 21
III Kritik an der Methode 22
Literaturverzeichnis 23
I. Objektive Hermeneutik: Einleitung
In der qualitativen Forschung gibt es zahlreiche Konzepte zur Analyse von Texten. Die Objektive Hermeneutik ist für die sozialwissenschaftliche Methodologie ein Verfahren der kontrollierten hermeneutischen Auswertung, vor allem von Interviews oder natürlicher Kom- munikation. Eine Variante in der Objektiven Hermeneutik ist die Sequenzanalyse, auf die ich im zweiten Teil dieser Arbeit eingehen werde. Der Name Objektive Hermeneutik bezieht sich auf den Anspruch der objektiven Gültigkeit der Ergebnisse und das Interesse an der objekti- ven Sinnstruktur von Kommunikationszusammenhängen. Die einzelnen Aspekte dieser Forschungsmethode werde ich nun erläutern.
1. Begriffsklärung
Der Begriff Hermeneutik stammt aus dem Griechischen (Hermeneutike: „Kunst der Ausle- gung, der Deutung“, hermeneuein: „erklären, auslegen, deuten“) und bezeichnet die Kunst der Deutung und Auslegung von Texten, Kunstwerken oder Musikstücken. 1 Wobei sich für die Objektive Hermeneutik die Welt in Texten materialisiert, und somit alles gedeutet werden kann (siehe Kapitel 2. Objektbereich). Für Objektiv lassen sich zwei Bedeutungen finden. In der reflexionstheoretischen Bedeutung steht objektiv dafür, dass die Subjekte sich in ihren Texten objektivieren, indem sie über ihre Texte selbst reflektieren. Die zweite Bedeutung bezieht sich auf die Rekonstruktion der objektiven Bedeutungsstrukturen von Texten, so- dass die Grundstruktur von Interaktionen ans Licht gebracht wird, im Unterschied zum subjektiv gemeinten Sinn der Interaktion, der aber im späteren Verlauf der Rekonstruktion ebenso erschlossen werden muss. Die Objektive Hermeneutik ist ein sehr komplexes, theo- retisches, methodologisches Konzept und wird auch strukturale Hermeneutik oder genetischer Strukturalismus genannt. Andreas Wernet schreibt: „Das Anliegen der Objekti- ven Hermeneutik besteht in einer methodischen Kontrolle der wissenschaftlich-empirischen Operation des Verstehens.“ 2 Dazu bleiben anfangs die subjektiven Intentionen, also das, was die Textproduzenten fühlen, wünschen, denken, ohne Belang, da sie prinzipiell unzu- gänglich sind. Vielmehr untersucht man die sozialen Hintergründe, die Ursachen und die Wirkungen sozialer Handlungen.
1 http://www.wissen.de, 25.02.2005
2 Wernet, 2000, S. 11
3
Der Begriff der Objektiven Hermeneutik wurde geprägt von Ullrich Oevermann, Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Sozialpsychologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 3 Oevermann entwickelte die Objektive Hermeneutik Ende der sechzi- ger Jahre aus der Forschungspraxis heraus, als er in einem Forschungsprojekt des Max- Planck-Instituts mit dem Thema „Elternhaus und Schule“ die Bedeutung von Sprachbarrieren für den Schulerfolg untersuchte. Zum damaligen Zeitpunkt musste er feststellen, dass die Sozialisationsforschung nicht in der Lage war, die objektiven sozialen Interaktionen zwischen Menschen, in diesem Fall Eltern und Kindern, zu begreifen. Die Soziologie mit ihren For- schungsmethoden konnte lediglich Individuelles erfassen und scheiterte an der empirischen Erschließung des Sozialen. Aus der Unzufriedenheit über die Unvollständigkeit der erworbe- nen Ergebnisse und der Kritik an der verwendeten Methode heraus bildete sich um Oevermann eine neue Arbeitsgruppe, die das Verfahren der