Vorwort
Vorwort
Die vorliegende Diplomarbeit entstand in kooperativer Zusammenarbeit mit engagierten Menschen aus Initiativen und Institutionen des Projektraumes Frankfurt/Main, die den Gedanken des gemeinschaftlichen Wohnens unterstützen. Durch persönliche Gespräche und hilfreiche Impulsgebung aller Beteiligten eröffnete sich mir ein Informationspotenzial, das ausschlaggebend für die umfangreiche Bearbeitung dieser Thematik war.
Deshalb gilt - neben allen anderen Kooperationspartnern - folgenden Initiativen besonderer Dank: anders leben - anders wohnen e.V. Generationsübergreifende Hausgemeinschaft Kontakt: 06109/376396 Frau Rütten Preungesheimer Ameisen Generationsübergreifende Hausgemeinschaft Kontakt: 069/545210 Frau Hanka W.i.R. - Gemeinschaftliches Wohnen Kontakt: 06081/16839 Frau Anhalt SenSe e.V.
Gemeinschaftshäuser für das 3. Lebensalter Kontakt: 069/462175 Frau Mansky Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen Kontakt: 069/5603939 Herr Tost www.gemeinschaftliches-wohnen.de Anlaufbüro Seniorengruppen Caritasverband Frankfurt e.V. Kontakt: 069/959669-21/-31 Frau Zanier und Herr Hütter www.caritas-frankfurt.de
1
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Einleitung 5
1. Wohnen im Alter
7
1.1 Bedeutung des Wohnens
7
1.1.1 Psychosoziale Bedeutungskomponente 9
1.2 Wohnformen im Alter - Ein Überblick
10
1.2.1 Neue gemeinschaftliche Wohnformen 12
2. Ein Defizitbestand
der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren
15
2.1 Gesellschafts- und familienstruktureller Wandel
15
2.2 Soziale Isolation und Einsamkeit
18
2.2.1 Psychosoziale Folgen 21
2.3 Wohnzufriedenheit- der bauliche Aspekt
22
3. Gemeinschaftliches Wohnen und Leben
im Alter als neue Bedarfslage
25
3.1 Attribute dieser Lebens- und Wohnform
25
3.1.1 Selbstbestimmung 26
3.1.2 Unterstützung 28
3.1.3 Soziales Beziehungsnetzwerk 29
3.1.3.1 Psychosoziale Aspekte 31
3.1.3.2 Der generationsübergreifende Aspekt 33
3.1.4 Einflussnahme der Biografie 35
3.1.5 Der bauliche Aspekt 36
2
Inhaltsverzeichnis
4. Zwischenbilanz
39
5. Selbstorganisierte Hausgemeinschaften -
Projektbeispiele aus Frankfurt/Main
41
5.1 Definitionsmerkmale der Wohnform
41
5.2 Entwicklungsstand in Deutschland
42
5.3 Entwicklungsstand im Ausland
43
5.4 Projektbeispiele aus Frankfurt/Main
44
5.4.1 Bestandsaufnahme ausgewählter Projekte 45
5.4.2 Hürden und Hilfen der Projektentwicklung 52
5.4.2.1 Zugangsmöglichkeiten zu der Wohnform 54
5.4.2.2 Zusammenarbeit mit Institutionen 57
5.4.2.2.1 Bedeutung professioneller
Projektbegleitung 60
5.4.2.3 Bedeutung der Rechtsform 62
5.4.2.4 Finanzierungsaspekte 63
5.4.3 Leben und Wohnen in der Hausgemeinschaft 65
5.4.3.1 Beweggründe für das Leben
in gemeinschaftlicher Wohnform 66
5.4.3.2 Vorurteile und Ängste 67
5.4.3.3 Regeln und Zuständigkeiten 68
5.4.3.4 Positive Aspekte des Zusammenlebens 68
5.4.3.5 Negative Aspekte des Zusammenlebens
69
oder : Die Schwierigkeiten der Gruppendynamik
5.4.3.6 Pflegebedürftigkeit - Möglichkeiten und Grenzen 71
5.4.3.7 Lebens- und Wohnzufriedenheit 72
3
Inhaltsverzeichnis
6. Schlussfolgerungen
