Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 1
II. Hauptteil 3
1. Definition Idealismus’ 3
2. Das Kunstgespräch. 4
2.1 Inhalt des Kunstgesprächs. 5
2.2 Funktion des Kunstgesprächs. 9
3. Vergleich mit Büchners Kunstauffassung. 11
4. Vergleich mit Lenz’ Kunstauffassung 15
III. Schlussbemerkung 17
IV. Literaturverzeichnis 18
I. Einleitung
Thema dieser Arbeit ist Georg Büchners Kritik am Idealismus mit Bezug auf das Kunstgespräch in Büchners ‚Lenz’. Nach einer kurzen Definition des Begriffs ‚Idealismus’ wird im zweiten Kapitel näher auf das Kunstgespräch der Erzählung ‚Lenz’ eingegangen. Es wird versucht herauszuarbeiten, wie sich Büchners Idealismuskritik dort ausdrückt; des weiteren wird die Stellung des Kunstgesprächs im Gesamtzusammenhang und seine Funktion für den Protagonisten Lenz untersucht 1 . Thema des dritten Kapitels ist Büchners Kunstauffassung mit der Frage, ob es Übereinstimmungen zwischen seiner Kunstauffassung und den Postulaten des Kunstgesprächs gibt. Im vierten Kapitel wird Lenz’ Kunstverständnis an Hand seiner ‚Anmerkungen übers Theater’ untersucht und dieses mit dem im ‚Lenz’ Dargelegten verglichen.
II. Hauptteil
1. Definition ‚Idealismus’
Der Idealismus ist eine philosophische Richtung, in der dem Ideellen, dem Geistigen, dem Bewusstsein gegenüber der materiellen, sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit die vorrangige Stellung eingeräumt wird. Ihm entgegengesetzt ist der Materialismus, der die Materie gegenüber dem Bewusstsein als das Primäre und Bestimmende ansieht. Der Idealismus tritt zum ersten Mal ausgeprägt mit der Ideenlehre Platons auf, nach der die Ideen die eigentliche Wirklichkeit sind, die Elemente der objektiven Realität nur deren Nachbildungen. Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Ausformungen des Idealismus herausgebildet, die teilweise divergierende Formen annahmen. Die verschiedenen Anschauungen lassen sich dennoch in zwei Hauptrichtungen einteilen: In den objektiven und den subjektiven Idealismus. Der objektive Idealismus erkennt die materielle Welt an, sieht das Bewusstsein jedoch als deren Schöpferin. Der subjektive Idealismus verabsolutiert das Bewusstsein derart, dass er die objektive Realität nur als Bewusstseinsinhalt ansieht. In der subjektiven Auffassung wird die „Existenz der vom denkenden Subjekt unabhängigen Außenwelt bestritten“. 2 Der subjektive Idealismus gerät in die Nähe des Solipsismus, „der nur das eigene Ich mit seinen Bewußtseinsinhalten als das einzig Wirkliche gelten läßt und alle anderen Ichs mit der ganzen Außenwelt nur als dessen Vorstellungen annimmt“. 3 Der deutsche Idealismus, dessen geistiger Wegbereiter Kant („Kritik der reinen Vernunft“ 1781) war und der bis zu Hegels
1 Im Zusammenhang meiner Arbeit stellt sich das Problem, dass der Name ‚Lenz’ sowohl einen Autor als auch eine literarische Figur meint. Zur besseren Übersichtlichkeit setze ich deshalb im folgenden ‚Lenz’ kursiv, wenn ich die literarische Figur meine.
