Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2.1 Typologische Ausarbeitung 3
2.1.1 Nichtstaatliche Gewaltakteure 4
2.1.2 Rebellen 6
2.1.3 Metamorphosen von Gewaltakteuren durch
asymmetrische Kriegsführung 7
2.2 Empirische Analyse der UÇK als sich verändernder Akteur 10
2.2.1 Rahmenbedingungen der Entstehung der UÇK 10
2.2.2 Low- intensity-conflict 12
2.2.3 Eskalierender Kosovo-Konflikt 14
2.2.4 Mit der Demilitarisierung der UÇK
entstandene Strukturen 17
2.2.4.1 Politik 17
2.2.4.2 Kosovo-Protection-Corps 18
2.2.4.3 Albanischer Widerstand in Nachbarstaaten 18
2.2.4.4 Organisierte Kriminalität 19
3. Fazit 20
Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
Diese Hausarbeit soll sich mit der Einordnung der verschiedenen Ausprägungen der UÇK beschäftigen und dabei eine Antwort auf die Forschungsfrage, wie und warum sich das Akteursprofil der UÇK 1 (Ushtria Çlirimtare e Kosoves) wandelte, geben. Um die Einordnung vornehmen zu können, sollen zunächst in einem ersten Teil der Arbeit Abgrenzungskriterien entwickelt werden, um terroristische Organisationen, Rebellenbewegungen, Kriegsherren und Kriminelle, im Zuge der so genannten „neuen Kriege“ voneinander unterscheiden zu können. Da sich nicht-staatliche Akteure, wie die UÇK, in der asymmetrischen Kriegsführung im Laufe eines Konflikts wandeln könne n, bietet dieser Ansatz zur Beantwortung der Forschungsfrage ein hohes Erklärungspotential, was eine ausführlichere Beschäftigung mit ihm notwendig und sinnvoll erscheinen lässt.
Anschließend sollen die aus dem theoretischen Teil gewonnenen Erkenntnisse g enutzt werden, um die Wandlungsprozesse in der UÇK deutlich zu machen. Da sich der Erklärungsansatz des Akteurswandels über die asymmetrische Kriegsführung eben auf den Kriegsführungsprozess an sich, als auf die Akteure rückwirkenden und sie verändernden Faktor bezieht, soll im empirischen Teil der Arbeit der Kriegsführungsprozess im Mittelpunkt stehen, auch wenn einzelne durch die Demilitarisierung der UÇK entstandene Strukturen in einem späteren Teil der Arbeit beleuchtet werden.
Aufgrund des mangelnden P latzes wird auf aktuelleren Entwicklungen im Kosovo weitestgehend nicht eingegangen werden, stattdessen soll den Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Aufstiegs eines nichtstaatlichen Akteurs, wie der UÇK, mehr Bedeutung beigemessen werden. Die Rolle, die dabei traditionelle Formen der sozialen Organisation und die Stärkung von Partikulargemeinschaften im Zuge des Aufstiegs der neuen Formen politischer Gewalt spielen, soll ausführlich auf die UÇK bezogen werden.
2.1 Typologische Ausarbeitung
Im Kosovo-Konflikt standen sich vordergründig zwei Akteure gegenüber: Zum einen der serbische Staatsapparat und zum anderen, auf Seite der Kosovo-Albaner, ein nicht-staatlicher Akteur, die UÇK. Der letztendliche Krieg war also keine klassische zwischenstaatliche Auseinandersetzung, sondern ein Konflikt zwischen staatlichem und nicht-staatlichem
1 Befreiungsarmee des Kosovo
3
Akteur. 2 Dieser Konflikt repräsentiert somit das, worauf sich die Forschung in den Internationalen Beziehungen derzeit stark konzentriert, nämlich die Verbreitung neuer Formen politischer Gewalt im Rahmen der Veränderung des Kriegsbildes, was meint, dass die Zahl der klassische n Kriege, bei denen sich die Armeen zweier Staaten bekämpfen, stark zurückgeht und stattdessen innergesellschaftliche bewaffnete Konflikte unter Be teiligung substaatlicher Gewaltakteure Überhand nehmen. Es wird argumentiert, dass im Zuge dieser Veränderung diverse neue, für zwischenstaatliche Kriege eher untypische Merkmale auftreten. Als zentrale Merkma le dieser Veränderung des Krieges gelten besonders Entstaatlichung und damit verbunden Privatisierung, Ökonomisierung und Brutalisierung des Krieges. 3
Um den Fokus auf die Forschungsfrage „Wie und warum wandelte sich die Akteursstruktur der UÇK?“ zu setzen, wollen wir nun das Augenmerk auf die Akteursebene lenken. Es soll erörtert werden, welche idealtypischen Gewaltakteure es überhaupt gibt, wie ein nichtstaatlicher Gewaltakteur in der heutigen Zeit entsteht, und wie und warum Metamorphosen eines solchen Gewaltakteurs stattfinden. Vor dem Hintergr und dieses Anspruchs wird auf zentrale, ausgewählte Aspekte der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion im Forschungsbereich „Folgenanalyse des Krieges“ eingegangen werden.
