Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Die Rahmenbedingungen innerstaatlicher Konflikte 6
1.1 Die Globalisierung 6
1.1.1 Die ökonomische Dimension 6
1.1.2 Die soziokulturelle Fragmentierung 7
1.2 Die Rolle des Staates 8
1.2.1 Der Staatszerfall und das Erbe des Kolonialismus 8
1.2.2 Die Privatisierung der Gewalt 10
2. Die Greed and Grievance -Debatte 10
2.1 Der Erklärungsansatz Grievance 10
2.1.1 Ethnizität als Kriegsursache 11
2.1.2 Theoretische Grundperspektiven und Kriegsverständnis 13
2.1.3 Kritische Einwände zur Grievance-Perspektive 14
2.2 Der Erklärungsansatz Greed 15
2.2.1 Paul Colliers Weltbankreport 15
2.2.2 Elwerts sozialanthropologischer Ansatz der Gewaltmärkte 17
2.2.3 Theoretische Grundannahmen und Kriegsverständnis 18
2.2.4 Kritische Einwände zur ökonomischen Kriegsanalyse 19
2.2.4.1 Methodische Schwächen des Greed-Ansatzes 19
2.2.4.2 Die Depolitisierungstendenz ökonomischer Kriegsanalysen 22
2.3 Tabelle: Idealtypische Gegenüberstellung Greed and Grievance 24
3. Fazit 25
4.Literaturverzeichnis 27 27
2
„Während der Zeit, in der die Menschen ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, befinden sie sich in einem Zustand, der Krieg genannt wird, und zwar in einem
Krieg jeder gegen jeden“ 1 .
In der akteurszentrierten Konfliktursachenforschung existiert seit dem Ende des kalten Krieges eine Diskussion über die dominierende Motivation der Gewaltakteure in den zeitgenössischen Bürgerkriegen. Zur Zeit des Ost-West-Konfliktes waren die Agenden größtenteils politisch im Sinne von Klassenkämpfen geprägt. Mit dem Wegfall des Ost-West Antagonismus konnte in der Konfliktforschung die These vom geostrategischen Stellvertreterkrieg nicht weiter zur hinreichenden Erklärung neuer Konflikte, die sich größtenteils in der dritten Welt abspielen, herangezogen werden. Als neues Aufsehen erregendes geopolitisches Paradigma brachte der Politologe Samuel Huntington seinen
Entwurf vom „Kampf der Kulturen“ in die wissenschaftliche und öffentliche Debatte ein 2 . Wenn auch viel umstritten und teilweise als „Mär“ 3 diskreditiert, so teilt es mit den zentralen
Thesen der Konfliktursachenforschung der 90er eine gemeinsame Grundlage: An die Stelle
des entscheidenden Faktors Politik 4 tritt die Kultur als ordnende Kraft und Auslöser von
Konflikten. Vor dem Hintergrund des Jugoslawienkrieges „vor der eigenen Haustür“ wird insbesondere die Ethnizität von Volksgruppen als konfliktkonstituierendes Element
ausgemacht 5 . Ausgelöst durch den soziologischen Fragmentierungsprozess der Globalisierung 6 erlangt die Bedeutung kollektiver kultureller Identität eine Hochkonjunktur
für die Erklärung jedweder (inter)nationalen Konfliktformation.
Seit Ende der 90er existieren in der Konfliktursachenforschung erste kritische Ansätze zur
universalen Erklärungskraft der Ethnizitätsthese 7 . Den entscheidenden Wendepunkt bilden
einige Veröffentlichungen einer von der Weltbank eingerichteten Forschungsgruppe unter
Leitung des Ökonomen Paul Collier 8 . 2001 erscheint unter seiner Mitwirkung ein Sammelband mit dem programmatischen Titel „Greed and Grievance“ 9 . Die zentrale Aussage
Colliers und der Befürworter seiner These ist, dass es bei den zeitgenössischen und
1 In: Hobbes 165
2 Vgl. Huntington 3 Vgl. Fricke 4 Im Sinne von Geopolitik, Klassenkampf etc 5 Vgl. Fricke, Scherrer 6 Vgl. Teusch, Fricke, Altvater/Mahnkopf 7 Eine der überzeugendsten Arbeiten zum Thema verfasste der Anthropologe Georg Elwert mit seiner Theorie der Gewaltmärkte 1997
8 Vgl. Collier, Collier/Hoeffler 9 Vgl. Berdal/Malone
3
historischen 10 „Bürgerkriegen“ den zentralen Akteuren nicht um die Durchsetzung
machtzentrierter politischer Ziele (egal ob sie nun ethnisch, kulturell oder ideologisch begründet sind) geht, sondern dass die persönliche Bereicherung das maßgebende Kriterium sei, um in den Krieg zu ziehen. Vom Letztgenannten im Sinne seiner clausewitzschen Tradition kann man daher eigentlich nicht mehr sprechen. Krieg wäre demnach nicht mehr die
„Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ 11 , sondern die „Fortsetzung der Ökonomie mit
anderen Mitteln“ oder schlichtweg eine neue Form der Kriminalität. Eine „Greed“ Argumentation zielt demnach immer auf die (Kriegs)Ökonomie eines Konfliktes, „Grievance“ wird im Verständnis des Autors mit „politischem Bedürfnis“(gleich welchen Charakters) übersetzt.
Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, die zentralen Prämissen der „Greed and Grievance“-
Debatte 12 darzustellen, sie kritisch zu diskutieren und die makrotheoretischen Grundlagen
beider Erklärungsansätze aufzuzeigen. Die Struktur der Arbeit und die spezifischen
Forschungsfragen stellen sich wie folgt dar 13 :
1. In einem ersten Schritt soll möglichst kurz (!) auf die wichtigsten
Rahmenbedingungen des aktuellen Konfliktgeschehens eingegangen werden. Sie nehmen im Kontext dieser Arbeit „nur“ die Rolle von Rahmenbedingungen ein, da die „Greed and Grievance“- Debatte auf der Akteursebene ansetzt und die makrostrukturellen Determinanten der Konflikte als unabhängige Variablen voraussetzt. Bei dem Forschungsgegenstand handelt es sich somit nicht um eine
„kritische“ 14 , politökonomische oder wie auch immer genannte an Marx orientierte Form der Sozialwissenschaft. Es wird nicht, wie etwa bei der „Hamburger Schule“ 15 ,
versucht, einen ganzheitlichen theoretischen Rahmen zu erschaffen, in dem nicht die Konflikte selbst untersucht werden, sondern ihre Einbettung. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle keine tiefer greifende Analyse der „Rahmenbedingungen“ in Angriff genommen werden, sondern nur allgemeine Erkenntnisse aus den Forschungsfeldern
10 Das Datenset zu Colliers Untersuchung basiert auf einer statistischen Untersuchung von Bürgerkriegen bis ins Jahr 1965
11 Vgl. Clausewitz 12 Dem Inhalt wäre sie logischerweise nach besser Greed or Grievance genannt worden, da eben nicht die Kompabilität, sondern die Ausschließlichkeit von theoretischen Annahmen, im Zentrum der Diskussion steht
13 Relevante Definitionen werden nicht in der Einleitung, sondern im thematischen Kontext geliefert. 14 Wie etwa bei Fricke 15 Vgl. Siegelberg, Jung, Schlichte
4
dargestellt werden. Konkret bedeutet das, dass sowohl die Folgen der Globalisierung als auch die damit verbundene Veränderung der Staatlichkeit angesprochen werden.
2. Der Kern der Arbeit beschäftigt sich mit den Inhalten von „Greed“ und „Grievance“.
Hierbei sollen beide Argumentationslinien getrennt untersucht und kritisch hinterfragt werden. Dabei wird ein chronologischer Vorgang gewählt, das heißt der Faktor „Grievance“ wird zuerst dargestellt. Da er jedoch in keinerlei Hinsicht ein einheitliches Konzept darstellt, sondern von den Greed-Theoretikern als schemenhaftes Abgrenzungsobjekt konstruiert wurde, soll dieser Logik im Sinne der Diskussion gefolgt werden und thematisch (und nicht autorenorientiert) auf die grundsätzlichen Aussagen eingegangen werden. Im Anschluss soll die ökonomische Analyse und ihre Auseinandersetzung mit der politischen (politologischen) Argumentation untersucht und hinsichtlich ihrer empirischen Evidenz beleuchtet werden.
Der wissenschaftliche Schwerpunkt der Hausarbeit liegt auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema, es soll jedoch auch vereinzelt auf die Ergebnisse von empirischen Fallanalysen und statistischen Erhebungen verwiesen werden.
