Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Reiseliteratur und weibliche Autorschaft 4
2.1 Forschungslage 4
2.2 Gattung und Geschlecht: Aspekte einer écriture du voyage au féminin 6
2.3 Das Spanienbild im 19. Jahrhundert: Frauen und Exotismus 9
3. George Sand als Reisende und Autorin 12
3.1 Reisen und Schreiben bei George Sand 12
3.2 Die Reise nach Mallorca und die Redaktion des Reiseberichts 13
3.3 Die Rezeption des Reiseberichts in Frankreich und Spanien 15
4. Un hiver à Majorque 16
4.1 Die Stilisierung des voyageur 16
4.2 Fremde Innenwelten 18
4.3 Fremde Außenwelten : Enthusiasmus und Enttäuschung 20
4.3.1 Natur und Landschaft 20
4.3.2 Kultur und Menschen 22
4.4 Fortschrittsdiskurs 25
5. Un hiver à Majorque - Konventionen und Subversionen 26
5.1 Autobiographischer Diskurs und weibliche Subjektivität 26
5.2 Komposition des Textes 28
6. Zusammenfassung 31
7. Literatur 32
2
1. Einleitung
Der Reisebericht, den George Sand 1841 unter dem Titel Un hiver à Majorque veröffentlichte, ist heute ein Klassiker der Reiseliteratur. Das Leserinteresse konzentriert sich dabei vielfach auf die Nutzung des Berichts als biographische Informationsquelle - weniger der Mallorcareise, denn der Liebesbeziehung der Autorin zu Chopin. In der vorliegenden Arbeit steht Un hiver à Majorque als literarische Werkstruktur im Mittelpunkt, die im Hinblick auf den Umgang der Autorin mit den literarischen Konventionen des französischen Reiseberichts im 19. Jahrhundert analysiert werden soll. Einleitend werden Forschungsstand und -schwerpunkte der Frauenreiseforschung zusammengefasst (2.1). als Grundlage für die Textanalyse werden zunächst die kulturellen Bedingungen weiblichen Reisens und Schreibens im 19. Jahrhundert und die davon abhängigen Parameter der écriture du voyage au féminin 1 umrissen (2.2). In einem zweiten schritt wird das romantische Spanienbild skizziert, das die Vorstellung der französischen Reisenden und des Lesepublikums prägte, als George Sand nach Mallorca aufbrach (2.3). Um eine erste Einordnung von Autorin und Text vor dem Hintergrund der Tradition literarischer Reiseberichte im 19. Jahrhundert zu ermöglichen, soll das Verhältnis von Reisen und Schreiben bei der Autorin George Sand dargelegt werden (3.1), darüber hinaus die genaueren Umstände der Redaktion und Publikation des Reiseberichts (3.2) sowie die Rezeption des Berichts durch die zeitgenössische Kritik aufgezeigt werden. Das folgende Kapitel ist der Textanalyse gewidmet, wobei die Stilisierung des Reiseberichterstatters den Ausgangspunkt bildet (4.1). Anschließend wird die textliche Gestaltung der kulturellen Fremdwahrnehmung untersucht, ausgehend von der fremden Innenwelt (4.2) zur fremden Außenwelt (4.3), in der die Darstellung Natur und Landschaft (4.3.1) der Darstellung von Kultur und Menschen gegenübergestellt wird (4.3.2). Die Thematisierung von Zivilisation und Fortschritt im Reisebericht durch George Sand rundet die Textanalyse schließlich ab (4.4). Vor dem Hintergrund der Textanalyse soll abschließend die Praxis der écriture du voyage au féminin durch George Sand genauer bestimmt werden. Hierzu wird zum einen das Spannungsverhältnis von männlichem Erzähler und weiblicher Subjektivität (5.1) und zum anderen das textliche Gesamtarrangement (5.2) beleuchtet.
1 Bénédicte Monicat: Itinéraires de l’écriture au féminin. Voyageuses du 19 e siècle, Rodopi Amsterdam -Atlanta 1996, S. 4.
