Demosthenes ’ Kampf gegen Philipp
Inhalt
Einleitung 1
Karriere 1
Untersch ätzung Philipps 2
Erste Philippika 3
Olynth -Krise 4
Philokrates -Friede 7
Wachsende Spannungen 10
Chaironeia 14
Fazit 14
Quellen 16
Literatur 17
Einleitung
Demosthenes tritt als der bedeutendste Redner seiner Zeit und als Hauptgegner Philipps II. von Makedonien hervor. Die „Philippiken“, seine Reden gegen Philipp, sind zum Synonym für aggressive Kampfreden schlechthin geworden. 1 Diese Arbeit soll darstellen, wie Demosthenes versuchte, Philipp zu bekämpfen und Athens Position gegenüber dem makedonischen König zu behaupten. Dies geschieht weitgehend chronologisch anhand seiner wichtigsten politischen Reden. Zu Anfang wird kurz auf Herkunft und Prägung eingegangen.
Die Quellenlage ist im Vergleich zu anderen Personen der Zeit günstig. Zahlreiche Reden sind erhalten, ebenso Äußerungen von Zeitgenossen und zeitnahen Autoren über Demosthenes. Vorsicht ist allerdings wegen der Subjektivität der zeitgenössischen Quellen geboten, besonders in den Reden des Demosthenes und seiner politischen Gegner. Außerdem gelten mehrere der überlieferten Reden als nicht authentisch. 2 Nicht sicher ist zudem, wie stark die Texte von den tatsächlich gehaltenen Reden abweichen. 3
Vor allem ist umstritten, wie Demosthenes’ Politik letztlich zu beurteilen ist. Ob ehrenhafter Freiheitskämpfer oder Verantwortlicher für den Niedergang Athens - unterschiedliche Betonungen treten schon in den Literaturtiteln hervor. 4 Mit wechselnder Zu- oder Abneigung wurde Demosthenes im Laufe der Geschichte immer wieder für Vergleiche mit aktuellen politischen Konstellationen herangezogen. In Deutschland etwa wurde er während der Kriege gegen Napoleon zum Vorbild im Freiheitskampf erklärt 5 , dann vor dem Hintergrund der Reichsgründung bis nach dem Ende des Kaiserreiches als Verhinderer einer nationalen Einigung und Vertreter einer zerstrittenen Advokatenrepublik hingestellt 6 .
1 So nennt Cicero seine Reden gegen Marcus Antonius „orationes Philippicae“ und stellt sich damit in die Tradition des Demosthenes. Vgl. auch Lehmann, Demosthenes, S. 26.
2 Vgl. dazu Montgomery, Chaeronea, S. 39 f.
3 Vgl. Montgomery, Chaeronea, S. 40.
4 Lehmann etwa gibt seiner Biographie den Untertitel „Ein Leben für die Freiheit“, Sealey seinem Buch „Demosthenes and His Time“ den Zusatz „A Study in Defeat“.
5 Lehmann, Demosthenes, S. 222.
6 Lehmann, Demosthenes, S. 224.
1
Karriere
Demosthenes wurde 384 v. Chr. in Athen geboren. 7 Sein Vater starb früh und hinterließ ein reiches Erbe, das von Vormündern betreut wurde. 8 Diese veruntreuten jedoch große Teile. 9 Eine Beschwerde darüber konnte nur er selbst, und zwar erst mit 18 Jahren vor Gericht bringen, so dass weder Demosthenes’ Mutter noch Verwandte etwas ausrichten konnten. 10 Möglicherweise war diese Perspektive für ihn ein entscheidender Grund, sich auf eine Karriere als Redner einzurichten 11 und von einem Rhetoriklehrer ausbilden zu lassen 12 . Mit vollem juristischen (aber geringem finanziellen) Erfolg prozessierte Demosthenes schließlich gegen die Vormünder. 13 Die Prozesse trugen wohl dazu bei, dass Demosthenes „Züge verbissener Zähigkeit und Härte“, ein „waches Misstrauen“ aber auch einen „regen Geschäftssinn“ 14 entwickelte. Man kann hier eine Prägung als Kämpfernatur und eine Grundlage für die oft kompromisslose bis aggressive Politik vermuten, die er später gegenüber Philipp vertrat. Möglicherweise haben sich auch in seiner Ephebenzeit ein Patriotismus für Athen und eine besondere Identifikation mit der Polis herausgebildet oder verstärkt 15 , die dann später gegen Athens Hauptgegner Philipp zum Ausbruch kamen.
