Inhaltsverzeichnis
I) Persönliche Betrachtung 3
1. Einfälle zum Text 3
2. Dreifache Befragung der Verse (Am Beispiel von V.32) 3
3. Vor-Sätze zum Text. 3
II) Exegetische Arbeit 4
1. Text. 4
2. Form. 4
3. Ort 4
4. Wort. 5
5. Ziel. 6
III) Homiletische Besinnung 7
1. Gemeinde. 7
2. Systematisch-Theologische Reflexion. 8
3. Predigtinvention 10
IV) Interpretierende Darlegung 11
V) Anhang (Literaturverzeichnis) 21
VI) Anhang (Ablauf) 221
2
I) Persönliche Betrachtung
Die Verse in Joh 6, 30-35 sprechen mich in vielfältiger Weise an und erinnern mich z. B. daran, dass Gottes Handeln in meinem Leben zumeist mehrdeutig ist (30) 1 2 : Mein Vertrauen auf Gott bleibt trotz Zeichen gefragt 3 . Betroffen macht mich das Zitat aus Psalm 78 4 . In ausweglosen Situationen, etwa bei meiner Stellenuche, zweifle ich in ähnlicher Weise an Gottes Führung 5 . Auch die verschiedenen Arten des Hungers u nd die damit verbundene Verwechslungsgefahr bezüglich Jesu Verheißungen sind mir bekannt. Der Abschnitt ermutigt mich, meine Aufmerksamkeit immer wieder auf Gott statt auf Menschen auszurichten (32), und immer wieder Jesus als Leben spedendes Brot aufzunehmen.
2. DREIFACHE BEFRAGUNG DER VERSE (AM BEISPIEL VON V.32)
Anhand von Vers 32, wo sich die Übertragung des Bildwortes vom Brot auf Jesus anzudeuten beginnt, sei die Befragung der Verse dargestellt 6 : a) Vorgang: Jesus gibt weiter, was er von Gott hört 7 . Er positioniert Gott vor Mose und das wahre Himmelsbrot vor bloßem Himmelsbrot. b) Heilsgeschehen: Jesus rückt rettend 8 den Blick zurecht, weg vom Menschen hin zu Gott, von vergänglicher Speise hin zum wahren Brot. c) Betroffenheit: Jesus redet mit mir, schweigt hier nicht. Er will meinen Blick f ür sich öffnen. Gott „gibt“ (Gegenwart): Gott ist gegenwärtig!
1 In Klammern: Versangaben aus Joh 6 bzw. Vers und Kapitel aus Johannes. 2 Hinweis Gottes oder aber „zufälliges“ Geschehen ohne Beweiskraft.
3 Oft vergesse ich Gottes Taten auch wieder oder übersehe den eigentlichen Geber
(32). Wie bei der Speisung der 5000 (6, 1-14), die der Zeichenforderung genügt hätte.
4 Die Väter hofften trotz aller bisherigen Erfahrungen nicht auf Gottes Hilfe.
5 Verläuft alles glatt, lässt sich leicht glauben. In einer Wüste sieht das anders aus.
6 Brotrede sowie Kontext antworten auf die Frage „Wer ist Jesus?“. Vgl. Maier 264.
7 Amen, Amen: Bekräftigung dessen, was Jesus vo n Gott hört. Kettling.
8 Bemerkenswert ist, dass Jesu Name („Jahwe ist Hilfe/Heil“ vgl. die Artikel „Joschua“
und „Jesus Christus“, Calwer Bib.) mit seinem Auftrag und Handeln in Einklang steht.
3
1. Vertrauen gefragt: Gottes Zeichen sind mehrdeutig. 2. In ausweglosen Lagen Gott zu vettrauen fällt schwer. 3. Jesus rückt meinen Blick zurecht. 4. Er ermutigt, sich auf ihn bzw. auf Gott auszurichten. 5. Er, das wahre Brot des Lebens, sättigt den eigentlichen Lebenshunger. 6. Jesus redet hier - er schweigt nicht. 7. Gott gibt jetzt: Er ist in Jesus gegenwärtig! 8. „Offenes Ende“: Jesu Aus sage (35) lädt ein, zu ihm zu kommen.
Ins Gewicht fallende textkritische Überlegungen sind nicht vorhanden 9 .