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2. Reiseliteratur und weibliche Autorschaft
2.1 Forschungslage
Nachdem die Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts in den vergangenen Jahrzehnten allmählich aus ihrer Randstellung innerhalb der Literaturwissenschaft herausgelöst wurde, und Reiseberichte als besondere Form autobiographischer Texte Eingang in den literarischen Kanon fanden 2 , scheint nun die Reiseliteratur aus der Feder von Frauen eine Randstellung innerhalb der Gattung einzunehmen. Trotz der Ansätze der erneuten Rezeption der Reiseliteratur von Frauen aus dem 19. Jahrhundert, steht in ‚allgemeinen’ Werken zur Reiseliteratur vorwiegend die Analyse der Texte kanonisierter Autoren im Mittelpunkt. Autorinnen werden selten berücksichtigt und darüber hinaus die Problematik weiblicher Autorschaft in gattungstheoretische Überlegungen nicht einbezogen. In Friedrich Wolfzettels Studie Ce désir de vagabondage cosmopolite. Wege und Entwicklung des französischen Reiseberichts im 19. Jahrhundert (1986) 3 , die die Entwicklung des französischen Re iseberichts seit der Romantik als seine parallel zur Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts verlaufende Geschichte des Sehens und der damit verbundenen ästhetischen Reflexion beschreibt, werden mit Ausnahme von George Sand und Flora Tristan keine weiteren Autorinnen berücksichtigt. Ebenso verhält es sich mit der gattungspoetologischen Untersuchung von Christine Montalbetti Le voyage et le livre: Poétique du récit de voyage d’écrivain au XIXe siècle (1996) 4 , in deren Zentrum Regeln und Praxis des Autorenreiseberichts in Abgrenzung zu anderen Formen von Reiseliteratur (Brief, Tagebuch etc.) stehen. Neben neun Autoren, darunter Chateaubriand, Lamartine und Hugo, ist George Sand mit zwei Reiseberichten als einzige Autorin vertreten. Sowohl bei Wolfzettel, als auch bei Montalbetti wird der Aspekt der Geschlechterdifferenz nicht für gattungstheoretische Fragestellungen fruchtbar gemacht.
Erst seit wenigen Jahren wird die Frage nach dem Zusammenhang von Gattung und Geschlecht vermehrt in die literaturwissenschaftliche Erforschung von Reiseliteratur einbezogen, wobei sich zwei Schwerpunkte herausgebildet haben: Einerseits wird Reisen und die anschließende Publikation der Reiseerfahrungen als Ausbrechen aus den vorgegebenen Geschlechterrollen und damit als mehrfache Grenzüberschreitung interpretiert. Das Resultat dieser, die emanzipative Wirkung des Reisens betonende, Interpretationsweise sind Studien,
2 Friedrich Wolfzettel: Ce désir de vagabondage cosmopolite. Wege und Entwicklung des französischen Reiseberichts im 19. Jahrhundert, Tübingen 1986, S.1 ff.
3 Wolfzettel: a.a.O.
4 Christine Montalbetti: Le voyage et le livre: Poétique du récit de voyage d’écrivain au XIXe siècle, Thèse de Doctorat sous la Direction de Béatrice Didier, Paris 1996.