2 Klaus, Georg - Buhr, Manfred (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch 1. Leipzig 7 1970, S.497.
3 Drosdowski, Günther u.a. (Hrsg.): Duden. Fremdwörterbuch. Mannheim/Wien/Zürich 4 1982, S.713 (Bd. 5).
Tod (1831) währte, wird als Höhepunkt der idealistischen Philosophie bezeichnet. In ihm wird „das denkende Ich, das zugleich der Sitz der Vernunft ist, [...] zum ersten Prinzip der Philosophie erklärt, alles andere sinkt zur bloßen Funktion des Ich, zum ‚Nicht-Ich’ (Fichte) herab“ 4 ; die Wahrnehmung der Welt ist nach Kant vom menschlichen Bewusstsein abhängig. Die Auffassungen des deutschen Idealismus fanden in der Zeit der Weimarer Klassik auch in der Literatur ihre Rezeption; dort „schufen die Klassiker ihr Reich des Geistes und des schönen Scheins im scharfen Gegensatz zur kleinstaatlichen Alltagsrealität. [...]. Die Rehabilitierung der Welt des Schönen, von Lessing, Winckelmann, Wieland, Herder, Goethe, Schiller und Kant [...] energisch und eifrig betrieben, erreichte nun ihre Vollendung“. 5 Nach Fritz Mauthner ist der ästhetische Idealismus „der Glaube, daß die Idee oder die Form das Höhere sei, dem sich die Wirklichkeit zu beugen habe“. 6 In dieser Epoche „erobert sich die Idee der Schönheit neben der der Wahrheit und des Guten eine Rolle ersten Ranges“. 7
2. Das Kunstgespräch
In der Mitte der Erzählung ‚Lenz’ befindet sich das sogenannte Kunstgespräch. Es wird zu einer Zeit geführt, in der es Lenz im Gegensatz zu seiner Ankunft bei Pfarrer Oberlin besser geht. Lenz erläutert im Kunstgespräch seine antiidealistische Kunstauffassung im Disput mit seinen Gesprächspartnern Oberlin und Kaufmann. Nach diesem Gespräch, das sich positiv auf Lenzens Verfassung auswirkt, erinnert Kaufmann ihn an sein Zuhause und ermahnt ihn zur Rückkehr. Daraufhin verschlechtert sich Lenzens Lage zusehends und er endet letztlich in einem „trostlosen“ Zustand.
In der Büchner-Philologie ist es umstritten, ob der Terminus Kunstgespräch gerechtfertigt ist oder ob es sich nicht vielmehr um einen Kunstmonolog handelt. 8 Tatsächlich ist der Anteil Kaufmanns bzw. Oberlins, der sich gar nicht an diesem Disput beteiligt, äußerst gering. Ich schließe mich dennoch der Meinung Jürgen Schwanns an, der die Bezeichnung Kunstge- 4 Prechtl,Peter - Burkhard, Franz-Peter: Metzler-Philosophie-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart 2 1999, S.246.
5 Hoffmann, Friedrich G. - Rösch, Herbert: Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur. Frankfurt a.M. 12 1980, S.126. Im Folgenden abgekürzt als Grundlagen der deutschen Literatur.
6 Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. München/Leipzig 1910, S.529 (Bd. 1).
7 Wirsich-Irwin, Gabriele (Hrsg.): Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Klassik. Stuttgart 1992, S.25 (Bd. 7). Im Folgenden abgekürzt als Klassik.
8 Vgl. Schwann, Jürgen: Georg Büchners implizite Ästhetik. Rekonstruktion und Situierung im ästhetischen Diskurs. Tübingen 1997, S.95/96. Im Folgenden abgekürzt als Schwann.
Gersch, Hubert: Georg Büchners Lenz-Entwurf: Textkritik, Edition und Erkenntnisperspektiven. Ein Zwischenbericht. In: Georg Büchner Jahrbuch 3/1983, 1984, S.14-25, hier S.23. Hubert Gersch bezeichnet das Kunstgespräch in seinem Aufsatz als Kunstmonolog. Ullman, Bo: Zur Form in Georg Büchners ‚Lenz’. In: Müssener, Helmut - Rossipal, Hans (Hrsg.): Impulse. Dank an Gustav Korlén. Stockholm 1975, S.161-182, hier S.170.
