Die Völkische Ideologie zwischen Kaiserreich & Weimarer Republik
Einleitung
1. Begriff & Definitionsperspektiven
2. Historischer Hintergrund für die Entstehung völkischer Ideologie
3. Völkische Bewegung im Überblick
4. Ideologie und deren Kernelemente
5. Bsp. für Protagonisten völkischer Ideologie a. Alldeutscher Verband b. Paul de Lagarde c. Jörg Lanz von Liebenfels
6. Diskussion Quellen
Einleitung
Die Erforschung der „völkischen“ Bewegung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik ist noch weitgehend unzureichend. 1 Hinter diesem nebulösen Wortkonstrukt verbergen sich eine Vielzahl von Geistesströmungen und Perspektiven. D ie „völkische“ Ideologie zeigte sich nie als gleich bleibendes Konstrukt mit gleichen Variablen und deren gleicher Intensität. Eher handelt es sich bei diesem Phänomen um nicht nur eine, sondern eine Vielzahl von verschiedenen „völkischen“ Bewegungen, welche nur annähernd gleiche Intensionen und Zielsetzungen verfolgten. Dennoch ergeben sich bei näherer Betrachtung verschiedene Kernelemente, welche die „völkische“ Ideologie ausmachen.
Zudem unterlag die völkische Ideologie verschiedenen Perspektivwechseln. Diese Brüche und Wandlungen zeigten sich als Ergebnis einschneidender historischer Ereignisse, wie dem ersten Weltkrieg oder die Etablierung des
Nationalsozialismus. Es ist zu beobachten, dass erst nach dem ersten Weltkrieg der Antisemitismus zum festen Bestandteil der „völkischen“ Ideologie wurde. Andererseits erhielt die „völkische“ Bewegung nach der Machtergreifung der
1 Vgl. Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich : Sprache - Rasse - Religion
- Darmstadt : Wiss. Buchges., 2001; S.09
2
Nazis eine Definition im Sinne der Gleichschaltungsprogrammatik der NSDAP. Hatten zuvor noch die völkischen Führer die Nationalsozialisten als Teil der „völkischen“ Bewegung und Strömung unter vielen wahrgenommen, so beanspruchte die NSDAP nach der Machtergreifung die „Geburt“ der „völkischen“ Weltanschauung für sich. Im Anschluss wurden Organisationen mit ihren spezifischen Anschauungen assimiliert, teilweise wurde ihr Gedankengut geächtet. Da dieser Prozess nicht im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen soll, beschränke ich mich bei der Erschließung der völkischen Ideologie auf die meinungspluralistischere Zeit von 1890 bis gegen Ende der Weimarer Republik.
Ziel dieser Arbeit is t es, nach einer begrifflichen Auseinandersetzung mit dem Wort „völkisch“, den historischen Hintergrund für die Entstehung der „völkischen“ Ideologie aufzuzeigen. Anschließend soll die Bewegung in ihren vielfältigen Erscheinungsformen enthüllt werden. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Gruppierungen und einzelnen zentrale Gestalten wird danach durch die Darstellung der Kernelemente ihrer „gemeinsamen“ Ideologie wieder zusammengeführt. Die so geschaffene Einheit wird darauf durch die Aufführung einzelner „völkischer“ Protagonisten und deren Ideologien zerstört. Im Abschluss werde ich mich kritisch mit den erzielten Ergebnissen auseinandersetzen und eine Stellungnahme zum Wortkonstrukt „völkische“ Ideologie wagen.