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in deren Zentrum vornehmlich Texte von Ausnahmefrauen, Abenteurerinnen und Entdeckerinnen stehen. Gegen die einseitige Interpretation der Reisetexte von Frauen unter dem Leitbegriff der Emanzipation, die andere Formen von Literatur ausblendet und darüber hinaus durch eine alternative Kanonisierung weiblicher Texte das Risiko einer erneuten Abseitsstellung birgt, wird vermehrt eine kulturkritische Revision des Emanzipationsdiskurses eingefordert. Beispielhaft ist hier der Beitrag „Frauenreiseforschung als Kulturkritik“ (1994) von Ulla Siebert 5 : Sie fordert die Dezentralisierung der Kategorie Geschlecht, die immer im Zusammenhang mit weiteren Ungleichheitsideologien, wie Ethnizität, sozialer Position und Nationalität, zur kritischen Analyse weiblicher Reisetexte herangezogen werden müsse. Ein solcher kulturkrit ischer Ansatz könne folgende neue Perspektiven der Interpretation jenseits des Emanzipationsdiskurses zu Tage fördern:
„Einbruch in fremde Lebenswelten (statt Ausbruch aus dem häuslichen Milieu), unkritische Reproduktion herrschender rassistischer Vorurteile (statt Kritik am herrschenden konventionellen Denken über fremde Kulturen), geistige Unbeweglichkeit und Orthodoxie in der Vorverurteilung von Fremden (statt Aufbruch zu neuen Ufern), Anpassung an Schreibkonventionen und Bedienung der Publikumserwartungen (statt Herausforderung an die Lesegewohnheiten des Publikums und an den jeweiligen Verlag)“. 6
Jüngere Arbeiten der deutschen und französischen Romanistik integrieren diesen Ansatz in unterschiedlicher Akzentuierung. Einen Einstieg bot bereits Brunhilde Wehingers Beitrag „Reisen und Schreiben. Weibliche Grenzüberschreitungen in Reiseberichten des 19. Jahrhunderts“ (1986) 7 , in dem die Organisationsprinzipien der literarischen Ästhetisierung der Reisetexte von George Sand, Flora Tristan und Suzanne Voilquin vor dem Hintergrund ihrer biographischen und gesellschaftlichen Dispositionen untersucht werden. Einen wichtigen Beitrag in gattungstheoretischer Hinsicht stellt Bénédicte Monicats Studie Itinéraires de l’écriture au féminin. Voyageuses du 19e siècle (1996) 8 dar. Monicat veranschaulicht die komplexen kulturellen und geschlechtsspezifischen Bedingungen weiblichen Reisens im 19. Jahrhundert und verdeutlicht darüber hinaus, dass sowohl das Reisen, als auch die sich daran anschließende Textproduktion, eine Überschreitung ideologischer Grenzen bedeutete. Im aktuellsten Beitrag einer kulturkritischen Frauenreiseforschung untersucht Natascha Ueckmann in Frauen und Orientalismus. Reisetexte französischsprachiger Autorinnen des 19.
5 Ulla Siebert: „Frauenreiseforschung als Kulturkritik“, in: Doris Jedamski, Hiltgund Jehle, Ulla Siebert (Hgg.): „Und täte das Reisen wählen!“ Frauenreisen - Reisefrauen, Dokumentation des interdisziplinären Symposiums zur Frauenreiseforschung, Bremen 21.-24. Juni 1993, Zürich - Dortmund 1994, S. 148-173.
6 Ulla Siebert, a.a.O., S. 157.
7 Brunhilde Wehinger: „Reisen und Schreiben. Weibliche Grenzüberschreitungen in Reiseberichten des 19. Jahrhunderts“, in: RZLG Heidelberg 1986, S. 360 - 380.
8 Bénédicte Monicat: a.a.O.
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und 20. Jahrhunderts (2001) 9 die Mitwirkung von Frauen an der kolonialen Imagination des Orients durch ihre Reisetexte.
Die Ergebnisse dieser Arbeiten können eine Grundlage bilden für - noch zu schreibende -Standardwerke, die der Reiseliteratur von Frauen den ihr angemessenen Platz einräumt.
