Gliederung:
1. Problemstellung
2. Kommunikation im Interview
2.1 SàR oder SàPàR Modell?
2.1.1 SàR Modell
2.1.2 SàPàR Modell
2.2 Grad der Gemeinsamkeit
2.3 weitere kommunikationstheoretische Ansätze
3. Reaktivität im Interview
3.1 Interviewstil: weich, neutral, hart?
3.1.1 Der weiche Stil
3.1.2 Der harte Stil
3.1.3 Der neutrale Stil
3.2 Soziale Erwünschtheit
3.3 Zustimmungstendenz
3.4 Merkmale des Interviewers
3.5 Merkmale des Befragten
3.6 weitere Formen der Reaktivität
4. Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
Anhang
2
1. Problemstellung
Das Interview ist die häufigste angewandte Methode zur Gewinnung von Informationen. 1 Dies ist jedoch schon der kleinste gemeinsame Nenner, den alle Sozialwissenschaftler vertreten. Aus den Überlegungen über das „richtige“ Interview hat sich eine Vielzahl von Darstellungen, Techniken und Stilen des Interviews herausgebildet. Grund dieser Diversifikationen ist - auch indirektder Umgang mit dem Problem des Interviews als sozialer Beziehung. Wie jede Art der Kommunikation birgt auch das Interview einige Fehlerquellen, so daß der Forscher nicht zu der Information kommen könnte, die er eigentlich haben möchte. Zwar ähnelt die Interviewsituation einem Alltagsgespräch, 2 bleibt aber nie frei von einer gewissen Künstlichkeit. Diese ist gekennzeichnet durch: 1.Frager und Befragter sind sich einander fremd, 3 2. es handelt sich um eine asymmetrische, dyadische Beziehung 4 und 3. Äußerungen des Befragten bleiben folgenlos, was dem Befragten aber nicht bewußt sein muss. 5
zu 1: Trotz der Fremdheit übernehmen beide Personen Rollen, wobei für den Interviewer Rollenvorschriften existieren, die sich z.B. an der Vorgabe orientieren, ob das Interview weich, neutral oder hart durchgeführt werden soll. Für den Befragten gelten diese Rollenvorschriften so nicht, er muss aus seiner Erfahrung eine ähnliche Situation abrufen. Dem Befragten wird lediglich unterstellt, daß er seine Informationen für mitteilenswert hält. zu 2: Die Asymmetrie besteht darin, daß alle Aktivitäten vom Interviewer ausgehen. Der Befragte ist passiv und „nur“ Datenträger; 6 er trägt die Merkmale, die den Forscher interessieren und die der Interviewer abfragen soll. zu 3: Äußerungen in der Öffentlichkeit oder auch im Privatleben können für das einzelne Individuum Folgen haben (Ehepartner, Freunde, Arbeitgeber, Polizei etc.), im Interview hingegen bleiben Äußerungen folgenlos. Trotz
1 siehe J. Reinecke: Interviewer- und Befragtenverhalten. Theoretische Ansätze und methodische Konzepte, Opladen, 1991, S. 11.
2 siehe A. Scholl: Die Befragung als Kommunikationssituation. Zur Reaktivität im Forschungsinterview, Opladen, 1993, S. 13.
3 siehe H. Kromrey: Empirische Sozialforschung, 4. Aufl., Opladen, 1990, S. 198.
4 siehe ebda., S. 198f.
5 siehe ebda., S. 199.
6 siehe auch A. Scholl, a.a.O., S. 13.
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Zusicherung von Anonymität kann dies bei Fragestellungen mit schwierigem Inhalt zu nicht gewünschten Äußerungen, sprich Artefakten kommen.