2.1.1 Nichtstaatliche Gewaltakteure
Um die UÇK bzw. ihre Nachfolger in ihren einzelnen Entwicklungsstadien im nächsten Teil dieser Proseminarsarbeit richtig einordnen zu können, sollen nun die dafür geeigneten Idealtypen nichtstaatlicher politischer Gewaltakteure identifiziert, analysiert und verglichen werden. Eine sinnvolle erste Orientierung bietet dazu die Kategorisierung von Stefan Mair. 4 Mair unterscheidet nichtstaatliche Gewaltakteure idealtypisch in vier Kategorien: Kriminelle, Terroristen, Kriegsherren und Rebellen. Allen Akteuren ist gemeinsam, dass sie, um ihre Ziele zu erreichen, auf die Anwendung von Gewalt setzen. Die Unterschiede lassen sich anhand verschiedener Vergleichskriterien aufzeigen.
2 Die Luftschläge gegen Jugoslawien von 24. März - 10. Juni 1999 brachten mit der NATO natürlich einen dritten, für den Kriegsausgang entscheidenden Akteur, ins Spiel. Dieser „humanitären Intervention“ gingen allerdings innerstaatliche bewaffnete Auseinandersetzungen, in stärkerer Intensität seit März 1998 geführt, zuvor.
3 Verschiedene Autoren verwenden unterschiedliche Begriffe, um diesen Veränderungen in der Erscheinungsform des Krieges Ausdruck zu verleihen. Die wohl bekanntesten Konzepte stammen von Martin van Creveld (‚low-intensity-conflicts’) und Mary Kaldor bzw. Herfied Münkler (‚Die neuen Kriege’). Vgl. dazu z.B. Creveld, Martin van, Die Zukunft des Krieges, München 1998 [1991], Kaldor, Mary, Neue und alte Kriege, Frankfurt am Main 2000 [1999], Münkler, Herfried, Die neuen Kriege, Reinbek 2002.
4 Vgl. dazu Mair, Stefan, Die Globalisierung privater Gewalt. Kriegsherren, Rebellen, Terroristen und organisierte Kriminalität, in: SWP-Studie S 10/2002
4
Die zunächst nahe liegende Vergleichskategorie ist die der Ziele. So verfolgen Terroristen und Rebellen vordergründig politische Ziele, wie beispielsweise die Loslösung eines bestimmten Gebiets aus dem Gesamtstaat, den Sturz einer Regierung, einen Systemwechsel oder die Errichtung eines Gottesstaats, während bei Kriegsherren und Kriminellen monetäre Absichten im Vordergrund stehen. Es ist also wichtig für die Einordnung eines Gewaltakteurs zu erkennen, ob er primär ökonomische oder politische Absichten verfolgt. 5 Ein weiteres wichtiges Kriterium zur Herausstellung von Unterschieden in Gewaltakteursprofilen ist die Zielgruppe der Gewaltanwendung. Nach Mair konzentriert sich die Gewaltausübung von Rebellenbewegungen und organisierten Kriminellen primär auf andere Gewaltorgane. Diese seien einerseits staatlich legitimierte Gewaltorgane, andererseits aber auch konkurrierende Rebellengruppen bzw. kriminelle Organisationen. Die Gewalt der Kriegsherren und Terroristen dagegen richtig sich in allererster Linie gegen Zivilisten. Ein weiteres Unterscheidungszeichen stellt die geographische Reichweite der Gewaltausübung dar. Rebellen und Kriegsherren betreiben die Gewaltausübung regional begrenzt, zum Zwecke der Sicherung bzw. zur Erlangung von Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet, aus, wohingegen internationaler Terrorismus und transnational organisierte Kriminalität, tendenziell global oder eben zumindest über bestehende Staatsgrenzen hinweg wirken, und oft nur allenfalls indirekte territoriale Bezüge erkennbar sind. 6 Rebellenbewegungen führen den bewaffneten Kampf um die Abtrennung eines Gebietes vom Ursprungsstaat, die Beseitigung eines Besatzungsregimes oder den Sturz einer Regierung zu erreichen, d azu werden nach und nach einzelne Gebiete befreit. Sie verstehen sich im Ausgangszustand, der für sie nicht tragbar ist, als Befreiungsbewegungen, um später im „freien“ Staat zu einer regulären Armee zu werden. 7
Aus dem letztgenannten Kriterium abgeleitet, ist es ferner wichtig zu erkennen, dass, Rebellengruppen und Kriegsherren dem staatlichen Gewaltmonopol opponieren und sich anschicken, es in dem von ihnen beanspruchten Gebiet zu beseitigen, während Terroristen und vor allen Dingen organisierte Kriminelle mit einem intakten staatlichen Gewaltmonopol leben können. Somit soll die Untersuchung der Beziehung der Gewaltorganisation zum staatlichen Gewaltmonopol als weiteres Unterscheidungsmerkmal dienen. 8
5 Vgl. Mair, Stefan, Die Globalisierung privater Gewalt. Kriegsherren, Rebellen, Terroristen und organisierte Kriminalität, in: SWP-Studie S 10/2002, S.