74
6.1 Handlungsbedarf
74
6.1.1 Ausbau der Informations- und Beratungsnetzwerke
74
oder : Aufklärungsarbeit auf verschiedenen Ebenen
6.1.2 Verfahrenshürden abbauen
75
oder : Kooperationsbereitschaft fördern
6.1.3 Professionelle Begleitung und Unterstützung
77
oder : Stärkung der Selbsthilfepotenziale
6.2 Zukunftsperspektive
79
7. Fazit
81
Literaturverzeichnis
83
Abk ürzungsverzeichnis
86
Anhang
87
I Interviewleitfaden 87
II Zeitungsartikel 92
4
Einleitung
Einleitung
Wohnbedürfnisse im Alter haben angesichts der wachsenden Anzahl von älteren Menschen in der deutschen Gesamtbevölkerung immer mehr an Bedeutung zugenommen. Dabei geht es nicht nur um die baulichen Aspekte des Wohnens, sondern auch verstärkt um die Lebensbedarfslagen von Seniorinnen und
Senioren 1 . Leben und Wohnen sind Begriffe, die gerade im Zusammenhang mit dem Alter sehr nahe verknüpft werden.
„Alltag im Alter heißt vor allem Wohnalltag“ (Saup 1993, S. 18). Somit ist der räumlich - soziale Kontext von älteren Menschen zunehmend auf die Wohnung bzw. das Haus, die Nachbarschaft und das Wohnviertel konzentriert. Darüber hinaus schmälern gesellschaftsstrukturierte Individualisierungs-und
Pluralisierungsprozesse den sozialen Einfluss der Familie auf den alten Menschen. Problematiken der Isolation und Singularisierung im Alter können dadurch begünstigt werden. Vor diesem Hintergrund sehen sich besonders die sogenannten „jungen Alten“ animiert, ihre Lebens- und Wohnbedarfslage den gesellschaftlichen Strukturelementen anzupassen, um ein Defizit an Wohn- und Lebenszufriedenheit zu kompensieren, so dass sich u.a. unterschiedliche Formen des gemeinschaftlichen Wohnens bilden.
Auf der Basis von einschlägiger Literatur und fokussierend auf selbstorganisierten Hausgemeinschaften im Projektraum Frankfurt/Main untersucht die vorliegende
Diplomarbeit, ob diese Form von Empowerment 2 eine tragfähige und zukunftsweisende Antwort auf defizitäre Lebens- und Wohnbedarfslagen von Senioren ist.
Der erste Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Erörterung von Bedeutungsschwerpunkten des Wohnens im Alter und einer aktuellen Übersicht bestehender Wohnformen mit teilweiser Beschreibung von
Wohnkontextbedingungen. Der zweite Schwerpunkt wird gleichzeitig mit dem zweiten Kapitel eingeleitet und konzentriert sich auf einen vorhandenen Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren. Die daraus
Einleitung
resultierende neue Bedarfslage des gemeinschaftlichen Wohnens wird im dritten Kapitel behandelt, worauf, nach der Zwischenbilanz im fünften Kapitel eine potenzielle Bestätigung anhand einer Projektraumerkundung in Frankfurt/Main erfolgt, die auch einen Blick auf den allgemeinen Entwicklungsstand in Deutschland und im Ausland wirft. Der dritte Schwerpunkt befasst sich im sechsten Kapitel mit Schlussfolgerungen, die einen zukunftsorientierten Handlungsbedarf implizieren. Das siebte Kapitel beinhaltet ein abschließendes Fazit, das zusammenfassend auf die Kernaussagen dieser Arbeit eingeht und zu einer Beantwortung der zentralen Fragestellung führt.
