Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1. Historische Erscheinungsformen von Essstörungen 6
1.1. Magersucht 6
1.2. Ess-Brech-Sucht 9
1.3. Fettsucht 10
2. Essstörungen unter dem Aspekt der medizinischen 12
und psychopathologischen Diagnostik
2.1. Definition und Diagnosekriterien 12
2.1.1. Magersucht (Anorexia nervosa) 13
2.1.2. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) 16
2.1.3. Esssucht (Binge-Eating-Störung) 20
2.2. Verbreitung und Häufigkeit von Essstörungen 22
2.3. Essstörungen- Krankheiten mit Suchtcharakter 24
2.4. Erscheinungsform, Symptomatik und Krankheitsverlauf 25
2.4.1. Magersucht (Anorexia nervosa) 25
2.4.2. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) 31
2.4.3. Esssucht (Binge-Eating-Störung) 36
2.5. Somatische Folgesymptome 40
2.5.1. Magersucht 40
2.5.2. Ess-Brech-Sucht 41
2.5.3. Esssucht 41
3. Mögliche Ursachen bzw. Erklärungsansätze von 43
Essst örungen
3.1. Biologisch-genetische Erklärungsansätze 43
3.2. Psychoanalytische und sozialpsychologische 47
Erkl ärungsansätze
2
3.3. Familiendynamische Erklärungsansätze 51 3.4. Soziokulturelle und gesellschaftspolitische Erklärungsansätze 56 4. Hilfen zur Bewältigung von Essstörungen und ihr 62
Erfolg
4.1. Somatisch orientierte Therapien 63 4.2. Methoden der Psychotherapie 64 4.2.1. Verhaltenstherapie 65 4.2.2. Psychoanalyse 68 4.2.3. Gesprächspsychotherapie 69 4.2.4. Einzeltherapie oder Gruppentherapie 70 4.3. Familientherapie 71 4.4. Gestalt- und Körperpsychotherapien 75
5. Möglichkeiten der Prävention von Essstörungen 78
5.1. Zum Begriff der Prävention 78 5.2. Projekte zur prophylaktischen Arbeit bei Essstörungen 80 5.2.1. Ergebnisse aus Schulseminaren 80 5.2.2. „Wie schlank muss ich sein, um geliebt zu werden?“ - Ein 82 Modellprojekt
5.2.2.1. Konzeption des Mädchenprojektes 83 5.3. Eigene Überlegungen zur primären Prävention 86 5.3.1. Bestimmung der Risikofaktoren 86 5.3.2. Ansätze zur Bekämpfung der Risikofaktoren 89 5.3.3. Umsetzung präventiver Maßnahmen in der Schule 91
5.3.3.1. Möglichkeiten zur Umsetzung 91
5.3.3.2. Situation bzw. Funktion der Beteiligten 92
5.3.3.3. Konkrete Vorschläge zur Umsetzung 94
5.3.3.4. Außerschulische Prävention 98 6. Schlussbetrachtung 100
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Einleitung
Essen ist lebensnotwendig, denn unser Körper braucht Nährstoffe zum Überleben. Im menschlichen Leben hat Essen neben der Ernährung aber noch andere Bedeutungen. Essen beinhaltet Sinnlichkeit, Genuss, Ästhetik und Kultur. Da wäre der hohe gesellschaftliche Wert, den wir Essen zuschreiben. Bei vielen Gelegenheiten wird gegessen, unabhängig vom Hungergefühl. So trifft man sich zum gemeinsamen Kochen, „Naschen“, man geht in feine Restaurants und zelebriert das Konsumieren von wohlschmeckender Nahrung. Parallel zu dem steigenden Nahrungsüberfluss unserer Gesellschaft hat das Phänomen Essstörungen in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Auffällig ist die Tatsache, dass Essstörungen überwiegend in den westlichen Nationen auftreten, die durch eine starke Konsumorientierung und ein immer schlanker werdendes Körperideal geprägt sind.
Natürlich will man als junge Frau gut aussehen und seiner Umwelt gefallen, jedoch stellte sich mir angesichts der immer häufiger auftretenden Essstörungen, auch im persönlichen Umfeld, die Frage, wie hoch der Preis für gutes Aussehen ist und was die Schönheit wert ist - etwa die Gesundheit ? Aufgrund dieser Fragestellung entschloss ich mich zur Thematisierung von Essstörungen in meiner Hausarbeit.
Im ersten Teil dieser Arbeit beschreibe ich den historischen Hintergrund und die Entwicklung von Essstörungen. Meines Erachtens wird dadurch deutlich, dass abnormes Essverhalten, meist in Form von Nahrungsverweigerung, auch schon vor vielen Jahrhunderten der Ausdruck innerer Zerrissenheit war. Des weiteren erläutere ich die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Essstörungen, deren Symptomatik und Verläufe. Dadurch möchte ich einen Einblick in die jeweiligen Krankheitsbilder und die damit verbundenen Folgen und Zusammenhänge verschaffen.
