1
Inhaltsverzeichnis
0. Vorwort 3
1. Einleitung: Das alttestamentliche Menschen- und Weltbild 3
2. Krankheit und Todesverständnis im alten Israel 4
3. Woher kommt der Name Psalm? 4
4. Entstehung und Funktion des Psalters 5
5. Inhalt und Aufbau des Psalters 6
6. Die „Davidisierung“ des Psalters 7
7. Die Sprache der Psalmen - Stereometrie des Gedankenausdrucks 7
7.1 Parallelismus membrorum 7
7.2 Überlagerung der Bilder und Motive 8
7.3 Metaphorisierung und Symbolisierung 8
7.4 Die Vorteile der Psalmensprache 9
8. Die Hauptgattungen des Psalters 9
9. Die Klagelieder 10
9.1 Die Klagelieder des Einzelnen 10
9.2 Krankheits- und Unschuldspsalmen 11
9.3 Aufbau der Klagelieder 12
10. Beispielpsalm 13 12
10.1 Der klagende Beter 13
10.2 Bitte um Heilung 14
10.3 Vertrauensbekenntnis und Lobgelübde 14
2
10.4 Das Phänomen des „Stimmungsumschwungs“ 15
10.5 Fazit zu Psalm 13 15
11. Beispielpsalm 88 16
11.1 Form und Inhalt 16
11.2 Die Figur des Beters in Psalm 88 17
11.3 Die Wirkung des Mittelteils 17
11.4 Fazit zu Psalm 88 17
12. Beispielpsalm 130 18
12.1 Form und Inhalt 19
12.2 Fazit zu Psalm 130 20
13. Beispielpsalm 140 20
13.1 Form und Inhalt 22
13.2 Fazit zu Psalm 140 22
14. Beispielpsalm 6 23
14.1 Form und Inhalt 24
14.2 Fazit zu Psalm 6 25
15. Beispielpsalm 22 25
15.1 Form und Inhalt 25
15.1.1 Erster Teil: Das Klagelied des Einzelnen 25
15.1.2 Zweiter Teil: Das Danklied 27
15.2 Fazit zu Psalm 22 27
16. Schluss: Zur heutigen Relevanz des Psalters 28
17. Literaturverzeichnis 29
18. Anlage: Rekonstruktion des biblischen Weltbildes 30
3
0. Vorwort
Psalmen konfrontieren den modernen Leser mit einer ihm zunächst völlig fremd erscheine nden Welt. Insbesondere die Klagelieder des Einzelnen, denen ich mich in diese Ausarbeitung intensiver widmen möchte, beschreiben ein Leben voller Feindschaft, Krankheit und Gewalt, in der die Psalmenbeter selbst Gott als Feind anklagen.
Im Folgenden möchte ich mich zunächst mit Entstehung, Funktion, Inhalt, Aufbau und Sprache des Psalters im Allgemeinen beschäftigen, um anschließend insbesondere auf die Klagelieder des Einzelnen eingehen zu können, wobei ich mich exemplarisch auf mehrere Beispielpsalmen (Psalm 13, 88, 130, 140, 6, 22) beziehen möchte.
1. Einleitung: Das alttestamentliche Menschen- und Weltbild
Um die Situation der Psalmenbeter besser verstehen zu können, muss man sich zunächst mit dem historischen Kontext und dem alttestamentlichen Menschen- und Weltbild vertraut machen. Die biblischen Psalmen verdeutlichen Erfahrungen und Verhaltensweisen, die den Beter in Grenzsituation der menschlichen Existenz zeigen. Das Bild des Menschen unterliegt jedoch dem historischen Wandel und lässt sich nicht objektivieren. Dem Alten Testament liegt keine einheitliche Lehre vom Menschen zugrunde, das Fehlen eines einheitlichen Menschenbildes wird jedoch durch den Dialog des Menschen mit Gott und Gottes mit dem Menschen aufgewogen („Konfliktgespräche mit Gott“). Deshalb können die Psalmen auch als „Antwort Israels “ 1 auf Jahwes Wirken in Israel verstanden werden. Der alttestamentliche Mensch ist angewiesen auf ein „unendliches, nicht endliches, jenseitiges Gegenüber“ 2 und somit welt- und gottoffen. 3
Nach alttestamentlichem Verständ nis können Himmel, Ober- und Unterwelt nicht in strenger Abgrenzung zueinander gesehen werden, denn es liegt eine große Durchlässigkeit zwischen Ober- und Unterwelt vor (siehe Anlage). Das Fundament der Schöpfung besteht in der göttlichen Weisheit (5), die durch eine Torarolle mit zwei Armen dargestellt wird. Sie tragen die Säulen bzw. Grundfesten der Erde und sorgen somit für Weltstabilität. Der gehörnte Schlangen- bzw. Chaosdrache (4) steht für das Unverfügbare in der Welt und kann Einfluss auf die Oberwelt nehmen. Er symbolisiert die ständige Bedrohung der Weltstabilität durch das Chaos,