Unter einem Artefakt wird eine durch das Messinstrument eingeschränkte oder provozierte Meinungsäußerung verstanden. 7 Artefakte entstehen immer dann, wenn der Befragte mit der Befragungssituation nicht umgehen kann, sei es aufgrund der inhaltlichen Fragestellung oder aufgrund der Befragungssituation. Eine ähnliche Definition gibt Scholl für die Reaktivität: „Der Begriff der Reaktivität besagt, dass das Forschungsobjekt aufgrund der Anwesenheit des Forschers (in diesem Fall des Interviewers als sein Stellvertreter) anders reagiert, als es bei dessen Abwesenheit reagiert hätte oder als es in sonstigen sozialen Interaktionen reagieren würde.“ 8
Egal ob Artefakte oder Reaktivität - im Englischen „response sets“ genannt -, beide können zu falschen Interpretationen des Interviews durch den Forscher führen. Grundlegend ist hierbei auch die Annahme, dass der Befragte in einem Interview nie lügt. 9
Die Forschung spaltet sich in verschiedene Richtungen, Methoden, Ansätze auf. Im folgenden sollen die beiden grundlegenden kommunikationstheoretischen Ansätze - das SàR und das SàPàR Modellerläutert werden. Nahezu alle Ansätze in der Literatur lassen sich dem einen oder andern zuordnen. 10 Darüber hinaus kann man daraus die wichtigsten Reaktivitäten und Artefakte ableiten. Diese müssen in jedem Forschungsprozess, welcher das Interview als Methode nutzen will, bedacht werden, wenn man zu validen Ergebnissen kommen will. Die wichtigsten Reaktivitäten und Ansätze sollen hier erläutert werden.
7 P. Atteslander: Methode der empirischen Sozialforschung, Berlin, 2000, S. 128.
8 A. Scholl, a.a.O., S. 14.
9 siehe P. Atteslander, a.a.O., S. 121.
10 vgl. P. Atteslander, a.a.O., S. 118.
4
2. Kommunikation im Interview
Um die Fehlervariablen zu minimieren, gibt es mehrere Ansätze, welche Herangehensweise die richtige ist. Wie gesagt lassen sich nach Atteslander alle Überlegungen im Endeffekt auf zwei Grundhaltungen zurückführen: entweder geht man von dem SàR oder von dem SàPàR Modell aus. 11 Dabei steht S für Stimulus, P für Person und R für Response oder Reaktion. Der Stimulus wird vom Interviewer ausgelöst und repräsentiert hierbei jede einzelne Frage.
Die Reaktion ist die Beantwortung der Frage und stellt somit das zu bewertende Ergebnis für den Forscher dar.
Ein weitere Ansatz ist die Frage nach dem Grad der Übereinstimmung der Kommunikation zwischen Interviewer und Befragten, welcher in 2.2 behandelt werden soll. Abschließend soll in 2.3 ein weiteres Modell eines möglichen Kommunikationsablaufes dargestellt werden.
2.1 SàR oder SàPàR Modell?
2.1.1 SàR Modell
Anhänger dieser Sichtweise gehen davon aus, daß es einen zwingenden Zusammenhang zwischen dem gegebenen Stimulus S - also der Frage - und der Reaktion R gibt. 12 Der Mensch als Träger der Information wird sozusagen als „black box“ betrachtet. Es interessieren hierbei die internen Verarbeitungsvorgänge im Menschen nicht. Demzufolge legen jene Autoren auch großen Wert auf die Kontrolle des Stimulus. 13 Die Forschung konzentriert sich auf den Interviewer und Gestaltung der Fragen und des Fragebogens. Die extremste Ausgestaltung der Anhänger liegt darin, daß noch nicht einmal der Interviewer geschult, sondern der Fragebogen perfekt sein muss: „Nicht der Interviewer, der Fragebogen muss schlau sein.“ 14
11 vgl. P. Atteslander, a.a.O., S. 118.
12 siehe ebda., S. 118.
13 siehe ebda., S. 118.
14 siehe ebda., S. 118.
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Arbeit zitieren:
Jan Oswald, 2002, Das Interview als soziale Beziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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