Mit bereits früh beträchtlicher Erfahrung vor Gericht 16 wurde Demosthenes dann Logograph. 17 Der Beruf war gewissermaßen ein natürlicher Einstieg in das politische Tagesgeschehen: So wurden Vorwürfe der Verfassungsuntreue gegen Redner und Strategen vor Gericht ausgetragen. 18 Bald war Demosthenes an solchen Prozessen beteiligt und konnte sich als Kenner der Athener Politik einen Namen machen. 19
7 Damit war er gewissermaßen Altersgenosse von Philipp, der 383 geboren wurde.
8 Plutarch Demosthenes 4.
9 Ebd.
10 Vgl. Lehmann, Demosthenes, S. 32 f.
11 Lehmann, Demosthenes, S. 33, beschreibt einen hohen Erwartungsdruck vor allem seitens der Mutter, deren ganze Hoffnungen auf seine Prozessfähigkeit gerichtet gewesen seien. Plutarch, Demosthenes 5, nennt als größten Ansporn, dass Demosthenes eine Verhandlung vor Gericht gesehen und das Auftreten des Redners Kallistratos bewundert habe.
12 Vgl. Plutarch Demosthenes 5 und Lehmann, Demosthenes, S. 45.
13 Vgl. Plutarch Demosthenes 6.
14 Lehmann, Demosthenes, S. 47. Einige Handicaps beim Reden wie Atemnot und undeutliche Aussprache (Plutarch Demosthenes 6) soll er mit Übungen kuriert haben, die den Eindruck verbissener Härte stützen, etwa Reden beim Berganlaufen, mit Steinen im Mund oder in einem unterirdischen Raum (Plutarch Demosthenes
7, 11).
15 So schildert Lehmann, Demosthenes, S. 35-39, die Wirkung dieser Wehrdienstzeit.
16 Vgl. Plutarch Demosthenes 6.
17 Vgl. Lehmann, Demosthenes, S. 50 f.
18 Vgl. Montgomery, Chaeronea, S. 31.
19 Vgl. Montgomery, Chaeronea, S. 37.
2
Unterschätzung Philipps
In den frühen politischen Reden spielt eine mögliche Bedrohung durch Philipp noch keine große Rolle, obwohl dieser bereits 357 v. Chr. mit den Athenern um Amphipolis in Konflikt geriet. Eine erste Erwähnung der zwischenzeitlichen Vorstöße Philipps findet sich zwei Jahre darauf in der Rede gegen Leptines 20 . Hier wie in den unmittelbar folgenden Reden steht das Thema jedoch noch nicht im Mittelpunkt, bei Demosthenes ist keine große Beunruhigung darüber zu erkennen. 21 Damit dürfte er eine in Athen damals weit verbreitete Einschätzung geteilt haben. 22
Ein Wandel deutet sich 352 v. Chr. in der Rede gegen Aristokrates an: Philipp habe als Athens heftigster Gegner zu gelten. 23 Demosthenes erwähnt Philipps Interventionen in Thessalien. Es sei allerdings unwahrscheinlich, dass Philipp dort dauerhaft seinen Einfluss halten könne 24 . Hintergrund für diesen Optimismus 25 ist vielleicht, dass kurz zuvor die Athener durch Militärpräsenz an den Thermopylen Philipp von einem weiteren Vormarsch nach Süden abhalten konnten.
Erste Philippika
Im weiteren Verlauf des Jahres 352 v. Chr. stieß Philipp nach Thrakien vor. Dies gab in Athen Anlass zu der Befürchtung, er könne weiter in Richtung Chersones vorrücken und die für Athen lebenswichtige Getreideversorgung durch die Meerengen bedrohen. 26 Philipp musste die Offensive allerdings wegen Krankheit abbrechen, was man in Athen wohl nicht ungern zum Anlass nahm, eine zunächst geplante Intervention zu unterlassen. 27 Demosthenes hielt jedoch offenbar nicht nur weiterhin die Chersones, sondern auch die Thermopylen und Olynth für bedroht. 28
Mit seiner Ersten Philippika trat Demosthenes 341 v. Chr. vor die Volksversammlung - erstmals ohne die Redebeiträge erfahrener Kollegen abzuwarten 29 , was auf die Dringlichkeit
20 Demosthenes (LCL) XX 63.
21 In seiner ersten Rede vor der Volksversammlung, Über die Symmorien (XIV), zählt Demosthenes Philipp nicht unter Athens Feinden auf. In der Rede für die Megalopolitaner (XVI) erwähnt er ihn gar nicht.
22 Vgl. Ryder, Demosthenes and Philip, S. 46 ; Will, Propaganda, S. 55; Lehmann, Demosthenes, S. 75.
23 Demosthenes (LCL) XXIII 121.
24 Demosthenes (LCL) XXIII 111 ff.
25 Vgl. Lehmann, Demosthenes, S. 85. Nach Ryder, Demosthenes and Philip, S. 50, ist allerdings zu bedenken, dass es sich um eine Auftragsrede handelt, die nicht Demosthenes’ Ansicht wiedergeben muss.
