1. Einleitung
Sie bringen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Jugendarbeit an ihre Grenzen, lösen Hilflosigkeit und Unverständnis bei ihnen aus, können eine positive Gruppenkonstellationen sprengen und „liebvoll geplantes Programm“ zum Platzen bringen. Sie werden die Schwererziehbaren, die Verhaltensgestörten, die Chaoten oder Asozialen genannt: Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten wie ADS, Hyperaktivität, selbst verletzendes Verhalten oder Aufsässigkeit, Gewaltbereitschaft,
Rechtsradikalismus, Alkohol- oder Drogenkonsum u.v.a.m. Solche Kinder und Jugendliche kommen zu den Angeboten der Offenen Türen, nutzen die Gruppenangebote und fahren auf Kinder- und Jugendfreizeiten mit. Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, weist darauf hin, „dass sich hinter solchen aktiven jugendlichen Verhaltensweisen sehr oft nur Kompensationsversuche entmutigter Kinder oder Jugendlicher verbergen, d.h. Versuche, eigene Minderwe rtigkeitsgefühle zu überwinden, [...].“ 1
Diese Hausarbeit hat die Darstellung der individualpsychologische Sicht auf Kinder und Jugendliche mit Verhaltensaufälligkeiten zum Ziel und möchte dabei die Möglichkeiten des Umgangs mit solchen jungen Menschen in der Jugendarbeit aufzuzeigen.
Dabei wird zunächst zu klären sein, welcher Sachverhalt mit dem Begriff „Verhaltensauffälligkeiten“ erfasst werden soll. Weiter muss erörtert werden, warum Überlegungen zum Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen für die Jugendarbeit wichtig sind und nicht nur Eltern, Lehrern und Therapeuten überlassen werden können.
2. Begriffsbestimmung
In dieser Hausarbeit werden als verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche diejenigen Kinder und Jugendliche bezeichne t, die in ihrem Verhalten von dem Verhalten der meisten Gleichaltrigen in einer ähnlichen Situation abweichen. Der Begriff trägt der Subjektivität des Beobachters
1 K. Seelmann, in: Kindler (1977), S. 586
2
Rechung 2 , der Verhalten als auffällig empfindet. Dabei meint Verhaltensauffälligkeit nicht eine einmalige Normabweichung, sondern eine wiederholt auftretende und das Interaktionsgeschehen beeinträchtigende Auffälligkeit. 3
Norbert Myschker schlägt für diesen Sachverhalt den Begriff der Verhaltensstörung vor und beruft sich dabei auf den 1. Weltkongreß für Psychiatrie 1950 in Paris. Den Begriff der Verhaltensauffälligkeit wertet Myschker als mehrdeutig, allgemein, wenig prägnant und undeutlich. Er wendet ein, dass Kinder und Jugendliche mit introvertierten Problemen, wie resignativen, ängstlich gehemmten oder regressiven
Erscheinungsformen, nicht auffällig werden und dass jedes menschliches Verhalten hin und wieder auffällig sei. 4 Besonders für den Bereich der Jugendarbeit ist der Kritik an der Begrifflichkeit mit oben genannter Definition entgegen zu treten. Introvertierte Erscheinungsformen sind ebenfalls Abweichungen im Verhalten. Obwohl sie weniger offensichtlich auftreten, müssen Mitarbeiter in der Jugendarbeit darauf abzielen, auch solches Verhaltens zu erkennen und als auffällig zu bewerten (vgl. Kapitel zur Aufgabe der Jugendarbeit). Auch die Individualpsychologie unterscheidet im Sachverhalt der Auffälligkeit in mehr passive und mehr aktive Kinder. 5 Auch der Begriff Verhaltensauffälligkeiten in der zu Beginn des Kapitels erläuterten Definition, dass mit Verhaltensauffälligkeiten eben nicht eine einmalige Normabweichung, sondern eine andauernde Auffälligkeit gemeint ist.
Der Begriff der Verhaltensauffälligkeit erscheint m.E. auch als geeignet, weil er eine gewisse Wertneutralität impliziert. E r macht aus einem auffälligem Kind nicht sofort ein gestörtes und lässt damit die Möglichkeit, dass der Hintergrund der Auffälligkeit nicht etwa im Kind selbst, sondern beispielsweise in der Interaktion zwischen Kind und Eltern oder Kind und Pädagoge liegt. Gerade in der Jugendarbeit, die wenig Kontakte in die Elternhäuser, zu den Lehrern und Ärzten von Kindern hat, erscheint es mir
2 vgl. Art. Verhaltensauffälligkeiten, in: Schülerduden Pädagogik, S. 388
3 vgl. Myschker (1999) S. 37ff.