6 Vgl. ebd.,
7 Schneckener, Ulrich, Netzwerke des Terrors. Charakter und Strukturen des transnationalen Terrorismus, in: SWP-Studie 12/2002, S.13.
8 Vgl. Mair, Stefan, Die Globalisierung privater Gewalt. Kriegsherren, Rebellen, Terroristen und organisierte Kriminalität, in: SWP-Studie 10/2002.
5
2.1.2 Rebellen
Durch das Ende des Ost-West-Konflikts und das Scheitern des sozialistischen Gesellschaftsmodells haben sich die Existenzbedingungen für Rebellenbewegungen stark verschlechtert. Rebellenbewegungen kam während des Kalten Kriegs eine herausgehobene Bedeutung bei der Führung von Stellvertreterkriegen zu. Jene Bewegungen nutzten den Konflikt aufgrund ihrer eigenen existenten Vorstellungen von gerechterer Wohlstandsverteilung 9 - anstatt wirklicher Stellvertreter eines der beiden Blöcke zu seineher zur Mobilisierung von Geld und Waffen für die kostenintensive Kriegsführung. Diese in ihrem Umfang und ihrer Bedeutung gar nicht überbewertbare Finanzressource für Rebellenbewegungen versiegte mit Ende des Ost-West-Konflikts, worauf primär zwei Ausweichmechanismen folgten.
Den e rsten Ausweichmechanismus stellt die Abkehr von einem oben beschriebenen Grundsatz dar, der Rebellenbewegungen gerade von Terroristen abgrenzt. Die Maxime die Gewaltausübung auf Kombattanten 10 zu begrenzen und die militärische Auseinandersetzung um Territorium zu führen, wird nicht länger aufrechterhalten. Stattdessen wird auf die kostengünstigere Gewaltstrategie, den Terrorismus, umgeschwenkt. Es werden nun verstärkt Zivilisten angegriffen, was wiederum Rückwirkungen auf Kohäsion und L egitimität der substaatlichen Organisation hat, worauf im Abschnitt „Metamorphosen von Gewaltakteuren“ noch genauer eingegangen werden wird. Außerdem wird vielmehr auf psychische Effekte der Gewaltausübung gesetzt, und die Abkehr vom Ziel der Gebietseroberung und -kontrollierung erfolgt zu Gunsten von Angst- und Panikverbreitung. Der zweite Ausweichmechanismus besteht darin, die primäre Fokussierung der Gewaltausübung auf den Konflikt mit den staatlichen Sicherheitskräften beizubehalten und stattdessen alternative Finanzierungsquellen zu erschließen. Existiert im Ausland eine starke, organisierte Diaspora, die der Rebellenbewegung gegenüber wohlwollend eingestellt ist, so können bereits durch sie wichtige Unterstützungsleistungen für den bewaffneten Kampf mobilisiert werden. Abgesehen davon, dass schon die Mobilisierung dieser Diaspora-Gelder nicht unbedingt auf legale Weise zu Stande gekommen sein muss, stellt auch die direkte Involvierung der Insurgenten in die organisierte Kriminalität eine wichtige alternative Finanzierungsquelle dar. Die Nähe von Rebellenbewegungen zur Kriminalität ist allein schon durch den hohen Bedarf an Waffen, den ein Krieg gegen den militärisch überlegenen Staat erfordert, evident. Es liegt nahe, zur Waffenbeschaffung auf Strukturen der organisierten
9 Die Ausrichtung vieler älterer Rebellenbewegungen an der Etablierung einer faireren Verteilung des nationalen Wohlstands erklärt die Affinität jener Gruppen zum sozialistischen Gesellschaftsmodell.
10 Ein Großteil der Rebellenbewegungen weitet den völkerrechtlichen Kombattantenbegriff auf alle Vertreter des staatlichen Machtapparates aus. Rebellenbewegungen attackieren also zumeist auch z.B. Polizeikräfte. Vgl. dazu Schneckener, Ulrich, Netzwerke des Terrors, S.13.
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Pierre Dombrowski, 2005, Metamorphosen der UCK im Kontext asymmetrischer Kriegsführung, München, GRIN Verlag GmbH
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