Inhalt
1. EINLEITUNG 3
2. ENTSTEHUNG DES RIAS 4
3. PROGRAMM FÜR DEN OSTEN
3.1 Die neue Zielgruppe in der Sowjetzone 7
3.2 Technische Reichweite und Störsender 8
3.3 Aktionen des MfS 9
3.4 Beiträge für Ost-Berlin und die DDR 10
4. HÖRERREAKTIONEN
4.1 Probleme auf dem Postweg 13
4.2 Das Rätsel mit der Quotenmessung 14
4.3 Radio als Hoffnung und Seelsorger
4.3.1 „Die Zone hat das Wort“ 15
4.3.2 RIAS-„Treffpunkt“ 16
4.3.3 Rückblicke nach Grenzöffnung 17
5. RESÜMEE 22
L ITERATURVERZEICHNIS
Anhang
1 Schreiben an den Magistrat von Berlin
2 Anti-RIAS-Plakat
3 Übersichtskarte: Reichweite der RIAS-Mittelwelle für das Gebiet
der DDR
4 Kontaktanzeigen aus Zuschriften an den RIAS
1. Einleitung
Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann die amerikanische Besatzungsmacht im Jahre 1946 im Westteil Berlins einen Radiosender aufzubauen. Der zunächst noch über Draht, bald schon jedoch über Mittelwelle ausgestrahlte „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ - kurz: „RIAS“ - wurde innerhalb kürzester Zeit zum beliebtesten Informations- und Unterhaltungsmedium der vom Krieg schwer geschädigten Stadt.
„Rundfunk im amerikanischen Sektor“ - Der Name weist sehr deutlich auf den besonderen Status der Stadt zu dieser Zeit hin. Die Aufteilung Berlins in Sektoren bedeutete auch eine Aufteilung in „Informations-Sektoren“. Nachdem die russische Administration im Ostteil der Stadt mit der Übernahme des ehemaligen BERLINER RUNDFUNKs und seiner bestehenden Infrastruktur bereits Fakten geschaffen hatte, zogen die Amerikaner in Westberlin schnell nach und entwickelten einen Sender, der nicht nur im amerikanischen Sektor, sondern auch in Ostberlin bald eine enorm große Hörerschaft an den Rundfunkgeräten versammeln sollte. Mit großem technischem Aufwand und einem speziell auf die Bedürfnisse der Hörer in der sowjetischen Besatzungszone ausgerichteten Programm wurden die Bevölkerung im Osten Berlins und später auch die Menschen in der ganzen DDR gezielt angesprochen.
Die Hörfunkprogramme des RIAS waren dort bis zum Ende der DDR eine der wenigen Quellen für Informationen aus der Bundesrepublik Deutschland und der westlichen Welt.
3
In dieser Arbeit möchte ich zeigen, dass die Sendungen des RIAS innerhalb ihres Sendegebietes die wichtigste unabhängige Informationsquelle für die Hörer in der DDR gewesen sind. Die Signifikanz des Themas sehe ich darin, dass der Sender bedeutende Auswirkungen auf den Alltag sehr vieler Menschen in Berlin und Ostdeutschland hatte und damit letztendlich nicht nur die deutsche Trennungsgeschichte dokumentiert, sondern diese selbst auch aktiv beeinflusst hat.
Ich möchte darstellen, welche konkreten Versuche der RIAS unternommen hat, um die Hörer in der Sowjetzone zu erreichen, wie einzelne Hörer auf das die deutsche Trennung immer wieder thematisierende Programm reagiert haben und mit welchen Maßnahmen die DDR-Führung gegen die Verbreitung des RIAS vorging. Zur Geschichte des RIAS findet sich umfangreiches Material in Form von Dokumentationen, Vorstellungen bedeutender Sendungen, Zeitungsartikeln,
biographischen Texten und natürlich Hörerpost. Dies alles nutze ich in dieser Arbeit, wobei Herbert Kundlers Buch „RIAS BERLIN - Eine Radiostation in einer geteilten Stadt“ sowie Hörerpost, die in der Zeit der deutschen Wiedervereinigung beim RIAS einging, als wesentliche Grundlage für meine Recherche dienen.
