Inhaltsverzeichnis 2
1 Untersuchungsgegenstand 3
2 Grundlagen der Beschneidung 5
2.1 Beschneidung bei Frauen 6
2.2 Beschneidung bei Männern 7
2.3 Koran und Sunna Quellen des Rechts 8
2.4 Gründe für Beschneidungen 10
3 Beschneidung im Kontext des Islams bei den Berti 13
3.1 Beschneidungsprozess und zeremonie 14
3.1.1 Trennung 15
3.1.2 Aggregation 16
3.2 Religiöse Verankerungen 17
3.3 Rituelle Bedeutungen 19
3.4 Gesellschaftliche Bedeutungen 20
3.5 Fazit 21
4 Anti-Beschneidungs Kampagnen 23
4.1 Beweggründe 23
4.2 Vorgehensweisen Erfolge und Misserfolge 25
5 Bibliographie 27
5.1 Literatur 27
5.2 Internetseiten 29
5.3 Abbildung 29
1 Untersuchungsgegenstand
Die unter Muslimen weit verbreitete Meinung, dass die Beschneidung von Mädchen und Jungen im Koran festgelegt und gefordert wird, entspricht nicht den Tatsachen. Obwohl Koran und Sunna als den Quellen des islamischen Rechts eine umfassend Gültigkeit zugesprochen wird, sind in der islamischen Gesellscha ft des Sudans Beschneidungen ein obligatorischer Schritt in Richtung Erwachsenenleben. Beschnitten werden sowohl Jungen als auch Mädchen, wobei die psychischen und physischen Schäden für Frauen tiefgreifender sind als für Männer.
Deshalb werden in dieser Arbeit zwar beide Geschlechter beachtet, der Fokus aber auf die Beschneidung der Frauen gelegt. Dies liegt zu einen darin begründet, dass die physischen und psychischen Auswirkungen der Beschneidung bei Frauen prägender und schädigender sind als bei der männlichen Beschneidung. Zum anderen ruft die Praxis der Beschneidung von Frauen weltweit Proteststür me hervor, die nur selten die traditionelle Bedeutung des Rituals der Beschneidung an Frauen umfassend kennen.
Es stellt sich die Frage, inwieweit der Islam die Beschneidung rechtfertigen könnte und welche weiteren Gründe für die Ausübung der Beschneidung zusätzlich angeführt werden. Dies, unter anderem am Beispiel des sudanesischen Stammes der Berti, darzustellen, ist Inhalt dieser Arbeit.
Dabei werde ich wie folgt vorgehen:
Zuerst werde ich die Grundlagen der Beschneidung bei Frau und Mann detailliert schildern. Dabei wird beachtet, welche Beschneidungsarten es gibt und welche Motive dazu führen. Ein wichtiger Aspekt dieses Kapitels sind die Aussagen des Korans und der Sunna zum Thema Beschneidung. Weitere Rechtfertigungen für Beschneidungen werden abschließend kurz dargestellt.
Nachfolgend wird die Beschneidung im Islam am Beispiel des Stammes der Berti im Nordsudan beschrieben. Dabei beziehe ich neben der Beschneidungszeremonie die religiöse, rituelle und gesellschaftliche Bedeutung der Beschneidung in der muslimischen Gemeinschaft der Berti in die Darstellung mit ein.
Abschließend gehe ich auf die Arbeit der Anti-Beschneidungs-Aktivisten im Sudan ein. Die Arbeit der verschiedenen Organisationen gegen Beschneidung ist von lückenhaften Kenntnissen lokaler Traditionen begleitet, die zu Misserfolgen bei der Arbeit führen.
3
Insgesamt soll diese Arbeit einen objektiven Überblick über Beschneidung in einer
islamischen sudanesischen Gesellschaft bieten und helfen nachzuvollziehen, wieso
dieses Ritual von den Betroffenen noch verteidigt wird.