Im dritten Kapitel gehe ich auf die Ursachen von Essstörungen ein. Damit möchte ich aufzeigen, dass diese Verhaltensstörung auf einem komplexen
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Zusammenwirken verschiedener Faktoren basiert und nicht bloß ein simpler Einfall von jungen Mädchens ist, um Aufmerksamkeit zu erregen. Darauf folgend stelle ich einige unterschiedliche therapeutische Behandlungs-formen der Krankheit vor und erläutere deren Vorgehen, Ziel und Wirksamkeit, sofern entsprechende Ergebnisse aus Studien dazu vorliegen. Im fünften Kapitel befasse ich mich mit möglichen Vorbeugungsmaßnahmen, um die Entstehung von Essstörungen zu verhindern. Meinen Schwerpunkt lege ich dabei auf die Beratungsmöglichkeiten in der Schule, entweder durch Lehrpersonen oder „Beratungsteams“, die die Schule aufsuchen. Dieses Kapitel bildet auch den Abschluss meiner Arbeit.
Immer häufiger sind Essstörungen auch bei jungen Männern zu beobachten. In dieser Arbeit beziehe ich mich jedoch vorwiegend auf Essstörungen bei Frauen, da viele der Ursachen und Therapien ebenso auf die Krankheit bei jungen Männern zutreffen.
Für allgemeine Personen- und Berufsbezeichnungen habe ich in dieser Arbeit aus Gründen der Lesbarkeit die feminine Form gewählt. Die entsprechenden maskulinen Formulierungen sind fallweise mitzudenken.
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1. Historische Erscheinungsformen von Essstörungen
1.1. Magersucht
Das Bedürfnis, den Hunger zu stillen und den Körper mit Nahrung zu versorgen, ist ein zentrales Motiv menschlicher Zivilisations- und Kulturgeschichte. Ein historischer Rückblick verdeutlicht, welchen Funktions-und Bedeutungswandel abweichendes Essverhalten im Rahmen des Zivilisationsprozesses erfahren hat (vgl. Cuntz/Hillert,1998,S.39). Nahrungsverweigerung als magisch-religiöse Praxis ist Bestandteil vieler Kulturen und Religionen und daher auch heut noch ein weit verbreitetes vorgeschriebenes Ritual. So symbolisiert das Fasten die Bemühung, „sich selbst von egoistischen und materialistischen Interessen zu befreien und Leib und Seele zu reinigen“ (Bruch,1991,S.24).
In der frühen nachchristlichen Zeit galt Nahrungsverweigerung nicht nur als Symbol der Enthaltsamkeit, sondern zeigte auch Verbundenheit bei Verfolgung, beispielsweise unter den Christen. Die rituelle Funktion der Nahrungsverweigerung war das Symbolisieren der Trauer über Christi Leiden, ebenso wurde das Fasten als Schutz gegen Dämonen praktiziert (vgl. Stahr u.a.,1998,S.9 f).
Im Mittelalter traten asketisch-mystische Motive der Nahrungsreduzierung auf. So waren diese Bestandteil von Bußhandlungen wie dem Bedauern von Sünden. Das Fasten wurde zur wichtigsten Form der Askese. Es hatte den Sinn, „den Leib zu bezwingen, den Körper zu zügeln und zu bestrafen, um ganz den Glauben zu leben und sich durch das eigene Leiden mit dem leidenden Christus am Kreuz zu vereinigen“ (Stahr u.a.,1998,S.10). Unterstrichen wurde diese Haltung durch andere Praktiken, wie beispielsweise Selbstgeißelungen, Schlafentzug und sexuelle Enthaltsamkeit. Auffallend ist die Tatsache, dass es sich bei den in der historischen Literatur beschriebenen Fastenden meist um Frauen handelt. Sie wurden wegen ihrer zusätzlich zum Fasten extremen Lebensweise nach der christlichen Tradition
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zu Heiligen erklärt und von anderen Gläubigen bewundert, denn gerade im Mittelalter waren Nahrungsmittel nur knapp vorhanden, und in dieser Lage war die Enthaltsamkeit vor Nahrung umso außergewöhnlicher. Im Gegensatz zu Mönchen, die zur Reinigung von der Sünde fasteten, taten die Frauen dies zur Befreiung von ihrem Körper, da dieser vom Christentum durch ein verzerrtes, falsch interpretiertes Bild biblisch praktizierten Glaubens zum Ort der Niederlassung der Sünde erklärt wurde. Diese Verachtung des weiblichen Körpers im Christentum machte eine Selbstreinigung erforderlich (vgl. Stahr u.a.,1998,S.10).