6
1. Wohnen im Alter
1. Wohnen im Alter
Die Bedeutungskomponente des Wohnens nimmt im Alter an Intensität zu. Bevor diese These konkretisiert wird, möchte ich die demografische Entwicklung der Bevölkerungsalterung darstellen und gleichzeitig auf den damit einhergehenden quantitativ-gesellschaftlichen Einfluss aufmerksam machen. „Alter wird selbst zur stärkeren Determinante gesellschaftlicher Entwicklung“ (Tews, Hrsg. Reimann, 1994, S. 39) und steht somit zwischen Auf- und Abwertungen individueller und gesellschaftlicher Kontexte (vgl. a.a.O., S. 40-41). In Zukunft werden die ca. 3 Millionen Hochaltrigen (über 80 - Jährige) in fünf Jahren um 500.000 anwachsen. Im Jahr 2020 wird es ca. 5 Millionen und im Jahr 2050 fast 8 Millionen Hochaltrige geben. Allerdings bildet die Gruppe der „jungen Alten“ zwischen 65 und 80 Jahren die Mehrheit älterer Menschen, mit einer Zahl von gegenwärtig ca. 10 Millionen, die im Jahr 2030 auf ca. 15 Millionen ansteigen wird (vgl. Kremer-Preiß/Stolarz, 2003, S. 3). Dem gegenüber steht eine kontinuierliche Abnahme der Anzahl jüngerer Bevölkerungsgruppen unter 40 Jahren, die von heute ca. 41 Millionen bis zum Jahr 2020 auf ca. 33 Millionen und bis zum Jahr 2050 auf ca. 27 Millionen sinken werden. Somit geht die quantitativ „nicht alte“ Bevölkerungsgruppe (0 - 65 Jahre) bis zum Jahr 2050 um ca. 18,7 Millionen zurück, wohingegen die ältere Bevölkerung (65 +) um ca. 6,4 Millionen Menschen zunimmt (vgl. Kremer-Preiß/Stolarz, 2003, S. 6 und 210). In Anbetracht der demografischen Entwicklung und auch unter Berücksichtigung zunehmender Lebenserwartung der Bevölkerung sowie dem damit einhergehenden Pflegebedarf erscheint mir das Bemühen der
Gemeinweseninitiativen und Institutionen in der vielfältigen Entwicklung gegenwärtiger Wohnformen als Indikator für die Bedeutsamkeit des Wohnens im Alter.
1.1 Bedeutung des Wohnens im Alter
Nach Saup (1993, S. 9) ist der menschliche Alltag in räumlich-soziale Kontexte „eingebettet“. Dadurch suchen wir tagtäglich räumlich-soziale Umfelder auf, die
7
1. Wohnen im Alter
in unterschiedlicher Beziehung zu uns stehen. Ein Hochschulstudium indiziert z.B. das Aufsuchen einer Bibliothek oder eines Hörsaals, und ein Freizeitverhalten gibt u.U. den Anlass einen Theater- oder Kinosaal aufzusuchen. Die Vielfalt der von Menschen beanspruchten räumlich - sozialen Kontexte hängt allerdings auch von der jeweiligen physischen und psychischen Konstitution einer Person ab. Eine eingeschränkte Hör- und Sehfähigkeit könnte somit eine Disharmonie in der Beziehung von „Verhaltensorganisation“ und „Umweltmerkmalen“ verursachen, so dass die zunehmende Relevanz des Wohnens im Alter für die selbstständige Lebensweise und das individuelle Wohlbefinden deutlich wird (vgl. Saup, 1993, S. 12). Gerade für ältere Menschen „gewinnt der Wohnbereich zunehmend an Bedeutung, da sich die Aktionsräume (…) einengen und die Umweltbezüge schrumpfen“ (Backes/Clemens, 1998, S. 208). Der Aktionsradius bezieht sich im höheren Alter überwiegend auf die Wohnung oder das Haus und die unmittelbare Nachbarschaft. Diese beschränkten Umweltbezüge stehen im „Mittelpunkt der alltagsweltlichen Lebenserfahrungen“ (Backes/Clemens, 1998, S. 210) und unterstreichen die Wichtigkeit des Wohnens als Zentrum des - verringertenräumlich-sozialen Umfeldes. Schließlich übernimmt die Wohnung oder das Haus von Senioren verstärkt die Funktion einer Begegnungsstätte für familiäre und soziale Kontaktpflege, und nicht zuletzt wird die eigene Wohnung bzw. der eigene Haushalt „von vielen Menschen als Ausdruck eigener Kompetenz - und zwar im Sinne der erhaltenen Selbstverantwortung und Selbstständigkeit -
verstanden“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 3 , 1998, S. 20).
