Inhaltsverzeichnis
Kapitel Seite
I. Einleitung 1
II. Übersetzung 1
III. Textkritik 2
IV. Textanalyse 7
V. Literarkritik 12
VI. Formgeschichte 15
VII. Religionsgeschichtlicher Vergleich 19
VIII. Motivgeschichte 20
IX. Redaktionsgeschichte 22
X. Hermeneutische Überlegungen 23
Literaturverzeichnis 25
I. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit wird die Seesturmerzählung Lk 8,22-25 exegetisch untersucht. Der Übersetzung folgt eine textkritische Untersuchung, in der ausgewählte Stellen des Lukastextes auf ihre Ursprünglichkeit hin überprüft werden. Die Textanalyse geht synchron auf erste sprachliche und stilistische Besonderheiten der vorliegenden Fassung ein, um auf diesem Weg bereits erste Schlüsse bezüglich der Aussageabsicht des Autors ziehen zu können. Außerdem wird hier die Perikope hinsichtlich ihrer Stellung und Funktion im weiteren und engeren Kontext des Evangeliums beleuchtet. Die sich anschließende Literarkritik geht nun diachron vor und untersucht die Abhängigkeitsverhältnisse, die zwischen den entsprechenden Seesturmerzählungen bei Matthäus, Markus und Lukas bestehen. Ist eine solche Abhängigkeit innerhalb der Synoptiker für diese Perikope feststellbar, wird im ersten Schritt der Formgeschichte die ursprüngliche Fassung hinsichtlich der vorgenommenen Redaktion beleuchtet. Alle redaktionellen Eingriffe werden von der Erzählung abgetrennt. Die verbleibende Form der Erzählung wird als vorsynoptisch angenommen, wobei im folgenden versucht wird, sie einer Gattung zuzuordnen und sie bezüglich ihrer soziologischen Funktion zu analysieren. Da der religionsgeschichtliche Vergleich sich in einem zentralen Aspekt direkt auf Ergebnisse der formgeschichtlichen Untersuchung bezieht, wird dieser Abschnitt unmittelbar nach Abschnitt „Formgeschichte“ eingefügt. Er beschäftigt sich mit etwaigen Parallelen der Erzählung von der Sturmstillung in anderen Traditionen, wie der jüdischen oder paganen Antike. Im Abschnitt „Motivgeschichte“ wird ein zentrales Motiv aus der Erzählung herausgegriffen und in bezug auf seine veränderte Bedeutung in verschiedenen Traditionen und Zusammenhängen hin analysiert. Die Redaktionsgeschichte kehrt wieder zum Ausgangstext zurück und thematisiert auf Grundlage der diachronen Untersuchung und unter Zurhilfenahme der textanalytischen Erkenntnisse die redaktionellen Eingriffe des Lukas und geht auf spezielle inhaltliche und theologische Intentionen des Evangelisten ein.
II. Übersetzung
Es geschah aber an einem dieser Tage, daß er mit seinen Jüngern ein Schiff bestieg und zu ihnen sagte: „Laßt uns zum anderen Ufer des Sees fahren“, und sie segelten ab.
Aber nachdem sie abgefahren waren, schlief er ein. Und ein gewaltiger Sturm 1 kam herab auf den See, und sie liefen voll Wasser. Sie fürchteten sich.
1 Es kann sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um einen Wirbelsturm gehandelt haben. Vielmehr sind die Jünger und Jesus von einem Fallwind - in Frankreich als Mistral und in Jugoslawien als Bora bekannt - überrascht worden. Diese Fallwinde sind am See Genezareth keine Seltenheit und werden von den geographischen Gegebenheiten noch begünstigt. Der See liegt ca. 600 m unter dem Meeresspiegel und ist von relativ hohen Bergen umgeben. Die kalten Fallwinde werden vom Wasser zum Aufstieg bewegt, wodurch es zu einem heftigen Sturm kommt. Aufgrund der räumlichen Begrenzung ist keine Wolkenbildung zu beobachten, und auch der erfahrenste Seefahrer kann von einem solchen verhängnisvollen Wind überrascht werden. Vgl. hierzu: Fitzmyer: The Gospel, Notes, S.729; Schürmann: Bovon: Evangelium, S.425; Geldenhuys: Commentary, S.251; Strathmann u.a.: Einführung in das Gesamtwerk der ersten drei Evangelien, S.110. Dennoch erscheint mir die Übersetzung mit „Fallwind“ - vgl. Bovon: Evangelium nach, S.420 - stilistisch unpassend.
