Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 1
2. Hauptteil S 2
2.1 Systemtheorie nach Niklas Luhmann S 2
2.2 Die Evolution von Gesellschaften S 3
2.2.1 Segmentäre Gesellschaften S 3
2.2.2 Stratifikatorisch differenzierte Gesellschaften S 3
2.2.3 Funktional differenzierte Gesellschaften S 4
2.2.3.1 Die Folgen der Differenzierung S 4
2.3 Liebe als Passion S 5
2.3.1 Liebe: ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium S 5
2.3.2 Die historische Semantik des Liebesbegriffs S 5
2.3.2.1 Der Liebesbegriff in den Epochen von 1600 2000 S 6
2.3 Die Rolle der Literatur S 7
2.4 Die Entstehung der höfischen Liebe S 8
2.4.1 Gesellschaftliche Grundlagen S 8
2.4.2 Wesen und Ziele der höfischen Liebe S 9
2.5 De Amore S 10
2.5.1 Autor S 10
2.5.2 Inhalt S 10
2.5.3 Stilistische Eigenschaften S 12
2.5.4 Rezeption S 12
2.5.5 Forschungsgeschichte S 13
2.6 De Amore und Systemtheorie S 14
2.6.1 Hof als System S 15
2.6.2 De Amore als Zeugnis sich ausdifferenzierender Systeme S 16
2.6.3 Provokation als Potential S 16
2.6.4 Moderne Erzähltechniken in einem mittelalterlichen Werk S 17
2.6.5 Fazit S 18
3. Schluss S 19
3.1 Die Gegenwart des Mittelalters S 19
Verwendete Literatur
Anhang: De Amore Aufbau und Inhalt
3
1. Einleitung
Sicher ist das Gefühl „Liebe“ keine Erfindung des Mittelalters oder gar der Neuzeit, vie lleicht gibt es sie schon seit dem Entstehen der Menschheit selbst, vielleicht ist sie ein, wenn nicht das konstituierende Merkmal von Menschlichkeit 1 . Frühe literarische Zeugnisse der Liebe stellen die Strophen der griechischen Lyrikerin Sappho dar, die bereits vor 2600 Jahren die Liebe besang. Auch der römische Dichter Ovid versuchte das Wesen der Liebe in einigen seiner Werke zu ergründen. Eine spezielle Ausprägung der Liebe entstand jedoch an Adelshö- fen des südlichen Frankreich ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und strahlte in den folgenden Jahrhunderten auf ganz Europa aus: die so genannte „höfische Liebe“ 2 . Eines der ersten wissenschaftlichen Werke, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, ist das Trak- tat „De Amore“ von Andreas Cape llanus, das im späten 12. Jahrhundert entstand. Sein Titel ist Programm: Der Autor gibt dem Leser einen detaillie rten Überblick über Wesen und Regeln der höfischen Liebe. „De Amore“ erfuhr im Mittelalter eine große Rezeption und wurde schon früh in mehrere Sprachen übersetzt. Die Intention des Werkes aber war und ist bis heu- te umstritten, ein Umstand auf den in dieser Arbeit noch näher einzugehen sein wird. Ein mo- dernes Werk über die Liebe entstammt der Feder des Soziologen Niklas Luhmann. In „Liebe als Passion“ 3 untersucht er den historischen Wandel der Liebessemantik nach systemtheoreti- schen Gesichtspunkten. Er sieht in Liebe weniger ein Gefühl als vielmehr ein Kommunikati- onsmedium, das sich im Zuge einer gesellschaftlichen Evolution von stratifikatorisch zu funk- tional differenzierten Gesellschaften herausgebildet hat und dessen Funktion es ist, das Prob- lem der Individualität sozial zu integrieren. Im Folgenden wird das mittelalterliche Traktat „De Amore“ mit Luhmanns „Liebe als Passion“ kontrastiert um so zu einem vertieften wech- selseitigen Verständnis beider Bücher zu gelangen. Die Arbeit stellt den Versuch dar, literari- sche Hermeneutik mit luhmannscher Systemtheorie zusammenzubringen. Hierfür wird im ersten Teil das Vorgehen der Systemtheorie dargestellt um die Grundlage für das Verständnis von „Liebe als Passion“ zu schaffen. Mit dem Wissen über die Grundthesen dieses Buchs wird im zweiten Teil der Arbeit das mittelalterliche Traktat „De Amore“ vorgestellt und nach
1 So schreibt z.B. Erich Fromm: „Der Glaube an die Möglichkeiten der Liebe als einem gesellschaftlichen Phä- nomen und nicht nur als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.“ In: Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. Sonderausgabe. Berlin 2004, S. 151.
