Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Voraussetzungen für Minnas Spiel
2.1 Eine erste Charakterisierung Tellheims 3
2.2 Wiederbegegnung der Verlobten und Aufspannen der konträren Positionen 4
3. Beginn und vorläufiges Ergebnis des Intrigenspiels
3.1 Verlauf der Intrige 5
3.2 Scheinbare Wirkung des Spiels auf den Major Tellheim 7
4. Lösung des Konflikts durch einen deus ex machina 8
5. Die andere und eigentliche Funktion des Stücks und des Intrigenspiels
5.1 Die verzögerte Exposition 10
5.2 Täuschung des Zuschauers als Ziel des Stücks 11
5.3 Tatsächliche Wirkung und Funktion von Minnas Spiel 15
5.4 Funktion und Ziel des Stückes 19
6. Abschlussbetrachtung 21
7. Literaturverzeichnis 22
1
1. Einleitung
Lessings Lustspiel Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück (in fünf Akten) erschien erstmals 1767 und gilt noch heute als eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Komödien. Mit der Titelbemerkung „verfertiget im Jahre 1763“ 1 datiert er das Stück auf das Ende des Siebenjährigen Kriegs zurück und deutet gleichzeitig den hohen Realitätsgehalt an. Zahlreiche persönliche Erlebnisse verarbeitet er in diesem Werk. 2 Lessing hatte nämlich als Sekretär des Generals von Tauentzien in Breslau genaue Kenntnisse über die Kriegszustände, die finanziellen Aspekte des Krieges und die sozialen Probleme, die der Krieg gerade auch in Preußen geschaffen hatte. 3 Obwohl Lessing immer größten Wert auf einen logischen Aufbau und auf Plausibilität der Handlungen in seinen Dramen legte, bereitet die Interpretation dieses Stücks den Rezipienten bis heute erhebliche Probleme. 4 So waren einige der Meinung, dass Minnas Spiel an Tellheim erfolgreich war, andere wiederum behaupteten das Gegenteil. Des Weiteren blieb strittig, wie ernstzunehmend Telheims Ehrgefühl ist und wieso seine Verhaltensmotive so spät aufgedeckt werden. Auch über die Verbindungen zwischen der sächsischen Typenkomödie und Lessings Minna von Barnhelm wurde viel diskutiert. 5 Ein Zitat Goethes scheint das Werk treffend zu definieren: „es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion, von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat“ 6 .
Das Interpretationsproblem soll auch in dieser Hausarbeit angeschnitten werden, dabei soll aber vor allem die Funktion von Minnas Spielen herausgearbeitet werden. Dazu ist es wichtig, zunächst die Voraussetzungen zu erläutern und die Durchführung des Spiels kurz aufzuzeigen. Anschließend wird die scheinbare Wirkung auf den Major Tellheim, die viele Interpreten herausgearbeitet haben, darzustellen sein. Infolgedessen muss dann untersucht werden, ob das Spiel andere Funktionen hat und wie diese in Lessings Werk umgesetzt werden. Zum Ende werden dann die wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und eine abschließende Stellungnahme formuliert.
1 Lessing: Minna von Barnhelm, S.1.
2 Vgl. Brenner: Gotthold Ephraim Lessing, S.110-112.
3 Vgl. Greiner: Die Komödie, S.172.
4 Vgl. Steinmetz: die Schwierigkeit ein Lustspiel zu verstehen, S.136.
5 Vgl. Liewerscheidt: Lustspiel der Leiden, S.24.
6 Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe.Bd.9. München 1981, S.281. „zit. nach: Etsuro: Schrift,
Spiel und Schauspielkunst, S.37.