Die Bedeutungsdimension des Wohnens im Alter lässt sich auch an der im Wohnumfeld quantitativ verbrachten Zeit erkennen. Demnach schreiben Backes und Clemens (1998, S. 209, zit. n. Saup/Reichert, 1997, S. 7), dass „Ältere, die nicht mehr erwerbsfähig sind, täglich im Durchschnitt weniger als drei Stunden außerhalb der Wohnung verbringen.“
Die zunehmende Identifikation mit der eigenen Wohnung und dem näheren Wohnumfeld hat ihre Ursache in der eingeschränkten psychischen und physischen Mobilität von älteren Menschen. Die Vielfalt an Umweltmerkmalen, wie z.B. eine verkehrsbelebte Straße, können eine Wahrnehmungsüberforderung für ältere
1. Wohnen im Alter
Menschen bedeuten und somit eine beängstigende Wirkung haben. Die veränderte Bewegungs- und Leistungsfähigkeit wäre zwar durch bauliche Veränderung des Wohnbereichs und gute infrastrukturelle Begebenheiten maßgeblich zu kompensieren, dennoch ist herausragend zu erwähnen, dass der Bezug auf das Wohnen und der damit verbundene räumlich-soziale Kontext, im Alter sensibilisiert wird und zu einer hohen Bedeutung beiträgt. „Alltag im Alter heißt vor allem Wohnalltag“ (Saup, 1993, S. 18).
1.1.1 Psychosoziale Bedeutungskomponente
Die philosophische Anthropologie 4 misst dem Wohnen existentielle Bedeutung für das menschliche Dasein bei. „Die Wohnung oder das Haus werden als Mitte der Welt charakterisiert“ (Saup, 1993, S. 91). Unabhängig von der Altersgruppe, findet im persönlichen Wohnbereich psychische und physische Regeneration sowie soziale Kontaktpflege statt. Saup (vgl. 1993, S. 92 ff.) formulierte darüber hinaus psychologische Bedeutungskomponenten, die seniorenspezifisch ausgelegt sind:
• „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Diese Redewendung
verdeutlicht eine Verwurzelung und ein tiefes Geborgenheitsgefühl bezüglich der jeweiligen Wohnumgebung.
• Die teilweise jahrzehntelange Verweildauer in der selben Wohnung
bedeutet eine Kontinuität der Lebensumstände. Diese steht im Kontrast zu
1. Wohnen im Alter
Prozessen des sozialen und gesellschaftlichen Wandels und der eigenen psychischen und körperlichen Leistungskapazität. • Der Wohnraum älterer Menschen weist verstärkt biographische Konturen
auf und wird zum sichtbaren Porträt zurückliegender Lebensphasen. Meines Erachtens signalisiert dieses Verhalten einen zufriedenen und positiven Lebensrückblick. Allerdings besteht auch die Gefahr gegenwärtige Lebensinhalte zu ignorieren und nur noch im Idealbild der Vergangenheit zu leben.
• Der individuelle Rückzugsbereich im Wohnumfeld und das „zur Ruhe
kommen“ ermöglichen „das Nachdenken über das eigene Leben“ (Saup, 1993, S. 93). In anbetracht des Alters wird eine Lebensbilanz gezogen, die im Verhältnis der zurückliegenden Jahre und der eigenen (verwirklichten) Lebenspläne steht.
