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INHALTSVERZEICHNIS
Liste der grammatischen Abkürzungen 3
1. Einleitung 5
2. Übersicht der linguistischen Grundlagen 10
2.1. Semantische Rollen 14
2.2. Grammatische Relationen 18
3. Zur Definition des Applikativs 24
3.1. Der Applikativ im Kichaga 25
3.2. Der Applikativ im Chichewfl a 28
4. Allgemeine Einführung ins Santali 32
4.1. Grammatische Relationen im Santali 38
5. Applikativkonstruktionen im Santali 41
5.1. Der benefaktive Applikativ 45
5.2 Der Applikativ mit der semantischen Rolle Rezipient 48
5.3. Applikativ-Objekte mit der semantischen Rolle des Stimulus 51
5.4. Der Applikativ mit der semantischen Rolle Ziel 56
6. Was ist Lexical Functional Grammar 59
6.1. Zu den Prinzipien der Lexical Mapping Theory (LMT) 65
7. Der Applikativ im Santali aus Sicht der LFG 69
8. Zusammenfassung der Ergebnisse 80
9. Literaturverzeichnis 82
9.1. Ressourcen aus dem Internet 85
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LISTE DER GRAMMATISCHEN ABKÜRZUNGEN
1 1.Person
2 2.Person
3 3.Person
AKT Aktiv
ALL Allativ
APPL Applikativ
ARG Argument
ASP Aspekt
asp. aspiriert
BEL belebt
BEN Benefizient
d Dual
D Determinierer
DEF Definitheit
DO Direktes Objekt
DP Determinierphrase
DAT Dativ
exkl exklusiv
EXP Experiencer
FOK Fokus
FV Final Vowel
GB Government & Binding
GEN Genitiv
GL Gleitlaut
IND Indikativ
inkl inklusiv
I Inflection
I' intermediäres I(Inflection)
INTS Intensiv
INST Instrumental
INTENT Intentional
IP Inflectional Phrase
IPFV Imperfektiv
IRR Irrealis
KAUS Kausativ
KL Klassifizierer
KONT Kontinuativ
KOP Kopula
LOK Lokativ
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MED Medium
N Noun
NEG Negation
NML Nominalisierer
NOM Nominativ
NP Nominalphrase
NPRÄT Nichtpräteritum
nsth. nicht-stimmhaft
OBJ Direktes bzw. primäres Objekt
OBJ 2 Sekundäres Objekt
OBL Obliques Argument
OPT Optativ
p Plural
PAS Passiv
PAT Patiens
PF Perfekt
PLUP Plusquamperfekt
POST Postposition
PP Präpositionale Phrase
PRÄD Prädikat
PRÄP Präposition
PRÄS Präsens
PRÄT Präteritum
REZ Rezipient
s Singular
S Satz
SG Singular
sth. stimmhaft
SUBJ Subjekt
TAM Tempus/Aspekt/Modus
TOP Topik
UNBEL unbelebt
V Verb
VP Verbalphrase
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JOAN BRESNAN 1. EINLEITUNG
Für viele Menschen ist der Aspekt, der uns von den Tieren unterscheidet, unser Vermögen, Sprache zu verstehen und zu produzieren. Die Fähigkeit des Sprechens als Medium zur Verbreitung und Aufbewahrung von Information wird jedem Einzelnen von uns in die Wiege gelegt, wenngleich der Erwerb dieser Kompetenz ein bisher unenthülltes Mysterium bleibt. Das wirklich Faszinierende an Sprache ist jedoch, dass mindestens 4000 verschiedene Ausformungen 1 dieser Fähigkeit existieren, obwohl wir prinzipiell ein und derselben Spezies angehören. Vom linguistischen Standpunkt aus sind all diese Sprachen gleich wichtig und verdienen es untersucht zu werden, jedoch verfügen nicht alle Sprachen über ein eigenes Verschriftungssystem zur Bewahrung der Geschichte und der Tradition einer sozialen Gemeinschaft. Dies macht die Arbeit für Linguisten nicht gerade einfach, aber nicht weniger interessant. Die Munda-Sprache Santali verfügte bis vor wenigen Jahrzehnten über keine eigene Schriftform. Darüber hinaus stammen die wenigen linguistischen Publikationen, die sich mit dieser Sprache beschäftigen, vorwiegend aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und enthalten daher stark veraltete Texte. Nichtsdestotrotz