- 1 -EI D E S S T A T T L I C H E E R K L Ä R U N G:
An Eides Statt versichere ich, daß die Arbeit
Die Elementenlehre in der Antike verwendet in der deutschen Literatur der Neuzeit
von mir selbst und ohne jede unerlaubte Hilfe angefertigt wurde, daß sie noch keiner anderen Stelle zur Prüfung vorgelegen hat und daß sie weder ganz noch im Auszug veröffentlicht worden ist. Die Stellen der Arbeit - einschließlich Tabellen, Karten, Abbildungen usw.-, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, habe ich in jedem Fall als Entlehnung kenntlich gemacht.
- 2 -I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Seite
Eidesstattliche Erklärung 1
Inhaltsverzeichnis 2
I. Die Elementenlehre in der Antike
a) Einleitung 4
b) Entwicklung einer Elementenlehre 6
c) Empedokles und die vier Wurzeln des Seins 8
d) Weiterentwicklung der Elementenlehre 9
II. Die Elementenlehre im Mittelalter
a) Die Vierheit der Weltordnung 14
b) Weltbild 16
c) Die Elemente in der Lehre von der Natur 18
d) Alchemie 20
e) Paracelsus 22
f) Übergang zur neuzeitlichen Chemie 24
- 3 -g) Astrologie 26
III. Die Elementenlehre in der deutschen Literatur der Neuzeit
a) Einleitung 28
b) Naturphilosophie und Romantik 29
c) Klassische Wiedergabe 31
d) Weltentstehen 34
e) Weltbild 38
f) Alchemie und Zauberei 50
g) Astrologie und Temperamentenlehre 54
h) Elementargeister 57
IV. Abschließende Betrachtung 68
Literaturverzeichnis 69
- 4 - I.Die Elementenlehre in der Antike
I. a) Einleitung
Schon von jeher haben sich die Menschen die Frage gestellt, wie wohl die Vielgestaltigkeit der Schöpfung zustande gekommen sei, auf welche Prinzipien sie zurückgeführt und wie sie geordnet werden könne; und so verschieden die Kulturen waren, so unterschiedlich fielen auch die Antworten auf diese Frage aus.
Nach einer dieser Überlegungen wurde angenommen, daß alle Dinge, die wir um uns herum sehen, aus den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft aufgebaut seien. 1 )
Das Wort „Element“ kommt vom lateinischen „elementum = Urstoff, Buchstabe“. Das Wort stammte vielleicht aus dem Etruskischen oder stellt eine Zusammenziehung der Mittelbuchstaben LMN des lateinischen und griechischen Alphabetes 2 ) dar, vielleicht ist es aber auch eine Ableitung vom griechischen eléphas (Elfenbein), da die Kinder reicher Römer das Alphabet anhand von Buchstaben aus Elfenbein lernten. 3 )
So verwendeten auch Platon und Aristoteles das Wort „stoicheion“ für die Bezeichnung der Elemente, das neben seiner Bedeutung als einfache Substanz, Grundstoff, Prinzip eben auch die Bedeutung Buchstabe hatte. 4 )
1 ) Ramsey, Sir William "Moderne Chemie", ins Deutsche übertragen von Max Huth, 3. Auflage, Halle 1921, S.1.
2 ) „Römpp Chemie Lexikon“ 9. Erw. und neu bearb. Auflage, Stuttgart 1995, Band A-Cl, S. 658.
3 ) Hermann, Ursula "Herkunftswörterbuch", München 1993, S. 131. 4 ) Treumann, Rudolf "Die Elemente", München 1994, S. 31.
- 5 -Die Elementenlehre durchlief verschiedene Stadien, ehe sie in der Kom-bination der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft bei Empedokles auftauchte, dessen Vorstellungen bis in die frühe Neuzeit hinein einen ganz wesentlichen Einfluß auf das Weltbild und die Wissenschaften im Abendland hatte.
Jede Elementenlehre baut sich auf einem ursprünglichen Elementarerlebnis auf. In den frühen Kulturen waren die Götter ein Teil der Natur, und in dieser Vorstellung fanden sich die Elemente als Grundformen und Kräfte der Natur, ohne allerdings als eigenständige, personifizierte Kräfte in Erscheinung zu treten 5 )
So finden sich auch im Schöpfungsmythos des Buch Mose, dessen Entstehen bis in das 8. Jahrhundert vor Christus datiert wird, Himmel (Luft), Erde, Licht (Feuer) und Wasser als Urbestandteile der Schöpfung. 6 )
Die Babylonier und später die Ägypter hatten zunächst das Wasser und später auch Luft und Erde als Hauptbestandteil der Erde angesehen. 7 )
Wohingehend die Chinesen schon 600 v. Chr. die 5 Elemente Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde unterschieden, welche sie den Jahreszeiten, den Himmelsrichtungen und menschlichen Fähigkeiten zuordneten. 8 )
5 ) Vgl. Dzialas, Ingrid "Auffassung und Darstellung der Elemente bei Goethe", Germanische Studien Heft 216, Berlin 1939, S. 12.