2 Der Begriff der "höfischen Liebe" wurde geprägt von dem französischen Romanisten Gaston Paris, der 1883 in einem Aufsatz über "Lancelot" von Chrétien de Troyes Merkmale der höfischen Liebe herausgestellt hat. Vgl.: Bumke, Joachim: Höfische Kultur, Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 8. Aufl. München 1997, S. 504 f.
3 Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt 1994. Im Folgenden zitiert als Luhmann, 1994.
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systemtheoretischen Gesichtspunkten untersucht. Ziel ist es, deutlich zu machen, dass das Mittelalter zwar zeitlich weit entfernt ist, es aber auch heute noch durchaus gegenwärtig ist.
2. Hauptteil
2.1 Systemtheorie nach Niklas Luhmann
Anknüpfend an Talcot Parsons geht Luhmann von der theoretischen Grundannahme aus, dass es verschiedene, voneinander zu unterscheidende Systeme gibt. Während es Parsons um die Struktur von Systemen ging, betrachtet Luhmann dagegen deren Funktion. Als ein System gilt nach Luhmann „alles das, worauf die Unterscheidung von innen (System) und außen (Um- welt) anwendbar ist; Systeme bestehen nicht an sich, sondern sind Resultat von wirklichen Beobachtungen als Unterscheidungen und Bezeichnungen des Unterschiedenen eines Beob- achters.“ 4 Ein "soziales System" bildet sich immer dann, wenn "ein autopoietischer Kommu- nikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunika- tionen gegen eine Umwelt abgrenzt." 5 Die Elemente der sozialen Systeme sind für Luhmann weder Handlungen, noch Menschen. Soziale Systeme bestehen in seiner Universaltheorie aus Kommunikationen. 6 Die Gesellschaft im luhmannschen Sinne ist ein autopoietisches System, ihre Elemente sind Kommunikationen. Alles, was nicht auf der Grundlage von Kommunikationen arbeitet, gehört demnach nicht zur Gesellschaft. Das heißt, alles, was Gesellschaft ist und was in ihr g e- schieht, reduziert Luhmann auf einen abstrakten Begriff von Kommunikation. Die sozialen Systeme finden sich in der internen Umwelt der Gesellschaft, der "Mensch" wird in Luh- manns Systemtheorie in deren externe Umwelt verbannt Das Gesamtsystem Gesellschaft gliedert sich im Innern in verschiedene Systeme wie sie etwa Politik, Religion, Kunst etc., darstellen. Die jeweils anderen Systeme bilden die Umwelt. Die Aufgabe der einzelnen Systeme ist es, die ihnen zugehörigen Probleme zu bearbe iten. Dabei gibt es keine hierarchische Ordnung, alle sind gleichwertig und nicht gegeneinander aus- tauschbar.
Im Mitte lpunkt der Systemtheorie steht die Kommunikation, die von Luhmann als dreistellige Einheit der Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen definiert wird. 7 Eine ge- glückte, al so anschlussfähige Kommunikation gelingt, wenn Ego die Selektionsofferte Alters zur Grundlage eigenen Handelns übernimmt. Interaktion kann gelingen, wenn die Wahlmög- 4 Krause, Detlef : Luhmann-Lexikon. Stuttgart 1996, S. 161.
5 Ebd., S. 162.
6 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefähr- dungen einstellen? Opladen 1986, S. 269.
7 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. 2. Aufl. Frankfurt/M 1985, S. 194. Im Folgenden zitiert als Luhmann, 1985.