Im Gegensatz zu den heutigen Magersüchtigen sollte die extreme Magersucht der asketisch-mystischen Heiligen des Mittelalters den Körper von jeglicher Attraktivität befreien. Darüber hinaus sollte im christlichen Sinne sein Leiden erhöht und die Frau so von der Sünde des Körpers befreit werden. Symbolisch ging man auf diese Art den Leidensweg mit Christus und hoffte, so die vollkommene Erlösung zu erlangen.
Ein weiterer Aspekt weiblicher Nahrungsverweigerung im frühen sowie im späten Mittelalter war der Versuch, sich durch die Askese ungewollten Verheiratungen zu entziehen. So sind Frauen in der historischen Literatur bekannt, die sich durch geringste Nahrungsaufnahme und Selbstzüchtigung so unattraktiv wie möglich für den ausersehenen zukünftigen Ehemann machen wollten. Über das Mittel der Askese versuchten sie, diesen Forderungen zu entfliehen (vgl. Stahr u.a., 1998,S.10 f).
Weiterhin werden in der historischen Literatur Frauen erwähnt, die Nahrungsverweigerung oder -reduzierung nicht aus religiösen Gründen, sondern als allgemeine Lebensweise praktizierten. Diese Frauen stellen den Übergang von der religiös mystisch begründeten Askese zur Bedeutung der Nahrungsverweigerung, wie sie heute üblich ist, dar. Sie galten als „Wundermädchen“, da sie in einer Zeit, in der Nahrung nur sehr knapp vorhanden und daher kostbar war, lediglich mit geringster Nahrung auskommen konnten. In der Gesellschaft erregten sie großes Erstaunen und Bewunderung und wurden als etwas Besonderes angesehen (vgl. Stahr u.a.,1998,S.11 f).
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Eine weitere Form des Fastens außerhalb der Religiosität, welche sich ab dem 16.Jahrhundert bis in die Neuzeit verbreitete, ist die Nahrungsverweigerung im Sinne eines „kommerziellen Spektakels“. Dabei wurde ausschließlich der Nahrungsreduzierung selbst Bedeutung zugeteilt, und die „Hungerkünstler“ waren nicht mehr nur in Klöstern zu finden, sondern wurden auf Jahrmärkten zum Zwecke der Geldeinnahme präsentiert (vgl. Stahr u.a., 1998, S.12). Abgesehen davon, dass Nahrungsverweigerung in Form von Hungerstreiks in verschiedenen Ländern und Kulturen zur Durchsetzung politischer Ziele genutzt wurde und immer noch wird, trat sie immer öfter als eine Krankheit auf. Schließlich verdrängte sie den religiösen sowie spektakulären Zusammenhang gänzlich und ist seither als Krankheit zu bezeichnen. Die erste ausführliche Beschreibung der Magersucht als Krankheit verfasste Richard Morton. Er schilderte die Krankengeschichte eines 16-jährigen Mädchens, das an Magersucht verstarb. Wissenschaftlich beschrieben erstmals 1873 der englische Internist Sir William Gull und der französische Neurologe Ernest Charles Lasègue, beides berühmte Ärzte, unabhängig voneinander die Krankheit. Aus Leserbriefen und Diskussionsbeiträgen in der medizinischen Literatur lässt sich schließen, dass die Magersucht mit dem klinischen Namen der Anorexia nervosa zumindest in London und Paris nicht selten auftrat. Die Erstbeschreiber der Krankheit waren offenbar tief beeindruckt von den Verhaltensweisen der Magersüchtigen, die auch heute noch typisch für Betroffene sind. Dabei fiel vor allem die Lebhaftigkeit selbst im völlig ausgezerrten Zustand sowie die Hartnäckigkeit, mit der alle therapeutischen Versuche abgelehnt werden, auf (vgl. Gerlinghoff u.a.,1999, S.19 f).
Ende des 19. Jahrhunderts wurde erstmals über den Einfluss der Familie auf das Krankheitsgeschehen diskutiert und folglich beschlossen, die Kranken vorübergehend in ein anderes Milieu zu bringen. Durch die irrtümliche Gleichsetzung der Magersucht mit einer anderen Krankheit, der Simmonds-Kachexie, wurde die Krankheit in Europa und Amerika mehrere Jahrzehnte lang mit Extrakten von Hypophyse, von Nebennieren, Schilddrüse oder Eierstöcken behandelt. Ferner wurden Elektrokrampftherapien angewandt und
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psycho-chirurgische Eingriffe vorgenommen. Seit dem Jahre 1940 dominiert die Psychoanalyse auch die Therapie der Magersucht (vgl. Gerlinghoff u.a.,1999, S.20).