3. Ergebnis der Arbeit soll eine idealtypische Darstellung der Dichotomie von „Greed“
und „Grievance“ in Form einer Tabelle sein. Hierbei kommt es darauf an, die grundlegenden Aussagen vereinfacht gegenüberzustellen.
4. Im Fazit erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesamtdiskussion. Hierbei
wird die These vertreten werden, dass „Greed“ und „Grievance“ für sich alleine genommen keine hinreichende theoretische wie auch empirische Überzeugungskraft entfalten können, sondern qua natura einander bedingen und interagieren.
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1. Die Rahmenbedingungen innerstaatlicher Konflikte
1.2 Die Globalisierung
Die Globalisierung ist ein mehrdimensionaler Prozess 16 , der sich auf ökonomischer, politischer, sozialer, kultureller, technischer etc. Ebene vollzieht. Nach der Definition von Altvater/Mahnkopf, die hierzulande ein oder vielleicht das Referenzwerk zum Thema verfassten, handelt es sich um den „Prozess der Transformation einer Gesellschaftsform (…)
des späten 20.Jahrhunderts“ 17 .
Im Hinblick auf die Thematik der Hausarbeit wird die Darstellung der Globalisierung auf zwei Aspekte beschränkt, die von entscheidender Bedeutung für die Analyse des Konfliktgeschehens aus einer „Greed“ oder „Grievance“-Perspektive erscheinen. Hierbei wird auf ökonomische und soziokulturelle Dimension eingegangen.
1.1.1 Die ökonomische Dimension
Wenn die Rede von Globalisierung ist, wird oft vom „Primat der Wirtschaft“ 18 gesprochen, der den Machtraum nationalstaatlicher Politik einengt und in weiten Teilen determiniert. Nach
der (neo)liberalen Doktrin 19 , die den Ordnungsrahmen der aktuellen internationalen Ökonomie darstellt, wirkt sich der Freihandel positiv auf die wirtschaftliche Prosperität und politische Ordnung in der Welt aus. Auch die Entwicklungsländer sollen mehrheitlich von der Wohlfahrtswirkung ökonomisch und politisch (in Form einer fortschreitenden Demokratisierung) profitieren. Betrachtet man die reale Situation, so muss man konstatieren, dass sich die Hoffnungen des liberalen Modells (noch?) nicht erfüllen konnten. Insbesondere in den ärmsten Regionen der Welt, vor allem im subsaharischen Raum, fühlen sich die Menschen mehr und mehr als Verlierer des Globalisierungsprozesses. Statt Reziprozität und
politischer Ordnung ist ein Anstieg an Konflikten 20 und wirtschaftliche Stagnation zu vermelden.
Im Zuge des internationalen ökonomischen Drucks kam es in den Entwicklungsländern zu einer Deregulierung der Märkte, die bewirkte, dass der Export nationaler Ressourcen der staatlichen Kontrolle und Wertabschöpfung weiter entglitt und die industrielle
16 Vgl. hierzu etwa Teusch
17 In: Altvater/Mahnkopf, S.31
18 In: Rode, S.256
19 Teilweise wird auch von Neoklassischer Theorie gesprochen
20 Hierüber existieren verschiedene Auffassungen in der Forschung
6
Binnenproduktion unter dem Preisdruck von billigeren Importwaren in weiten Teilen
zusammenbrach. 21 Die Krise der Rentenökonomien, bei der die Abhängigkeit vom
Weltmarktpreis für Rohstoffe offen zu Tage trat, trug ein Übriges zur Situation bei. Hieraus ergab sich, dass weite Teile der Bevölkerung ein Engagement im einzig boomenden Sektor suchten: dem informellen. Hieraus resultierte aufgrund der fehlenden Steuereinnahmen nicht nur eine allgemeine finanzielle Schwäche der Staaten, gleichzeitig erfolgte eine ökonomisch erfolgreiche Anbindung der informellen Ökonomie an den Weltmarkt, die sich unter dem Begriff der „Schattenglobalisierung“ zusammenfassen lässt. Der illegale Handel mit Rohstoffen, Edelsteinen sowie der Drogenhandel erweist sich größtenteils als weitaus lukrativer als ein legales unternehmerisches Engagement.