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lichkeiten der Handelnden begrenzt werden, so dass jeder weiß, was er von dem anderen er- warten kann, und seine Erwartungen nicht enttäuscht, sondern erfüllt werden. Um dies zu ermöglichen, stehen für Systeme symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien bereit. „Ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium ist eine semantische Einrichtung, die es ermöglicht, an sich unwahrscheinlichen Kommunikationen Erfolg zu verschaffen.“ 8 Dies geschieht, indem ein Code die für das Thema relevanten von den für das Thema unrel e- vanten Kommunikationen durch eine Leitdifferenz selektiert, wodurch ein binärer, system- spezifischer Schematismus entsteht. So ist bei spielsweise der binäre Schematismus einer Ge- richtsverhandlung Recht/Unrecht, weshalb der Richter für seine Entscheidung auf Gesetze zurückgreift und nicht etwa auf die Differenz Reich/Arm, da dieser Schematismus dem Sys- tem Wirtschaft angehört. Durch die Funktion der Codes, bestimmte Selektionen erwartbar zu machen, wird die Möglichkeit einer systeminternen Komplexität gesteigert.
2.2 Die Evolution von Gesellschaften
Luhmann unterscheidet drei Gesellschaftssysteme , die evolutionär auseinander hervorgehen: segmentäre, stratifizierte und funktionale.
2.2.1 Segmentäre Gesellschaften
Im ersten Fall besteht die Gesellschaft aus gleichen Teilsystemen, die beispielsweise durch Stämme, Horden oder Familien repräsentiert werden. Die segmentäre Differenzierung, wie man sie in archaischen Gesellschaften finden kann, ist die älteste Gesellschaftsform. Ihr cha- rakteristisches Merkmal bildet der niedrige Spezialisierungsgrad und die hiermit einhergehen- de geringe Arbe itsteilung.
2.2.2 Stratifikatorisch differenzierte Gesellschaften
In der stratifizierten Gesellschaft stehen die Sozialsysteme nicht mehr neben- sondern in hie- rarchischen Schichten übereinander. „Die Einheit der Differenz liegt in der Rangdifferenz, die nicht in Frage gestellt werden kann, ohne dass die Gesellschaft in Frage gestellt würde; und diese Differenz ermöglicht dann eine Regulation des Verhaltens für Alltags- und Notlagen.“ 9 Die feudalistischen Gesellschaften des mittelalterlichen Europas waren in drei ungleichrangi- ge Stände aufgeteilt und stellten somit stratifikatorische Gesellschaften dar. Sie umfassten „die Stände Adel (König, Großgrundbesitzer, Ministeriale, Ritterschaft), (höhere und ni edere)
8 Luhmann, 1994, S.21.
9 Luhmann, 1985, S. 22f.
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Geistlichkeit und Bauern (…).“ 10 Der einzelne Mensch war Teil einer göttlichen Ordnung, ihm war ein bestimmter und fester Platz innerhalb der Gesellschaft zugewiesen. Er fühlte sich nicht in erster Linie als Individuum, sondern als Glied einer Gemeinschaft. Mit dem Auf- kommen der Aufklärung und der Industrialisierung kam es zu einem Strukturwandel auf sozi- aler, wirtschaftlicher und politischer Ebene, wobei der Begriff des Standes immer mehr an Bedeutung verlor.
2.2.3 Funktional differenzierte Gesellschaften
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist die heutige pluralistische Gesellschaft. Die moderne Ge- sellschaft ist nicht mehr in Schichten aufgegliedert, sondern besteht aus einem Nebenei nander funktional spezialisierter Teilsysteme wie Wirtschaft, Politik, Recht, Kunst oder Sport. Die einzelnen Systeme sind ungleichartig, nicht aber ungleichrangig. Jedes der Teilsysteme leistet Beiträge zur Reproduktion der Gesellschaft. So steuert die Politik kollektiv bindende Ent- scheidungen, die Wissenschaft wahre Erkenntnisse oder die Wirtschaft Güter und Dienstlei s- tungen zur Bedürfnisbefriedigung bei. Kein Teilsystem kann in dieser Hinsicht durch ein an- deres ersetzt werden. Aber diese allseitige Unersetzbarkeit begründet auch eine grundsätzliche Gleichrangigkeit der Teilsysteme. Keines steht – wie der Adel und die Kirchenfürsten im Mit- telalter – an der Spitze der Gesellschaft.