6 ) Vgl. "Die Bibel", nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1978, S. 19.
7 ) Mason, Stephen F. "Geschichte der Naturwissenschaft" Stuttgart 1991, S. 32.
8 )"Das grosse Buch des Allgemeinwissens", Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus und Verlag Das Beste, Mannheim und Stuttgart 1991, S. 837.
- 6 -Auch bei den Indern finden sich ähnliche, der Elementenlehre der Grie-chen verwandte Vorstellungen, welche später in der Heilbehandlung Einfluß auf die Säftelehre Hippokrates nahmen. 9 )
I. b) Entwicklung einer Elementenlehre
Der griechische Philosoph Thales (624-544 v. Chr.) betrachtete das Wasser als ersten Grundstoff aller Dinge. Er riß es aus dem Naturzusammenhang heraus und stellte es als Einheit an den Anfang. In seiner Vorstellung war alles beseelt und voller Götter, und in diesem Sinne begriff er auch Wasser als ein göttliches Wesen und nicht als leblosen Stoff. 10 )
Anaximandros/ Anaximander (ca. 610 - 545 v. Chr.) aus Milet und Schüler des Thales, fügte das Feuer als viertes Element hinzu. 11 ) Er machte die Elemente zu etwas aus dem Äther geschaffenen 12 ) und entwarf die Gegensätze warm und kalt als Qualitäten der Elemente 13 )
Anaximenes (588-524 v. Chr.), Schüler des vorhergehenden, wandte sich in Fortsetzung der Elementenlehre Thales, ausgehend vom Lebenshauch, der Luft zu. Er erklärt auch das Entstehen von Feuer, Wasser und Erde aus der Luft und ordnete so die Elemente hierarchisch an. In seiner Vorstellung konnten sich die Elemente mischen und neu verbinden. 14 )
9 ) Vgl. a.a.O., S. 852.
10 ) Dzialas, S. 17.
11 ) Mason, S. 33.
12 ) Dzialas, S. 18.
13 ) A.a.O.
14 ) A.a.O., S. 17.
- 7 -Heraklit (535-475 v. Chr.) sah alles im Werden, nicht im Sein, jedoch nach der gesetzlichen Ordnung der Weltvernunft. Verkörperung dieses göttlichen Vernunftprinzipes war ihm das Feuer, von dem alles Seiende ausgehe und in das es im ewigen Kreislauf wieder zurückkehre. 15 ) Entsprechend seiner Weltanschauung entwickelte er die Entstehung der Welt nicht aus der Trennung der Elemente, wie es bisher geschehen war, sondern aus dem dauernden Sich-Verwandeln der Elemente ineinander. 16 )
Dieser Gedanke wurde für die Ausbildung der Elementenlehre von ausschlaggebender Bedeutung und führte einen Schritt näher zum Stoffbegriff. 17 )
Einmal bei unbelebten Elementen angelangt, war wieder eine Macht vonnöten, die sie bewegte. Das Weltbild des Anaxagoras (ca. 500 - 428 v. Chr.) war deshalb hierin verschieden von dem seiner Vorgänger. Er unterschied erstmalig in der Geschichte der Philosophie Geist und Körper 18 ) und sah im Geist den ersten Beweger, Weltschöpfer und das allgemeine Ordnungsprinzip. In seiner dualistischen Vorstellung von der Urmaterie teilte sie sich in zwei Pole; auf der einen Seite das Dichte, Feuchte, Dunkle, Kalte und auf der anderen Seite das Dünne, Trockene, Helle und Warme. Er sah in den Elementen nicht den Urstoff, da sie teilbar und wandelbar seien 19 ) stattdessen nahm er unendlich viele, unveränderliche Teilchen an, aus denen die Urmaterie bestehe und bei deren Zusammenfügung die Dinge entstünden und bei deren Trennung sie wieder vergängen. 20 )
15 ) "Das grosse Fischer Lexikon", Lexikographisches Institut München, Frankfurt a. M. 1976, Band 8, S. 2588. 16 ) Dzialas, S. 19.