1.2. Ess-Brech-Sucht
Die ersten Hinweise auf Symptome der Bulimie beschrieb Sir W. Gull um 1880/90 anhand der Beobachtungen anorektischer Patientinnen: Sie verschlangen riesige Nahrungsmengen ohne das Gefühl der Sättigung. Ebenfalls wurden verschiedene Magen- und Darmstörungen, meist Erbrechen, besonders häufig bei Anorektikerinnen beobachtet, jedoch auf simple Magenverstimmungen zurückgeführt.
Eine erste detaillierte Beschreibung der Bulimia nervosa als Syndrom findet sich bei Binswanger (1944), einem Psychiater, in der Fallbeschreibung der Ellen West. Jedoch sprach auch Binswanger in diesem Zusammenhang noch nicht von Bulimia nervosa ( vgl. Focks/Trück, 1990, S.8 f ). Hinsichtlich des Verhältnisses von Anorexia nervosa Bulimia nervosa gab es verschiedene Meinungen. So wurde die Bulimie meist als Untergruppe der Anorexie interpretiert. Beaumont u.a. (1976) unterteilten die Anorexia nervosa beispielsweise in zwei klinische Formen, die sich durch die Symptome, Enthaltsamkeit oder Erbrechen, voneinander unterscheiden. Russel (1979) merkte an, dass einige Anorektikerinnen nach dem Erreichen eines normalen Gewichtes Bulimie entwickelten (vgl. Focks/Türck, 1990,S.9 f ). Als eigenständiges Krankheitsbild betrachteten Boskind-Lodahl und Sirlin die Bulimia nervosa bereits im Jahre 1976, als eigenständige psychiatrische Störung wurde sie jedoch erst 1980 im DSM III klassifiziert. Der Entstehungszeitraum der Bulimia nervosa ist schwierig zurück zu verfolgen, was auf das die Krankheit auszeichnende Symptom der Geheimhaltung, der „Verheimlichung der Symptomatik selbst vor den engsten Angehörigen, aus dem Gefühl heraus, anormal, pervers zu sein und dem
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Nichtwissen um ,Leidensgenossinnen’“ zurückzuführen ist (vgl. Focks/Trück, 1990, S. 7 ff). Ann Beauf (1983), Forscherin an der Universität von Pennsylvania, datiert die Entstehung der Krankheit auf bis vor den Ersten Weltkrieg zurück, Casper (1983) vermutet das Auftreten der Bulimia nervosa als Syndrom in den USA im Zeitraum um 1940. Aufgrund der Nahrungsmittelknappheit während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre in Deutschland wird die Zahl der Erkrankten hier deutlich niedriger geschätzt.
Öffentlich wurde das Phänomen erst durch verschiedene Publikationen und Aufrufe in Büchern und Zeitschriften. Durch die darauf folgenden Bekenntnisse vieler Frauen zur Bulimie wurden die Ausmaße der Krankheit erst deutlich. Die Forschung zeigte zudem auf, dass viele Frauen dieses Verhalten schon seit mehreren Jahren bzw. Jahrzehnten praktiziert hatten. Daher gilt die Vermutung als zuverlässig, dass die Bulimia nervosa weit vor den Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Krankheit entstanden bzw. erstmals aufgetreten ist ( vgl. Focks/Trück, 1990, S.10 f ).
1.3. Fettsucht
In der Geschichte der Menschheit sind verschiedene Haltungen gegenüber der Fettsucht zu verzeichnen. So hatten die alten Griechen eine ablehnende Einstellung zur Fettsucht. Die jungen Leute der spartanischen Bevölkerung wurden beispielsweise einmal monatlich untersucht und, sobald sie zugenommen hatten, zu Körperübungen gezwungen. Sokrates tanzte jeden Morgen, um schlank zu bleiben (vgl. Bruch, 1991, S.32 f). Auch die Römer verabscheuten Fettsucht. Die römischen Frauen mussten zur Zeit des Römischen Reiches ebenso leiden wie die jungen Mädchen heute, um schlank zu bleiben - sie wurden regelrecht ausgehungert. So erfanden die Römer auch das Vomitorium. Dies bestand aus Behältern, die vor Festsäle gestellt wurden. Hatte ein Besucher exzessiv gegessen, so konnte er sich in diese Gefäße übergeben (vgl. Bruch, 1991, S.33).