2.2 Gattung und Geschlecht: Aspekte einer écriture du voyage au féminin
Am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert unterliegt der Reisebericht einem konzeptionellen Wandel, vom ‚objektiven’ Sachbericht hin zur Perspektivierung des Wissens durch das reisende Subjekt. Diesem Paradigmenwechsel, den Friedrich Wolfzettel als „Autobiographisierung“ 10 begreift, liegt ein verändertes Verständnis vom Reisen allgemein zugrunde: Nach den Entdeckungsreisen des 15.-18. Jahrhunderts ist die Welt größtenteils entdeckt und beschrieben. So geht es den Reisenden des 19. Jahrhunderts weniger um das Entdecken und Kennenlernen fremder Länder, als um die Wiederentdeckung bereits entdeckter und beschriebener Orte für sich. Die persönliche Motivation der Reise findet ihre Entsprechung in der literarischen Ästhetisierung der Reiseerlebnisse: Nicht mehr das besuchte Land und die Vermittlung von Fakten über Geographie, Landschaft, Wirtschaft und Klima stehen im Mittelpunkt der Berichte, sondern die Perspektive des Schreibenden auf das, was er auf der Reise sieht und an seine Leser weitergibt. Das reisende Subjekt wird in selbem Maße Objekt des Berichts wie das besuchte Land, oder anders ausgedrückt: „Dans le récit de voyage, le mot tend à supplanter la matière“ 11 . Für diesen konzeptionellen Wandel der Reise-und Schreibpraxis im 19. Jahrhundert prägte Michel Butor die Formulierung: „je voyage pour écrire“ 12 .
Für die reisenden und schreibenden Frauen des 19. Jahrhunderts stellt sich dieser konzeptionelle Wandel differenzierter dar, da sich ihre Reise- und Publikationspraxis von der ihrer männlichen Kollegen unterschied. Zwar ist das Reisen und Schreiben für Frauen unter bestimmten Voraussetzungen möglich und üblich - etwa für die Frauen der Aristokratie - für die ‚Frau des Bürgers’ bedeutet es jedoch in zweifacher Hinsicht eine Grenzüberschreitung: Zum einen stellt Reisen - auch in Begleitung des Ehemannes - ein Heraustreten aus dem der Frau zugewiesenen Raum (das Haus, die Familie) dar. Zum anderen stellt die anschließende
9 Natascha Ueckmann: Frauen und Orientalismus: Reisetexte französischsprachiger Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart - Weimar (Ergebnisse der Frauenforschung, Bd. 56), 2001.
10 Wolfzettel, a.a.O., S. 1.
11 Bénédicte Monicat: a.a.O., S. 1.
12 Michel Butor: „Le voyage et l’écriture, in : Romantisme 4 (1972), S. 4 - 21, S. 4.
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Publikation der Reiseerlebnisse einen weiteren Ausbruch aus der Geschlechterrolle und das Eindringen in eine männliche Domäne dar. Die Geringschätzung und die moralische Ruchbarkeit, die weiblichem Schreiben und Publizieren anhaftet, kommt in einem Ausspruch Stendhals deutlich zum Ausdruck: „Ein Buch herauszugeben, kann nur für eine Kokotte ohne Nachteil sein“ 13 . Berücksichtigt man die Autobiographisierung der Gattung Reisebericht, wird deutlich, dass es für Frauen bei der Publikation ihrer Reisetexte darüber hinaus darum ging, eine neue, für sie ‚unmögliche’ Textform zu erobern: Zum einen sprach man Frauen die für die Autobiographie erforderliche Fähigkeit des Autors ab, sich selbst als Subjekt seiner Geschichte zu reflektieren 14 . Darüber hinaus bedeutete weibliche Selbstrepräsentation, einen Diskurs jenseits der stereotypisierten Rollenzuschreibung von männlicher Seite zu führen. Der autobiographische Diskurs ist für Frauen somit „au coeur de l’interdit attaché à l’écriture féminin“ 15 .