• Nicht zuletzt stellt das vertraute Wohnumfeld den gewünschten Ort des
Lebensendes dar, auch wenn dies heutzutage häufig in Institutionen wie Krankenhäuser, Sterbekliniken usw. stattfindet.
1.2 Wohnformen im Alter - Ein Überblick
Das Wohnangebot für Senioren hat sich in den letzten Jahren vielfältig ausgeweitet. Somit wurde ein breites Spektrum an Wohnmöglichkeiten entwickelt, das eine individuelle Bedarfslage abdecken könnte. Dennoch steht das Wohnen im Alter „im Spannungsfeld zwischen der Bewahrung eines selbstgewählten Lebensstils und den Anforderungen an eine optimale Versorgung“ (Howe, Band 3, 1991, S. 95). Die meisten älteren Menschen möchten ein selbstbestimmendes Leben führen und das am liebsten in ihren „normalen“ Privatwohnungen, so lange es die gesundheitliche Bedürfnislage zulässt.
Der zweite Altenbericht des BFSFJ (vgl. 1998, S. 94) verweist auf eine Statistik, die diese These quantitativ unterstützt. Demnach wohnen 93% der über 65
10
1. Wohnen im Alter
Jährigen Menschen in „normalen Wohnungen“ und 5,3% in herkömmlichen Heimen. Allerdings hat sich in naher Vergangenheit die Vielfalt der Wohnmöglichkeiten von Senioren vermehrt und in unterschiedliche Wohnbedarfslagen spezifiziert. Darüber hinaus ist der Denkansatz von Kremer-Preiß und Stolarz (2003, S. 10) zu beachten, der folgendes aussagt: „Wenn die ältere Generation einen immer größeren Anteil der Gesellschaft ausmacht, müssen sich immer weiter ausdifferenzierte Wohn- und Versorgungsformen nicht weiter an den Rand der Gesellschaft, sondern in deren Mitte bewegen.“ Die beiden Autoren (a.a.O.) weisen ebenfalls daraufhin, dass die „normalen Wohnungen und Wohnquartiere als auch ein sich weiter ausdifferenzierendes Angebot spezieller selbstständiger Wohnformen neben ihren präventiven Charakter in zunehmenden Maße Angebote entwickeln müssen, die den Verbleib auch bei Pflegebedürftigkeit ermöglichen“ (vgl. Kapitel 5.4.3.6).
Oftmals wird das Wohnen im Alter mit Alten- und Pflegeheimen assoziiert, obwohl, wie schon erwähnt, nur 5,3% der älteren und hochaltrigen Menschen in solchen Einrichtungen leben. Um einen Überblick des Spektrums an Wohnmöglichkeiten für Senioren zu erhalten, möchte ich im Folgenden die verschiedenen Wohnkontexte, zitiert nach Kremer-Preiß und Stolarz (2003, S. 20), nach Entscheidungssituationen der Betroffenen geordnet, aufführen. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die Benennung der Wohnformen, da eine
ausführliche Erläuterung über den Rahmen dieser Arbeit hinaus geht. 5 • So lange wie möglich zu Hause bleiben
• Wohnsituation selbst verändern
11
1. Wohnen im Alter
• Wohnsituation verändern, weil es nicht mehr anders geht
1.2.1 Neue gemeinschaftliche Wohnformen
In diesem Kapitelabschnitt möchte ich gesondert auf neue gemeinschaftliche Wohnformen im Alter zu schreiben kommen, da mir dieser Überblick im Themenbezug dieser Arbeit wichtig erscheint. Auch hier bediene ich mich der Typologisierung von Kremer-Preiß und Stolarz (2003, S. 20), die erneut nach Entscheidungssituationen gegliedert ist. Dabei geht es nicht nur um den unterschiedlichen Bedarf an Betreuungs- und Pflegeleistungen, die in allen drei Grundtypen möglich ist, sondern um Rücksichtnahme auf individuelle und situationsbedingte Wohnwünsche, die eine Orientierung für die Betroffenen in ihrer jeweiligen Entscheidungssituation darstellt. • So lange wie möglich zu Hause bleiben
12
1. Wohnen im Alter
• Wohnsituation selbst verändern
• Wohnsituation verändern, weil es nicht mehr anders geht
13
1. Wohnen im Alter