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Trotz der ablehnenden Haltung gegenüber der Fettsucht ist bekannt, dass es sowohl in Griechenland als auch bei den Römern berühmte Personen gab, die dick waren, wie beispielsweise der Grieche Platon, Marius, der Verteidiger Roms, oder der Dichter Horaz. Die Beschreibungen einiger ihrer Essgewohnheiten sind genauestens überliefert (vgl. Bruch, 1991,S.33). Im Mittelalter waren die Anschauungen über die Fettsucht unterschiedlicher. Galt die Völlerei einerseits als Todsünde, so wurde sie anderseits als Zeichen für Gottes Gnade angesehen. Bruch sieht in diesem Zusammenhang Lochners Gemälde „Das Weltgericht“ als „ein interessantes Dokument für die moralistische Einstellung zur Fettsucht: Die in die Hölle getriebenen Sünder sind stämmig und beleibt, die ins Paradies geleiteten Seligen hingegen schlank“ (Bruch, 1991,S.34).
Mit der Zunahme von Reichtum und Kultiviertheit im 19.Jahrhundert nahm auch die Fettleibigkeit zu. In einem 1884 veröffentlichten Buch wird sie von Ebstein in drei Stufen unterteilt: Beneidenswert, spaßig und bejammernswert. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts galt Fettleibigkeit noch als Zeichen des Erfolgs und Reichtums, und auch der französische Arzt Heckel beschrieb 1911, dass es der Mode entspräche, fettleibig zu sein und eben diese Mode die Abmagerungskuren bei den Frauen behindere (vgl. Bruch, 1991, S.34 f). In den dreißiger Jahren hingegen wurden die ständigen Diäten der amerikanischen Frauen von dem Autoren Nash besorgt verfolgt. Dieses Schlanksein ist jedoch nicht gleich zu setzen mit dem propagierten Schönheitsideal der sechziger Jahre, welches mit der unterernährten „Twiggy“ (sie wog 43 kg bei 1,70 m ) seinen Höhepunkt erreichte und viele Jugendliche dazu bewog, ebenso abzumagern ( vgl. Bruch, 1991, S.36). Seither tendiert das Schönheitsideal zu immer schlankeren Maßstäben, was zur Folge hat, dass die Fettleibigkeit immer weniger der Modeerscheinung entspricht und daher auf eine deutlich geringere Toleranz stößt.
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2. Essstörungen unter dem Aspekt der medizinischen und
psychopathologischen Diagnostik
2.1. Definitionen und Diagnosekriterien
Im medizinischen Sinne sind Essstörungen psychosomatische Krankheiten. Im Wesentlichen wird zwischen drei Formen von Essstörungen unterschieden:
- Magersucht (Anorexia nervosa oder Anorexie),
- Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa oder Bulimie),
- Esssucht (Binge-Eating-Störung),
Diese drei Formen können in unterschiedlicher Häufigkeit ineinander übergehen.
Ebenso wie bei den meisten psychischen Erkrankungen sind die Ursachen und Entstehungsmechanismen von Essstörungen nicht aufgeklärt. Daher werden lediglich Syndrome, d.h. die Beschreibung einer Kombination von Symptomen, zur Klassifikation herangezogen.
Es erweist sich als schwierig, allgemein akzeptierte diagnostische Kriterien zu benennen, da gravierende Unterschiede zwischen den Diagnosekriterien verschiedener Experten bestehen. Während Feighner u.a. (1972) beispielsweise vorschlagen, von Anorexie zu reden, wenn der Erkrankungsbeginn vor dem 25. Lebensjahr liegt, betonen andere, es gäbe auch Patienten, die erst nach dem 25. Lebensjahr erkrankt seien. Beumont u.a. (1976) schlagen vor, die Patienten in feinere Untergruppen zu unterteilen. Sie unterscheiden Anorexiepatientinnen nach der Art und Weise, wie der Gewichtsverlust herbeigeführt wird und trennen zwischen zwei Gruppen: Die erste Gruppe reduziert ihr Gewicht durch Reduktion der Gewichtsaufnahme, die zweite durch selbstinduziertes Erbrechen oder den Missbrauch von Abführmitteln (vgl. Gerlinghoff u.a., 1999, S.145 ff).
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In der Praxis wird zur Diagnostik von Essstörungen meist das von der Amerikanischen Psychiatriegesellschaft erarbeitete Klassifikationssystem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (übersetzt: „Diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen“, abgekürzt: DSM ) verwendet. Es beschränkt sich auf die Beschreibung der Merkmale psychischer Störungen und steht seit 1994 in der vierten Fassung (DSM IV) zur Verfügung. Ebenso gebräuchlich ist das Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „International Classification of Diseases“ (übersetzt: „Internationale Klassifikation von Krankheiten“, abgekürzt: ICD) in der zehnten Fassung von 1991 ( ICD-10). Dieses verfügt im Gegensatz zur DSM über Beschreibungen der Merkmale für alle Krankheitsbilder. Beide Systeme stimmen in den wesentlichen Punkten überein bzw. nehmen teilweise aufeinander Bezug. Anhand dieser Klassifikationen wird versucht, durch das Vorlegen von spezifischen Kriterien („diagnostische Codierung“) die verschiedenen Krankheitsbilder zu erfassen und gegeneinander abzugrenzen. Die Diskussion über eindeutige Diagnosekriterien ist jedoch nicht beendet. Ein Zeichen dafür ist, dass die DSM-Kriterien bereits drei mal revidiert wurden (vgl. Cuntz/Hillert,1998,S.44 f).