wurde auf Basis dieser schriftlichen Überlieferungen mein Interesse am Santali geweckt, das in einer Exkursion nach Indien zur Feldforschung mit Muttersprachlern des Santali und der Darstellung der gesammelten Ergebnisse innerhalb dieser Ausarbeitung gipfelt. In der vorliegenden Arbeit werde ich nun die grammatischen Relationen in den Applikativkonstruktionen der Munda-Sprache Santali untersuchen. Genauer gesagt, werde ich bestimmte grammatische Merkmale untersuchen, die gemeinhin als charakteristisch für das direkte Objekt im Santali betrachtet werden. Auf ihrer Basis soll dann argumentiert werden, ob eine NP in den Applikativkonstruktionen des Santali existiert, die unzweifelhaft als das direkte bzw. primäre Objekt identifiziert werden kann. Um es gleich vorweg zu nehmen, die Existenz einer solchen NP innerhalb der unterschiedlichen
1
Diese Zahl basiert auf Crystal (1995:285), der seine Angabe auf Voegelin & Voegelin (1977) stützt, die über 20.000 Bezeichnungen für Sprachen und Dialekte aufzählen und diese in etwa 4500 lebende Sprachen einteilen. Zwischenzeitlich dürfte sich diese Gesamtzahl – wie Crystal schlüssig hinweist – etwas reduziert haben, da bereits 1977 die minimalen Sprecherzahlen teilweise eine rückläufige Tendenz aufwiesen.
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Applikativkonstruktionen im Santali wird nicht in Frage gestellt. Ich möchte jedoch beweisen, dass in Applikativkonstruktionen mit zwei Objekten nur eine einzige NP die typischen Merkmale aufweist, die im Santali mit einem primären Objekt verbunden werden.
Derartige Asymmetrien unter Objekten, die sich in den
Applikativkonstruktionen der Gegenstand einer Vielzahl linguistischer Studien gewesen. Vor allem die Applikativkonstruktionen in den Bantu-Sprachen wurden ausführlichen Untersuchungen unterzogen (beispielsweise in: Kisseberth und Abasheikh 1977, Baker 1992, Alsina & Mchombo, Bresnan & Moshi, Harford allesamt 1993) mit dem Ergebnis, dass sich die Bantu-Sprachen ausgehend vom syntaktischen Verhalten ihrer Objekte nach zwei Sprachtypen kategorisieren lassen: dem symmetrischen Typ und dem asymmetrischen Typ. Eine symmetrische Sprache erlaubt dabei mehr als einer NP die syntaktischen Merkmale eines primären Objekts darzulegen, während in einer asymmetrischen Sprache nur eine einzige NP die Eigenschaften des primären Objekts aufweist. Exemplarisch werde ich mit der Bantu-Sprache Kichaga einen symmetrischen Sprachtyp und mit dem Chichewfl a (ebenfalls aus den Bantu-Sprachen) eine asymmetrische Sprache
vorstellen, um auf dieser Basis zu analysieren, ob es sich beim Santali um eine symmetrische oder eine asymmetrische Sprache handelt. Die eigentliche Analyse des Applikativs im Santali wird mit Hilfe der Lexical Mapping Theory (LMT) vorgenommen, die ein Bestandteil der Lexical Functional Grammar (LFG) ist. Das grammatik-theoretische Gerüst wird somit von der LFG gestellt, die einen flexiblen und mathematisch solide definierten Formalismus aufweist, der sich auf typologisch unterschiedliche Sprachen verwendbar zeigt. Daher ist die Lexical Functional Grammar (LFG) auch auf solche Sprachen anwendbar, die wie beispielsweise Santali über keine VP-Konstituente verfügen (nicht-konfigurationelle Sprachen). Damit ist gemeint, dass für das Subjekt nicht dadurch eine höhere Position gegenüber dem Objekt angenommen wird, indem es als einziges Argument außerhalb einer Konstituente des Objekts und des Prädikats stehen kann.