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Tellheim wird von Beginn an als gradliniger, edler Charakter vorgestellt, für den die Ehre oberster Maßstab ist. Just, der Diener des Majors, bezeichnet seinen Herrn direkt zu Anfang als einen „ehrlichen Mann“ 7 und auch Minna und Werner sprechen nur positiv von ihm. Gleichzeitig wird Tellheim jedoch auch als verabschiedeter Offizier dargestellt, der sich in einer schlechten finanziellen Lage befindet. Da er keinen Pfennig Geld mehr besitzt, muss er sein Zimmer im Gasthof einer scheinbar Fremden überlassen und in ein minderwertigeres umziehen. 8 Aber nur seinem Diener gesteht er: „Ich habe keinen Heller bares Geld mehr; ich weiß auch keines aufzutreiben.“ 9 Vor anderen ist er bemüht, sich dieses nicht anmerken zu lassen; denn er will grundsätzlich keine finanzielle Unterstützung. So weigert er sich, trotz der Aufforderung Justs, auf das Geld zurückzugreifen, dass ihm der Wachtmeister Paul Werner hilfsbereit zur Verfügung gestellt hat. 10 Ebenso will er auch von der Witwe Marloff, die die Schulden ihres Mannes begleichen will, keinen Cent annehmen. Er erkennt voller Mitleid ihre prekäre Situation und erklärt ihr daraufhin, dass Marloff ihm nichts Schuldig geblieben ist. 11 Solchen Edelmut zeigt er auch, als er seinen treuen Diener entlassen will, damit dieser sich eine bessere Anstellung suchen kann. 12 Allerdings scheint Tellheim es auch mit seiner Großzügigkeit und seinem Edelmut zu übertreiben, denn auch die Hilfe seiner besten Freunde lehnt er immer wieder strikt ab. Er will sich von niemandem helfen lassen, vielmehr scheint es so, als wolle er aus einer Position der Stärke anderen Wohltaten erweisen. Dies unterstreicht auch Saße, wenn er sagt:
Es entsteht der Eindruck, Tellheims Großzügigkeit sei nicht Ausdruck des Mitgefühls, das im
Nächsten den Gleichen sieht, dem man sich hilfsbereit zuwendet, sondern Manifestation einer
Standesethik, die in ihrer Generosität zwar anderen hilft, sich selbst aber nicht helfen lassen will. 13
So ist festzuhalten, dass Tellheim als höchst würdiger Charakter erscheint, der allerdings einen großen Fehler aufweist: er kann keine Hilfe von anderen Personen bzw. Freunden
7 Lessing: Minna von Barnhelm, S.6.
8 Vgl. ebd., S.6f.
9 Ebd., S.11.
10 Vgl. ebd., S.11.
11 Vgl. ebd., S.13f.
12 Vgl. ebd., S.15f.
13 Saße: Liebe und Ehe, S.40.
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annehmen. Dieser Fehler wird oftmals als übertriebener Stolz gedeutet. 14 Ob dies wirklich so ist oder ob sein Verhalten einen anderen Ursprung aufweist, wird später noch näher zu beleuchten sein.
2.2 Widerbegegnung der Verlobten und Aufspannen der konträren Positionen
Die Widerbegegnung des Paares beginnt zunächst so, wie man sich das bei zwei Liebenden vorstellt. Mit den Worten „Ah! meine Minna!“ 15 von der einen und entsprechend „Ah! mein Tellheim!“ 16 von der anderen Seite fliehen Tellheim und Minna aufeinander zu. Im ersten Moment vergisst Tellheim überrascht seine „Unehre“ 17 und folgt seinem Herzen. 18 Doch schon im nächsten Augenblick stutzt er, tritt etwas zurück und legt die vertraute Anrede ab 19 : „Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein - das Fräulein von Barnhelm hier zu finden - “ 20 Tellheims spontaner Wunsch nach Zuwendung, der sich sowohl körperlich als auch sprachlich äußert, wird sofort gehemmt, als er sich an sein erlittenes Schicksal erinnert. 21
Im Gegensatz dazu zeigt Minna offen ihre Liebe und ihren Wunsch nach Vertrautheit, als sie allein gelassen werden. Sie geht mit ausgebreiteten Armen auf Tellheim zu und versucht ihn zu verstehen. Doch Tellheim spricht weiterhin ausweichend und ablehnend und ist mit jedem Wort zum Abbruch des Gesprächs bereit. 22 Er bezeichnet sich selbst als „einen Elenden“ 23 , „[einen] an seiner Ehre gekränkten, [einen] Krüppel, [einen] Bettler“ 24 , der der Liebe des Fräuleins von Barnhelm nicht würdig ist. Er will auch das Eheversprechen, das er Minna gegeben hat, nicht mehr einlösen, obwohl er sie immer noch liebt, wie er auf ihr nachhaltiges Fragen eingesteht. Nachdem Minna dieses Liebesgeständnis erleichtert aufgenommen hat, ist sie davon überzeugt, dass Tellheims Probleme sich ganz einfach lösen lassen: 25
Geduld! - Sie lieben mich noch: genug für mich. […] Geschwind kramen Sie ihr Unglück aus. Sie
