Inhalt
Einleitung 3
1. Wordsworth und das Sonett als literarische Form 4
2. Das Miltonic Sonett’ 6
3. Wordsworths frühe Sonette: Miltons Lehrling’ (1802 1807) 10
3.1. Zweiteilung der Themen 11
3.1.1 Sonette über das öffentliche Leben 11
3.1.2 Sonette über die privaten Gedanken und Gefühle 13
4. Wordsworths späte Sonette: Komposition von Sequenzen (1818 1822) 16
5. Fazit 19
Literatur 21
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Einleitung
Denkt man an den Dichter William Wordsworth, fällt einem sofort dessen Naturlyrik ein, geschrieben in Balladenform, manchmal über viele Seiten. Denkt man dagegen an Sonette, sind es eher Dichter früherer Epochen, wie Donne, Spenser und natürlich Shakespeare, die einem in den Sinn kommen. Eine Verbindung der beiden erscheint zunächst ein Mal unwahrscheinlich, zumal die Romantiker die stark artifiziellen Sonettform, die praktisch jeder erlernen konnte (und früher bei Hofe auch musste), verachteten und sich lieber der freien Entfaltung ihres Genies hingaben.
Dennoch hat gerade William Wordsworth eine Vielzahl von Sonetten verfasst. Wie er dazu gelangte, die Sonettform nicht nur anzuerkennen, sondern selbst damit zu arbeiten und welche verschiedenen Arten von Sonetten dabei entstanden, will diese Arbeit nachzeichnen.
Dazu werde ich zunächst den Ausgangspunkt darstellen, von dem Wordsworth begann Sonette zu schreiben. Da diese wie gesagt ihr Ansehen in Wordsworth Zeit völlig verloren hatten, ist es keine Selbstverständlichkeit, sich ihrer als literarische Ausdrucksform zu bedienen und es bedurfte eines äußeren Anstoßes, bis Wordsworth dazu kam.
Anschließend möchte ich genau diesen „Anstoß“, nämlich den Dichter John Milton und seine Art der Sonettdichtung, etwas vorstellen. So werden Wordsworths Gründe, sich mit Sonetten zu beschäftigen, transparenter.
Im Hauptteil meiner Arbeit stelle ich exemplarisch Wordsworths frühe Sonette vor, die er schrieb, als er noch am stärksten von Milton beeinflusst war und die als seine besten gelten.
Da den späteren Sonetten oft nachgesagt wird, sie seien in der Qualität nicht mit den früheren vergleichbar, werde ich mich ihnen nur abschließend kurz widmen, um den Überblick über Wordsworths Wirken als Sonettdichter zu komplettieren.
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1. Wordsworth und das Sonett als literarische Form
Zu Wordsworths Zeit hatte das Sonett als Dichtungsform nach seiner Hochphase in der Tudor-Zeit extrem an Ansehen verloren. Diese Verachtung ging sogar so weit, dass bei Ausgaben bedeutender Dichter aus vergangenen Epochen deren Sonette nicht mit aufgenommen wurden, da man diese seinen Lesern nicht zum uten wollte:
George Stevens refused to include Shakespeare’s sonnets and other non-dramatic poems in a 1793 edition of the works because the ‘strongest act of Parliament that could be framed, would fail to compel readers to their service’ (JOHNSON 1973, 40).
Auch Wordsworth verachtete diese Form lange Zeit und schrieb fast ausschließlich in der freien Balladenform, welche der romantischen Lyrik viel eher entspricht als die strenge, gebundene Sonettstrophe. Wordsworth hielt diese für viel zu künstlich und nicht geeignet, die „essential passions of the heart“ in angemessener, unverfälschter Sprache darzustellen (WORDSWORTH 1800, 245). Das Sonett kam ihm, wie fast allen Gelehrten und Schriftstellern seiner Zeit, gestelzt und unehrlich vor und schien als literarische Form so gut wie tot zu sein.
Als er jedoch von seiner Schwester Dorothy am 21. Mai 1802 Miltons Sonette vorgelesen bekam, war er begeistert:
[…] [M]y Sister read to me the Sonnets of Milton. I had long been well acquainted with them, but I was particularly struck on that occasion by the dignified simplicity and majestic harmony that runs through most of them. […] I took fire, if I may be allowed to say so, and produced three Sonnets the same afternoon (zitiert nach JOHNSON 1973, 44).
Diese drei Sonette waren die ersten, viele sollten in den kommenden Jahren fo lgen.
Zwischen 1802 und 1846 schrieb Wordsworth insgesamt 535 Sonette, und ist damit der produktivste Sonettdichter unter den bekannteren englischsprachigen Poeten.