Inhaltlich setzt sich diese Arbeit folgendermaßen zusammen: Das folgende Kapitel dient primär der Klärung der linguistischen Grundlagen. In Kapitel 3 erfolgen nach einer allgemeinen Darstellung der Funktionsweise des Applikativs die bereits angesprochenen Analysen der Applikativkonstruktionen im Kichaga
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und dem Chichewfl a. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Vorstellung des Santali
unter phonologischen, morphologischen und syntaktischen Aspekten, um dann die unterschiedlichen Applikativkonstruktionen im Santali vorzustellen (Kapitel 5). Während Kapitel 6 eine Definition der Lexical Functional Grammar (LFG) darlegt, wird die weiterführende Analyse des Applikativs im Santali unter Verwendung der Lexical Mapping Theory (LMT) im 7. Kapitel durchgeführt. Jetzt noch einige Worte zu den Beispielesätzen innerhalb dieser Ausarbeitung. Die im Laufe dieser Arbeit verwendeten Beispiele sind entsprechend den Publikationen gekennzeichnet, denen sie entnommen wurden. Nachfolgend sind die in der Ausarbeitung gebräuchlichen Bezeichnungen und die sich dahinter verbergenden Literaturquellen (in gekürzter Form) aufgeführt:
• Andrews Andrews, A. (2004)
• Alsina/Mchombo Alsina, A. & Mchombo, S. (1993)
• Baker Baker, M. (1990)
• Bodding I Bodding (1929)
• Bodding II Bodding's dictionary Vol. I-V (1929-36)
• Bresnan/Moshi Bresnan, J. & Moshi, L. (1990)
• Falk Falk, Y. (2001)
• Garry/Rubino Garry, J. & Rubino, C. (2001)
• Kroeger Kroeger, P. (2004)
• Murmu/Minegishi Murmu, G. & Minegishi, M. (2001)
• Neukom Neukom, L. (2001)
• Whaley Whaley, L. (1997) Alle ungekennzeichneten Beispiele aus dem Englischen bzw. dem Deutschen entstammen meiner eigenen Kreativität. Nicht näher spezifizierte Beispielsätze aus dem Santali basieren auf meinem eigenen Material, das ich während der Indien-Exkursion zwischen dem 29. Februar und dem 17. März 2004 bei der Feldforschung mit Muttersprachlern des Santali in Ranchi gesammelt habe. Ranchi ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Jharkhand und liegt im Nordosten Indiens, genauer gesagt im Bergland von Chota Nagpur. Zur geographischen Orientierung ist nachfolgend erstens eine Karte der Lage von Jharkhand innerhalb Indiens und zweitens eine Karte des Bundesstaats mit seiner Hauptstadt Ranchi angefügt.
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Zum Abschluss dieser Einleitung möchte ich einen besonderen Dank an Dr. Ganesh Murmu vom Department Tribal & Regional Languages am Ranchi College Morabadi aussprechen, der während unseres Aufenthalts in Ranchi den Kontakt zu weiteren Sprechern des Santali herstellte, sich immer wieder die Zeit genommen hat, meine Fragen und die meiner beiden mitgereisten Kommilitonen zu beantworten, und für meine abschließende Fragen zum Applikativ im Santali per Fax zur Verfügung stand.
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Beginnen wir diese Ausarbeitung nun mit einer Einführung der linguistischen
Grundlagen im nächsten Kapitel.