1
Als sie an ihn herangetreten waren, weckten sie ihn auf, indem sie riefen: „Meister, Meister, wir gehen zugrunde. Nachdem er aber aufgewacht war, bedrohte er den Wind und die Wogen des Wassers, und sie ließen nach, und es herrschte Ruhe.
Er aber sagte ihnen: „Wo ist euer Glaube?“ 2 Sie aber fürchteten sich und staunten und sagten zueinander: „Wer ist denn dieser, daß er sogar den Winden befiehlt und dem Wasser und sie ihm auch gehorchen?“
III. Textkritik
A) Lukas 8,22
I. Darstellung und Beurteilung der äußeren Kriterien
1.) handschriftlicher Befund
erste Lesart: ))) kai. auto. j ev ne, bh )))
zweite Lesart: ))) kai. auv to. j av ne, bh )))
Folgende Textzeugen belegen diese Lesart:
Papyri: p
75
(ohne
auv to, j
)
Minuskeln: f
13 dritte Lesart: ))) av nabh, nai auv to, n )))
Folgende Textzeugen belegen diese Lesart:
Majuskeln: D ea 05
Beurteilung der einzelnen Lesarten 3 2.)
Die erste Lesart ist von der Mehrzahl aller Textzeugen belegt und daher anhand der äußeren Kriterien wenig anfechtbar, wobei dennoch die weiteren Lesarten kurz dargestellt werden sollen. Qualitativ sind die Zeugen der zweiten Lesart als gut anzusehen, was zunächst auf den Papyrus p 75 zurückzuführen ist. Der Papyrus stammt aus dem 3. Jahrhundert und wird dem alexandrinischen Texttyp zugeordnet. Außerdem gehört er der Kategorie I an, was seine Bedeutung unterstreicht. Es ist jedoch zu erwähnen, daß p 75 eine eigene Variante liest, die sonst nirgendwo zu finden ist: Die Konjunktion kai, und das Pronomen auv to, j sind bei dieser Variante ausgelassen, nur die Verbform av ne, bh ist bei ihm belegt. Außerdem lesen die zweite Variante die Majuskeln L019, der Codex Regius, aus dem 8. Jahrhundert stammend, der der alexandrinischen
2 Aufgrund der Ellipse drückt das Griechische noch mehr aus als das mit der Wiedergabe in deutschem Präsens möglich wäre. Man könnte genausogut übersetzen: „Wo ist euer Glaube geblieben“ oder „Wo war euer Glaube“. Sicher ist jedoch, daß Jesus ihnen die Fähigkeit des Glaubens nicht gänzlich abspricht, sondern ihnen unterschwellig zum Vorwurf macht, daß sie sich in dieser bedrohlichen Situation nicht auf ihren Glauben verlassen haben.
3 Alle behandelten Textzeugen werden einmal ausführlich dargestellt, beim zweiten Auftreten jedoch nur erwähnt.
2
Textform und der zweiten Kategorie zugeordnet wird, sowie Q038, der Codex Koridethianus, der in das 9. Jahrhundert zurückreicht, den Caesareatext liest und der Kategorie II angehört. Die zweite Lesart ist sodann in den Minuskeln der Ferrar-Gruppe (f 13 ), die ebenfalls den Caesareatext lesen und zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert abgeschrieben wurden, sowie in der Harkelschen Bearbeitung des syrischen Textes aus dem Jahr 616 und bei weiteren Zeugen, die als sekundär eingestuft werden können, belegt.
Kurz zu erwähnen bleibt die dritte Lesart, belegt durch die Majuskel D ea 05, den Codex Bezae (Cantabrigiensis), der aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammt, der Kategorie IV zugeordnet wird und erwiesenermaßen von allen anderen Handschriften abweicht. Er enthält den Text sowohl in lateinischer als auch in griechischer Sprache, allerdings sind freie Hinzufügungen und Weglassungen nachweisbar. Eine hohe textkritische Bedeutung hat der Codex Bezae - sogar Kategorie I -, wenn er zusammen mit dem alexandrinischen Text geht, was an dieser Stelle aber nicht der Fall ist. Daher ist er hier als redundant zu betrachten. Weiterhin sekundär ist die lateinische Übersetzung e.