Trotz der Vielfalt neuer Wohnangebote und das wachsende Interesse an alternativen Wohnformen, sieht die quantitative Entwicklung bis jetzt verhältnismäßig gering aus. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 200.000 bis 250.000 ältere Menschen in diesen neuen Wohnformen leben. Das entspricht knapp 2% der 65 + Jährigen (vgl. Kremer-Preiß/Stolarz, 2003, S. 24). Dennoch bleibt es abzuwarten und zu beobachten, welche Wohnformen sich aus dieser Vielfalt etablieren oder ob gerade das breite Spektrum an Wohnangeboten der Individualisierung gegenwärtiger und zukünftiger älterer Menschen entgegen kommt. Unabhängig von dem Formenreichtum neuer Wohnmöglichkeiten manifestieren sich drei Grundziele heraus, die alle Wohninitiativen gemeinsam haben. „Sie wollen
• ein selbstständiges, selbstbestimmtes normales Wohnen • mit Aspekten der Sicherheit und Verfügbarkeit von Hilfe bei Bedarf • und mit gemeinschaftlichen Lebensformen verbinden“
(Kremer-Preiß/Stolarz, 2003, S. 24).
14
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von
Senioren
In diesem Kapitel möchte ich auf einen Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren hinweisen. Im Blickfeld des gemeinschaftlichen Wohnens im Alter sind Entwicklungsfaktoren einer Defizitlage von älteren Menschen in einem gesellschafts- und familienstrukturellen Wandel zu sehen. Darüber hinaus untersuche ich anhand einschlägiger Literatur den Bestand von sozialer Isolation und Einsamkeit im Alter als Determinante für die Entstehung (selbstorganisierter) gemeinschaftlicher Wohnformen sowie die allgemeine Wohnzufriedenheit von Senioren unter Rücksichtnahme baulicher Aspekte. Der auf diesem Kapitel folgende Themenkomplex der „neuen Bedarfslage“ von Senioren und eine zusammenfassende „Zwischenbilanz“ im vierten Kapitel schließt den zweiten Schwerpunkt dieser Arbeit ab.
2.1 Gesellschafts- und familienstruktureller Wandel
„Altern in unserer Gesellschaft ist am markantesten durch gesellschaftlichstrukturellen Wandel beeinflusst“ (Naegele/Tews, 1993, S. 15). Zunächst stellen sich mir die Fragen:
Wie ist der gesellschafts- und familienstrukturelle Wandel entstanden und was beinhaltet er ?
Darauf beziehend schreibt Tews (Naegele/Tews, 1993, S. 20), dass „die Anteile Älterer an der Gesamtbevölkerung steigen, weil die nachwachsenden Generationen kleiner werden (sinkende Geburtenraten, verändertes generatives Verhalten). Die Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen sind somit auf Veränderungen bei den Alten und bei den Jungen zurückzuführen.“ Eine höhere Lebenserwartung und eine geringere Geburtenrate der heutigen Bevölkerung scheinen Triebfedern des gesellschafts- und familienstrukturellen Wandels zu sein, wobei die Quelle dieses Umbruchs laut Liß/Lübbert (vgl. 1993, S. 33 - 34) in der Industrialisierung zu finden ist. Seit dieser Zeit entstand eine Trennung von Haushalt und Arbeitsstätte und damit auch von Arbeitsproduktion und Familie,
15
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren
wie es oft im bäuerlichen Arbeitsfeld üblich war. Abhängigkeiten von wirtschaftlichen Institutionen „abseits des Hauses“ gestalteten das Zusammenleben zwischen den Generationen schwierig, da sie auch familiäre Funktionsverluste mit sich brachten. Eine ausführliche Ursachenermittlung des gesellschafts-familiären
Strukturwandels liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, so dass ich weiter auf genauere Inhalte dieser strukturellen Veränderung eingehen möchte. Der Begriff „Individualisierung“ taucht immer wieder in gesellschaftsspezifischer Literatur auf und ist nach Böhnisch (1997, S. 25) „als Konsequenz beschleunigter ökonomischer und sozialer Arbeitsteilung“ zu verstehen. Des Weiteren schreibt er von der „Funktion des Modernisierungsprozesses und meint sowohl den Prozess der Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen- und Bindungen im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge, den Verlust traditioneller Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen, als