2. Entstehung des RIAS
Nachdem die Generäle und Führungsstäbe des sowjetischen Militärs am 2. Mai 1945 das im britischen Sektor gelegene unzerstörte „Haus des Rundfunks“ in der Masurenallee sowie die im französischen Sektor in Berlin-Tegel installierten Sendeanlagen besetzen ließen, begann am 4. Mai des gleichen Jahres, wenige Tage vor der endgültigen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, ein zunächst einstündiges Programm des BERLINER RUNDFUNKs. Eine Woche danach bot der nun von der Sowjetadministration kontrollierte Sender ein Vollprogramm an, welches auf der Mittelwellenfrequenz des
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ehemaligen NS-Reichsrundfunks in ganz Berlin und Umgebung zu hören war. 1
Dem wollten die Amerikaner nicht nachstehen, jedoch fehlte es im amerikanischen Sektor an jeglicher Infrastruktur. Daher wies das US-Hauptquartier am 21.11.1945 den damaligen Berliner Magistrat an, zunächst den Drahtfunk zu reaktivieren. 2 Wurde dieser zu
Kriegszeiten noch für die Übermittlung von Luftlagemeldungen genutzt, so sollten jetzt Rundfunksendungen über das Telefonnetz verbreitet werden. Der „DIAS“ wurde gegründet - der „Drahtfunk im amerikanischen Sektor“. 3
Der neue Sender war zunächst direkt der Information Control Services Control Section des US-Hauptquartiers und ab 1.9.1949 dem High Commissioner for Germany “HICOG” unterstellt.
Ab 1965 wurden dann alle HICOG-Dienststellen von der US-Botschaft kontrolliert, womit das Washingtoner State Department zur obersten Instanz über den RIAS wurde. Die Amerikaner Edmund Schechter, der erste Leiter des Senders, und Carl H. Ostertag überwachten das Programm im Auftrag des US-Nachrichten-Kontrollamtes. Den überwiegenden Teil der knapp 90 Mitarbeiter bei Sendestart bildeten jedoch Deutsche, so auch die Programmleitung unter Intendant Dr. Franz Wallner-Basté. 4
Die Sendezentrale im Post-Fernmeldeamt in der Winterfeldtstraße war ein reines Provisorium. Es gab zunächst keine Studios. Sämtliche Technik und Tonträger stammten aus US-Armee-Beständen sowie aus Restbeständen der ehemaligen
Reichsrundfunkgesellschaft und Wehrmacht. 5
Am 7. Februar 1946 um 17 Uhr ging der „DIAS“ erstmals auf Sendung und konnte nach Schätzungen der Post von zunächst ca. 1500 Haushalten empfangen werden. 6 Ab Juni 1946
1 vgl. DERENBURG, MICHAEL, Streifzüge durch vier RIAS-Jahrzehnte. Anfänge und Wandlungen eines Rundfunksenders (Berliner Forum 2/86), Berlin 1986, S. 15
2 vgl. Anhang 1
3 vgl. DERENBURG, S. 5
4 vgl. KUNDLER, HERBERT, RIAS BERLIN. Eine Radio-Station in einer geteilten Stadt, Berlin 1994, S. 43
5 vgl. DERENBURG, S. 8 f.
6 vgl. ebd., S. 6 f.
5
war auch das Telefonnetz des britischen Sektors angeschlossen. 7
Die Umbenennung des Sender in „RIAS“ erfolgte mit der Inbetriebnahme eines ausrangierten US-Army-Truppensenders 8 am 4. September 1946. 9 Von da an konnte das
Programm über Mittelwelle ein weitaus größeres Publikum erreichen und dem kommunistisch eingefärbten BERLINER RUNDFUNK erstmals Konkurrenz machen. Die rasante Geschwindigkeit, mit der die sowjetischen Besatzer ihre Aktivitäten im publizistischen Bereich in der kurzen Zeitspanne von der Kapitulation Berlins bis zur Konstituierung der Berliner Allierten Kommandatur vorantrieben, dürfte der wichtigste Grund für den, laut Herbert Kundler ursprünglich nicht geplanten, amerikanischen Status des RIAS gewesen sein. Der langjährige Programmdirektor und stellvertretende Intendant des Senders war der Ansicht, es seien...
„...keine Anhaltspunkte dafür bekannt geworden, dass die amerikanischen Dienststellen in Berlin oder ihnen übergeordnete Instanzen ernstlich die Absicht gehabt hätten, einen eigenen deutschsprachigen Sender in der Stadt zu etablieren. Wie die ersten Ankündigungen zeigen, sollte die Station nach deutschem Recht als GmbH ins Leben treten und nicht als Einrichtung der US-Regierung und ihrer
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militärischen und zivilen Dienststellen in Deutschland.“
Der erste Berliner Nachkriegsmagistrat lehnte die Firmierung des DIAS als GmbH jedoch ab und bestand auf den amerikanischen Status der Station. Kundler meinte, dass nicht auszuschließen sei, dass...
„...die Befürworter der Beibehaltung der Monopolstellung des BERLINER RUNDFUNKs - wenn sie schon auf Grund der besatzungsrechtlichen Gegebenheiten das Hinzutreten einer zweiten Station nicht abwenden konnten - gerade eine Ersatzlösung solcher Art anstrebten, in der irrigen Erwartung, dass ein ausländischer Status die Akzeptanz der politisch so unerwünschten Konkurrenz von vornherein
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beeinträchtigen würde.“
William Heimlich, von Februar 1948 an Direktor des RIAS, beschrieb den Sender im Tagesspiegel vom 9.2.1949 als eine „freie Stimme für die deutschen Politiker und die deutsche Kunst.“ Er sehe seine Aufgaben weiterhin darin, der Militärregierung zu dienen sowie den Osten zu unterrichten. In jedem Falle sei er jedoch eine deutsche Stimme, und
7 vgl. KUNDLER, S. 15
8 vgl. DERENBURG, S. 12 f.