Die vorliegende Perikope lässt sich wie folgt gliedern
10
:
V 30-31
V 35 Der zur Gattung der Streitgespräche zwischen Jesus und den Juden (41) gehörende Abschnitt 11 lässt sich vom unmittelbaren Kontext nur bedingt abgrenzen 12 . Für die Abgrenzung spricht die Einheit durch das Manna-Motiv und die Änderung der Blickrichtung hin auf das wahre Brot vom Himmel (30-35) sowie der Rückblick (36) und der den Vers 35 aus führende Charakter der anschließenden Verse 13 . Ein entscheidender Grund, mit Vers 35 zu schließen, dürfte mit Blick auf die Predigthörer das positiv-einladende, offene Ende sein 14 .
9 Ein Teil der Lebensbrotrede Jesu in Joh 6,22-71.Vgl. etwa Schnelle 121 Fußnote 31.
10 Neben inhaltlichen und personenbezogenen Aspekten legt besonders das anaphorische ειπον/ ειπεν (ουν) (30;32;34;35) diese Gliederung nahe.
11 So weiter gefasst mit Nörenberg 84. Eine engere Begrenzung auf das Stichwort
„Brot“ an sich (30-51), wie Schnelle angibt, ist genauso gut möglich.
12 Denn Orts-, Zeit- und Personenwechsel als typische Kriterien liegen nicht vor.
13 Formal bindet das bereits erwähnte ειπον/ ειπεν (ουν) die Verse 30-35 aneinander.
14 Mit Vers 36 würde den Hörern diese Einladung quasi wieder abgesprochen werden.
4
Im engeren Kontext der Perikope fallen die ebenfalls das The ma „Brot“ behandelnde Speisung der 5000 (1-14) ins Auge, das Wort von der unvergänglichen Speise (27) und die Übertragung des Begriffes „Brot“ auf „Jesu Fleisch“ 15 . Ziel 16 des laut Rein 17 nicht näher zu identifizierenden Verfassers ist es, Jesus Christus als Sohn Gottes (20,30) vor Augen zu malen, damit die Adressaten 18 ermutigt werden, an Jesus zu glauben, sodass sie das ewige Leben haben 19 . Die Perikope steht im ersten Hauptteil des Evangeliums, der Jesu Auseinandersetzungen 20 mit den Juden beschreibt. Der Streit zwischen Jesu Nachfolgern und Judentum kann als Sitz im Leben gelten. Der Skopus liegt in der Vergewisserung der Christen: Jesus allein ist das Brot des Lebens, das wahre Leben.
Die Perikope steht im Zusammenhang der Frage nach der Identität Jesu. Das Volk (22) fordert von Jesus, sich mit einem σηµειον auszuweisen, damit es sehen und ihm glauben könne. Diese Forderung ist jedoch ein Widerspruch in sich 21 . Daher liegt die Vermutung nahe, dass sie - entgegen ihrer Behauptung - im Grunde gar nicht glauben wollen 22 . Jesus öffnet den Blickwinkel seiner Zuhörer (32). Er gibt das wei-
15
Anspielungauf Jesu Sühnetod und das Abendmahl. Die Verbindung zwischen Brot
und Jesu Leib bzw. Abendmahl sehen nicht alle Aus leger so. Dennoch überträgt Jesus selbst den Begriff „Brot“ auf sein „Fleisch“. Auch Wilckens („eucharistische Speise“, 100) und Voigt („Lebens brot im Sakrament“, 327) sehen diesen Zu sammenhang.
16 Vgl. Maier 264: „Wer ist Jesus?“.
17 Im Folgenden Rein 152 - 155. Der Verfasser des Joh-Ev. ist vermutlich Judenchrist.
18 Juden- und Heidenchristen um 90-100 n. Chr
19 Schon im Prolog: Das „Leben“, das Jesus ist, als Charak teristikum Christi. Rein 146.
20 Sowie Jesu öffentliches Wirken „vor aller Welt“. Rein 144.
21 1. Gottes Zeichen sind meist mehrdeutig. Sie gestatten dem Menschen, diese Hinweise zu übersehen (Vgl. u. a. de Boor 197 „zweischneidig“.) 2. Die Juden sahen erst am Tag zuvor ein Zeichen - sie müssten Jesus glauben. (Schnelle 123 vermutet einen Widerspruch. Die Zeitangaben (22;26) zeigen jedoch einen Gesamtzusammenhang auf. Das Vergessen göttlicher Taten ist geradezu ein Kennzeichen der Is raeliten (Ps. 78,42) und der Menschen überhaupt. Vgl. Maier 271.) 3. Die Juden wollen Jesus prüfen, machen sich also zum „Richter“ über ihn. (De Boor 197. Vgl. im Folgenden auch De Boor 198 und Maier 271f.)