26 Vgl. Ryder, Demosthenes and Philip, S. 49; Lehmann, Demosthenes, S. 86; nach Witte, Patrios Politeia, S. 109, war er den meisten Athenern zu weit entfernt, um sich bedroht zu fühlen.
27 Vgl. Wirth, Philipp, S. 54.
28 Demosthenes IV 17.
29 Demosthenes IV 1.
3
seines Anliegens hindeutet. Die Rede enthält Tadel und zugleich Ermutigung 30 an die Adresse der Athener, andererseits präzise Vorschläge, was nach Demosthenes’ Ansicht in der gegenwärtigen Lage zu tun sei.
Ersteres ist typisch für Demosthenes’ Vorgehen in seinen Reden gegen Philipp. Er tadelt die Untätigkeit der Athener, die es versäumten, sich um die eigenen Interessen zu kümmern 31 und erst dadurch Philipps Erfolge ermöglichten 32 . Die Bürger müssten zudem bereit sein, sich persönlich an Interventionen zu beteiligen, statt die Wahrnehmung ihrer Interessen in die Hände von Söldnern zu legen. 33 Er kritisiert, dass bei den Athenern offenbar die Veranstaltung von Festen Vorrang habe vor dringlichen militärischen Aufgaben. 34 Für eine pflichtbewusstere Politik führt er Beispiele aus einer ruhmreicheren Vergangenheit an. 35 Im zweiten Teil der Rede präzisiert Demosthenes, was die Athener tun sollen: Er fordert die Schaffung zweierlei Truppen, um Philipp zu begegnen: eine ständig einsatzbereite mobile Eingreiftruppe, um schnell auf Krisen reagieren zu können 36 , und eine kleinere Offensiveinheit, um Philipp in dessen eigenem Herrschaftsbereich mit Nadelstichen zu bedrängen 37 . In der Versammlung brachte die Rede für Demosthenes keinen Erfolg. Für ihn als Redner und Politiker kann man sie aber wohl als Weichenstellung ansehen: In Philipp hat Demosthenes das Thema gefunden, das bald seine politische Tätigkeit dominiert. Insgesamt zeigt die Rede allerdings bei aller Ernsthaftigkeit der geschilderten Lage, dass Demosthenes für Athen noch alle Möglichkeiten offen sieht. Die makedonische Bedrohung ist relativ optimistisch gezeichnet. 38
30 Demosthenes IV 2: „Erstens nun dürft ihr, Männer von Athen, in der gegenwärtigen Lage nicht resignieren, auch nicht, wenn sie überaus schlecht aussieht.“
31 Demosthenes IV 2 sagt, dass „die Lage schlecht ist, weil ihr nichts von euren Pflichten erfüllt“; IV 3 erwähnt die „Übergriffe Philipps, durch die wir außer Fassung gebracht werden, weil wir uns um nichts, was notwendig ist, kümmern“; IV 10: „Wann also, Männer von Athen, wann werdet ihr das, was notwendig ist, tun? Was muss denn erst geschehen?“
32 Demosthenes IV 11: „[...] Philipp ist nicht so sehr durch seine Stärke als durch unsere Gleichgültigkeit zu solcher Macht herangewachsen“.
33 Demosthenes IV 24-27.
34 Demosthenes IV 35 f.
35 Demosthenes IV 3: „Weiter müsst ihr daran denken [...], welche große Macht vor noch nicht allzu langer Zeit die Lakedaimonier besaßen und wie großartig und eurer Pflicht entsprechend ihr nichts, was die Ehre der Stadt verletzen konnte, getan habt, sondern wie ihr für die Verteidigung des Rechtes den Krieg gegen jene auf euch genommen habt.“ Nach Harding, Rhetoric, S. 34, ist der Wahrheitsgehalt solcher Beispiele in Reden zweifelhaft. Manchmal hätten Redner sie frei erfunden. Entscheidend sei für die Redner die Wirkung gewesen.
36 Demosthenes IV 16 f.
37 Demosthenes IV 19-22.
38 Vgl. Will, Propaganda, S. 56: Demosthenes halte es noch für möglich, Philipp durch Aufrüstung von weiterem Vordringen abzuschrecken; Sealey, Defeat, S. 133: Die Rede zeige nicht den Ernst der späteren Philippiken.
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Jan Braunschweig, 2005, Demosthenes' Kampf gegen Philipp, München, GRIN Verlag GmbH
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