1 Janowski, Konfliktgespräche, S.10.
2 Janowski, Konfliktgespräche, S.12.
3 vgl. Janowski, Konfliktgespräche, S.1ff.
4
nach alttestamentlichem Verständnis durch die Urflut. Der Kerubenthron Jahwes (2) mit den beiden geflügelten Seraphen (3) stellt das Bollwerk gegen die Chaosfluten dar, während die Flügelsonne (1) als Licht des Himmels die Herrlichkeit Gottes symbolisiert. Die alttestamentlichen Menschen mussten somit die Spannung zwischen Weltordnung und Unordnung bewältigen. 4
2. Krankheit und Todesverständnis im alten Israel
Da Gott als der Gott des Lebens angesehen wurde, bedeutete der Tod für die Menschen im alten Israel nicht den Beginn eines neuen Lebens, sondern Distanz zu Gott, der strikt von den Toten getrennt war. Durch die „göttliche Kompetenzausweitung“ 5 aufgrund Gottes Allmächtigkeit wurde das Sterben jedoch allmählich mit Gott ve rbunden.
Lebensbedrohliche Krankheiten galten als Bestrafung Gottes für die schweren Sünden, die ein Mensch begangen hatte. Auf eine Krankheit konnte man nur mit einem umfassenden Schuldenbekenntnis, Gebeten und der Bitte um Vergebung der Schuld reagieren. Da die Grenze zwischen Leben und Tod im Alten Orient viel durchlässiger war, führte eine schwere Krankheit bereits in das Totenreich. Einen schwerkranken Menschen zählte man teilweise schon zu den Toten, wobei das eigentliche Problem darin bestand, dass der Beter durch die Berührung der Unterwelt für seine soziale Umgebung kultisch unrein wurde, was wiederum zu sozialer Desintegration führte. 6
3. Woher kommt der Name Psalm?
Die Bezeichnung „Psalm“ kommt von psalmos (griech.) und bedeutet „Saiteninstrument“, psallein (griech.) meint „die Saiten spielen“. Der Psalter besteht aus den 150 Psalmen der Bibel, bei denen es sich um Gebete (hebr.: tefillot) handelt. Die hebräische Bezeichnung für das heutige Psalmenbuch lautet „sefer tehillim“ und bedeutet „Buch der Preislieder / Lobpreisungen“. Obwohl das Buch das Psalmen aus weitaus mehr Klageliedern besteht, kann man vom Psalter als Lobspreis des Gottes Israels sprechen, da auch die Klagepsalmen mit eine r
4 vgl. Janowski, Konfliktgespräche, S.27f.
5 Janowski, Konfliktgespräche, S.230.
6 vgl. Janowski, Konfliktgespräche, S.225ff.
5
positiven Bekenntnisaussage schließen. Bei den Überschriften der Psalmen handelt es sich um nachträglich ergänzte, redaktionelle Zusammenfassungen. 7
4. Entstehung und Funktion des Psalters
Psalmtexte wurden während des täglichen Opfers und an besonderen Festtagen von einem Levitenchor vorgetragen. Die Gemeinde sang nur den Refrain oder einen Kurzvers mit, bestimmte Texte, z.B. Volksklagepsalmen wurden nur bei Klage- und Bußliturgien am Tempel von allen chorisch vorgetragen.