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2. ÜBERSICHT DER LINGUISTISCHEN GRUNDLAGEN
In vielen Sprachen enthält die Struktur eines Satzes gewöhnlich ein verbales Element, das eine Situation benennt, an der gemeinhin die unterschiedlichsten Partizipanten beteiligt sind. Dieses Element wird als Prädikat bezeichnet und die von ihm spezifizierten Entitäten werden Argumente genannt. Ein Prädikat muss keinesfalls nur ein einzelnes Verb sein, sondern kann ebenso ein Komplex aus (a) mehreren Verben oder (b) einem Verb in Verbindung mit einem nominalen oder (c) adverbialen Element sein. Zur Illustration ist in (1) ein Beispiel für (a) aus der Munda-Sprache Santali dargelegt. In Beispiel (2) ist ein Komplex des Typs (b) aus der Dravidischen Sprache Malayalam dargestellt. Aus dem Deutschen ist im Beispiel (3) ein Beispiel für (c) aufgeführt.
jøm-caba-let'-a.
(1) daka ba-e Reis(gekocht) NEG-3sSUBJ essen-beenden-PLUP:AKT-IND 'Er aß nicht den ganzen Reis.' (lit. 'Er aß etwas Reis, aber nicht allen.') (Neukom, Seite 137)
(2) Kuˇˇi ammaye
salyam ceytu.
Kind Mutter Ärger machte
'Das Kind verärgert die Mutter.'
(3) Das kleine Mädchen
ist krank.
Unter Berücksichtung solcher Sprachen, in denen Satztypen existieren, die ein nicht-verbales Element als Prädikat besitzen, möchte ich feststellen, dass in dieser Ausarbeitung ein Prädikat – wenn nicht gegenteilig vermerkt – ausschließlich aus einem verbalen Element besteht.
Die Anzahl der Argumente, die von einem Prädikat denotiert wird, bezeichnet man als Valenz. Dieser Begriff wurde erstmals vom französischen Linguisten Lucien Tesnière (1959) als "Leihgabe" aus der Chemie in die Linguistik eingeführt. Unter semantischer Valenz versteht man die Anzahl der Argumente, die ein bestimmtes Verb beinhaltet. Im Allgemeinen lässt sich diese Valenz danach bestimmen, wie ein Prädikat in seiner Grundform, d.h. in einem simplen Aussagesatz, seine Argumente verteilt. Van Valin & LaPolla (1997:147) unterscheiden dazu noch eine syntaktische Valenz, die die Anzahl der overt morphosyntaktisch markierten Argumenten eines Prädikats beschreibt. Diese beiden Notationen der Valenz müssen nicht notwendigerweise übereinstimmen, wie anhand des nachfolgenden Beispielpaares mit dem deutschen Prädikat lesen dargelegt werden soll.
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(4) a. Ich lese ein Buch.
b. Ich lese.
Semantisch bezeichnet das Prädikat lesen eine Handlung mit zwei Argumenten, nämlich einen "Leser" und das "Gelesene". Es hat damit die semantische Valenz von zwei. Wie jedoch aus (4b) zu ersehen ist, muss speziell das "Gelesene" nicht obligatorisch in einer syntaktischen Repräsentation ausgedrückt werden. Auch ohne diese Information wissen wir, dass etwas Gelesen wurde bzw. noch Gelesen wird. Die syntaktische Valenz des Prädikats lesen ist daher eins. Das Argument, das das "Gelesene" beschreibt, kann somit zwar syntaktisch optional sein, bleibt dabei jedoch immer semantisch obligatorisch. Anders sieht dies mit der präpositionalen Phrase im Beispiel (5) aus:
(5) Ich lese im Bus.
Die NP im Bus ist in ihrem Status optional, da die Aussage, wie (4b) zeigt, auch ohne diese Information auskommen würde und grammatisch ist. Die semantische Rolle der NP ist dazu weder in die syntaktische noch in die semantische Valenz des Prädikats miteinbezogen. Solche zusätzlichen präpositionalen Phrasen oder NPs, die in ähnlicher Weise wie in (5) einem Satz hinzugefügt werden können, werden daher Adjunkte genannt. Ein wichtiger Teil der Grammatik sind morphologische oder analytische Prozesse, die die syntaktische Valenz eines Prädikats verändern. Morphologische Mechanismen zur Steigerung oder Reduktion der syntaktischen Valenz werden durch Affixe entweder am Prädikat selbst (Verbalmorphologie) oder an seinen Argumenten (Kasus) signalisiert. Dagegen nutzen analytische Prozesse Wörter oder die Wortstellung als primäre Schritte zur Veränderung der syntaktischen Valenz.
