Gliederung
1. Einleitung: Mangel an nachdenklichen Gesprächen im Alltagsleben (S 3 )
2. Begriffsklärung (S 3 ff )
2.1. Philosophie (S 3 f )
2.2. Kindheit (S 4 f )
3. Entwicklung der Kinderphilosophie (S 5 f )
4. Die gesprächsorientierte Theoriefamilie nach Helmut Schreier (S 6 ff )
4.1. Begründung (S 6 ff )
4.2 Gesprächs-Stunden als Ergänzung des gewöhnlichen Unterrichtsbetriebs (S 8 ff )
5. Formen des Gesprächs (S 10 ff )
5.1. Geschichten mit offenem Ausgang (S 10 f )
5.2. Gegenstände des Unterrichts durch Nachdenken vertiefen (S 12 )
6. Das Zwiegespräch als Alternative (S 13 ff )
6.1. Begründung (S 13 f )
6.2. Umsetzung in die Praxis (S 14 f )
7. Schlussbemerkung: Formen, die über das Gespräch hinausgehen (S 15 )
8. Literaturverzeichnis (S 16 )
9. Internetquellen (S 17 )
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1. Einleitung: Mangel an nachdenklichen Gesprächen im Alltagsleben
Die Einführung des Unterrichtsfaches „Philosophie“ in einigen Bundesländern zeugt davon, dass dem Projekt „Philosophieren mit Kindern“ in den letzten Jahren auf der Seite des Schulwesens immer mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Doch was hat es eigentlich damit auf sich?
Jeder, der sich mit Kindern beschäftigt, kann von einer Fülle an Situationen berichten, in denen sie sich durch bohrende Warum-Fragen Antwort auf einen beliebigen, für sie rätselhaften Sachverhalt erhofften. Doch nur selten wird dieser Wissensdurst ernst genommen und die Erwachsenen lassen sich auf ein Gespräch ein, welches die Kinder zum Nach- und Weiterdenken anregt. Vielmehr wird das Interesse der Kinder häufig als lästig abgetan, ihr Potential wird unterschätzt oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.
Ausgangspunkt hierfür ist zum Teil die vorherrschende Meinung, eine Diskussion über Fragestellungen dieser Art übersteige in ihrer Abstraktheit und Komplexität die geistigen Fähigkeiten der Kinder. Auf der anderen Seite hinterließen die Forderungen Rousseaus nach einem natürlich aufwachsenden Kind in den Köpfen einiger Pädagogen und deren Befürwortern ihre Spuren. Sie befürchten, dass die Kinder eines Teiles ihrer Kindheit beraubt werden, indem man sie zu früh mit der rationalistischen Erwachsenenwelt konfrontiert. Nicht unerwähnt bleiben darf die Tatsache, dass es einem Großteil der Erwachsenen schlicht und ergreifend an Gesprächskompetenz und -bereitschaft fehlt. Das von Talkshows überfüllte Fernsehprogramm beispielsweise bringt zum Ausdruck, dass viele Menschen unfähig sind, ihre Probleme im vertrauten Umfeld zu besprechen und verdeutlicht zudem das niedrige Niveau, auf welchem zahlreiche Gespräche ablaufen. 1
Die Legitimationsbasis für das „Philosophieren mit Kindern“, die Voraussetzungen, die dabei erfüllt werden müssen, doch besonders die Bereicherung, die man erfährt, wenn man sich darauf einlässt, werden im Folgenden anhand der gesprächsorientierten Methode nach Helmut Schreier veranschaulicht.
2. Begriffs klärung
2.1. Philosophie
Bevor man sich in der Tiefe mit dem „Philosophieren mit Kindern“ befasst, ist es unerlässlich, die Merkmale der Philosophie herauszuarbeiten.
Der Begriff der Philosophie findet seinen Ursprung im Griechischen; er lässt sich als „Liebe zur Weisheit“ übersetzen, da er aus einer Verschmelzung der Wörter „philos“ („Freund“) und „sophia“ („Weisheit“) resultiert.
1 Vgl. Müller, Hans-Joachim. In: Schreier 1999, S.23 f.
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Obwohl viele verschiedene Ansätze existieren, kann die ständige Suche nach neuen Erkenntnissen als das Wesen der Philosophie aufgefasst werden; Philosophen müssen trotz vorhandener tradierter Antworten den Mut haben, ständig zu hinterfragen, zu zweifeln und weiterzuforschen. Als weiteres essentielles Merkmal der Philosophie ist zu nennen, dass grundsätzliche, weder im Alltag noch in der Wissenschaft thematisierte Fragen, aufgegriffen und zu erläutern beabsichtigt werden. Die Philosophie stützt sich auf das Denken, welches in der Gattung Mensch begründet liegt: Der Mensch ist nicht dem Reiz-Reaktionsschema unterworfen, sondern besitzt als einziges Lebewesen die Freiheit, über sich und die Welt nachzusinnen. Demzufolge gelten das Staunen und das Reflexionsvermögen, welche angeborene Phänomene zu sein scheinen, als Antrieb des Philosophierens.
Chronologisch betrachtet lässt sich folgender Wandel des Verständnisses von Philosophie festhalten: Im antiken Griechenland galt die Philosophie als Mutterwissenschaft, als das Bestreben, das Sein in seiner Gänze zu erklären. Dementsprechend wurde ein Mensch, der sich um die Erkenntnis der Welt bemühte und sich beispielsweise mit den Sternen oder den Pflanzen beschäftigte, mit der Bezeichnung Philosoph betitelt. Im Gegensatz dazu entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte die Einzelwissenschaften mit ihrem speziellen Inhalt und ihrer bestimmten Methode. Auch die Philosophie untersucht einzelne Teile des Seins, doch nur insofern, als sie Grundsätzliches darüber auszusagen oder die Beziehung des Teils zum Ganzen zu erläutern beabsichtigt; die detaillierte Untersuchung überlässt sie der jeweiligen Wissenschaft.