22 Eindrücklich: die Berufung auf die Väter. Das Volk offenbart, wes Geistes Kind es ist. Es zitiert Ps. 78, 24, übersieht jedoch, dass dort Brot und Wachteln fast in einem Atemzug genannt werden. Die Forderung nach Wachteln entpuppte sich bereits früher als nicht gottgefällig (Ps. 87, 29-31). Der Psalm zeigt, dass die Israeliten trotz Gottes Zuwendung ihm immer wieder „trotzten“(40), „sündigten“ (32) und ihn „kränk ten“ (41). Wenn sich Jesu Gegenüber auf ihre Väter berufen, geben sie damit zu, voller Unglaube zu sein. Das Volk stellt nicht „nur“ Jesu Messianität infrage. Die Brotforderung rich-
5
ter, was er zuerst von Gott gehört hat 23 und lenkt den Blick weg vom vergäng lichen Manna, hin auf das wahre Lebensbrot sowie weg von Mose 24 , dem Übermittler, hin auf Gott, den Geber. Auffällig ist zudem der Zeitwechsel (διδωσιν), mit dem Jesus die Gabe des wahren Lebens brotes in die Ge genwart versetzt und andeutet: Gott ist - in Christus - gegenwärtig. Brot (αρτος) ist neben Wasser das Lebens mittel, das ein Mensch unbedingt zum Leben benötigt 25 . Jesus kümmert sich um die Bedürfnisse des Leibes, wie die Speisung der 5000 zeigt. Zugleich benötigt der Mensch aber eine Speise, die seinen innersten Lebenshunger nach unvergänglichem Leben stillt. Diese Speise kann nur von Gott selbst kommen (33). Die Zuhörer können dieser erweiterten Dimension nicht folgen (34). 26 . Entscheidend ist, wie sich die Zuhörer angesichts der Selbstoffenbarung Jesu in Vers 35 entscheiden. Hier identifiziert Jesus sich mit dem Gottesbrot, das das Leben ist. Er selbst ist das Leben 27 . In dem „εγω ειµι“ klingt Jesu göttlicher Anspruch mit. In Jesus ist Gott gegenwärtig. Wer zu ihm kommt, hat schon jetzt das ewige Leben.
tet sich gegen Gott selbst (Ps. 87, 18-20!). Hier geht Jesu Selbstoffenbarung eine „Selbstoffenbarung“, ein „Offenbarungseid“ des Volkes voraus. Die Brisanz von Ps. 78 hat auch Maier 271f. entdeckt. Dies e Entdeckung geht aber darüber hinaus. Hier steigert Ps. 78 die Brisanz ins Unermessliche. Die Israeliten „versuchten“ (Ps. 78,18) Gott, indem sie ihn heraus forderten: „Kann Gott wohl einen Tisch bereiten […]?“ (19) Noch deutlicher: „kann Gott aber auch Brot geben“? (20) Somit richtet sich der Angriff nicht nur gegen den dem Volk bisher „unbekannten“ Sohn Gottes. Der Angriff des Unglaubens richtet sich gegen den bisher bekannten Gott selbst -und wird damit vollends zum unglaublichen Angriff.
23 αµην, αµην, nach Kettling, Unterricht. Vgl. auch Wilckens 101.
24 Seltsam scheint, dass Jesus Mose erwähnt, obwohl weder in Ps. 87,24 noch in Ex. 16,4, worauf die Juden mit ihrer Forderung anspielen, von Mose die Rede ist. Der Geber des Brotes vom Himmel ist eindeutig Gott. Möglich ist, dass diese eigentlich klare Aussage der Schrift in der Gedankenwelt der Juden mit Auslegungen des Midrasch vermengt waren, wonach Mose als „der erste Erlöser“ galt, der das Manna habe herabkommen lassen. Gegen diese Überhöhung Moses könnte sich Jesus hier wenden. Vgl. Voigt 326.
25 Vgl. Lichtenberger 203.
26 Sie missverstehen Gottes Brot als Brot für die irdischen Bedürfnisse. Dieses Missverständnis ist jedoch an sich nicht negativ, da Jesu Deutung es zurechtbringt. Auch die Samariterin (4,15) missversteht das Wort vom lebendigen Was ser. Hier wechselt Jesus das Thema, um ihr die Augen zu öffnen. Vgl. auch Schulz 105, de Boor 199. Aus psychologischer Sicht könnte ein gewolltes Missverständnis seitens Jesu als Stilmittel eingesetzt sein, um die Nachhaltigkeit der Deutung zu verstärken.
27 Das Leben an sich zu sein ist eigentlich eine Eigenschaft Got tes.
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Arbeit zitieren:
Karsten Spilling, 2005, Homiletisches Exerzitium - Prüfungs-Predigt über Joh 6, 30-35, München, GRIN Verlag GmbH
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