Stellvertretend für die vielen verschiedenen Prozesse in den Sprachen der Welt, die die Valenz eines Prädikats beeinflussen, stelle ich einerseits das Passiv und andererseits den Kausativ vor.
Das Passiv ist ein Mechanismus, der die Anzahl der geforderten Argumente senkt, die mit einem bestimmten Prädikat verbunden sind. Sehen wir uns hierzu das Beispielpaar (6) aus dem Deutschen an:
(6) a. Jonas fällte den Baum.
b. Der Baum wurde (von Jonas) gefällt.
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In der Passivkonstruktion (6b) wird die syntaktische Valenz des transitiven Satzes dadurch reduziert, dass das grammatische Subjekt Jonas aus (6a) "heruntergestuft" wird, in dem es nicht länger die Markierung einer grammatischen Relation wie Subjekt, direktes (primäres) Objekt oder sekundäres Objekt erhält. Auf der anderen Seite wird das direkte Objekt den Baum aus (6a) zum grammatischen Subjekt "erhoben". Die Präsenz der agierenden NP ist aufgrund der fehlenden Zuweisung einer grammatischen Relation optional, wodurch variiert werden kann, ob sie ausgedrückt wird oder nicht. Als Folge der Reduktion der syntaktischen Valenz ist das Beispiel (6b) intransitiv. Im Deutschen ist das Passiv ein primär analytischer Prozess. Neben dem Applikativ, der uns im weiteren Verlauf der Ausarbeitung noch ausführlich beschäftigen wird, ist der Kausativ ein weit verbreiteter Mechanismus, um die syntaktische Valenz eines Prädikats zu erhöhen. Zur Illustration das Beispielpaar (7) aus dem Tigrinya (Semitisch: Äthiopien):
(7) a. Bärh‡ e mäs‡ h‡ af r'iyu.
Berhe Buch sehen.PRÄT.3s 'Berhe sah das Buch.' b. M\sg\nna n\-Bärh‡ e mäs‡ h‡ af 'a-r'iyu-wo.
Mesghenna UNBEL-Berhe Buch
'Mesghenna zeigte Berhe das Buch.' (Whaley, Seite 191)
In (7a) hat das Prädikat
r\'iyu
'sah' eine Valenz von zwei. Diesem Prädikat wurde im Beispiel (7b) das Kausativpräfix
'a-
angefügt. Darüber hinaus enthält die Kausativkonstruktion die zusätzliche NP
M\sg\nna
'Mesghenna'. Die syntaktische Valenz des Prädikats ist damit durch den Kausativ auf drei erhöht worden.
Im Tigrinya ist eine Konstruktion mit dem Kausativ ein morphologischer Prozess, da dem betroffenen Prädikat ein Präfix angehängt wird. Die syntaktische Valenz eines Prädikats sollte nicht mit seiner Transitivität verwechselt oder gar gleichgesetzt werden. Transitivität und syntaktische Valenz sind nicht identisch, denn es gilt nicht konsequent, dass ein Prädikat, das ein einziges Argument in der Syntax verlangt, intransitiv, ein Prädikat, das zwei syntaktische Argumente voraussetzt, transitiv und ein Prädikat, das drei Argumente nimmt, ditransitiv ist.
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Streng genommen beschäftigt sich Transitivität mit der An- bzw. Abwesenheit von grammatischen Objekten. Ein Prädikat mit einem direkten Objekt ist demnach transitiv. Ein ditransitives Prädikat verfügt über zwei Objekte in seiner syntaktischen Repräsentation, während ein Prädikat ohne ein direktes Objekt als intransitiv bezeichnet wird.