17 ) Dzialas, S. 19. 18 ) Fischer, Band 1, S. 210
19 ) Dzialas, S. 20.
20 ) Fischer, a.a.O..
- 8 - I.c) Empedokles und die vier Wurzeln des Seins
Von großem Einfluß waren die Lehren des Philosophen Empedokles (ca. 492-432 v. Chr.). 21 ) Er stammte aus Akragas, dem heutigen Agrigento in Sizilien. Die Viererlehre im Rahmen der europäischen Kultur hat bei ihm ihren Anfang. 22 )
Er stellte Feuer, Erde, Wasser und Luft gleichberechtigt als die vier Wurzeln des Seins nebeneinander, und dieses sollte das Weltbild des Mittelalters beeinflussen, wie keine andere Vorstellung der Antike. „Denn die vier Wurzelkräfte aller Dinge höre zuerst: Zeus der schimmernde, und Here die lebensspendende sowie Aidoneus und Nestis, die durch ihre Tränen irdisches Quellwasser fließen läßt.“ 23 ) Mit Zeus meinte er das Feuer, mit Here die Erde, mit Aidoneus die Luft und mit Nestis das Wasser. 24 )
Durch Mischung und Trennung in Liebe (Eros) und Hass (Polemos) sei aus ihnen alles entstanden und alles sei in quantitativ verschiedenen Verhältnissen aus den vier Elementen zusammengesetzt. Auch ordnete er den Elementen die Qualitäten feucht, trocken, kalt und warm zu. 25 )
21 ) Mason, S. 39.
22 ) Böhme, Gernot und Hartmut "Feuer, Erde, Wasser, Luft", München 1996, S. 93.
23 ) Böhme, S. 94.
24 ) A.a.O., S. 95.
25 ) Mason, S. 39.
- 9 -In seiner Vorstellung waren Werden und Vergehen nur eine Ortsverände-rung der Elemente, eine neue Mischung derselben. Mit diesen Auffassungen suchte er zwischen Heraklit und der eleatischen Seinslehre zu vermitteln, die das Sein als unvergänglich und allumfassend ansahen. 26 )
Ovid ( 43 v. Chr.- 18 n. Chr.) griff später die Vorstellung Empedokles der vergöttlichten Elemente in seiner Schilderung des Weltentstehens auf und nennt die Götternamen Titan, Phoebe, Amphitrite und Tellus als Bezeichnung der Elemente, die, wenngleich im Chaos präsent, jedoch noch nicht durch ihre Eigenarten zutage treten. 27 )
I. d) Weiterentwicklung der Elementenlehre
Demokrit (ca.460-370) ging im Gegensatz zu Empedokles nicht von einem zusammenhängenden Ganzen aus, sondern von lauter kleinsten Teilchen, die nicht mehr teilbar seien und deshalb Atome heißen (atomos = unteilbar). 28 )
In seiner Vorstellung übernahmen diese die Aufgaben der vier Elemente. Er lag vielleicht aus heutiger Sicht näher an der Wahrheit, aber lange Zeit herrschte die Vorstellung der vier Elemente nach Empedokles vor.
26 ) Hirschberger, Johannes "Geschichte der Philosophie 1.Teil", 3. Auflage, Freiburg 1958, S. 41.
27 ) Böhme, S. 41.
28 ) Treumann, S. 43
- 10 -Hippokrates (460 -377 v. Chr) und die Hippokratischen Schriften, die wohl eher Werk einer ganzen Schule sind, ordneten, basierend auf der E-lementenlehre, dem menschlichen Körper viererlei Säfte zu. Dieser Theo-rie scheint die Beobachtung zugrunde gelegen zu haben, daß man aus Blut vier verschiedene Substanzen gewinnen kann, nämlich dunkle Klumpen (melancholischer Saft), eine rote Flüssigkeit (sanguinischer), ein gelbes Blutserum (cholerischer) und den Blutfaserstoff, der mit dem Phlegma zusammenhängt. 29 ) Seine Vorstellungen beeinflußten die späte-re Lehre Galens außerordentlich.