1. Begriff & Definitionsperspektiven
Der frühste Nachweis für den Terminus „völkisch“ geht auf das erste Drittel des
19. Jahrhunderts zurück. Er bezieht sich auf das einfache ungebildete Volk, das nicht zur mittelalterlichen Führungselite zählte, kein Latein sprach, sondern sich der Volkssprache bediente. 2 Meyers Grosses Konversationslexikon beschreibt 1909 das Adjektiv „völkisch“ als eine „Verdeutschung des Fremdwortes national“, welches Bestandteil des „allgemeinen Wissens“ sei. 3 Zwei Jahre später benennt Meyer mit „völkisch“ ein „seit etwa 1900, zuerst im Alldeutschen Verband“, gebräuchliches Wort, welches auf eine „streng recht[e]“ Orientierung mit „stark antisemitischen Einschlag hinweise“. Eine ähnliche Beschreibung bietet auch Brockhaus: Das „seit etwa 1875 aufkommende“ Adjektiv „völkisch“ stehe für
2 Vgl. Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich : Sprache - Rasse - Religion
- Darmstadt : Wiss. Buchges., 2001; S.28
3 Vgl. Ebd.; S.27
3
einen rassistisch begründeten, insbesondere „entschiedenen antisemitischen Nationalismus“. 4 Im Jahre 1924 beschrieb der religiös- völkische Anthropologe Paul Hartig das Wort „völkisch“ mittels zweierlei Merkmalen. Erstens „the affirmation of the Germanic race and of belonging to the Germanic blood kinship with all the resulting conclusions and duties of that philosopy of life,“ zweitens „the unconditional physical and mental rejection of everything foreign.” 5 Es ist zu beobachten, dass im selben Zeitraum politisch weltanschauliche Gruppierungen sich dieses Adjektivs bei der Namensgebung häufig bedienen. Genannt werden u.a. der 1924 gegründete Völkisch Soziale Block, die 1925 errichtete Völkische Arbeitsgemeinschaft oder der 1926 gebildete Völkische Führerring. 6 Obwohl diese Gruppierungen zweifellos nationale oder auch antisemitische Absichten vertraten, kann der Begriff „völkisch“ nicht nur unter diesen beiden Blickwinkeln gesehen werden. Vielmehr beinhaltet das „völkische“ Prinzip eine Vielzahl von Facetten, die im Verlauf dieser Arbeit besprochen werden sollen. Bereits 1925 kritisierte der Tübinger Historiker Adalbert Wahl, dass der Terminus “völkisch“ nicht nur zur Benennung nationaler oder antisemitischer Tendenzen benutzt werden solle. Seine Definition fordert deshalb den Einbezug wertfreier nicht negativ besetzter Merkmale: „voelkish efforts […] those endeavors that successfully further the uniqueness of one’s own nation (Volk) in all aspects of state and culture, which in our context means to retrain and reinforce German ways by continuing our past and respecting ist traditions.” 7 Dieser und andere Beiträge mögen auch Meyer dazu bewegt haben eine Änderung der Definition des Terminus “völkisch” ab 1930 vorzunehmen: „Mit »völkisch« werden Einstellungen und Organisationen beschreiben, die sich auf ein Volk beziehen, das nicht mit der Bevölkerung eines Staates identisch sein muss, sondern zumeist - wie im Falle des deutschen Reiches - über diese hinausgeht.“ 8
Heute bezeichnet der Duden das Adjektiv „völkisch“ als „das Volk betreffend.“ 9 Einen weiteren Ansatz zum besseren Verständnis der völkischen Ideologie bietet ein Zugang über das W ort „Volk“ und dessen Verständnis im relevanten Zeitraum. In seiner Studie über die völkische Ideologie erläutert George L. Mosse
4 Ebd.
5 Puschner, Uwe: Anti-Semitism and German Voelkish Ideologie, In: Cancik, Hubert; Puschner, Uwe (Hrsg.):
Anti- Semitism, Paganism, Voelkish Religion, KGSaur, München, 2004; S.55
6 Vgl. Ebd.; S.27
7 Ebd.
8 8 Vgl. Hering, Rainer: Konstruierte Nation : der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939 - Hamburg : Christians,
2003; S. 12
9 Vgl. Drosdowski, Günther (Hrsg.): Duden: Die deutsche Rechtschreibung, Dudenverlag, M annheim, Leipzig
[…],1991; S. 781
4
den geistigen Begriffsinhalt des Wortes „Volk“. Während des 19. Jh. bezeichnet dieser Begriff sehr viel mehr als die Vokabel „Volk“ für die Deutschen von heute. Mosse zu Folge bedeute „Volk“ das nationale Kollektiv, die Gesamtheit des Volkes, beseelt von gemeinsamen kreativen Energien, Gefühlen und Individualitätssinn. 10 Diese metaphysischen Qualitäten stellten für die Völkischen das einzigartige Wesen des deutschen Volkes dar. Zusammen ergeben sich aus dem Terminus „völkisch“ ein Konglomerat aus nationaler Idee, staatlichen Zusammenhangs und ein Gemisch von kulturellen, rassis chen und metaphysischen Begründungen für die Legitimation des Volksbegriffs. Antisemitische Tendenzen sind Bestandteil der „völkischen“ Ideologie.