II. Beurteilung anhand innerer Kriterien
Eine lectio brevior, die einen Anhaltspunkt für die Ursprünglichkeit einer Lesart geben könnte, ist bei den hier vorhandenen Varianten nicht auszumachen. Wohl kann aber sowohl Lesart zwei als auch die dritte Variante als lectio difficilior bezeichnet werden, da ev mbai, nw eiv j ploi/ on in der Grundbedeutung in ein Schiff einsteigen meint 4 , worauf auch bereits die richtungsweisende Präposition ev n hinweist, die als Präfix in die Verbbedeutung eingeflossen ist. Außerdem ist die Verwendung des Verbs in dieser Bedeutung äußerst frequent im NT. Die Präposition av na, hingegen weist in erster Linie auf eine Bewegung nach oben hin. Das Verb anabai, nw wird deshalb auch meist in einer religiösen Sphäre im Zusammenhang mit dem Aufstieg in den Himmel verwendet. 5 Erst in zweiter Bedeutung wird es in Verbindung mit eiv j ploi/ on im Sinne von ein Schiff besteigen gebraucht 6 , wobei hierfür die Textbelege bei weitem nicht so zahlreich sind wie für Lesart eins. Der AcI der dritten Lesart ist die komplizierteste Variante von allen und scheidet aus diesem Grund bei der Suche nach dem ursprünglichen Text aus.
III. Gesamturteil
Anhand der Bewertung äußerer und innerer Kriterien ist der ersten Lesart der Vorzug zu geben. Sie ist zwar - zumindest nuanciert - lectio facilior, aber wie die äußeren Beobachtungen zeigen, die am besten bezeugte Lesart. Des weiteren liest der wichtigste Zeuge der zweiten Variante diese nur in Abweichung, so daß er bei der Beurteilung auch keinen Ausschlag geben kann. Lesart drei scheidet bereits aufgrund der schlechten Bezeugungslage aus.
4 Vgl. WNT, Sp.512.
5 Vgl. ThWNT, S.516-518.
6 Vgl. EWNT, 178f sowie WNT, Sp.97.
3
B) Lukas 8,24
I. Darstellung der äußeren Kriterien
1.) handschriftlicher Befund
erste Lesart: ))) ev pista, ta( ev pista, ta )))
zweite Lesart: ))) ev pista, ta )))
Folgende Textzeugen belegen diese Lesart:
Majuskeln: a01c, W032, G036 Minuskeln: 1, 579, 700c, 1424, 2542, al Übersetzungen: lat, bo Kirchenväter: Cyr.
dritte Lesart: ))) ku, rie( ku, rie )))
Folgende Textzeugen belegen diese Lesart:
D ea 05 Übersetzungen: (sy c ) Majuskeln:
2.) Beurteilung der einzelnen Lesarten
Nestle/Aland geben für diese Lesart einen negativen Apparat an, woraus zu schließen ist, daß Lesart eins von der Mehrheit aller Zeugen belegt ist. Bei der Beurteilung der zweiten Lesart ist die spätere Bearbeitung des Codex Sinaiticus (Majuskel a01), aus dem 6. Jahrhundert hervorzuheben. Er wird dem alexandrinischen Texttyp und der Kategorie I zugeordnet. Die Majuskel W032, der Codex Freerianus, bezeugt ebenfalls diese Variante, wird in das 4. bzw. 5. Jahrhundert datiert und gehört der Kategorie III und dem Caesareatext an, wobei der Codex an dieser Stelle dem byzantinischen Texttyp folgt. Als weitere Majuskel bezeugt G036, der aus dem 10. Jahrhundert stammende Codex Tischendorfianus, der auch den byzantinischen Text liest und der Kategorie V angehört, diese Lesart. Allerdings ist auch schon anhand der Zuordnung zu den Alandschen Kategorien ersichtlich, daß der Codex Sinaiticus als einziger Textzeuge unter diesen drei Majuskeln hervorsticht. Unter den diese Variante lesenden Minuskeln findet sich kein herausragender Zeuge; alle werden der Kategorie III zugeteilt. Es sind dies die in das 12. Jahrhundert datierte Minuskel 1, die aus dem 13. Jahrhundert stammende Minuskel 579, die der alexandrinischen Textform angehört, die Minuskel 1424 aus Kategorie V, die Minuskel 2542 aus dem 13. Jahrhundert sowie die aus dem 11.Jahrhundert stammende Minuskel 700. Hervorzuheben bei den Übersetzungen ist die altlateinische- bzw. Vulgatahandschrift, die mit Einschränkungen dem westlichen Text zugeordnet werden kann. Die bohairische Überlieferung ist sekundär. Abschließend ist zu erwähnen, daß auch der Kirchenvater Cyrill sich dieser Lesart bedient hat.