Objektiven Hermeneutik entwi- ckelte. Oevermann sagt, die Methodologie der objektiven Hermeneutik sei „dazu nicht durch theoretische Reflexion gelangt, sondern in der forschungspraktischen Problemlösung, in der die zu untersuchende Wirklichkeit selbst den Forscher dazu zwang, und zwar nicht einfach deshalb, weil er sich dazu entschieden hatte, sich nicht mehr mit standardisiert erhobenen Daten bei der Hypothesenprüfung zufrieden zu geben, sondern theoretische Vorstellungen mit natürlichen Protokollen oder Ausdrucksgestalten der gesellschaftlichen Wirklichkeit un- mittelbar zu konfrontieren.“ 4
Oevermann und seine Mitarbeiter entwickelten mit der Objektiven Hermeneutik ein Verfah- ren, mit dem die sozialisatorische Interaktion durch gründliche Textinterpretation genau beobachtet werden kann. Die Forschungsgruppe kam zu dem Schluss, dass gesellschaftli- che Subjekte in Handlungszusammenhänge eingebunden sind, und dass sie sich deren Sinnstrukturen nur zum Teil bewusst sind. Das Ziel der Objektiven Hermeneutik ist es, die grundlegenden Strukturen der Interaktion zwischen den Akteuren herauszuarbeiten, die sich in den verschiedensten Kontexten immer wieder wiederholen und die Beziehung zwischen den Beteiligten prägen. So soll gezeigt werden, wie sich in einzelnen Interaktionen die All- gemeinheit abbildet.
Ein Beispiel:
Bei der Äußerung "ich liebe dich" ist für die Objektive Hermeneutik anfänglich nicht in- teressant, ob die Aussage tatsächlich mit den Intentionen und Gefühlen des Sprechers übereinstimmt und aufrichtig ist, sondern welche Funktion diese Äußerung in ihrem Kommunikations-Zusammenhang hat. Dabei sind viele verschiedene Funkti- onen möglich, von der Beschwichtigung in einem Streit etwa bis hin zur
3
http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Oevermann (25.02.2005)
4
Reichertz, 1997, S. 33f
4
Überredungsfunktion. Diese Funktionen müssen aber den Handlungssubjekten nicht unbedingt bewusst sein. 5
2. Objektbereich
Die Objektive Hermeneutik geht davon aus, dass sich die sinnstrukturierte Welt durch Spra- che konstituiert und in Texten materialisiert. Texte sind demnach Protokolle der Wirklichkeit, denn „dort, wo wir es mit (sozial-)wissenschaftlich relevanter Erfahrung zu tun haben, [ist] diese immer schon sprachlich formulierte, also „protokollierte“ Erfahrung“ 6 . Die Annahme der Textförmigkeit sozialer Wirklichkeit markiert auch den methodischen Zugang: Wirklichkeits- forschung ist Textforschung, und Soziologen können ausschließlich Texte interpretieren. Die Objektive Hermeneutik erweitert außerdem den Objektbereich der herkömmlichen Herme- neutik über das durch die Psyche vermittelte und psychisch Unbewusste hinaus, hin zum sozial unbewussten, den latenten 7 sozialen Sinnstrukturen. 8 Im Gegensatz zu anderen quali- tativen Verfahren sowie den traditionellen Hermeneutiken, geht es der Objektiven Hermeneutik nicht darum, einen vom Autor intendierten Sinn nachzuvollziehen, sondern den latenten Sinn, die Struktur, das Soziale des Textes zu ermitteln. Die latente Sinnstruktur bezeichnet also die sozialen Gründe, die hinter einer Handlung stehen.
Die zwei Säulen der Objektiven Hermeneutik sind zum einen die Interpretation als methodi- scher Kern einer Sinn verstehenden Wirklichkeits-Erschließung, zum anderen die überprüfbare Geltung dieser Interpretation, dazu mehr in Kapitel 4.3. (Gültigkeit der Fallre- konstruktionen).