auch die Suche nach einer neuen Art der sozialen Einbindung“ (Böhnisch, 1997, S. 25, zit. n. Beck, 1986, S. 206). In dieser Prozessbeschreibung der „Individualisierung“ von Beck sehe ich eine direkte Verbindung zu den gegenwärtigen Initiationen von neuen (gemeinschaftlichen) Wohnformen im Alter. Eine „neue Art der sozialen Einbindung“, die „Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen- und Bindungen“, etc. (vgl. Böhnisch, a.a.O.) sind Definitionselemente der Individualisierung, die von engagierten Senioren und der professionellen Altenarbeit aufgegriffen und umgesetzt werden. Somit bedeutet die Individualisierung und die Pluralisierung von älteren Menschen, dass Defizitbestände kompensiert werden „wollen“, die im Laufe des gesellschaftlichen Strukturwandels entstanden sind und erkannt wurden. Gerade die Generation der „jungen Alten“ (50 bis 80-Jährige) macht sich diese Prozesserscheinungen zueigen, wie am Beispiel von selbstinitiierten gemeinschaftlichen Wohnprojekten zu erkennen ist. Die Sicht auf eine familienstrukturelle Vielfalt und Dynamik in unserer Gesellschaft wirft bei mir die Überlegungen auf, ob sich ältere Menschen durch diese Auswirkungen der Individualisierung bzw. Pluralisierung in defizitäre Lebens- und Wohnlagen gedrängt fühlen und deshalb Eigeninitiative aus Kompensationsgründen ergreifen oder ob sie einvernehmlich mit den
16
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren
gesellschafts- und familienstrukturellen Tendenzen ihr Bestreben nach familienunabhängigem (gemeinschaftlichem) Wohnen „ausleben“. Anders
gefragt: Geht die Abnahme von Mehrgenerationshaushalten von Senioren aus
oder isoliert sich die Kernfamilie 9 von den übrigen Familienmitgliedern? Die Hypothese der bewusst inszenierten Isolation der Kernfamilien ist meiner Meinung nach nicht als allgemeingültig zu betrachten. Vielmehr ist der Grund in „der hohen gesellschaftlichen Anforderung an Mobilität und Leistungsfähigkeit“ (Grünendahl, 2001, S. 27, zit. n. Parsons, 1964) auch von Berufswegen zu suchen, so dass die These entsteht, „keinen Platz für soziale Interaktion mit älteren Generationen“ (Grünendahl, 2001, S. 27) zu finden. Andererseits schreibt Grünendahl (a.a.O.) weiter, dass ältere Menschen auch ein „starkes Autonomiestreben (…) in der Beibehaltung eines eigenen Haushalts“ besitzen. In diesem Zusammenhang werden oft Formulierungen wie „innere Nähe bei äußerer Distanz“ (Grünendahl, 2001, S. 27, zit. n. Tartler, 1961) sowie „Intimität auf Abstand“ (a.a.O., zit. n. Rosenmayr/Köckeis, 1965) zitiert. Um den Themenbezug dieser Arbeit einzukreisen halte ich es für interessant und notwendig, die Intention von Senioren zu erörtern, die hinter dem Bestreben des gemeinschaftlichen Wohnens, unabhängig von der Familie, steht. Handelt es sich dabei um eine Rückbesinnung oder Sehnsucht nach dem Mehrpersonen- bzw. Mehrgenerationen - HAUShalt, ohne allerdings dabei den Autonomiegedanken zu verwerfen? Es hat für mich den Anschein, dass der gesellschaftsstrukturelle Wandel eine Mischkultur aus alten und neuen Werten des Zusammenlebens- und Wohnens entstehen lässt. Der Gemeinschaftssinn unserer gegenwärtigen Gesellschaft ist nach wie vor vorhanden, jedoch mehr aus emotionalen und weniger aus wirtschaftlichen Zusammenhängen. Die Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft lassen immer seltener eine befriedigende
Gemeinschaftlichkeit im (groß-) familiären Rahmen zu, so dass sich aus diesem Entwicklungsstandpunkt alternative Wohn- und Lebensformen, wie z.B. selbstorganisierte Hausgemeinschaften entwickeln, die in der Dimension des gesellschafts- und familienstrukturellen Wandels eine neu-angepasste Bedürfnislage von Senioren erfüllen sollen (vgl. Kapitel 3).