Seit der Aufklärung definiert sich die Philosophie vor allem über die vier Hauptfragen Immanuel Kants: „Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch?“ 2
2.2. Kindheit
Um das Feld „Philosophieren mit Kindern“ näher zu betrachten, soll im Folgenden die Geschichte der Kindheit im Überblick dargestellt und der Begriff Kind präzisiert werden, da dieser oft nur ungenau verwendet wird.
In der Agrargesellschaft, die auf den Zeitraum zwischen 10000 v. Chr. bis 1850 n. Chr. festgesetzt wird, galten Kinder als ungesittete Äffchen, an denen man sich erfreuen konnte , die Vergnügen bereiteten. Man spielte mit ihnen wie mit einem Tier ; dementsprechend waren die Investitionen in die Erziehung gering, der ökonomische Nutzen von Kindern dagegen groß, da diese bereits ab dem Alter von fünf Jahren in die Arbeit eingebunden und somit als Erwachsene wahrgenommen wurden. Erst im 19. Jahrhundert, als die Geburtenrate durch die Fortschritte im medizinischen Bereich allmählich abnahm, wurde die Kindheit zu einer gesellschaftlich stark beachteten Lebensphase; die Schulpflicht wurde eingeführt, die Investitionen in die Erziehung stiegen und die Beziehung zu den Kindern wurde intimisiert, während Kommerzialisierung und Pädagogisierung den Standard bei der
2 Vgl. Wikipedia 2005, S.1 ff.
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Mehrheit der Bevölkerung insgesamt anhoben. 3 Ebenfalls in der Industriegesellschaft gewann die heute übliche Einteilung in Altersklassen- bis zum 18. Lebensjahr gilt man als Kind, nach der Volljährigkeit als Erwachsener- an Bedeutung.
Da d iese Sichtweise jedoch impliziert, dass Kinder den Erwachsenen im Hinblick auf ihre Denkfähigkeiten sowie ihre sprachlic he Artikulation unterlegen und folglich offensichtlich vom philosophischen Diskurs auszuschließen sind, wendet sich die Kinderphilosophie entschieden dagegen. In der heutigen postindustriellen Gesellschaft nehmen die pädagogischen Anforderungen an die Erziehung ständig zu- oft auch bis zur Überforderung der Eltern. Der in der Industriegesellschaft praktizierte Befehlshaushalt wird allmählich vom Verhandlungshaushalt abgelöst, nicht mehr Regeltreue und Disziplin, sondern Selbständigkeit und Kreativität sind neben Einsicht und sinnvolle r Regelinterpretation oberste Erziehungsziele; dem Eigensinn der Kinder wird insgesamt mehr Raum gegeben. 4
Stephan Englhart grenzt in seinem Werk „Modelle und Perspektiven der Kinderphilosophie“ das Kleinkind- und Jugendalter von der Kindheit ab. Kleinkinder seien noch nicht zur Philosophie fähig, da der Austausch von Fragen und Argumenten beim Philosophieren an die Sprache gebunden ist, die sie ja nur mangelhaft beherrschen. Charakteristisch für die Kindheits-Phase, die er ab dem 3./4. Lebensjahr bis zum Beginn der Pubertät im 10./11. Lebensjahr datiert, seien hingegen das Staunen über Alltagsphänomene, genauso wie ganzheitliches Denken und grundlegende Denkfähigkeiten. 5
3. Entwicklung der Kinderphilosophie
Unter diesem Blickwinkel betrachtet, scheint es folgerichtig, mit dem Philosophieren bereits in der Kindheit zu beginnen.
Die Kinder, denen ein hohes Maß an Naivität, Phantasie und Neugierde innewohnt, zeigen Interesse an Dingen, die für uns Erwachsene längst zur Selbstverständlichkeit, zur Gewohnheit geworden sind. Die Kindheit ist von Unsicherheiten gegenüber der Welt geprägt, man orientiert sich an den Erklärungen der Erwachsenen, obwohl man „doch nic ht vollständig von der Geltung (…) dieser Deutungen überzeugt“ 6 ist. Die Aussage, ,,Kinder besitzen oft eine Genialität, die im Erwachsenwerden verloren geht“ 7 bringt zum Ausdruck, dass dieses Gefühl von Unsicherheit mit zunehmendem Alter verschwindet und man ein zuversichtliches Leben unter dem Deckmantel von „oberflächlicher Sicherheit“ 8 zu führen beginnt.
Ebenso wie ein Mathematiker die Rechenübungen in der Grundschule als Bestandteil der Mathematik betrachtet, muss das Philosophieren mit Kindern als gleichberechtigtes Element des gesamten
3 Vgl. Ariès 1975, S.209 ff.
4 Vgl. Du Bois-Reymond, Manuela. In: Behnken/Jaumann 1995, S.146 ff.
5 Vgl. Englhart 1997, S.17
6 Schreier 1999, S.12
7 Jaspers 1994, S.11
8 Schreier 1999, S.12
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Quote paper:
Susanne Kolberg, 2005, Philosophieren mit Kindern, Munich, GRIN Publishing GmbH
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