Betrachten wir zur Verdeutlichung des Unterschieds zwischen Transitivität und syntaktischer Valenz das englische Prädikat place 'platzieren', das eine dreiwertige Valenz besitzt, da die Person, die platziert, die Entität, die platziert wird, und der Ort, an den die Entität platziert wird, spezifiziert werden muss, damit der Satz grammatisch ist, wie die Beispiele (8a-d) belegen.
(8) a. The instructor placed my exam before me.
b. *Placed my exam before me.
c. *The instructor placed before me.
d. *The instructor placed my exam.
(Whaley, Seite 185)
Doch trotz seiner Valenz von drei ist
place
'platzieren' ein transitives Prädikat, weil es das direkte Objekt
my exam
'meine Prüfung' verlangt. Bei der NP
before me
'vor mir' handelt es sich – wie bereits erwähnt – um ein obligatorisches Element, aber es verfügt über keine grammatischen Relationen wie Subjekt, direktes (primäres) Objekt oder sekundäres Objekt. Aufgrund dessen kann die abschließende Schlussfolgerung nur sein, dass die Transitivität eines Prädikats nicht durch seine syntaktische Valenz charakterisiert wird.
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2.1. SEMANTISCHE ROLLEN
Neben der Anzahl der beteiligten Entitäten spezifiziert ein Prädikat deren semantische Beziehungen innerhalb eines Satzes. Betrachten wir nochmals das Beispiel (4a) nachfolgenden in (9) wiederholt:
(9) Ich lese ein Buch.
Die Handlung mit dem Prädikat essen denotiert – wie bereits aus dem vorangegangenen Abschnitt bekannt – einen "Leser" und das "Gelesene". Dies sind sehr spezifische, weil einzigartige Bezeichnungen, um zwischen den beiden Argumente des Prädikats zu unterscheiden. Ein unumstößlicher Vorteil dieses Vorgehens ist, dass sich alle Argumente damit problemlos und eindeutig identifizieren lassen.
Für diese Ausarbeitung habe ich mich jedoch entschieden, Partizipanten abhängig von der Aufgabe, die sie in einer beschriebenen Situation oder in einem dargestellten Ereignis spielen, in weitgefasste semantische oder konzeptionelle Kategorien einzuordnen. Diese Kategorien werde ich fortan als semantische Rollen bezeichnen. Auf ihrer Grundlage lassen sich Argumente verschiedenster Prädikate in Relation zueinander bringen und sprachübergreifend identifizieren, was für die spätere Analyse der unterschiedlichen Applikativkonstruktionen von Bedeutung sein wird.
Die nachfolgende Auflistung erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient einzig und allein der Aufzählung, der im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung verwendeten semantischen Rollen. Damit wird dem Umstand Tribut gezollt, dass kein von allen Linguisten anerkanntes und konsequent gebräuchliches Inventar der semantischen Rollen existiert.
AGENS:
Verursacher oder Initiator einer Handlung.
BENEFIZIENT: Entität (zumeist belebt), zu deren Vorteil eine Handlung vollzogen wird.
EXPERIENCER: belebte Entität, die einen Stimulus wahrnimmt oder einen bestimmten mentalen oder emotionalen Prozess bzw. Zustand registriert.
INSTRUMENT: unbelebte Entität, die vom Agens zur Ausführung einer Handlung benutzt wird. MALEFIZIENT: Entität (zumeist belebt), zu deren Nachteil eine Handlung vollzogen wird.
PATIENS: Entität, die durch die Handlung beeinflusst oder erschaffen wird; oder über deren Zustand bzw. Zustandsveränderung eine Aussage getroffen wird.
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REZIPIENT: belebte Entität, die etwas erhält oder sich zu eigen macht.
STIMULUS: Objekt der Wahrnehmung, Erkenntnis oder Empfindung.
THEME: Entität, die eine Veränderung ihrer Position bzw. des Besitzes durchläuft oder deren Standort näher spezifiziert wird.