2.2.3.1 Die Folgen der Differenzierung
Beim Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Gesellschaftsschichtung kommt es zu einer stärkeren Differenzierung von personalen und sozialen Systemen, da die Einzelperson nun als „sozial ortlos“ 11 vorausgesetzt werden muss. Jedes einzelne Individuum ist nicht mehr nur in einem Bereich, z. B. der Familie verwurzelt, sondern in vielen Teilbereichen, etwa Schule, Freizeit, Beruf, immer auch nur zu einem Teil verortet und bewegt sich ständig zwi- schen diesen. Daraus folgt, dass sich die Person nicht mehr nur durch größere Merkmalsunter- schiede auszeichnen, sondern dass es zusätzlich ab jetzt als Zufall angesehen werden muss, wenn Personen gleiche Merkmale aufweisen. Dadurch, dass die Person die Differenz zur Umwelt auf sich selbst zurückinterpretiert, wird das Ich zum „Focus des Erlebens“ 12 , die Umwelt hingegen nimmt in ihrer Bedeutung ab. Durch diese Komplexierung ergibt sich wi e- derum der Bedarf für eine Nahbeziehung. Die Individualität und Identität muss im kommuni-
10 Rüdiger Peuckert: Stände. In: Grundbegriffe der Soziologie. Hrsg. Von Bernd Schäfers. 8. überarbeitete Auf-
lage. Opladen 2003, S. 379.
11 Luhmann, 1994, S. 16.
12 Ebd., S. 17.
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kativen Austausch mit anderen bestätigt werden. „Der Einzelne muss nicht nur in dem, was er selbst ist, er muss auch in dem, was er selbst sieht, Resonanz finden können.“ 13 Diese "höchstpersönliche" Kommunikation wird in einer ausdifferenzierten Gesellschaft aber z u- nehmend unwahrscheinlich, zumal alle Personen auch Individuen, also Einzigartige und an- ders als die Anderen sind. Für beide Probleme, Individualisierungs- und Nahweltbedarf ist ein Kommunikationsmedium auf dem semantischen Feld der Freundschaft und Liebe geschaffen worden. 14 Diese Probleme zu bewältigen ist also Aufgabe der Liebe.
2.3 Liebe als Passion
2.3.1 Liebe: ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium
In seinem 1982 erschienen Buch „Liebe als Passion“ erhält der Liebesbegriff seine Kontur durch die Differenz von höchstpersönlichen Sozialbeziehungen auf der einen und unpersönli- chen, extern motivierten Sozialbeziehungen auf der anderen Seite. Liebe erscheint bei Luh- mann nicht als subjektives Gefühl sondern als symbolisch generalisiertes Kommunikations- medium der Beobachtungseinheit Intimbeziehung. „In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle aus- drücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Kon- sequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikationen realisiert wer- den.“ 15
2.3.2 Die historische Semantik des Liebesbegriffs
Was Luhmann interessiert, sind die evolutionären Transformationen der Semantik von Wor- ten und Floskeln der Liebe. Der Begriff „Liebe“ ist über die Jahrhunderte gleich geblieben, der Sinngehalt des Wortes hat sich jedoch verändert. Den Forscher interessiert die Frage, wie Liebe kommunizie rt wird. Er geht davon aus, dass Gefühle und Gedanken erst durch einen gesellschaftlichen Code ermöglicht werden, dass „es anders nicht zur Bildung sozialer Syste- me kommen kann.“ 16 Besondere Sprechweisen, Liebessemantiken werden entwickelt, die es erlauben, entsprechende Gefühle auszudrücken. Da sich solche Sinngebungen in Texten aus- drücken, stehen schriftliche Erzeugnisse, die sich dem Thema widmen, in diesem Fall Lie- bes- und Briefromane, die Traktate und Ratgeber des 17. und 18. Jahrhunderts, i m Mitte l- punkt der Untersuchung.
13 Luhmann 1994, S.18.
14 Vgl. Ebd. S.18.
15 Ebd., S. 23.
16 Ebd., S. 21.
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Jörg Hartmann, 2005, "Liebe ist..." Liebeskonzeptionen in Mittelalter und Neuzeit am Beispiel von Andreas Capellanus' 'De Amore' und Niklas Luhmanns 'Liebe als Passion', Munich, GRIN Publishing GmbH
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