4
2 Grundlagen der Beschneidung
„The term ,circumcision’ is applied, in its strict sense, to a wide-spread surgical operation for the abolation of the male prepuce, and also, with a looser connotation, to the simple incisio n of the prepuce, or even to two operations on the female genitals – clitoridectomy and abalation of the labia minora (the so called ,female circumcision’).” 1
Beschneidungen werden in westlichen Ländern, erstaunlicherweise auch in einem großen Maße in den USA, hauptsächlich aus medizinischen bzw. vermeintlich medizinischen Gründen durchgeführt. 2 Medizinische Gründe für die Durchführung der Beschneidung bei Männern liegen meist in einer Vorhautverengung, der sogennanten Phimose. Bei Erkrankung an Phimose kann der betroffene Mann die Vorhaut nicht vollständig über die Eichel zurückziehen. Diese birgt bei Nicht-Beschneidung die Gefahr von Urinrückstau, Impotenz, Hodenkrebs sowie das Risiko einer Verhärtung der Vorhaut und einer größeren Anfälligkeit für Geschlechtskrankheiten. 3 Bei Frauen wird die Operation teilweise ebenfalls aus medizinisch gerechtfertigten Gründen durchgeführt. Klitoris und innere Schamlippen sind gelegentlich übermäßig groß, ein physisches Merkmal das unter allen Völkern verbreitet ist. Die Auffassung, die die Krankheit Erotomanie durch Beschneidung der zu groß geratenen Klitoris beseitigen zu können, ist heute widerlegt. Dennoch kann in Einzelfällen eine Beschneidung bei Frauen aus anderen medizinischen Gründen notwendig sein. 4 Der Großteil der Beschneidungen weltweit wird aber aus religiösen Motiven heraus durchgeführt. Sowohl Juden, Muslime als auch Christen und unzählige eigenständige Religionen beschneiden Jungen und Mädchen. Die se Praxis kann bis zu 5.000 Jahre zurückverfolgt werden. 5 S ie wird von allen großen Religionen und auf allen Kontinenten praktiziert, allerdings unter verschiedenen medizinischen und sozialen Rahmenbedingungen. 6
1 Gray 1953
2 Dem Themenkomplex Beschneidung bei Jungen in den USA haben Denniston et.al. 2004 eine Aufsatzsammlung gewidmet. In der Einleitung plädieren die Herausgeber gegen die Beschneidung männlicher Kinder, da diesen damit Lebensqualität geraubt wird, die sie nicht erahnen können. Ferner wird die Beschneidung bei Jungen als vollkommen unnötige Praxis beschrieben.
3 Vgl. Gray 1953, S. 659 4 Vgl. Gray 1953, S. 659 5 Bekannt ist die Praxis der weiblichen Beschneidung in anderer Form bereits aus dem antiken Rom. Dort mussten Sklavinnen zur Schwangerschaftsprävention einen Ring durch die Schamlippen tragen. Auch der im M ittelalter beliebte Keuschheitsgürtel erinnert vom Prinzip her an Beschneidung bzw. die Einschränkung der weiblichen Sexualität. Vgl. dazu Ismail/Makki 1999, S. 38 6 Vgl. El-Tom 1998, S. 163
5
Deshalb werde ich in diesem Kapitel zuerst auf die unterschiedlichen Arten der Beschneidung von Frauen und Männern eingehen. Anschließend werde ich prüfen, inwiefern Koran und Sunna, die Quellen des islamischen Rechts, die Ausübung der Beschneidung rechtfertigen. Abschließend nenne ich die häufigsten Gründe, die zur Rechtfertigung der Beschneidung herangezogen werden.
2.1 Beschneidung bei Frauen
Die Beschneidung von Frauen ist ein sowohl politisch als auch gesellschaftlich stark diskutiertes Thema. Seit Erscheinen der Bücher „Wüstenblume“ und „Nomadentochter“ des beschnittenen somalischen Models Waris Dirie steht das Thema verstärkt in den Medien. Bei der Beschneidung gibt es aber viele unterschiedliche Typen, die von den Frauen selbst nicht immer als negativ gewertet werden.
