Germanistisches Institut der RWTH Aachen
Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte
HS „Der Dreißigjährige Krieg in Literatur und bildender Kunst“
Callot und Grimmelshausen
von: Sabine Ley
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Zur Biographie Jacques Callots 5
III. Les Misères et les Malheurs de la Guerre“ 7
III. 1 Die Daten 7
III. 2 Forschungsgeschichte und Interpretationen 9
III. 3 Die Struktur der „Misères“ 11
III. 4. Die künstlerische Ausführung der „Misères“ 13
III. 4. 1 Elemente der Bühne und des Theaters in Callots (?)uvre 13
III. 4. 2 Bühnenhaftes in den „Misères“ 17
IV. Grimmelshausen und sein „Simplicissimus“ 23
IV. 1 Zur Biographie Grimmelshausens 23
IV. 2 „Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch“ 24
V. Callot und Grimmelshausen – ein direkter Vergleich 25
V. 1 Die Plünderung des Spessarter Bauernhofes (Kap. 4) – „Le pillage d’une ferme“ (Lieure 1343) 26
V. 2 Plünderung und Brandschatzung eines Dorfes (Kap. 13) – „Pillage et incendie d’un village“ (Lieure 1345) 28
VI. Resümee 31
VII. Bibliographie 34
„Ich gestehe gern, daß ich den hunderßten Theil nicht erzehlet/was Krieg vor
ein erschreckliches und grausames Monstrum seye/dann solches erfordert
mehr als ein gantz Buch Papier.“1
I. Einleitung
Der Dreißigjährige Krieg hat wie kein anderes Ereignis das Leben und Denken des 17. Jahrhunderts geprägt, und auch die Kunst, ob Literatur oder bildende Kunst, konnte sich diesem Einfluß nicht entziehen. So nimmt es nicht Wunder, daß auch das gesamte Werk Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens von der Kriegsthematik durchzogen ist; man darf in ihr sogar die Triebfeder seiner literarischen Produktion vermuten. Längst ist aber ebenfalls bekannt, daß seine Kriegsschilderungen weniger der eigenen Anschauung entspringen, sondern sich großenteils auf literarische Vorlagen zurückführen lassen.2 Vereinzelt ist es sogar Grimmelshausen selbst, der – freilich im Kontext der Erzählung – die Quelle seiner Inspiration andeutet und dabei nicht nur rein literarische Vorbilder anführt, sondern auch auf das Medium der Buchillustration zurückgreift.3 Man befände sich also sozusagen auf autorisiertem Gebiet, sollte man sich darum bemühen, weitere bildliche Quellen für Grimmelshausensche Kriegsschilderungen ausfindig zu machen. Dieser Ansatz gewinnt noch an Reiz vor dem Hintergrund, daß sich auch Grimmelshausen selber als autodidaktisch gebildeter Maler und Zeichner versucht hat.4
Einer der berühmtesten und bedeutendsten Künstler des 17. Jahrhunderts, der sich intensiv auch mit dem Thema „Krieg“ auseinandersetzte, ist der Lothringer Jacques Callot (1592-1635). Sein thematisch ungemein breit gefächertes (?)uvre, das ihn in ganz Europa berühmt machte, enthält unter anderem zwei Serien, die sich – in freilich ungewöhnlicher Weise – mit dem Krieg und seinen Folgen auseinandersetzen. Von besonderer Bedeutung ist für unseren Zusammenhang nicht nur die Thematik seiner Stiche, sondern vor allem die besondere Ausführung seiner Bilder, die auch noch fast 200 Jahre später Dichter wie E. Th. A. Hoffmann in seinen „Fantasiestükke[ n] in Callots Manier“ inspirierte. Bei den schon angesprochenen beiden Bildzyklen handelt es sich um die 1632 entworfenen und 1636 erschienen „Petites Misères“ und die 1633 veröffentlichten „Les Misères et les Malheurs de la Guerre“, welche das Sujet der ersten Bildfolge wieder aufgreifen und erweitern. Auf die Möglichkeit, daß auch Grimmelhausen die Callotschen Stichfolgen gekannt und als Vorlage benutzt haben könnte, wies schon Günther Weydt hin.5
Im folgenden soll nun im einzelnen der Frage nachgegangen werden, wie die Callotschen Stiche Grimmelshausen beeinflußt und inspiriert haben könnten. Das Hauptgewicht wird dabei auf der großen Bildfolge „Les Misères et les Malheurs de la Guerre“ liegen, in der Callot verschiedene, schon zuvor in anderen Folgen bzw. Einzelblättern durch ihn verwendete Sujets6 aufgreift und miteinander verbindet. Sie bietet sich aufgrund ihrer Struktur und des Aufbaus der einzelnen Szenen in besonderem Maße für eine Umsetzung in die erzählerische Form an. Hohengeroldseck und der Befestigungsanlagen der Stadt Offenburg, die aufgrund der Bezifferung Grimmelshausen zugewiesen werden.
II. Zur Biographie Jacques Callots
Über die Person Callots sind wir recht gut informiert, schon relativ früh fanden sich zwei Biographen, André Félibien und Filipo Baldinucci, durch die uns – wenn auch teilweise zweifelhafte – Einzelheiten aus dem Leben des Künstlers kolportiert werden.7 Der heutige Stand der Callotbiographie ist im wesentlichen Pierre Marot8 zu verdanken, der, aufbauend auf den Recherchen von Edmont Bruwaert,9 einen (fast) lückenlosen Lebenslauf rekonstruierte.