2.1.1. Magersucht (Anorexia nervosa)
Im Gegensatz zu Bulimie und Ess-Sucht wird die Anorexie schon seit Jahrhunderten beschrieben. Der Begriff „Anorexia nervosa“ wurde im Jahre 1874 von dem englischen Arzt William W. Gull geprägt. „Anorexie“ bedeutet fehlendes Verlangen, Appetitlosigkeit . Dieser Begriff beschreibt die Krankheit jedoch nicht treffend, da Magersüchtige nicht appetitlos sind. Vielmehr empfinden sie durchaus Hungergefühle, verleugnen diese aber (vgl. Stolte, 1998, S.45). Dennoch hat sich der Begriff in der Medizin durchgesetzt (vgl. Stahr u.a., 1998, S.23).
Magersüchtige versuchen, den Hunger zu überwinden, wobei sie die Nahrungsmenge auf ein Minimum reduzieren und permanent die
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Gewichtsabnahme kontrollieren. Letztere unterstützen sie häufig durch Abführmittel und extremen Sport (vgl. Stolte, 1998, S. 44). Um ihr Hungergefühl zu verdrängen, trinken Magersüchtige große Mengen an Wasser sowie anderen kalorienarmen Getränken. Des Weiteren wird Salat gegessen, um den Magen schnell zu füllen sowie oft zu Kaugummis gegriffen (vgl. Cuntz/Hillert, 1998, S.52).
Im Folgenden sollen zur Diagnose der Anorexie beide oben erwähnten Klassifikationssysteme, die DSM-IV- sowie die ICD-10-Kriterien, angeführt werden:
DSM IV (1994, deutsche Fassung 1996) Anorexia nervosa
A. Weigerung, das Minimum des für Alter und Körpergröße normalen Körpergewichts zu halten (z.B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts). B. Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts. C. Störungen in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts.
D. Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhöe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhöe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen, z.B. Östrogen, eintritt).
Bestimmung des Typus:
- Restriktiver Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person keine regelmäßigen „Fressanfälle“ gehabt oder
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hat kein „Purging“-Verhalten (das heißt kein selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt.
- „Binge-Eating/Purging“-Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person regelmäßig Fressanfälle gehabt und hat „Purging“-Verhalten (das heißt selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt. (aus: Gerlinghoff u.a.,1999,S.152 f)
ICD-10 (1991) Anorexia nervosa
1. Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden
2. Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust durch Vermeidung von
3. Körperschema-Störung mit der Angst, dick zu werden
4. Endokrine Störung (bei Frauen mit Amenorrhöe; bei Männern mit Libido- und Potenzverlust)
5. Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die pubertäre
Die Unterscheidung von zwei Typen wurde in der vierten Fassung des DSM neu eingeführt. Zudem ist deren Gegenüberstellung sehr hilfreich, weil so auch die Maßnahmen der Gewichtsreduzierung über das Fasten hinaus hinterfragt werden.
Das Verhalten des restriktiven Typen, durch Hungern und Bewegung allein das Gewicht zu reduzieren, entspricht der klassischen reinen Magersucht. Betroffene dieser Gruppe sind oft in der Verweigerung der Nahrungsaufnahme
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am radikalsten und manchmal besonders hartnäckig in der Abwehr jeglicher therapeutischer Angebote (vgl. Gerlinghoff/Backmund, 2000,S.16 f). Die Einführung des Binge-purging-Types („Purging“ = reinigen, entschlacken ) beruht auf dem Fakt, dass ca. 60% der Magersüchtigen ihr reines Hungersystem nicht mehr durchhalten und es immer öfter zu Heißhungeranfällen, also zu bulimischem Verhalten, kommt (vgl. Gerlinghoff /Backmund,2000,S.16 f).
Obwohl in hohem Maße über die Festlegung von diagnostischen Kriterien der Anorexia nervosa diskutiert wird, ist die Diagnose der Krankheit in der Praxis relativ leicht, vorausgesetzt, der Untersucher konzentriert sich auf Verhalten und Einstellung der Patientin und nicht ausschließlich auf pathologische Körperfunktionen. Daher kann ein direktes Gespräch mit der Patientin oder deren Angehörigen vor Beginn der körperlichen Untersuchungen sehr aufschlussreich sein.