mag versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt. - Nun? 26
14 Vgl. Michelsen: Verbergung der Kunst, S.209.
15 Lessing: Minna von Barnhelm, S.35.
16 Ebd., S.35.
17 Barner: Lessing, S.263.
18 Vgl. ebd., S.263.
19 Vgl. Lessing: Minna von Barnhelm, S.35.
20 Ebd., S.35.
21 Vgl. Saße: Liebe und Ehe, S.40.
22 Vgl. Lessing: Minna von Barnhelm, S.37-39.
23 Ebd., S.37.
24 Ebd., S.39.
25 Vgl. ebd., S.38f.
26 Lessing: Minna von Barnhelm, S. 38.
4
Dabei verkennt sie aber seine wahren Probleme und kann ihn am Ende nicht mehr daran hindern, sich von ihr loszureißen und wegzulaufen. 27
Minna, die nicht fassen kann, dass Tellheim sie einfach links liegen lässt, versucht im weiteren Verlauf des Stücks, Tellheim umzustimmen und ihn zu erziehen. Sie zeigt sich als aktive Kraft in ihrem Kampf um die Liebe. Auch nachdem sie Tellheims Brief gelesen hat, indem er ihr erklärt, warum er sie nicht heiraten kann, gibt sie nicht auf. Seine Begründung nimmt sie nicht ernst. Vielmehr diagnostiziert sie „ein wenig zu viel Stolz“ 28 in seinem Verhalten, und den ist sie entschlossen zu brechen. Schon hier deutet sie erstmals die Intrige an:
Nein, liebe Närrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein Streich ist mir
beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit ähnlichem Stolze ein wenig zu martern. 29
Endgültiger Anstoß für Minnas Spielen ist aber ihre Unterhaltung mit dem Glücksspieler Riccaut. 30 Ihm gesteht sie, „daß sie - gleichfalls das Spiel sehr liebt“ 31 . Obwohl das Spiel beider nicht das gleiche ist, lässt Minna sich von seinem Spielwitz begeistern. Während Riccaut eindeutig ein Falsch- und Betrugsspiel spielt, kann Minnas Spiel nicht klar als Falschspiel definiert werden. Sie scheut in den folgenden Auftritten zwar nicht vor dem Betrug zurück, aber sie spielt nicht um der Täuschung willen. Sie spielt für ihre große Liebe. 32 Bevor Minna jedoch ihren Streich an Tellheim durchführt, versucht sie noch einmal mit der Stimme ihres Herzens Tellheims Sprache der Vernunft und Notwendigkeit zu durchbrechen - doch ohne Erfolg. 33 Zwar kommt nun endlich Tellheims wahre Hintergrundgeschichte, die bestätigt, dass seine Ehre tatsächlich gekränkt wurde zum Vorschein, jedoch verschließt sich Minna demgegenüber weiterhin. Als Tellheim Minna dann auch noch grob zurückstößt, indem er sagt:
27 Vgl. Lessing: Minna von Barnhelm, S.39.
28 Ebd., S.60.
29 Ebd., S.60.
30 Vgl. Hasselbeck: Minna von Barnhelm, S.74.
31 Lessing: Minna von Barnhelm, S.67.
32 Vgl. Martini: Lustspiele, S.78.
33 Vgl. ebd., S.77.
5
Arbeit zitieren:
Britta Zilgens, 2005, "Ich muß bekennen, daß ich - gleichfalls das Spiel sehr liebe". Ertrag und Funktion von Minnas Spielen in Lessings Komödie, München, GRIN Verlag GmbH
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