Zentrales Element der Reiseberichte von Frauen wird daher einerseits das Bemühen um Anpassung, da sich unterschiedliche rhetorische Wege der Negation, Abschwächung oder Abwertung weiblicher Subjektivität in den Reisetexten sucht. Abhängig von der Reisemotivation oder -form und den gesellschaftlich-biographischen Dispositionen der jeweiligen Autorin, führen diese Wege von einer anonymen über eine versteckte Autorschaft unter männlichem Pseudonym oder nicht ausgeschriebenem Vornamen, von einer vom Ehemann autorisierten Co-Autorschaft hin zur Publikation unter eigenem Namen, in der Regel jeweils verknüpft mit einer Rechtfertigungsrhetorik, die sich in den Berichten ausführlich mit der Frage - warum reisen? warum darüber schreiben? - auseinandersetzt 16 . In ihrem Bestreben, sich d er männlichen Norm anzupassen, sehen sich die Autorinnen andererseits mit dem Problem konfrontiert, dass alle Reisen bereits gemacht waren und die Literatur dazu schon geschrieben war. Um ihre ‚ungewöhnliche’ Unternehmung zu rechtfertigen und darüber hinaus das Lesepublikum für ihre Berichte zu interessieren, besteht für sie die Notwendigkeit, das singuläre der eigenen Berichte zu unterstreichen. Die Autorinnen befinden sich also in der paradoxen Situation, sich einerseits in die literarische Tradition der Reiseberichte einordnen zu müssen und dabei gleichzeitig ihre Originalität in diesem Bereich zur Geltung zu bringen oder wie Bénédicte Monicat es umschreibt: „se
13 Stendhal, zitiert nach Gisela Schlientz: „George Sand: Eros und weibliche Maskerade. Rollentausch und weibliche Autorschaft“ in: Gislinde Seybert / Gisela Schlientz (Hgg.): George Sand - jenseits des Identischenau-delà de l’identique, Bielefeld 2000, S. 43-63.
14 Natascha Ueckmann, a.a.O., S. 49 f.
15 Bénédicte Monicat: a.a.O., S. 114.
16 Natascha Ueckmann, a.a.O., S. 63.
7
rapprocher du centre pour être assimilées au Même et produire un texte de référence, et s’en écarter dans un même temps pour se maintenir Autre.“ 17
Im Balanceakt zwischen den Polen von Anpassung an die Konvention und Individualität machen schreibende Frauen einen spezifisch weiblichen Erfahrungshintergrund fruchtbar, den Bénédicte Monicat als den Kern der écriture du voyage au féminin betrachtet und mit dem Eindringen des ‚anderen’ Geschlechts in eine literarische Gattung, die sich zur Entdeckung des Anderen aufmacht, umschreibt:
„C’est l’Autre qui regarde l’Autre. C’est aussi l’Autre qui se voit dans l’Autre, qui s’identifie à l’Autre. C’est encore l’Autre qui rejette sa propre image, c’est le miroir brisé, c’est l’être opprimé qui opprime en retour. C’est la prise de pouvoir de celle qui en a souvent peu sur les êtres que la ‚civilisation’ engouffre dans sa conquête du monde. Mais c’est aussi l’affirmation du soi à l’extérieur du stéréotype, c’est l’émergence d’un sujet féminin autre. “ 18
Die Einbindung in einen komplexen Kontext zwischen Ohnmacht in der eigenen und Macht in der fremden Gesellschaft, lässt die reisende und schreibende Frau die fremde Welt auf andere Weise wahrnehmen und mündet, so Monicat, zwangsläufig in einem qualitativ anderen Diskurs über das kulturelle Andere, der sich in den Texten in einer anderen Schwerpunktsetzung niederschlägt: Während die reisenden Frauen ihren männlichen Kollegen häufig das Feld der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Ausbeutung der fremden Länder überlassen, richtet sich ihr Blick in der fremden Welt vornehmlich, aber nicht ausschließlich, auf Bereiche des weiblichen Lebenszusammenhangs, die zumeist ihren Betätigungsfeldern zu Hause entsprechen, wie Haushalt, Erziehung und weibliche Lebensräume (Interieurs) allgemein. So spielen in den Berichten auch fremde Orte und Innenräume, die ihnen nicht ohne weiteres und ihren männlichen Kollegen gar nicht zugänglich sind - wie etwa Frauenklöster oder im Fall von Orientreisen Harems und Frauenbäder - eine besondere Rolle. Das Gesehene reflektieren und beurteilen sie auf der Grundlage der eigenen weiblichen Sozialisation, die die Erfahrung der Ungleichheit der Geschlechter beinhaltet. Auf diese Weise kreieren Frauen zwangsläufig individuelle Texte, auch wenn sie im Bemühen um Anpassung unterschiedliche Strategien wählen, den Diskurs der Geschlechterdifferenz in ihren Texten zu umgehen.