2.1.2. Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)
Der Begriff Bulimia kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Stierhunger“ oder „Ochsenhunger“ ( Griechisch: Limos = Hunger, bous = Stier, Ochse). Außerdem wird die Krankheit als „Ess-Brech-Sucht“ bezeichnet (vgl. Gröne, 1995, S.15).
Bulimie ist eine psychosomatische Krankheit, die seit 1980 als eigene Form der Essstörung von der Anorexie abgegrenzt wird. Charakteristisch für Bulimie sind wiederholte Anfälle von Essattacken, bei denen sehr große Mengen an Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden, ebenso wie eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts. Betroffene versuchen, eine Gewichtszunahme mittels Erbrechen, Abführmittel- und Diuretikamissbrauch sowie Sport und Hungern zu verhindern (vgl. Böning, 2000,S.3). Die konsumierte Nahrung ist meist hochkalorisch, leicht zu schlucken und einfach in der Zubereitung. Bevorzugt werden sehr fett- und kohlenhydratreiche
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Lebensmittel wie Süßigkeiten, Snacks und fetthaltige Milchprodukte -Nahrungsmittel, welche die Betroffenen sich sonst strikt verbieten. Diese nehmen sie oftmals in einer festgelegten Reihenfolge zu sich (vgl. Böning, 2000, S.22).
Durchschnittlich treten solche Essanfälle 1-2 mal täglich auf, jedoch variiert ihre Anzahl zwischen zweimal pro Woche bis zu zwanzigmal am Tag (vgl. Gröne, 1995, S.16). Sie können sowohl geplant als auch ungeplant geschehen. Während eines Essanfalls können bis zu 15.000 Kalorien konsumiert werden, im Durchschnitt sind es etwa 3500 Kalorien. In den meisten Fällen wird solch ein Essanfall durch selbstinduziertes Erbrechen beendet (vgl. Bauer u.a., 1992, S.12 ff).
Die Diagnosekriterien der Bulimia nervosa gewichten die Heißhungerattacken der Patientinnen stark und fordern darüber hinaus Ängste vor der Gewichtszunahme ebenso wie Maßnahmen zur Gewichtsreduktion, beispielsweise Erbrechen, Diäten, Laxantien-, Diuretika-oder Appetitzüglermissbrauch.
Um von einer Bulimia nervosa zu sprechen, müssen laut DSM-IV folgende Kriterien erfüllt sein:
DSM-IV (1994, deutsche Fassung 1996) Bulimia nervosa
A. Wiederholte Episoden von „Fressattacken“ (binge eating) mit folgenden Merkmalen:
N Verzehr einer Nahrungsmenge in einem bestimmten Zeitraum (z.B.
N Ein Gefühl des Kontrollverlustes über das Essen während der
B. Wiederholte kompensatorische Verhaltensweisen gegen eine Gewichtszunahme:
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N Selbstinduziertes Erbrechen
N Missbrauch von Laxantien, Diuretika, Klistieren oder anderen Medikamenten N Fasten N Exzessive körperliche Aktivität
C. Die „Fressattacken“ und die kompensatorischen Verhaltensweisen treten seit mindestens drei Monaten durchschnittlich zweimal pro Woche auf.
D. Die Selbstbewertung ist übermäßig von der Figur und dem Gewicht abhängig.
E. Die Störung tritt nicht ausschließlich während Episoden einer Anorexia nervosa auf.
Bestimmung des Typus:
- Purging Typ: Während der aktuellen Episode der Bulimia nervosa treten regelmäßig selbstinduziertes Erbrechen oder der Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren auf.
- Nicht-Purging-Typ: Ohne regelmäßiges Auftreten von selbstinduziertem Erbrechen oder dem Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren während der aktuellen Episode der Bulimia nervosa. (aus: Jacobi u.a., 2000, S.16)
Auch die ICD-10 soll hier zur Diagnostik der Bulimia nervosa angeführt werden:
ICD-10 (1991) Bulimia nervosa
1. Andauernde Beschäftigung mit Essen, eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln und Essattacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden.
2. Versuch, dem dickmachenden Effekt der Nahrung durch verschiedene Verhaltensweisen entgegenzusteuern:
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3. Krankhafte Furcht davor, dick zu werden. Die selbst gesetzte Gewichtsgrenze liegt weit unterhalb des prämorbiden, vom Arzt als optimal oder „gesund“ betrachteten Gewichts.