ZIEL: Zielort oder Endpunkt einer Bewegung In der transitiven Konstruktion des Beispiels (9) lässt sich die präverbale NP ich als Ausführender der Handlung mit der semantischen Rolle des Agens identifizieren. Die postverbale NP das Buch ist das Patiens, da sie vom Agens beeinflusst wird und eine Statusveränderung von ungelesen zu gelesen erfährt. Agens und Patiens spielen in allen Sprachen eine fundamentale Rolle. Für Andrews (2004:7) ist jene Klasse von Verben mit zwei Argumenten, die ein Agens und einen Patiens verlangen, sogar von derart essentieller Bedeutung, dass er diesen Verben eine eigene Bezeichnung gibt, nämlich "primär transitive Verben" (PTVs). So erhält eine NP dann die grammatische Rolle A, wenn es als Argument eines Verbs, das über zwei Argumente verfügt, morphologisch und syntaktisch wie der Agens eines PTVs behandelt wird. Die grammatische Rolle P bekommt das Argument eines Verbs, welches zwei oder mehr Argumente verlangt, das die Behandlung des Patiens eines PTV erfährt.
Als grammatische Rollen bilden A und P die Grundlage zur Unterscheidung zwischen transitiven und intransitiven Sätzen. Ein transitiver Satz ist dadurch gekennzeichnet, dass er sowohl A und P enthält, während ein intransitiver Satz nur ein einziges obligatorisches Argument voraussetzt. Diese NP, die das einzige Argument ist, das von einem Prädikat denotiert wird, besitzt die grammatische Rolle S.
Es wurde bereits erwähnt, dass die Auflistung der semantischen Rollen keinesfalls vollständig ist, aber für die vorliegende Ausarbeitung ausreichen soll. Der springende Punkt ist jedoch, dass sich die vielfältigen unterschiedlichen Rollen in zwei generalisierte semantische Rollen subsumieren lassen. Diese generalisierten semantischen Rollen werden Foley & Van Valin (1984) folgend semantische Makrorollen genannt. Es werden zwei Makrorollen unterschieden: Actor und Undergoer. Der Actor bezeichnet den Partizipant, "der eine vom Prädikat bezeichnete Situation durchführt, verursacht, initiiert oder kontrolliert", während der Undergoer den Partizipanten ausdrückt, "der von einer vom Prädikat bezeichneten Situation in irgendeiner Form beeinflusst wird" (Foley & Van Valin 1984:29). Actors umfassen damit primär Agens-ähnliche semantische
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Rollen und Undergoers vorwiegend Patiens-ähnliche Rollen. Die Theorie der Makrorollen unterscheidet auf diese Weise nur die beiden Enden des Kontinuums, das zwischen den unterschiedlichen semantischen Rollen existiert. Im nachfolgenden Diagramm aus Van Valin & LaPolla (1997:146) ist die typische Actor/Undergoer Hierarchie dargestellt, wobei durch den Pfeil die zunehmende Markiertheit der Argumentrealisierungen als Actor oder Undergoer angezeigt wird:
(10) Actor/Undergoer Hierarchy:
ACTOR⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯→
←⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯UNDERGOER
arg 1st arg of 1st arg of
pred’(x,
y) 2nd arg of arg of state
agent effector experiencer locative Die Argumentstruktur eines Verbs repräsentiert die Anzahl und die semantischen Rollen der an einer Handlung beteiligten Partizipanten. Zur Illustration sind in (11) einige Verben mit ihren respektiven semantischen Rollen dargestellt:
(11) gehen
essen
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müssen die Argumente grammatische Relationen innerhalb eines Satzes zugewiesen bekommen. Welche grammatische Relationen das sind, wie deren Zuweisung erfolgt und woran sie in den verschiedensten Sprachen zu erkennen sind, wird uns ausführlich im nächsten Abschnitt dieser Ausarbeitung beschäftigen.
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Vivien Göken, 2004, Der Applikativ im Santali im Rahmen der Lexical Functional Grammar (LFG), Munich, GRIN Publishing GmbH
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