3. Strukturbegriff der objektiven Hermeneutik
Der Objektbereich der objektiven Hermeneutik wird unter anderem beschrieben mit dem, was der Philosoph Karl Popper als dritte Welt oder die Welt des Objektiv-Geistigen bezeich- net. Nach Popper gibt es drei Welten: die erste ist die erfahrbare Welt, die Welt des
5
ILMES - Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung:
http://www.ilmes.de (25.02.2005)
6
Bohnsack, 1991, S. 78
7
latent: vorhanden, aber nicht in Erscheinung tretend, verborgen; [lateinisch: latens, latentis, ”verborgen, unsichtbar“, zu latere ”verborgen sein“] http://www.wissen.de (25.02.2005)
8
Bohnsack, 1991
5
Physisch-Materiellen. Die zweite Welt ist die der menschlichen Interaktionen und Gedanken, die Welt des Subjektiv-Psychischen. Die dritte Welt beinhaltet die vom Menschen geschaffe- nen objektiven Strukturen, die dann aber unabhängig von ihm existieren. Sie sind die nicht unbedingt beabsichtigten Schöpfungen des menschlichen Geistes, wie zum Beispiel morali- sche Systeme, Gesetzeswerke, Gebräuche und regelmäßig wiederkehrende Verhaltensweisen. Die Strukturen der dritten Welt werden geleitet von einem System genera- tiver Regeln. Diese Regeln erzeugen Verhalten, das dem Handlungssubjekt zuvor nicht bekannt war, also objektive Sinnstrukturen, die wiederum die Objektive Hermeneutik ver- sucht zu rekonstruieren. Der generative Regelbegriff wurde geprägt von Noam Chomsky. Die Regelgeleitetheit ist unhintergehbar und verleiht der Handlung erst eine Bedeutung.
Ein Beispiel:
„Ich verspreche Dir, dass ich dich nie wieder anlüge.“ Dieses Versprechen hat wohl jeder schon einmal abgelegt. Die generativen Regeln des Versprechens zwingen uns nicht, es einzulösen, sondern sie eröffnen erst die Handlungsmöglichkeiten „einl ösen“ oder „nicht einlösen“ und machen aus der Nichteinlösung eine sinnhafte Handlung. Es geht also nicht darum zu wissen, „was zu tun ist“ (nämlich dass man, laut den so- zialen Normen, ein Versprechen nicht brechen darf), sondern, „was es heißt, etwas zu tun“ (also welche Bedeutung das Nichteinhalten eines Versprechens hat). 9
Die Objektiven Hermeneutik versteht Strukturen als jene Gesetzmäßigkeiten, mit der eine Lebenspraxis eines Individuums, einer Gruppe, einer Gemeinschaft, Institution oder Gesell- schaft über einen bestimmten Zeitraum eine typische Auswahl aus den nach Regeln erzeugten Handlungsmöglichkeiten vornimmt. Strukturen im Konzept der objektiven Herme- neutik sind wirklich und zeitlos, sie rekonstruieren und transformieren sich, steuern autonom Handlungen von Subjekten innerhalb einer Lebenspraxis und agieren an jedem Ort und auf jeder Ebene, wo Sozialität herrscht. Es wird außerdem zwischen zwei Strukturschichten unterschieden. Die universalen Strukturen (z.B. Moralität oder Vernünftigkeit), die nicht histo- risch, aber dafür invariant sind und den Handlungsraum der Menschen eröffnen und begrenzen, reproduzieren sich in erster Linie. Historische Strukturen (epochenspezifische, gesellschaftsspezifische, subkulturelle, milieuspezifische Regeln) lassen sich im Gegensatz dazu leichter transformieren, wobei sie von übergeordneten Strukturen geformt werden. Die universalen Strukturen sind dem Unbewussten zuzurechnen, die historischen Strukturen kommen sowohl im Unbewussten, Vorbewussten als auch im partiell Bewussten vor. Die Gesetzmäßigkeiten der Strukturreproduktion und der Strukturtransformierung sollen bei der Rekonstruktion der Strukturen bestimmt werden. Die Interpretation beruft sich auf die Mög-
9
http://de.wikipedia.org/wiki/Objektive_Hermeneutik (25.02.2005)
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Quote paper:
Daniela Burghardt, 2005, Objektive Hermeneutik mit besonderer Beachtung der Sequenzanalyse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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