Für weibliche Beschneidung wird oft die von der WHO 1990 eingeführte Bezeichnung FMG (Female Genital Mutilation), unter anderem auch im Sprachgebrauch der UNICEF 7 , benutzt. Da sich aber viele beschnittene Frauen selbst nicht als verstümmelt ansehen, sondern stolz sind, eine Tradition an ihrem eigenen Körper fortzuführen, ist dieser Begriff als nicht werturteilsfrei abzulehnen. Deshalb wird er in der Forschung weitgehend durch den Begriff FC (Female Circumcision) abgelöst.
Bei der Beschneidung von Frauen können drei unterschiedliche Typen festgestellt werden. 8 Zum einen die Klitoridektomie, im Sudan auch Sunna-Beschneidung genannt, bei der die Spitze (milde Sunna) oder die komplette Klitoris (modifizierte Sunna) entfernt wird. Eine kleine Naht fördert den Heilprozess.
Die Infibulation, im Sudan Pharaonische Beschneidung 9 genannt, beinhaltet die komplette Entfernung der Klitori sowie der inneren und äußeren Schamlippen. Anschließend wird die Wunde mit einem Faden zusammengenäht und eine etwa stecknadelgroße Öffnung zum Abfließen von Urin und Menstruationsblut sowie zur Penetration freigelassen. Eine andere Form lässt die offenen Wunden ohne Naht
7 Vgl. UNICEF 1996, S.1ff.
8 Vgl. Ismail/Makki 1999, S.34f. Hier sind alle drei Typen in einer Kurzfassung nachzulesen. Eine ausführlichere Beschreibung findet sich bei El-Tom 1998, S. 168 und Gray 1953, S.659ff. 9 Die Terminologie der Pharaonischen Beschneidung gründet wahrscheinlich in der Zeit der Herrschaft der Pharaonen in Ägypten, in der die Infibulation als Beschneidungsform eventuell praktiziert wurde. Vgl. Boddy 1982, S.684
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verheilen, indem den Mädchen die Beine etwa vierzig Tage lang zusammengebunden werden. Die Scheidenöffnung wird hier durch Einsetzen eines kleinen runden Gegenstandes offen gehalten. Vor jeder Geburt wird die Narbe geöffnet, danach wieder verschlossen. Die Infibulation ist die Form der Beschneidung, bei der die Frau am schwersten verletzt wird.
Bei der Zwischenform dieser beiden Beschneidungsformen, der sogenannten Exzision, wird die ganze Klitoris sowie zusätzlich ein Teil der inneren Schamlippen amputiert. Die Narbe wird genäht. Die Exzision ist die am weitesten verbreitete Beschneidungsform.
Die Beschneidung bei Frauen kann vielfältige Nachfolgen haben, die vor allem von medizinischer Seite sehr kritisch beobachtet werden. Die häufigsten Komplikationen gibt es während der Beschneidung, vor allem wenn sie unsachgemäß mit stumpfem bzw. unsauberem Besteck durchgeführt wird. Langfristig kann es zu Problemen beim Wasserlassen oder bei der Menstruatio n kommen, die durch Rückstauungen zum Tod führen können. Die Dimension der physischen Schäden ist schwer erfassbar. Durch mangelnde Betäubungsmittel finden die Operationen manchmal unter vollem Bewusstsein statt. Die Schmerzen sind aber nicht einmalig, sondern wiederholen sich, vor allem bei der Pharaonische n Beschneidung, wenn der Geschlechtsverkehr vollzogen werden soll. Neben den physischen Schmerzen sind psychische Folgen wie Depressionen und Angstzustände keine Seltenheit. 10
2.2 Beschneidung bei Männern
Die Beschneidung bei Jungen wird land läufig zuerst mit dem jüdischen Glauben in Verbindung gebracht. Tatsächlich aber werden weltweit männliche Angehörige aller Religionen beschnitten. Das typische Alter bei der Beschneidung im Islam liegt zwischen Pubertätsbeginn und dem heiratsfähigen Alter. Im Gegensatz dazu beschneiden Juden ihre männlichen Nachkommen bereits im Säuglingsalter. 11 Bei der männlichen Beschneidung handelt es sich immer um die Entfernung der Vorhaut, die in unterschiedlicher Weise ausgeführt werden kann. Hier können vier Typen unterschieden werden, von denen aber nur die ersten beiden von Muslimen praktiziert werden. 12