9 vgl. http://www.oldradioworld.de/rias.htm, 17.1.2002 10 KUNDLER, S. 26 11 ebd.
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besonders eine Stimme Berlins. 12
3. Programm für den Osten
3.1 Die neue Zielgruppe in der Sowjetzone
Noch im Winter 1947/48 gab es keine politische Sendung, welche sich speziell um die Verhältnisse in der sowjetischen Zone und die Belange der dortigen Hörer kümmerte. Auch gesamtdeutsche Fragen wurden bisher wenig thematisiert. Als aber die propagandistischen Angriffe aus Ost-Berlin heftiger wurden, erteilte US-Gouverneur Clay dem RIAS die Genehmigung, Vorgänge in der Sowjetzone zu kritisieren und falsche Behauptungen kommunistischer Medien richtigzustellen. 13
Die Versorgung Ostberlins und möglichst großen Teilen der späteren DDR mit unverzerrten Informationen wurde zur wichtigsten Aufgabe des Senders. Während der Blockade Berlins kam es oft zu Stromsperren, weshalb der RIAS zu regelmäßigen Tageszeiten an festgelegten zentralen Plätzen der Stadt Nachrichten von mobilen Lautsprecherwagen aus verkündete. Die starke Frequentierung dieser öffentlichen Nachrichtensendungen zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Informationen gerade zu dieser Zeit war und welche mediale Bedeutung der RIAS bereits 1948 und 1949 hatte. 14
12 vgl. , Coca-Cola, Jazz und AFN. Berlin und die Amerikaner, Berlin 1995, S. 110
13 Start der „Operation Back Talk“ am 12.2.1948, vgl. DERENBURG, S. 19 f.
14 vgl. ebd., S. 27
7
3.2 Technische Reichweite und Störsender
Ab November 1948 verfügte RIAS über eine weitere 20-kW-Mittelwelle in Hof, welche am 2.4.1950 auf 40 kW verstärkt wurde, sowie über einen 70-kW-Kurzwellensender in München. In Berlin-Britz wurden am 20.7.1949 ein neuer 100 kW-Sender sowie kurz darauf auch ein UKW-Sender in Betrieb genommen. Eine zweite Mittelwellenfrequenz für Berlin ermöglichte ab 11.10.1953 die Ausstrahlung eines zusätzlichen Programmes für Sondersendungen wie z.B. Debatten des Deutschen Bundestages.
Auf diese Weise konnte bereits Anfang der 50er Jahre fast die gesamte Sowjetzone 15 mit dem Programm versorgt werden. 16
Die DDR veranlasste daraufhin Gegenmaßnahmen in Form der Einrichtung von Störsendern, welche ebenfalls bereits vom Beginn der 50er Jahre bis zum Inkrafttreten des Genfer Mittel- und Langwellenplanes im November 1978 17 eingesetzt wurden. Sie waren teilweise auf Lastwagen und teilweise in sogenannten „Komplexdienststellen“ zusammen mit anderen UKW- und TV-Sendern untergebracht und verhinderten mittels eines Störsignals den RIAS-Empfang auf Mittelwelle in vielen Gegenden der DDR. Der Ausbau des Störsendernetzes, dessen Standorte strengster Geheimhaltung unterlagen, wurde nach dem überraschenden Besuch von mehr als 14.000 18 FDJ-Mitgliedern beim
RIAS im Rahmen der „Weltjugendfestspiele“ 1951 in Berlin enorm vorangetrieben. Herbert Kundler geht von insgesamt mindestens 60 Störsendern aus, die in der DDR im Einsatz waren. 19
15 vgl. Anhang 3
16 vgl. KUNDLER, S. 171
17 beschlossen auf der Internationalen Rundfunkkonferenz in Genf am 21.11.1975, regelte für zunächst elf Jahre die Zuweisungen für 10.000 Lang- und Mittelwellensender in Europa, Afrika, Asien und Ozeanien, vgl. http://members.aon.at/wabweb/radio/frequenz.htm und http://www.asamnet.de/~bienerhj/0549-BY.html, beide: 26.2.2002
18 vgl. DERENBURG, S. 37
19 vgl. KUNDLER., S. 176 f.
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Arbeit zitieren:
B.A. Mario Müller, 2002, Die Bedeutung des RIAS Berlin für die Bewohner Ost-Berlins und der DDR - Eine Analyse anhand von Sendungen und Aktionen des RIAS sowie Reaktionen von Hörern aus dem Sendegebiet, München, GRIN Verlag GmbH
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