Die dritte Lesart ist angesichts der quantitativ und qualitativ sie bezeugenden Quellen als redundant anzusehen. Lediglich der Codex Bezae (Cantabrigiensis) und die Übersetzung „Syrus Curetorianus“ (syr c ) aus dem 4. bzw. 5. Jahrhundert lesen diese Variante.
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II. Beurteilung anhand innerer Kriterien
Innerhalb dieser Lesarten läßt sich keine lectio difficilior feststellen, und auch die Beobachtung, daß Lesart zwei die kürzeste von allen ist, gibt wenig Aufschluß über die Ursprünglichkeit einer Lesart, weil die längere Variante in der Epanalepse des Titels begründet liegt. Diese emphatische Wiederholung ist aber für die Darstellung der Angst der Jünger unerläßlich, weil Lukas die markinischen Beschreibungen weitestgehend kürzt 7 . Was nun die Untersuchung der dritten Lesart anbelangt, ist zu bemerken, daß beide Titel, ev pista, thj und ku, rioj, für Jesus denkbar sind. Genau hier ist der Ansatzpunkt, an dem aus lexikalischen Gründen eine Lesart ausgeschlossen werden könnte. Denn obwohl beide Titel für Jesus von Lukas verwendet wurden, muß die Frage erörtert werden, ob auch beide Anreden in diesem Kontext stehen können. Sehen die Jünger in Jesus schon den Sohn Gottes, ausgestattet mit göttlicher Macht, der sie aus dieser gefährlichen Situation sicher herausführen wird - diese Lesart spräche für die Anrede mit ku, rioj - oder erhoffen sie sich von ihrem ev pista, thj die Rettung aus dem Sturm, im Sinne einer aus ihrer Sicht fast unmöglichen Rettung, zu der von ihnen niemand fähig wäre und die sie auch Jesus nicht wirklich zutrauen, was anhand ihrer großen Angst ersichtlich ist.
Mit Blick auf die Verwendung der Begriffe ku, rioj und ev pista, thj für Jesus im gesamten Lukasevangelium ist in diesem Kontext ausschließlich die Anrede mit ev pista, thj als ursprünglich anzusehen, da kuv rioj 8 als Bezeichnung der messianischen Hoheit verwendet wird und im Gegensatz dazu die Anrede ev pista, thj im lukanischen Sprachgebrauch die autoritative Stellung Jesu innerhalb einer sozialen Gruppe - da ev pista, thj nur von Jesu Jüngern verwendet wird, Jesu herausgehobene Stellung in bezug auf die Gruppe der Jünger - impliziert. Es bleibt also festzuhalten, daß Lukas deutlich nuanciert zwischen ku, rioj und ev pista, thj sowie dem parallel gebrauchten dida, skaloj 9 - in lukanischer Sprache zur Bezeichnung der Lehrautorität Jesu verwendet - unterscheidet.
Gesamturteil III.
Letztendlich geben die äußeren Kriterien den Ausschlag, die erste Variante als die ursprüngliche zu bevorzugen. Die inneren Kriterien bestätigen diese Schlußfolgerung, womit also Lesart eins als die dem lukanischen Urtext nähere Variante anzunehmen ist.
C) Lukas 8,25
I. Darstellung der äußeren Kriterien
1.) handschriftlicher Befund
erste Lesart: ))) pou/ )))
Folgende Textzeugen belegen diese Lesart:
p 75 (vid.) Papyri:
7 Vgl. den Abschnitt Literarkritik dieser Arbeit.
8 Vgl. Lk 2,11; 5,12; 7,6; 9,61.
9 Für Mk 4,38 par. steht dida, skale neben ku, rie und epista, ta.
5
Arbeit zitieren:
Jörg Röder, 2004, Die Seesturmperikope (Lukas 8, 22-25), München, GRIN Verlag GmbH
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