Inhalt
1. Einleitung 2
2. Die sogenannte ,Germanisierung’ des Christentums 5
2.1 Gefolgschaftsterminologie 5
2.2 Kampf 6
2.3 Schicksalsbegriffe 7
3. Anzeichen der Akkommodation 10
3.1 Kulturelle Distanz und Übertragungsstrategie 10
3.2 Formelhaftigkeit 11
3.3 Metrum und Stil 12
3.4 Variation 12
4. Beispiel: Die Bergpredigt im Heliand 14
4.1 Bezeichnungen für Jesus Chr istus: drohtin und cuning 14
4.2 Die Jünger: gesiðos, heliðos, iungorun 15
4.3 Die Seligpreisungen 17
4.4 Das Vaterunser 18
5. Zusammenfassung 20
6. Literaturverzeichnis 22
6.1 Textausgabe 22
6.2 Sekundärliteratur 22
1
1. Einleitung
Mit der Verbreitung der christlichen Religion in Europa seit dem 4. Jahrhundert war ihre Grundlage, die Heilige Schrift, untrennbar verknüpft. Trotzdem blieb sie lange Zeit nur wenigen zugänglich - der Minderheit von Klerikern, die den hebräischen, griechischen und später vorwiegend in Latein vorliegenden Text lesen konnte.
Bereits in der Antike entwickelte sich aber auch ein Interesse, die Bibel poetisch zu bearbeiten. Dabei wurde jedoch die rhetorische Stilstufenlehre zum Problem: der erhabene, bedeutende Inhalt der Heiligen Schrift präsentierte sich in einer eher einfachen, kunstlosen Sprache. Anfänglich wurde daher darauf verwiesen, dass die Bibel sich zunächst an einfache Fischer und Bauern richtete. Außerdem liege die Schönheit des Textes in der hinter den Schriftzeichen verborgenen Wahrheit.
Bald jedoch erkannte z.B. Hieronymus den „Nutzen des rhetorischen Vermögens im Dienste der Heilswahrheit“ 1 Auch Augustinus meinte, es sei ein Fehler, „die Wahrheit waffenlos zu lassen“ 2 , da die Redekunst auch dem heidnischen Glauben dienen könne. Nicht zuletzt durch solche Rechtfertigungen und Begründungen war schließlich die Möglichkeit der christlichen Poesie eröffnet - die spätantike Bibelepik mit ihren bekannten Vertretern (z.B. Juvencus, Sedulius) konnte sich entfalten.
Als Folge dessen „zieht sich durch die europäische Dichtung vom 4. bis zum 18. Jahrhundert wie ein roter Faden das seltsame, immer neu versuchte Unternehmen, die Bibel zum großen, umfassenden Gedicht zu verwandeln“ 3 . Die Tradition der Bibeldichtung in lateinischer Sprache setzte sich in den Volkssprachen fort, wo sie die erhaltene, schriftlich fixierte Dichtung oft dominiert. Das „umfangreichste volkssprachliche Epos in germanischer Tradition“ 4 ist der altsächs ische Heliand in stabreimenden Langzeilen (5983 Verse), der im 9. Jahrhundert entstand. Der Dichter griff bei der Schaffung der Evangelienharmonie offensichtlich auf das Werk Tatians zurück und benutzte wahrscheinlich verschiedene Bi-
1 Kartschoke(1975), S. 27.
2 Ebd.
3 Wehrli (1963), S. 262.
4 Kartschoke (1975), S. 167.
2
belkommentare. Ob er die antike Bibelepik kannte, ist unklar - in jedem Fall die nte sie höchstens als Beispiel der legitimierten epischen Bibelparaphrase, jedoch nicht als Formvorbild.
Zum Heliand liegt eine lateinische Vorrede vor, die von der Entstehung des Textes berichtet 5 . Der zweiteilige Bericht (Prosa- und Versabschnitt) überliefert unterschiedliche Hintergründe: Zum einen wird Kaiser Ludwig 6 als Auftraggeber eines „bekannten sächsischen Dichter[s]“ 7 genannt. Zum anderen ist im Sinne der Caedmon-Legende von der „Einwirkung göttlicher Gnade“ 8 die Rede, die einem einfachen Landmann poetische Fähigkeiten schenkte. Wehrli spricht hier von den beiden Aspekten der Bibeldichtung,
die sich auch sonst nicht trennen lassen: der Gedanke eines zweckbestimmten Auftrags, mit missionarischer Absicht, durch die dulcedo der Kunst, durch das ‚more poetico interpretare’ auch Ungebildete zu ergreifen - andererseits aber die Berufung auf spontane Inspiration. 9
Beide Angaben bilden jedenfalls ausreichende Rechtfertigung und Voraussetzung für die volkssprachliche Dichtung.
Das Verhältnis des Heliand zu den angelsächsischen Bibelgedichten 10 ist unklar, jedoch meint Kartschoke, dass der Text sich von ihnen „in nichts grundsätzlich“ 11 unterscheidet. Dennoch „zeichnet er sich aus durch unsklavische Schrifttreue, kompositorische Konsequenz und epische Breite, die von keinem zweiten geistlichen Stabreimgedicht erreicht wurde“ 12 .
Die Theorie der ‚Germanisierung’ des Christentums, die der Heliand angeblich darstellt, wurde durch A.F.C. Vilmar entwickelt. Er versuchte das Werk inhaltlich als „das Christentum im deutschen gewande, eingkleidet in poesie und sitte eines edlen deutschen stammes“ 13 zu deuten. Begründet wurde dies z.B. mit dem Verweis auf Aspekte wie die Verwendung von Gefolgschaftsterminologie, Kampfme-taphorik, Schicksalsbegriffen usw.