4. Häufig findet sich in der Vorgeschichte eine frühere Episode einer Anorexia nervosa. (aus: Jacobi u.a.,2000,S.16)
Hier wird die Problematik der Diagnosekriterien sichtbar. So ist es meines Erachtens nicht gerechtfertigt, die Essanfälle auf einen Zeitraum zu beschränken, wie es in Punkt A der DSM-IV-Kriterien angeführt ist. Ebenso ist die Voraussetzung einer höheren Geschwindigkeit während des Essanfalls problematisch, da nicht geklärt ist, wann von schnellem Essen gesprochen werden kann.
Trotz der immer wiederkehrenden Kritik an den Diagnosekriterien ist zu erwähnen, dass sie unverzichtbar für die Verständigung unter Fachleuten und für die Forschung sind. Es ist unmöglich, alle Symptome eines Krankheitsbildes in einem Modell zu erfassen, da immer Ausnahmen auftreten, auf die nicht eingegangen werden kann.
2.1.3. Esssucht (Binge-Eating-Störung)
Der Begriff „Binge Eating“ entstammt dem Amerikanischen und bedeutet „ein Essgelage abhalten“. Im Deutschen ließe sich die Krankheit am ehesten mit dem Begriff der „Essanfallsstörung“ beschreiben, wobei sich die englische Bezeichnung auch im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat (vgl. Munsch, 2003, S. X). Es wird auch der Begriff der Fettsucht gebraucht.
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Das Hauptmerkmal der Krankheit sind Essanfälle, die von einem momentanen Kontrollverlust zeugen. Betroffene berichten, sich in solchen Momenten völlig machtlos gegen diesen Drang zu fühlen.
Während der Essanfälle werden unterschiedlich große Nahrungsmengen meist wahllos durcheinander, schnell und ruhelos konsumiert, bis ein unangenehmes Völlegefühl entsteht.
Die Binge-Eating-Störung unterscheidet sich insofern von der Bulimie, dass die Betroffenen meist keine gewichtsregulierenden Maßnahmen praktizieren. Daher sind sie überwiegend adipös, wobei zu bemerken ist, dass Fettsucht (Adipositas) keine Essstörung des hier verwendeten Klassifikationssystems ist (vgl. Gerlinghoff/Backmund, 2000, S.19).
Im DSM-III wurden Personen, die Essanfälle haben, zunächst unabhängig davon, ob sie Gegenmaßnahmen ergreifen (beispielsweise Erbrechen) oder nicht, unter dem Begriff der Bulimia zusammengefasst. In der Weiterentwicklung der DSM wurden Personen ohne Ergreifen von Gegenmaßnahmen aus der Diagnose ausgeschlossen. Daraufhin kam es zur Forderung einer separaten diagnostische Kategorie für diese Personen mit diesem Essverhalten. Infolgedessen begann eine Arbeitsgruppe zu Beginn der 90er Jahre, die Reliabilität dieser neuen diagnostischen Kategorie zu erforschen und zu überprüfen. Anschließend wurde die Binge-Eating-Störung als eigenständiges Krankheitsbild in die Forschungskriterien des DSM-IV-TR aufgenommen (vgl. Munsch, 2003, S.19). Diese werden im Folgenden angeführt: DSM-IV-TR (2000) Binge-Eating-Störung
A. Wiederholte Episoden von „Essanfällen“. Eine Episode von „Essanfällen“ ist durch die beiden folgenden Kriterien charakterisiert:
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(1) Essen einer Nahrungsmenge in einem abgrenzbaren Zeitraum
(2) Ein Gefühl des Kontrollverlustes über das Essen während einer
B. Die Episoden von „Essanfällen“ treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptomen auf: (1) Wesentlich schneller essen als normal, (2) Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, (3) Essen großer Nahrungsmengen, wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt,
(4) alleine essen aus Verlegenheit über die Menge, die man isst, (5) Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen.
C. Es besteht deutliches Leiden wegen der „Essanfälle“.
D. Die „Essanfälle“ treten im Durchschnitt an mindestens zwei Tagen in der Woche für sechs Monate auf.
Beachte: Die Methode zur Bestimmung der Häufigkeit unterscheidet sich von der, die bei Bulimia nervosa benutzt wird; die zukünftige Forschung sollte thematisieren, ob die zu bevorzugende Methode für die Festlegung einer Häufigkeitsgrenze das Zählen der Tage darstellt, an denen die „Essanfälle“ auftreten, oder das Zählen der Anzahl der Episoden von „Essanfällen“. E. Die „Essanfälle“ gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen einher (z.B. „Purging-Verhalten“, Fasten oder exzessive körperliche Betätigung) und
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Arbeit zitieren:
Monika Reichard, 2004, Essstörungen: Erscheinungsbilder, Verlaufsformen, Therapien und Möglichkeiten schulischer Prävention, München, GRIN Verlag GmbH
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