Den Pythagoreern folgend, schrieb Platon (427 - 347 v.Chr.) den kleinsten Teilchen jedes Elementes eine charakterliche Gestalt zu, der Erde den Hexaeder (Würfel), dem Feuer den Tetraeder, der Luft den Oktaeder und dem Wasser den Ikosaeder. Wegen seiner halbwegs kugelförmigen Gestalt wies Platon dem unbenutzten Dodekaeder das Weltall im ganzen zu. 30 )
Seinen Überlegungen lag die Vorstellung zugrunde, daß es am Anfang zwei Arten rechtwinkliger Dreiecke gegeben habe, nämlich halbe Quadrate und halbe gleichseitige Dreiecke. Aus diesen Dreiecken sollten auf dem Vernunftwege vier reguläre Körper zusammengebracht worden sein, aus denen die Teilchen der vier Elemente entstanden. 31 ) Platon sah den Geist als eigentliches Prinzip der Schöpfung, der jedoch nur durch die Elemente in Erscheinung treten könne, da er selbst unsichtbar sei. So stehen die Elemente bei Platon für das ewig Sichtbare und ewig Wandelbare in der Natur und somit das Leben schlechthin. 32 )
29 ) Mason, S. 42. 30 ) Böhme, S. 102 ff.
31 ) Mason, S. 47.
32 ) Dzialas, S. 22.
- 11 -Aristoteles (384-322), faßte das Wissen seiner Zeit zusammen. Die Ele-mente treten bei ihm als Urstoffe auf, und ihnen zugeordnet sind die paar-weisen Gegensätze der Qualitäten, wie sie von Empedokles genannt wor-den waren. 33 ) Jedes Element besaß an sich eine Grundqualität und eine untergeordnete Nebenqualität, die es vom benachbarten Element erhielt. Das Feuer war von sich her warm und von der Erde her trocken, die Erde war an sich trocken und von dem Wasser her kalt, das Wasser war an sich kalt und von der Luft her feucht, und die Luft schließlich war an sich feucht und vom Feuer her warm. 34 )
Nach Aristoteles war jedes Element in ein anderes wandelbar, wenn die sekundäre Eigenschaft sich veränderte. Verlor nun also das Feuer die Trockenheit und nahm statt dessen die Feuchtigkeit an, so wurde es zu Luft (Dampf). Verlor die Luft die Hitze und nahm statt dessen die Kälte an, so wurde sie zu Wasser (Kondenswasser). Verlor das Wasser die Feuchte, so wurde es zu Erde (Eis, ein fester Körper). Verlor die Erde die Kälte, so wurde sie zu Feuer (Waldbrände).
Derselbe Vorgang wurde aber auch andersherum gedacht. Verlor das Feuer die Hitze, so wurde es Erde (Asche) usw. 35 ).
In der Vorstellung Aristoteles änderte sich immer nur die Gestalt der Elemente, die Materie blieb die gleiche.
Als fünftes Element nennt Aristoteles den Äther, die Quintessenz, der den Himmelskörper bestimme, derweil alles auf der Erde aus den vier Elementen bestünde. 36 ) Er fügte ihn in die Vorstellung Platons ein und ordnete ihm den aus zwölf regulären Fünfecken umschlossenen Dodekaeder zu. 37 )
33 ) Dzialas, S. 23.
34 ) Meyer, Hans "Abendländische Weltanschauung 2.Band" 2. Auflage Paderborn/ Würzburg 1953, S. 72.
35 ) Federmann, Reinhard "Die königliche Kunst", Wien 1964, S. 50.
36 ) Mason, S. 52.
37 ) A.a.O., S. 47.
- 12 -Galen (129-199 v.Chr.), der Leibarzt von Marc Aurel, der das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit zu einem Lehrsystem zusammen faßte, verband die empedokleischen Elemente mit den "humores" (Körpersäfte) der Ärzte. Nach seiner Vorstellung wurde die Nahrung des Menschen im Magen "zerkocht" und die Elemente dabei zu den vier Körperflüssigkei-ten (Kardinalsäfte), die die Organe ernährten.
Feuer wurde zu gelber Galle (cholera), Wasser zu Schleim (phlegma), Erde zu schwarze Galle (melancholia) und die Luft zu Blut (sanguinis). Die hippokratische Schule, die Galen mit ihrer Säftelehre als Grundlage diente, lehrte, daß Gesundheit das ausgeglichene Verhältnis dieser Säfte untereinander war; Krankheit wurde durch das zuviel oder zuwenig von einem oder mehreren Körpersäften ausgelöst (Dyskrasie). 38 ) Schon Aristoteles glaubte, daß Epilepsie von zuviel „melancholia“, also schwarzer Galle, herrühre 39 ).