4 vgl. ebd.., S.38
5 vgl. Ansbacher/Ansbacher (1982), S. 355
3
wichtig, die Subjektivität der Beobachtung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu betonen.
Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verwendet den Begriff der Verhaltensauffälligkeit in ähnlicher Definition in seiner Auswertung der Erlangen-Nürnberg Entwicklungs-und Präventionstudie von 2004. 6
In der Beschäftigung mit der Individualpsychologie nach Adler wird im folgenden deutlich werden, dass gerade eine positive Einstellung gegenüber Kindern und Jugendlichen, sowie die Selbstreflexion des Erziehers und das Bewusstsein für seine eigene Subjektivität eine wichtige Rolle spielt.
Alfred Adler selbst verwandte den Begriff der Schwererziehbarkeit. Er meint damit ein Verhalten, dass den Erziehern Schwierigkeiten im Umgang bereitet und welches von längerer Dauer ist. 7 Adlers Begriff der Schwererziehbarkeit stammt aus dem ersten Drittel des 20.Jahrhunderts. In seinen Ausführungen zum Umgang mit Schwererziehbaren (oder gelegentlich auch als Sorgenkinder bezeichnet) wird deutlich, dass diese Begrifflichkeiten den Sachverhalt der Verhaltensauffälligkeiten
entsprechen. Schwererziehbarkeit kann m.E. synonym zu dem verstanden werden, was in dieser Hausausarbeit als Verhaltensauffälligkeit beschrieben wird.
3. Beitrag der Jugendarbeit
Es stellt sich nun die Frage, welchen Beitrag die Jugendarbeit im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten leisten muss, kann und darf. Laut der Erlanger-Nürnberger Entwicklungs- und Präventionsstudie ist die Zahl der verhaltenauffälligen Kinder in Deutschland steigend. 8 Damit steigt auch die Herausforderung in der Jugendarbeit, mit solchen Kindern und Jugendlichen umzugehen. 9 Diese Heraus forderung beschreibt auch der elfte Kinder- und Jugendbericht:
6 vgl. http://www.bmfsfj.de/Politikbereiche/familie,did=18542.html
7 vgl. A.Adler, zit. nach: Ansbacher/Ansbacher (1982), S. 54f.
8 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004), S.22
9 vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2002), S.9
4
„Angesichts der zunehmenden Komplexität der Lebenslagen junger Menschen mitsamt den daraus resultierenden Unsicherheiten und Verunsicherungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Verortung und persönlicher Zukunft, erhalten Angebote von lebenswelt- und subjektorientierter Jugendarbeit eine besondere Bedeutung. Ihr Ziel ist es, die Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme und bei der Entwicklung tragfähiger Lebensperspektiven zu unterstützen, [...].“ 10
Verhaltensauffälligkeiten, auch verstanden als Beeinträchtigung eines gesellschaftlichen Interaktionsgeschehen (dazu s.o.), sind
Alltagsprobleme vieler Kinder- und Jugendlicher und bedürfen daher einer Reaktion der Jugendarbeit, die zur Bewältigung dieser Probleme beitragen soll. Dies korreliert mit der Analyse der pädagogischen Chancen in der Jugendarbeit von Hermann Giesecke.
Zum Einen sieht Giesecke in der Jugendarbeit eine lebensgeleitende bzw. lebensbewältigende Aufgabe, bei er es gilt, Kinder und Jugendliche in ihren aktuellen Bedürfnissen und Problemen wahrzunehmen. 11 Eine Jugendarbeit, die sich nicht mit Verhaltensauffälligkeiten
auseinandersetzt, wird dieser Aufgabe nicht gerecht und verliert ihre lebensweltliche und subjektorientierte Ausrichtung deshalb, weil Verhaltensauffälligkeiten zur Lebenswelt vieler Kinder und Jugendlicher dazu gehören
Giesecke verweist aber zum Anderen auch auf die korrigierende Dimension der Jugendarbeit. Er sieht es als Aufgabe der Jugendarbeit, sich kritisch anderen Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen gegenüber zu stellen und ggf. deren Ergebnisse zu korrigieren bzw. zu kompensieren. 12 Gerade in der Auseinandersetzung mit
Verhaltensauffälligkeiten und Individualpsychologie, die Hintergründe von Auffälligkeiten oft in der Interaktion mit Familie in der Kindheitsphase sieht, scheint diese Dimension von Bedeutung zu sein. Dabei muss sich Jugendarbeit ihrer eigenen Grenzen bewusst sein und kann eine ggf. notwendige Therapie nicht ersetzen.