Er re-etablierte das Sonett in der englischen Lyrik und verschaffte ihm besonders mit seinen frühen Sonetten das alte Ansehen zurück. Dabei musste er äußerst geschickt vorgehen, um nicht wegen des extrem schlechten Rufs des Sonetts von der öffentlichen Meinung als lächerlich und ewig gestrig abgestempelt zu werden.
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Um das Ansehen des Sonetts zu heben, schrieb Wordsworth mehrere Sonette, die die Form selbst zum Thema hatten und dadurch erklären und den Zeitgenossen wieder näher bringen sollten. In einem dieser ‚Sonette über das Sonett“ nennt Wordsworth viele seiner berühmten Vorgänger und benutzt sie als Autoritätsargument für die Güte des Sonetts als literarische Form- da diese berühmten Dichter sich des Sonetts bedienten, muss es gut sein:
Scorn not the Sonnet
Scorn not the Sonnet; Critic, you have frowned,
Mindless of its just honours; with this key Shakespeare unlocked his heart; the melody Of this small lute gave ease to Petrach’s wound; A thousand times this pipe did Tasso sound; With it Camöens soothed an exile’s grief; The sonnet glittered a gay myrtle leaf Amid the cypress with which Dante crowned His visionary brow: a glow-worm lamp, It cheered mild Spenser, called from Faery-land To struggle through dark ways; and, when a damp Fell round the path of Milton, in his hand The Thing became a trumpet; whence he blew Soul-animating strains - alas, too few.
(zitiert nach HUDSON 1970, 114)
Dieses Sonett zeigt außer den ‘Autoritäten’ bereits die Vielseitigkeit dieser Form, die zu oft nur auf romantisches ‚Liebesgeseufze’ reduziert wird. Die ersten Sonettdichter, die Wordsworth aufzählt, schrieben tatsächlich Liebeslyrik, hier beschreibt Wordsworth die Form mit kleinen, leisen Instrumenten (lute, pipe). Das Sonett endet jedoch mit einem Lob auf Milton, der es in eine mächtig Trompete verwandelt hat, auf der er ermutigend geblasen hat. Wordsworth bedauert, dass Milton nur so wenige Sonette geschrieben hat, mit denen man die Menschen aufrütteln konnte. Dadurch, dass das Sonett mit Milton und seinen politischen Sonet-
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ten endet, bekommen diese besonderes Gewicht und bilden fast eine Art Pointe oder Wendung, da es sich zwar nicht um eine neue Sache, jedoch um eine völlig andere Art der Verwendung des Sonetts handelt. Miltons Sonette waren völlig anders als die der restlichen genannten Dichter und stellten in schon Miltons Zeit, in der Sonette ja die Hauptform der Lyrik waren, etwas Besonderes dar. Milton hebt sich also ab von der ‚normalen Sonettdichtung’, die in Wordsworths Zeit so verachtet wurde.
Deshalb konnten Miltons Sonette den einstigen ‚Sonettgegner’ Wordsworth umstimmen, und dienten dann diesem wiederum als Argument gegen die Kritiker seiner Zeit, als Beispiel für einen guten Sonettdichter, den es sich lohnte, nachzua hmen:
Wordsworth needed to i nvoke the authority of Milton’s precedent to counteract the disdain in which scholars and other literary figures, including himslef at one time, had held the sonnet before he could feel secure in developing it to serve his own wide range of interests (JOHNSON 1973, 40).
Was aber war an Miltons Sonetten so besonders, dass sie erst Wordsworth und dann seine Zeitgenossen wieder vom Wert dieser Form überzeugen konnten?
2. Das ‚Miltonic Sonnet’
With Milton a new period began, and the English sonnet underwent a very visible change (Smart 1966, 10).
Miltons Sonette waren nach dem Muster „One occasion, one sonnet“ geschrieben (Johnson 1973, 36). Das macht einen großen Teil ihres Reizes aus, denn so wiederholen sich die Themen nicht und die Sonette bleiben interessant. „Each of his English sonnets is [...] distinct and individual“ (Smart 1966, 37). Außerdem entsteht durch die Verbundenheit dieser ‚Gelegenheitsgedichte’ mit einem Erlebnis ein Eindruck von Unmitte lbarkeit.
Milton schrieb in einer für die englische Sonettdichtung neuen Art und Weise, da er stark von Petrarka und anderen italienischen Sonettdichtern beeinflusst war und
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Mirja Schnoor, 2004, William Wordsworth als Sonettdichter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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