Diese Theorie wurde jedoch bald als Über- bzw. Fehlinterpretation zurückgewie-
5 Vgl.z.B. Kartschoke (1975), S. 139ff. Textabdruck z.B. bei Behaghel (1984), S. 1-4.
6 Es ist nicht eindeutig geklärt, ob hier Ludwig der Fromme (814-840) oder Ludwig der Deutsche (843-876) gemeint ist. Von dieser Frage ist auch eine genauere Datierung des Textes abhängig. (Vgl. Verfasserlexikon, Bd. 3, Sp. 958-971)
7 Kartschoke (1975), S. 140.
8 Ebd.
9 S. 271.
10 Vgl Sowinski (1985), S. 29ff.
11 S. 169.
12 Ebd.
13 Vilmar (1862), S. 1.
3
sen. Kartschoke sieht diese Elemente als „Stilproblem, nämlich als eine Form der poetischen amplificatio“ 14 an. Auch Rathofer, der sich mit der Zahlensymbolik im Heliand beschäftigte, erkannte in dem Aspekt eine „Vermittlungstechnik“ 15 . Somit wurde die Germanisierungsthese zugunsten der Theorie einer Akkommodation an eine bestehende Tradition relativiert. Die Leistung des Dichters besteht demnach vorwiegend darin, bekannte formale Elemente (Stabreim, Variation, Formeln etc.) der weltlich- mündlichen Dichtung auf einen neuen geistlichen Inhalt zu übertragen und sie diesem anzupassen.
Mit Hinblick auf die bisherige umfangreiche Forschung zum Heliand soll in dieser Arbeit der Unterschied zwischen ‚Germanisierung’ und christlicher Akkommodation anhand ausgewählter Aspekte herausgearbeitet werden. Ziel ist es dabei zu erkennen, mithilfe welches Ansatzes eine Annäherung an den Text und sein Verständnis bestmöglich erreicht werden kann.
14 Sowinski (1985), S. 17.
15 Ebd.
4
2. Die sogenannte ‚Germanisierung’ des Christentums
In diesen Bereich fallen vorwiegend rhetorische Mittel der amplificatio, der Erweiterung und Ausschmückung des Stoffes durch „Zusätze, Epitheta, Apostrophen“ 16 . Der Deutungsansatz ‚Germanisierung’ konzentriert sich dabei auf deren angenommene inhaltliche Aussagen. Zu den vorwiegend betrachteten Aspekten gehören Gefolgschaft, Kampf und Schicksal, die im Allgemeinen als wichtige Bestandteile der germanischen Kultur angesehen wurden.
2.1 Gefolgschaftsterminologie
Vilmar spricht davon, dass im Heliand ein „deutscher Christus“ und „mächtiger volkskönig“ 17 dargestellt wird. Er ist umgeben von „seinen bis in den tod getreuen gefolgsmännern“ 18 . In dem Kapitel ‘Volk und König’ (S. 58ff.) gibt er nähere Erläuterungen zu seinen Vorstellungen und führt Beispiele an, die seine Theorie unterstützen sollen.
Dass Christus im Heliand als drohtin (z.B. 1218) und cuningo (z.B. 1334), die Jünger als thegnos und heliðos, (1383) bezeichnet werden, lässt sich zweifellos als Rückgriff auf Begriffe des traditionellen germanischen Gefolgschaftswesens interpretieren. Dennoch kann man nicht davon ausgehe n, dass diese biblischen Charaktere damit zu Germanen umgestaltet wurden. Dagegen wird Christus wohl eher als „der König und Herr über Himmel und Erde kirchlich-christlich [...] erfasst“ 19 . Das zeigt sich auch in den Zusätzen wie hêlag (hêlag drohtin, 1292) und thiodo (thiodo drohtin, 1284). Bereits H. Göhler hat in ihrer Untersuchung des Christusbildes im Heliand nachdrücklich darauf hingewiesen, dass solche Begriffe „einer kriegerisch gefolgsmännischen Sinnsphäre entnommen sind, durch ihre Art der Anwendung und die beigeordneten Adjektive aber deutlich zu verstehen geben, daß sie religiös gemeint sind“ 20 .
Ergänzend lässt sich sagen, dass drohtin „im Heliand wie in der Kirchenspra-
16 Kartschoke(1975), S. 186.
17 S. 1.
18 Ebd., S. 72.
19 de Boor (1962), S. 61.
5
Arbeit zitieren:
Yvonne Luther, 2003, Der Heliand: ,Germanisierung' des Christentums oder Akkommodation an die mündliche Dichtung?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Christianisierung der Germanen- (oder: Die Germanisierung des Chri...
Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft
Hausarbeit, 24 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Yvonne Luther's Text Der Heliand: ,Germanisierung' des Christentums oder Akkommodation an die mündliche Dichtung? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Yvonne Luther hat den Text Der Heliand: ,Germanisierung' des Christentums oder Akkommodation an die mündliche Dichtung? veröffentlicht
Yvonne Luther hat einen neuen Text hochgeladen
Geistliche Literatur des späten Mittelalters
Kleine Schriften
Katrin Stegherr, Kristina Freienhagen-Baumgardt, Werner Williams-Krapp
Theologische Grundzüge des Heidelberger Katechismus
Eine fundamentaltheologische U...
Thorsten Latzel
Philosophisch-theologische Kontroversen
Pantheismusstreit - Atheismuss...
Christian Danz, Georg Essen
0 Kommentare