10 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2002), S.135
11 vgl. Giesecke (1983), S.163
12 vgl. ebd., S.164
5
Einige Bedingungen der Jugendarbeit, die Giesecke als pädagogisches Feld 13 bezeichnet, sind gerade in individualpsychologischer Sicht (wie im folgenden zu zeigen sein wird) günstig, diese lebensbegleitende und korrigierende Dimension auch bei Verhaltensauffälligkeiten z um Tragen kommen zu lassen. Giesecke nennt 1. die Freiwilligkeit der Jugendarbeit, die es ermöglicht, mit Kindern und Jugendlichen ohne Zwang und als autonome Wesen an ihren Problemen zu arbeiten; 2. die Freiheit von Leistungsansprüchen und 3. die Variationsbreite von Kommunikations-formen. 14 Wie diese Faktoren den positiven Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten unterstützen, soll anhand der
individualpsychologischen Sichtweise im folgenden aufgezeigt werden. Zum Abschluss der Überlegungen zum Beitrag der Jugendarbeit sei noch der Blick auf die gesetzlichen Grundlagen von Jugendarbeit gerichtet. Nach §11 Abs.1 des KJHG (SGB 8) haben die Angebote der Jugendarbeit der Förderung der Entwicklung von jungen Menschen zu dienen. M.E. ist die Bewältigung von Verhaltensauffälligkeiten eindeutig eine Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und somit sogar gesetzlich eben auch im Bereich der Jugendarbeit verankert.
4. Individualpsychologische Sicht von Verhaltensauffälligkeiten
Im folgenden Kapitel soll die individualpsychologische Perspektive auf Verhaltensauffälligkeiten dargestellt werden. Dabei soll anhand der Theorie Alfred Adlers und seiner Schüler aufgezeigt werden, welches die Auslöser und Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten aus Sicht der Individualpsychologie sein können. Die Kenntnis über die Ursachen eines Problems war für Adler stets die Grundlage, Einzelfälle verstehen und behandeln zu können. 15
4.1. Minderwertigkeit und Kompensation
Die wichtigste Grundlage zum individualpsychologischen Verstehen menschlicher Probleme ist das Minderwertigkeitsgefühl. Minderwertigkeit
13 vgl. Giesecke (1983), S.153f.
14 vgl. ebd.
15 vgl. Schmidt, in: Kindler (1977), S.627
6
wird nach Adler durch den Vergleich mit anderen und vor allem der Deutung dieses Vergleiches hervorgerufen. 16 Er sieht diesen Vorgang als etwas in der Natur des Mensch angelegtes. 17 „ Menschsein heißt: sich minderwertig fühlen !“ 18 Danach gibt es keine Situation, kein Ereignis oder keine Begegnung, in der sich der Mensch nicht ein
Minderwertigkeitsgefühl zuziehen könnte. Als Gründe für das Minderwertigkeitsgefühl nennt Adler Organminderwertigkeiten (also auch genetische Disfunktionen), Familienkonstellation, schwierige soziale, finanzielle, religiöse oder kulturelle Stellung in der Gesellschaft, Misserfolge und Irrtümer. Er zählt dabei nur einige Dinge eines „offenen Kataloges“ auf. 19 Für das Verständnis von Verhaltensauffälligkeiten ist Adlers Unterscheindung von normalen Minderwertigkeitsgefühlen und abnormalen Minderwertigkeitsgefühlen in der Kindheit bedeutsam. Normale Minderwertigkeitsgefühle entstehen in der frühen Kindheit durch die kindliche Hilflosigkeit. Das Kleinkind ist in allem auf die Hilfe der Eltern angewiesen, selbst einfachste Dinge, wie beispielsweise die Nahrungsaufnahme, kann es nicht selbst verrichten. Mit zunehmender Entwicklung erkennt es dann eine starke Differenz zwischen den Handlungsmöglichkeiten der Eltern und dem eigenen Können (z.B. einen Gegenstand aus dem hohen Schrank nehmen). Hinzu kommen negative Erfahrungen im Umgang mit Alltagsdingen der Erwachsenen (z.B. heiße Herdplatte). Adler ist jedoch der Ü berzeugung, dass