2. Historischer Hintergrund für die Entstehung völkischer Ideologie
Die ideologische Inanspruchnahme des Volksbegriffes resultiert aus zweierlei Gründen: Ersten entstand diese kulturelle Orientierung aus der verspäteten politischen Einigung Deutschlands; zweitens war sie eine Folge der populären romantischen Gegenreaktion auf die Moderne. 11
Bis zu dessen Auflösung 1806 bildeten ein Mosaik von kleinen Königreichen, Grafschaften und Fürstentümern zusammen mit den größeren Staaten Preußen und Österreich das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen. Nach der Niederlage Napoleons wurde das Reich durch den Deutschen Bund, einem losen Zusammenschluss, ersetzt. Dieser gewährte seinen Mitgliedern die Freiheit eigene Wege zu gehen. 12 Hatten die Ergebnisse des Wiener Kongresses die deutschen Nationalisten 1815 enttäuscht, so wurden ihre Hoffnungen durch das Scheitern der Revolution von 1848 noch einmal zerstört. Als Ergebnis prägte sich unter den Deutschen das Gefühl der Einheit zunehmend auf kultureller Ebene heraus. 13 Diese Entwicklungen hatten bereits im späten 18. Jh. begonnen und fanden ihren Ausdruck mittels der Dichter des „Sturm und Drang“. Diese verherrlichten die gemeinsame Identität der Deutschen in Volksliedern, Bräuchen
10 Vgl. ; Goodrick-Clarke, Nicholas: The occult roots of Nazism, Graz [u.a.] : Stocker, 2000 S.9
11 Vgl. Ebd.; S.11
12 Vgl. ; Puschner, Uwe: Handbuch zur "Völkischen Bewegung" 1871 - 1918
- München [u.a.] : Saur, 1996; S.34
13 Vgl. ; Westenfelder, Frank: Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel
des historischen Romans zwischen 1890 und 1945 - Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989; S.7
5
und der Literatur. Auch wenn es eine reale politische Einheit nie gegeben hatte, zeichneten die Vertreter des „Sturm und Drang“ ein idealisiertes Bild geistiger Einheit eines mittelalterlichen Deutschlands. Die Hinwendung zu Vergangenheit und Tradition verlieh der nationalen Bewegung einen nahezu mythologischen Charakter. 14
Im Jahre 1871 rief Bismarck den preußischen König als neuen Kaiser des Zweiten Deutschen Reiches aus. Damit schien die nationale Einheit letztendlich doch noch gewonnen. Die lange gehegten idealistischen Hoffnungen auf Einigkeit nährten aber auch weiterhin utopische und messianische Erwartungen, die die Realität der öffentlichen Verwaltung nicht entsprechen konnte. Die fast religiösen Gefühle konnten durch Alltagspraxis von Politik und Diplomatie nicht befriedigt werden. Man hatte weiterhin das Gefühl, dass die politische Einigung unter preußischer Herrschaft diesen Empfindungen und großen Hoffnungen eines nationalen Bewusstseins nicht entsprach.
Der Ausschluss Österreichs aus dem neuen Reich enttäuschte die Nationalisten in beiden Ländern. Hoffnungen auf ein größeres Reich hatten sich schon 1866 zerschlagen, indem Preußen Österreich zwang, den Deutschen Bund zu verlassen. Als 1867 die Doppelmonarchie ausgerufen wurde, problematisierte sich die Lage der Deutschnationalen in Österreich Ungarn. Das Wachsen der alldeutschen Bewegung in den folgenden Jahrzehnten spiegelt das Dilemma der deutschen und slawischen Nationalisten wieder. Die alldeutsche Lösung sah die Abtrennung der deutschen Gebiete Österreichs und deren Angliederung an das Zweite Reich vor. 15
Mit der völkischen Ideologie verband sich auch eine generelle Ablehnung der Moderne. Deutschland war im Vergleich zu anderen westlichen Industrieländern ein „Spätzünder“. Deshalb war das Zweite Reich fieberhaft damit bemüht, Industrie und Städte aufzubauen. Dieser rein materialistische Vorgang zerstörte das alte, ländliche Deutschland, dessen Idylle ein wichtiger Faktor bei der romantischen Verherrlichung der deutschen Identität war. 16 Die Ausstattung der Marine mit modernen Schlachtschiffen und die zeitgenössische Architektur der Gründerzeit wurden zum Symbol für die
14 Vgl. ; Westenfelder, Frank: Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel
des historischen Romans zwischen 1890 und 1945 - Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989; S.11
15 Vgl. ; Goodrick-Clarke, Nicholas: The occult roots of Nazism, Graz [u.a.] : Stocker, 2000 S.12f
16 Vgl. ; Westenfelder, Frank: Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel
des historischen Romans zwischen 1890 und 1945 - Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989; S.17
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Enrico Kloth, 2005, Völkische Bewegung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik - ein Querschnitt einer Geistesströmung, München, GRIN Verlag GmbH
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