Durch die Möglichkeiten der Schattenglobalisierung entstand eine engere Verquickung zwischen internen Gewaltkonflikten und der lokalen Ökonomie. Sowohl für das Ent- und
Bestehen von Gewaltmärkten 22 als auch für die kriegsökonomische Versorgung von politisch motivierten Rebellen ist eine Anbindung an den Weltmarkt eine Voraussetzung 23 . Ohne diese
Verbindung würden die meisten der zeitgenössischen innerstaatlichen Kriege implodieren und ausbluten, da ihnen sowohl die materielle Unterstützung von außerhalb, etwa mit Waffen und Geld von Diasporagruppen, als auch der Absatzmarkt für illegale Waren verwährt bliebe. Mark Duffield drückt die Problematik folgendermaßen aus: „Although globalization and liberalization have not caused these new forms of instability, they have made it easier for warring parties to establish the parallel and transborder economic linkages necessary for
survival“ 24 .
1.1.2 Die soziokulturelle Fragmentierung
Die internationalisierte Ökonomie und die zunehmende politische Verflechtung haben in keiner Weise zu einer möglicherweise zu erwartenden Welteinheitskultur geführt. Vielmehr lässt sich eine Dialektik im Globalisierungsprozess ablesen, nach der kulturelle Identitäten gestärkt und kultureller Universalismus abgelehnt wird. Dietmar Fricke beschreibt in seiner Dissertation zum Thema „Globalisierung und Bürgerkriege“ diese Entwicklung mit dem Begriff der Fragmentierung. Dieser „bedeutet (…) die Determinierung alter oder die Entstehung neuer vertikaler und horizontaler wirtschaftlicher Disparitäten zwischen und
21 Vgl. Mair, S.31
22 Vgl. Elwert 1997, Begriff wird noch erläutert
23 Vgl.: Duffield, in: Berdal,/Malone, S.69-89.
24 In: Duffield, S.74
7
innerhalb von Zentrum und Peripherie einschließlich ihrer und hier besonders interessierenden politisch-sozialen Implikationen, wie z.B. die Renaissance von Nationalismen, Ethnizismen und Tribalismen oder die Erscheinung von religiösen
Fundamentalisten“ 25 . An die Stelle einer erwünschten „Weltbürgergesellschaft“ 26 ist in der
Realität eine Zweiklassengesellschaft getreten „between those members of a social class who can speak english, have acces to faxes (…) and who can travel freely and those who are excluded from global processes, who live of what they can sell or barter or what they receive
in humanitarian aid (…)” 27 . Das Konfliktpotential dieser Situation, charakterisiert durch
ungleiche globale materielle Verteilung bei gleichzeitigem universalen westlichem Normen- und Konsumkulturuniversalismus, ist der Ansatzpunkt vieler politikwissenschaftlicher Konfliktanalysen, die von Paul Collier unter dem Begriff „Grievance“ zusammengefasst
werden 28 .
1.2 Die Rolle des Staates
Mit dem Fortschreiten des Globalisierungsprozesses veränderte sich die Rolle des Staates und insbesondere das Verständnis von Staatsgewalt. Der Staat hat unter den Bedingungen von Entgrenzung, globaler ökonomischer und informativer Verflechtung nicht mehr das alleinige Monopol als internationaler Akteur und Ordnungsgarant im Inneren inne. In Bezug auf die Konflikte in den peripheren Räumen der Welt stellen sich folgende Prozesse in diesem Kontext als erwähnenswert dar:
1.2.1 Der Staatszerfall und das Erbe des Kolonialismus
Das Völkerecht orientiert sich bei der Definition eines Staates nach wie vor an der Drei- Elementen-Lehre Georg Jellineks. Danach konstituiert sich ein Staat aus den Elementen
Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsmacht 29 . Im Großteil der postkolonialen Staatenwelt,
besonders im gesamten Afrika, stehen die drei Elemente in ausgesprochener Disharmonie zueinander. Die willkürliche koloniale Grenzziehung bewirkte vielerorts eine Inkongruenz zwischen Staatsvolk und Staatsgebiet, die den Zündstoff für die heutigen innerstaatlichen ethnischen Konflikte darstellt. Die Staatlichkeit in Ländern des subsaharischen Afrika, wie
25 In: Fricke, S.34
26 In: Altvater/Mahnkopf, S.26
27 In: Kaldor, S.4
28 Vgl. Collier
29 Vgl. Jellinek
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Malte Nelles, 2004, Greed and Grievance - Die Diskussion um das Erklärungsparadigma zeitgenössischer innerstaatlicher Konflikte, Munich, GRIN Publishing GmbH
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