Daneben existierte auch die Vorstellung, daß bei jedem Menschen einer der Körpersäfte überwiege und seinen Charakter beeinflusse. So teilte man die verschiedenen Charaktertypen in den Choleriker (leicht ansprechbar, stark nachhaltig, aufbrausend), den Sanguiniker (leicht ansprechbar, sprunghaft, heiter), den Phlegmatiker (schwer ansprechbar, langsam) und den Melancholiker (schwer ansprechbar, stark andauernd, herabgestimmt) ein. 40 )
38 ) Böhme, S. 164 ff.. Vgl auch Galen "On the natural faculities" hrsg. William Heinemann, 2. Auflage London 1927, S.250.
39 ) Aristoteles "Problemata Physica" hrsg.Ernst Gummerbach, Darmstadt 1962, S.195 ff..
40 ) Vgl. Böhme, S. 164 ff..
- 13 -Interessanterweise hatte Galen, als er in seinem Kommentar zur hippokra-tischen Schrift „Über die Natur des Menschen“ den vier Säften und den vier Qualitäten erstmals die vier Elemente zuordnete, der gelben Galle das Scharfsinnige und Verständige, der schwarzen Galle das Gesetzte und Beständige, dem Blut das Einfache und Einfältige und dem Schleim kei-nen Ethos zugeordnet. Darin zeigt sich, daß, was die den einzelnen Typen zugeschriebenen Eigenschaften angeht, von Quelle zu Quelle erstaunlich große Unterschiede zu beobachten sind. Und in der späteren Schrift „Über den Aufbau der Welt und der Menschen“ endlich wird gesagt, der Mensch sei, wenn das Blut überwiege, anmutig, scherzhaft, lachend, ro-sig, von schöner Hautfarbe, wenn die gelbe Galle überwiege, jähzornig, scharfsinnig, kühn, enthusiastisch, bleich, von gelber Hautfarbe, wenn die schwarze Galle vorherrsche, leichtsinnig, kleinmütig, schwächlich, träge, dunkeläugig und von dunklem Haar; und bei Vorherrschaft des Schleims niedergeschlagen, vergeßlich, sehr viele Behinderungen aufweisend, trau-rig und weißhäutig 41 ).
Aus dem "temperamentum", dem Verhältnis der Körperflüssigkeiten zu-einander, wurde so das "Temperament" eines Menschen.
Die Einteilung in die verschiedenen Temperamententypen erfolgte als erstes bei Hippokrates, die heute allgemein bekannten Namen der vier Temperamente finden sich laut Wackernagel bemerkenswerterweise aber erst im 12. Jahrhundert, und zwar in der Schrift „De philosophia mundi“ von Wilhelm von Conches. 42 )
41 ) Mosimann, Martin "Die „Mainauer Naturlehre“ im Kontext der Wissenschaftsgeschichte", Tübingen/ Basel 1994, S. 223.
42 ) "Meinauer Naturlehre", hrsg. Wilhelm Wackernagel, Stuttgart 1851, S. 209.
- 14 - II.Elementenlehre im Mittelalter
II. a) Die Vierheit der Weltordnung
Die griechischen Philosophen fanden im Mittelalter immer wieder als Au-toritäten Erwähnung, und die „Vierheit“ der Weltordnung tritt dem Leser in verschiedensten Werken entgegen. Die Elementenlehre diente als Schema, als übliche „Viererformel“, um dem Kosmos eine Ordnung zugrunde zu legen, die sich in Mikrokosmos wie auch Makrokosmos gleichermaßen zeige und wirke. Sie war der Versuch, für die beobachteten Tatsachen und Geschehnisse der Welt eine Erklärung zu finden.
In der Elementenmythologie bildeten sich die „Vier Reiche“ mit charakteristischen Bildstrukturen heraus. Sie stellten die topologische Ordnung der Welt dar: von den vier Säften, den vier Temperamenten, über elementenspezifische Berufsgruppen zu den vier Lebensaltern, von den Elementen und ihnen zugehörigen Lebewesen bis zu den vier Jahreszeiten, vier Winden, vier Qualitäten.
Die tetradischen Schemata sind, insbesondere in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Lehrdiagrammen, verbunden mit anderen Zahlenordnungen, vor allem der Drei, Sechs, Sieben und Zwölf.
Diese Zahlenverhältnisse unterhalten Beziehungen zu geometrischen Figuren und Proportionen sowie zu musikalischen Harmonien: die elementischen Kosmologien standen seit Platon im Bann des Pythagoreismus. So differenzierte sich langsam ein komplexes Tableau des Mikro- und Makrokosmos heraus. Die grundlegenden Wissens- und Erfahrungsformen sind dabei das Sympathetische, die Analogie, die Ähnlichkeit, die Entsprechung. 43 )
43 ) Böhme, S. 20.
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