Minderwertigkeitsgefühle in der Regel wieder abgebaut werden, wenn das Kind mit zunehmender Reife und Entwicklung lernt und versteht, was es vorher nicht gekonnt und verstanden hat. 20
Eine wichtige Ursache für Verhaltensauffälligkeiten sieht Adler in der Entstehung von abnormalen Minderwertigkeitsgefühlen. „Das
Minderwertigkeitsgefühl wird erst dann zur Entwicklungshemmung, wenn das Kind in ihm stecken bleibt und keinen Ausweg aus seiner Situation findet. Dann verdichten sich sein Pessimismus und seine Ängstlichkeit zum Minderwertigkeitskomplex, der bereits in das Gebiet der seelischen
16 vgl. Seelmann, in: Kindler (1977), S. 558
17 vgl. Rattner (1974), S.25
18 Adler, zit. nach Seelmann, in: Kindler (1977), S. 558
19 Seelmann, in: Kindler (1977), S. 558
20 vgl. ebd., S.559ff.
7
Pathologie fällt.“ 21 Dabei werden die normalen Minderwertigkeitsgefühle aufgrund von ungünstigen Lebens -, Familien- oder Erziehungssituationen nicht abgebaut. Es entsteht ein verfestigtes und tief verwurzeltes Gefühl der Entmutigung. Aus dem kleinkindlichen „Ich kann das noch nicht!“ wird ein „Ich kann das nicht!“. 22 Eine wichtiger Zugang zum Verständnis verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher sind also die Entmutigungserfahrungen der Kindheit. Obwohl die Individualpsychologie bei der Betrachtung von
Verhaltensauffälligkeiten der frühen Kindheit einen hohen Stellenwert beimisst, betont sie jedoch ebenfalls, dass Minderwertigkeitsgefühle auch im Jetzt, eben auch im Jugendalter, durch fehlgeleitete Kompensation zu auffälligem Verhalten führen können. 23 Als fehlgeleitete Kompensation versteht Adler ein übermäßiges Geltungsstreben zum Ausgleich der Minderwertigkeit. Solche
Kompensationsversuche stehen in der Gefahr ins Extreme umzuschlagen und sich ggf. in Verhaltensauffälligkeiten niederzuschlagen. 24 Ulrich Bleidick hat versucht, diese fehlgeleiteten Kompensationsversuche zu kategorisieren. Unter dem Begriff der Überkompensation versteht Bleidick eine Kompensation, die das Maß der Minderwertigkeit deutlich übersteigt. Als Beispiel kann dafür ein Kind aufgeführt werden, dass aufgrund mangelnder Beachtung (Minderwertigkeit) ein extrem störendes und aktiv auffälliges Verhalten zeigt (Kompensation). Das Geltungsstreben dieses Kindes könnte sich jedoch auch in extremer Unterwürfigkeit und Demut zeigen. In diesem Fall ist nach Bleidick von Substitution zu sprechen. Eine weitere Kompensation ist die Maskierung, die dazu führt, dass Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen sich in bestimmte Rollen (das nicht beachtete Kind bspw. in die Rolle des Klassenclowns) oder Verhaltenmuster (z.B. übertriebene Prüfungsangst) flüchten. Eine stark im Unterbewussten ablaufende Form der Kompensation ist die Neurose, bei der sich einzelne Kompensationsmerkmale in einer neurotischen Störung niederschlagen. Das Minderwertigkeitsgefühl, dass aus Nichtbeachtung resultiert, könnte sich im extremen Fall beispielsweise als negative
21 Rattner (1974), S.26
22 vgl. ebd.
23 vgl. Ansbacher/Ansbacher (1982), S.124
24 vgl. Bleidick (1985), S.8ff.
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Florian Karcher, 2005, Pädagogischer Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten auf Grundlage der Individualpsychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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