17
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren
2.2 Soziale Isolation und Einsamkeit
Im Folgenden möchte ich soziale Isolation und Einsamkeit im Alter als Elemente eines Defizitbestandes von Senioren untersuchen. Nach vorangegangener, themenbezogener Auseinandersetzung auf gesellschafts- und familienstruktureller Ebene obliegt dieses Kapitel der Darlegung eines konkreten Strukturelementes, das mir im Zusammenhang, in der Ermittlung einer Defizitkompensation durch gemeinschaftliche Wohnprojekte wichtig erscheint.
Soziale Isolation, Einsamkeit oder auch Singularisierung sind Begrifflichkeiten, die differenziert voneinander zu behandeln sind. Somit kann objektiv eine Isolierung durch eingeschränkte soziale Beziehungen bestehen, allerdings muss sie subjektiv nicht als solche (negativ) wahrgenommen werden. Das verweist auf den Unterschied von Quantität und Qualität von sozialen Kontakten. Neben der Bedeutung ist aber zunächst einmal die Definition von sozialer Isolation und Einsamkeit zu erörtern. So schreibt Geuß (Hrsg. Howe, 1990, Band 2, S. 27), dass soziale Isolierung dann gegeben ist, „wenn die Sozialkontakte eines Menschen von diesem als nicht hinreichend erlebt werden und wenn dieses Erleben mit negativen Gefühlen verbunden ist, wenn er also darunter leidet.“ Diese von Geuß formulierte Definition der sozialen Isolation wird im selben Zusammenhang von Künzel-Schön (2000, S. 91) als „Einsamkeit“ bezeichnet. Genauer gesagt spricht sie von dem „subjektiven Gefühl, mit weniger Menschen Kontakt zu haben, als man möchte.“ Weiter greift sie aber auch den Begriff der „Isolation“ auf, der für sie eine objektive Sicht auf eine Person mit quantitativ wenigen Sozialkontakten darstellt. Frau Künzel-Schön (vgl. 2000, S. 91-92) geht sogar mit der Begriffsdifferenzierung noch einen Schritt weiter, indem sie zwischen „sozialer Isolation“ mit wenigen Kontakten zu der umgebenen Gemeinschaft, Nachbarschaft und Freunden und der „emotionalen Isolation“ mit dem Fehlen von mindestens einer gefühlsverbundenen Person (Mitmensch), unterscheidet.
Neben der Begriffsdefinition ist die Bedeutung von Isolation im Alter differenziert zu betrachten. „Nicht alle, die nur in sehr eingeschränktem Maße Sozialkontakte haben fühlen sich deshalb auch schon einsam; umgekehrt garantieren zahlreiche Kontakte nicht unbedingt Zufriedenheit“ (Geuß, Hrsg.
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Herr Oliver Zerbin, 2005, Gemeinschaftliches Wohnen im Alter - Selbstorganisierte Hausgemeinschaften als Antwort auf defizitäre Lebens- und Wohnbedarfslagen von Senioren?, München, GRIN Verlag GmbH
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