Es gibt jedoch keine eindeutigen Hinweise darauf, dass das Psalmenbuch für die Teilnahme am Tempelkult entstanden ist, da in den Synagogen Israels unterschiedliche Konzepte existierten und man nicht davon ausgehen kann, dass das Psalmenbuch zu den gemeinsamen strukturellen Elementen gehörte. Psalmen könnten auch in privaten gottesdienstlichen Versammlungen und christliche n Hausgottesdiensten als Texte der „persönlichen, meditativen Frömmigkeit und messianischen Hoffnung“ 8 eine Rolle gespielt haben. Die bekannten Psalmenforscher Gunkel und Mowinkel vertreten unterschiedliche Thesen zur Beantwortung der Frage nach der Funktion der Psalmen. Gunkel geht davon aus, dass die Mehrzahl der Psalmen als geistliche Dichtungen für den privaten Tempelgebrauch verfasst wurden und keine Funktion für den Tempelkult hatten, sondern private Gebete darstellten, die im Umfeld des Tempels entstanden. Mowinkel dagegen ist der Meinung, dass die Psalmen von Kultträgern verfasst wurden und als kultische Texte dienten. Die primäre Existenzform der Psalmen war jedoch der mündliche Vortrag bzw. Sprechgesang durch Saiteninstrumente instrumental begleitet. Der im Kanon überlieferte Psalter entstand in der nachexilischen Zeit, als die Gebete für kultische Feste und gottesdienstliche Gelegenhe iten niedergeschrieben wurden, wobei es zu bestimmten Sprachformeln kam (z.B. Reimbildung, Assonanz, Alliterationen, usw.). 9
Das Psalmenbuch stellte das Lebensbuch der Armen, Frommen und Gerechten dar, die auf der Suche nach Trost, Hoffnung und Lebensweisung waren. Man kann von einer allgemeinen Vertrautheit mit dem Psalmenbuch als „Lieblingsbuch des entstehenden Christentums “ 10 ausgehen. Auch viele Zitate im Neuen Testament stammen aus dem Psalter. Der Psalter entstand
7 vgl. Zenger, Einleitung, S.244.
8 Zenger, Einleitung, S.250.
9 vgl. Seybold, Psalmen, S.1ff.
10 Zenger, Einleitung, S.250.
6
als „Gebets- und Meditationsbuch“ 11 , wobei die gezielte Mischung verschiedener Gattungen als „Spiegel der widersprüchlichen Vielfalt des Lebens selbst“ 12 diente. 13
5. Inhalt und Aufbau des Psalters
Bei den Psalmen handelt es sich um 150 poetische Texte unterschiedlicher Gattung, Herkunft und Zeit, sie stammen aus ca. 8 Jahrhunderten. Auch außerhalb des Psalmenbuches finden sich in der Bibel weitere Psalmen (z.B. Jona 2,3-10). Die griechische Zählweise unterscheidet sich dabei von der hebräischen, denn die Septuaginta (LXX) zählt mehrere Einzelpsalmen anders als das hebräische Psalmenbuch. Sie fasst Psalm 9 und 10 und Psalm 114 und 115 zu je einem Psalm zusammen und zerlegt Psalm 116 und 147 in je zwei Psalmen. Die hebräische Zählweise wird meist in Klammern angegeben.
Der Psalter entstand aus einzelnen Teilsammlungen, die bewusst zusammengestellt und durch nachträglich ergänzte Überschriften zu Gruppen geordnet wurden. Diese Sammlungen lagen bereits als abgeschlossene Kompositionen vor und entstanden in der Exilszeit. Anfang und Ende des Psalters erhalten eine besondere Gewichtung, da sie zentrale Aussagen enthalten. 14 Der Psalter lässt sich in fünf Bücher unterteilen, wobei vier „doxologische Schlussformeln“ 15 , die nicht Bestandteil des jeweils vorausgehenden Psalms sind, die jeweiligen Einschnitte kennzeichnen. Die Strukturierung in fünf Teile bzw. Bücher war im Alten Orient beliebt und programmatisch.
Die planvolle, gezielte Buchkomposition verdeutlicht, dass es sich nicht um eine zufällige Aneinanderreihung von Einzelgebeten handelt, sondern die Einzelpsalmen im Zusammenhang des ganzen Buches eine theologische Aussage erhalten, die ihren Einzelsinn übersteigt. Zwischen unmittelbar aufeinander folgenden Psalmen ergeben sich häufig semantische, inhaltliche oder formale Zusammenhänge, die von der Redaktion intendiert wurden. Psalmen können sich gegenseitig auslegen, ergänzen oder relativieren. 16
11 Zenger, Einleitung, S.251.
12 Zenger, Einleitung, S.252.
13 vgl. Zenger, Einleitung, S.249ff.
14 vgl. Zenger, Einleitung, S.243f.
15 Zenger, Einleitung, S.247.
16 vgl. Zenger, Einleitung, S.244f.