10 Vgl. Ismail/Makki, S.36ff.
11 Vgl. dazu eine Tabelle von Gray 1953, S.662
12 Eine ausführliche Beschreibung der vier Typen findet sich bei Abu-Sahlieh 2001, S.9
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Erstens die komplette oder teilweise Entfernung der Vorhaut. Zweitens die jüdischen Beschneidungsform, bei der die Vorhaut mit einem Schnitt um die Eichel abgetrennt wird. Anschließend wird die verbliebene Haut mit den Fingernägeln zurückgeschoben. Die dritte Form ist eine sehr seltene Form der Beschneidung, bei der die Vorhaut durch ein Peeling entfernt wird. Als vierte Form existiert bei den Aborigines die Subinzision, bei der die Harnröhre durch einen Schnitt der weiblichen Vagina ähnlich gemacht wird.
Im Gegensatz zur weiblichen wird bei der männlichen Beschneidung das Geschlechtsorgan des Mannes nicht seiner eigentlichen Funktion beraubt. Der Mann kann, teilweise eingeschränkt, Lust empfinden und dem Geschlechtsverkehr, nach Abheilen der Wunde, nachgehen.
2.3 Koran und Sunna – Quellen des Rechts
Der Koran, das heilige Buch des Islams, die Sunna Mohammeds und die Sunna der Nachfolger Mohammeds sind die Quellen des Rechts für Muslime.
Viele Muslime sind davon überzeugt, dass die Beschneidung im Koran festgelegt ist. Dem ist aber nicht so, weil das Wort Beschneidung kein einziges Mal im Koran, der ersten und wichtigsten Quelle des muslimischen Rechts, vorkommt, in der Bibel allerdings schon. D arauf aufbauend gibt es Interpretationsversuche, die Beschne idung durch den Islam zu rechtfertigen..
Muslime sollten in der Ausführung ihres Glaubens immer das Beispiel Abrahams vor Augen haben. Wichtigster Vers für Verfechter der These, dass die Beschneidung im Koran begründet ist, ist: „Recall that his God tested Abraham through certain words […]“ 13 . Diese Stelle wird nicht wortgemäß interpretiert, sondern im Sinne von „God tested Abraham through commands, including circumcision“ 14 gedeutet. Da Muslime dem Beispiel Abrahams folgen sollten, sei eine Beschneidung unumgänglich. Diese Interpretation ist allerdings lückenhaft bis nicht haltbar. Weiterhin kann folgende Stelle aus der Sura herangezogen werden; „[…] follow the religion of Abraham, the hanif, who was not a polytheist.“ 15 Diese Stelle weist allerdings nur zurück, dass Abraham an mehrere Götter geglaubt hat, geht aber nicht weiter auf empfohlene oder verbotene Praktiken ein und ist somit keine Grundlage für die Durchführung von Beschneidungen.
13 Koran 2:124, zit. nach Abu-Sahlieh 2001, S.100
14 Abu-Sahlieh 2001, S.100; kursiv im Original
15 Sura iii.89, zit. nach Margoliouth 1953, S.677; kursiv im Original
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Quote paper:
Karola Hoffmann, 2005, Beschneidung im Kontext des Islam im Sudan am Beispiel der Berti, Munich, GRIN Publishing GmbH
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