Vor dem Hintergrund der Charakteristika der weiblichen Reiseberichtspraxis im 19. Jahrhundert soll im folgenden auf die in französischen (Reise)Texten der ersten Hälfte des 19.
17 Bénédicte Monicat: a.a.O., S. 78.
18 Bénédicte Monicat: a.a.O., S. 5.
8
Jahrhunderts typisierte Vorstellung von Spanien eingegangen werden, die auch die Vorstellung der Autorin George Sand als aufmerksame Leserin der vorgängigen Reiseliteratur prägte, als sie nach Spanien aufbrach.
2.3 Das Spanienbild im 19. Jahrhundert: Frauen und Exotismus
Eingebettet in einen ästhetischen u nd sozialhistorischen Kontext, in dem zum einen die klassische Ästhetik des Allgemeinen von der romantischen Ästhetik des Besonderen abgelöst wird und zum anderen Gesellschaft und Umwelt durch das Aufstreben des Bürgertums, die fortschreitende Industrialisierung und die koloniale Expansion gekennzeichnet sind, bildet sich der Exotismus als konstitutives Element der Re iseberichte im 19. Jahrhunderts heraus: Der Duktus des Reisens und die Art zu sehen sind in der Romantik geprägt von der unstillbaren Suche nach dem Anderen und Fremdartigen, das noch nicht von Vernunft, Ordnung und Fortschritt vereinnahmt ist, sondern Unregelmäßiges, Bizarres und wunderbares birgt. Die geheime Anziehung zum Anderen findet in den Reiseberichten ihren Ausdruck in der Idealisierung vergangener Epochen und vor allem in der Verklärung der unberührten Natur, die nicht dem Regelhaften der klassischen Ästhetik unterworfen ist und eine Fluchtmöglichkeit vor den Auswirkungen der gesellschaftlichen Transformationsprozesse im eigenen Land bietet. Das Fremdheitserlebnis beschränkt sich jedoch nicht ausschließlich auf die Natur: Im Gegensatz zum Reisebericht der Aufklärung, der in einer Reisekultur der gesellschaftlichen Nähe verankert ist, die durch das System von Empfehlungsschreiben und gesellschaftlicher Protektion eine Atmosphäre der Geborgenheit in der Fremde herzustellen versucht, werden im romantischen Reisebericht auch Momente gesellschaftlicher Begegnung in den Bereich des Fremden gerückt und Gegenstand der Interpretation. Das entfremdete Sehen umfasst also sowohl Landschaft und Natur, als auch Menschen und Sitten, der Reisende vollzieht gleichermaßen ein „dépaysement dans la nature“ 19 und ein „dépaysement dans l’humain“ 20 .
Bilden vor allem die Länder des Orients, des Nahen und Fernen Ostens, die Projektionsfläche exotistischer Sehnsüchte, muss die Einordnung Spaniens durch die Franzosen als exotisch - in direkter geographischer Nachbarschaft gelegen und über Jahrhunderte mit Frankreich durch kulturelle und politische Beziehungen verbunden - paradox erscheinen. Dennoch konstituiert
19 Léon-françois Hoffmann: Romantique Espagne. L’image de l’Espagne en France entre 1800 et 1850, Princeton, Paris 1961, S. 80.
20 Ebenda. Vgl. Wolfzettel: a.a.O., S. 18.
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Jessica Holldack, 2001, George Sand: Un hiver à Majorque. Écriture du voyage au féminin - zwischen Konvention und Subversion, München, GRIN Verlag GmbH
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