7
6. Die „Davidisierung“ des Psalters
73 der 150 Psalmen werden mit dem Leben Davids verbunden („von David“). Ursprünglich verwiesen sie auf bestimmte Lebenssituationen Davids, galten als Identifikationsangebote und wurden erst später als Autorenangaben konzipiert. Der ganze Psalter gilt als „geistliches Tagebuch Davids“ 17 . Die Parallelisierung mit Mose und die Aussage „Mose gab den Israeliten die 5 Bücher Mose, David gab ihnen die 5 Bücher der Psalmen“ 18 verdeutlicht Davids Autorität als König von Israel, obwohl nicht alle Psalmen, die ihm zugeschrieben werden, tatsächlich von David stammen können. Dennoch hat die jüdische Tradition das ganze Psalmenbuch David als Verfasser zugeschr ieben und die Psalmen als „Gebete der messianischen Hoffnung auf den wiederkehrenden David“ 19 verstanden. Es ist historisch unwahrscheinlich, dass alle Davidspalmen tatsächlich von David verfasst wurden, literarisch jedoch nachvollziehbar, da David als Psalmendichter und Psalmenbeter bekannt war. 20
7. Die Sprache der Psalmen - Stereometrie des Gedankenausdrucks
Stereometrie bzw. Multiperspektivität entsteht zum einen durch den Parallelismus der Vergleichsglieder („parallelismus membrorum“) und zum anderen durch die Überlagerung der Bilder und Motive.
7.1 Parallelismus membrorum
Der Parallelismus der Vergleichsglieder („Gedankenreim“) ist typisch für die hebräische Poesie. Ihm liegt die „Idee der symmetrischen Vollständigkeit“ 21 zugrunde, die besagt, dass das Ganze immer aus der Vielheit seiner Einzelteile besteht. Nach antiker Vorstellung stellt zudem erst ein Doppeltes eine Ganzheit dar. Das „Prinzip der paarweisen Anordnung“ 22 in der hebräischen Poesie entspricht somit antiken Vorstellungen und meint, dass die beiden parallelen Satzglieder einen Sachverhalt oder ein Phänomen aus zwei oder mehr Perspektiven be-
17 Zenger,Einleitung, S.247.
18 Zenger, Einleitung, S.247.
19 Zenger, Einleitung, S.253.
20 vgl. Zenger, Einleitung, S.252f.
21 Janowski, Konfliktgespräche, S.13.
22 Janowski, Konfliktgespräche, S.14.
Arbeit zitieren:
Kathrin Morawietz, 2003, Der Psalter - Klagelieder des Einzelnen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Arbeits- und konfliktreicher Alltag von Dienstmädchen im bürgerlichen ...
Ein Ringen um Autonomie und An...
Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte
Hausarbeit, 19 Seiten
Märchen: Rotkäppchen - Prüfungslehrprobe in einer 5. Klasse im Fach De...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 27 Seiten
Eine kurze Interpretation zu Friedrich Schillers "Der Taucher&quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Möglichkeiten der Gesprächsbeendigung nach der methodischen Anleitung ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Referat (Ausarbeitung), 15 Seiten
Der literarische Beitrag zum Erzählerwerb - In Theorie und Praxis
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 20 Seiten
Das Böse und seine Thematisierung im Religionsunterricht der Primarstu...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hausarbeit, 23 Seiten
Brechts Dramentheorien - Analyse am Beispiel "Der gute Mensch von...
Hausarbeit, 20 Seiten
Das Tapfere Schneiderlein - Märchenforschung und ihre Didaktik
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Die Bedeutung interner und externer Evaluation für die Schulentwicklun...
Hausarbeit, 23 Seiten
Die Freudsche Interpretation des "König Ödipus" als ein Beis...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 36 Seiten
Professionalisierung und Schulentwicklung
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Geschlechtsspezifische Kommuni...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit, 28 Seiten
Auseinandersetzung mit der literarischen Gattung Märchen unter besonde...
Hausarbeit, 20 Seiten
Kathrin Morawietz hat den Text Der Psalter - Klagelieder des Einzelnen veröffentlicht
Kathrin Morawietz hat einen neuen Text hochgeladen
Dem Einzelnen ein Ganzes /A Whole for the Parts
Jan Pappelbaum - Bühnen /Stage...
Anja Dürrschmidt, Joe W. Compton
The Abbey Psalter: The Book of Psalms Used by the Trappist Monks of Ge...
Genesse Eudes, Eudes Bamberger, John Abbot
0 Kommentare