Jacques Callot wird 1592 in Nancy als zweites von acht Kindern einer Familie des lothringischen Amtsadels geboren. Sein Vater Jean bekleidet bereits in der zweiten Generation das Amt des Wappenherolds (héraut d’armes) am herzoglichen Hof in Nancy. Seine Aufgabe ist zum einen das Entwerfen der Wappen für den neuen Amtsadel, zum anderen die Lieferung von Dekorationen für die fast permanent stattfinden-den Feste und Zeremonien am Hof. Auch der Sohn zeigt früh künstlerische Ambitionen. Tatsache ist, daß Callot 1607, also mit fünfzehn Jahren, Schüler des Goldschmieds Demenge Crocq wird. 1608 verläßt er Lothringen und zieht nach Rom, wo er im Frühjahr 1609 im Atelier des Kupferstechers und Goldschmieds Philippe Thomassin angestellt ist. Diese Stelle gibt Callot auf, angeblich nicht ganz freiwillig,10 um nach Florenz zu ziehen, wo er 1614 Aufnahme in die Werkstatt Giulio Parigis, des Hofarchitekten und Ingenieurs Großherzog Cosimos II., findet. Seine Hauptaufgabe besteht zunächst darin, die Festivitäten des Medicihofes im Kupfer-stich festzuhalten, er arbeitet sozusagen als „Hofillustrator“. Callot, der zuvor hauptsächlich mit Reproduktionen beschäftigt war, entwickelt hier seinen eigenen Stil, wird inspiriert durch das Zusammentreffen mit großen Künstlern wie Parigi. Er entwickelt seine eigene, neue Methode des Gravierens, indem er für die Grundierung der Kupferplatten harten Firnis („vernis dur“), wie ihn Lautenmacher und Holzschneider benutzen, verwendet und dies mit dem Gebrauch der échoppe chouchée, einer Graviernadel mit abgeschrägter Spitze, kombiniert. Diese Kombination erlaubt ihm, auch feinste Linien in einem Schwung an- und wieder abschwellen zu lassen und verleiht seinen Zeichnungen die charakteristische Lebendigkeit. Gleichzeitig ermöglicht die neue Technik es ihm, auch sehr kleine Figuren exakt zu zeichnen. Diese Vollkommenheit und Perfektion auch im kleinsten Detail in Verbindung mit lebendiger, spontan wirkender Linienführung wird Callots Markenzeichen und begründet seinen Ruhm.
[...]
1 Aus: Satyrischer Pilgram. II. Teil, 10. Kap., „Nachsatz“, zitiert nach: Breuer, Dieter: Grimmelshausen-Handbuch. München 1999. (UTB für Wissenschaft). Hier: S. 224. Im folgenden: Breuer, Grimmelshausen-Handbuch.
2 Vgl. hierzu Breuer, Dieter: Krieg und Frieden in Grimmelshausens „Simplicissimus Teutsch“. In: Der Deutschunterricht 37 (1985), H. 5, S. 79-97, bes. S. 79ff. Zu den Quellen Grimmelshausens im allgemeinen vgl. Breuer, Grimmelshausen-Handbuch, S. 46.
3 Vgl. das zehnte Kapitel des „Simplicissimus“, in dem die Illustration zum Buch Hiob dem Kind Simplicius die Plünderung des heimischen Bauernhofes wieder vor Augen ruft.
4 „Grimmelshausen war zeichnerisch begabt, verfügte über ein nettes Zeichentalent, hinter ihm verbarg sich zudem der Ingenieur und Techniker, dessen Fähigkeit, Abrisse zu zeichnen man wohl festhalten darf, so daß eigentlich kein Zweifel bestehen kann, daß Grimmelshausen den Zeichenstift zu führen verstand.“ Sestendrup, Manfred: Vom Dichter gewollt. Grimmelshausens Barock- Simplicissiumus und seine 20 Textillustrationen. (Beiträge zur Grimmelshausen-Forschung; VII) Renchen 1983, hier S. 25f. Er beruft sich dabei auf die Existenz einiger Federzeichnungen der Burg
5 Weydt, Günther: Jacques Callot als Anreger Grimmelshausens – oder Wie die Bilder laufen lernten. In: Simpliciana XII (1990), S. 291-321. Im folgenden: Weydt, Jacques Callot.
6 „Les Supplices“ (Die Martern, wahrscheinlich 1630 entstanden), „Petites Misères“ (1636, also posthum, veröffentlicht), „Die Belagerung von Breda“ (1628)
7 Félibien, André: Entretiens sur la vie et sur les ouvrages des plus excellents peintres anciens et modernes. 5 Bde. Paris 1666-1688. Nachdruck 1972, 3 Bde. Baldinucci, Filippo: Notizie de’ professori del disegno da Cimabue in quà [...] Florenz 1845 ff.
8 Marot, Pierre: Jacques Callot. D’après des documents inédits. In: Mémoires de l’Académie de Stanislas, Nancy-Paris 1939. sowie: Marot, P.: Jacques Callot, sa vie, son travail, ses éditions. In: Gazette des Beaux-Arts, LXXXV, 6, 1975, S. 3-38, 153-174, LXXXVI, S. 185-198.
9 Bruwaert, Edmond: Vie de Jacques Callot, graveur lorrain, 1592-1635. Paris 1912. sowie ders.: Jacques Callot. Biographie critique. Paris 1913.
10 Es wird ihm eine Liebschaft mit der Frau Thomassins nachgesagt. Eine Karikatur Callots des ungleichen Ehepaares ist erhalten. Siehe Jacques Callot. Das gesamte Werk in zwei Bänden. Mit einer Einleitung von Thomas Schröder. München 1971. Bd. 1, S. 18. Im folgenden: Schröder, Jacques Callot.
Arbeit zitieren:
Sabine Ley, 2002, Callot und Grimmelshausen, München, GRIN Verlag GmbH
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