Bo Ullmann ist der Meinung, dass das Kunstgespräch „weniger ein Gespräch, als ein Monolog der Hauptperson ist“. Dennoch bezeichnet Ullmann dasselbe im fortlaufenden Text als Kunstgespräch.
spräch für gerechtfertigt hält: „Obwohl der quantitative Beitrag Kaufmanns im Zuge der Kontroverse gering ist, stimuliert er einen entschiedenen Fortgang in Lenzens Ausführungen“. 9 Lenz geht auf Grund von Kaufmanns Einwurf, „daß er in der Wirklichkeit doch keine Typen für einen Apoll von Belvedere oder eine Raphaelische Madonna finden würde“ (S.145) 10 , auf die Bildende Kunst ein. Er erwähnt seine Vorliebe für die niederländische Malerei gegenüber der italienischen und gibt daraufhin eindrucksvolle Beschreibungen zweier Werke niederländischer Maler.
Ich werde jetzt zunächst auf den Inhalt des Kunstgesprächs eingehen.
2.1 Inhalt des Kunstgesprächs
Das Kunstgespräch wird zu einem Zeitpunkt geführt, der als Ausgangspunkt der „idealistische[n] Periode“ (S. 144) bezeichnet wird. Lenzens Gesprächspartner Kaufmann wird als „ein Anhänger davon“ (S.144) ausgewiesen. Lenz legt im Laufe des Gespräches seine ästhetischen Überzeugungen nieder, die mit denen des Idealismus nicht vereinbar sind. So fordert er in Literatur und Kunst eine naturgetreue Wiedergabe. Aufgabe der Dichter und bildenden Künstler sei es, nachzuahmen, und nicht wie die „Idealdichter“ 11 zu verklären, denn „der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen“ (S. 144). Für Lenz ist im Gegensatz zu den Befürwortern des Idealismus nicht nur das Schöne, sondern auch das Hässliche und Alltägliche darstellungswürdig, da es als Teil des Seins zur Wirklichkeit dazugehöre. Er verlangt „in allem Leben, Möglichkeit des Daseins [...]; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen“ (S.144). Die Idealisten beachteten dies nicht, deshalb bezeichnet er deren Figuren als „Holzpuppen“ (S.144), bei denen „einem kein Leben, keine Muskeln, kein Puls entgegen schwillt und pocht“ (S.145). Für Lenz übernimmt die geforderte realistische Literatur die Funktion einer „Lebenshilfe“. 12 Das wird daraus ersichtlich, dass er selbst Shakespeare rezitierte, als ihn in der Dunkelheit eine „sonderbare Angst“ befiel (S.140). Er wollte mit Hilfe der Literatur das Leben wieder spüren, „sein Blut [...] rascher fließen machen“ (S.140). Shakespeare empfindet er - ebenso wie die Volkslieder und „Göthe“ - als vorbildlich für die Literatur, „alles Übrige kann man ins Feuer werfen“ (S.144).
9 Schwann, S.96.
10 Lenz zitiere ich nach: Pörnbacher, Karl - Schaub, Gerhard - Simm, Hans-Joachim - Ziegler, Edda (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. München 7 1999. Zitatnachweise erfolgen mit Angabe der Seitenzahl im fortlaufenden Text der Arbeit.
11 Brief an die Familie vom 28. Juli 1835. In: Pörnbacher, Karl - Schaub, Gerhard - Simm, Hans-Joachim -Ziegler, Edda (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. München 7 1999, S.306. Im Folgenden abgekürzt als WuB.
12 Vgl. Schwann, S.267.
Lenz plädiert für ein völliges Einlassen auf die Menschen, den Versuch, sich auch „in das Leben des Geringsten“ (S.144) zu versenken. Dafür müsse man aufmerksam und wachen Auges durch das Leben gehen. Als Paradigma für diese Beobachtungsgabe erläutert er eine „schöne Gruppe“ (S. 145), die er in der Natur angetroffen hat und in der Tradition des Lebenden Bildes, eine Art „überhöhte[r]s Momentbild[er]“ 13 , beschreibt. Er vergleicht das Gesehene mit den „schönsten, innigsten Bildern der altdeutschen Schule“ (S.145), die jedoch, obwohl vorbildhaft, nicht mit der Natur zu vergleichen seien. 14 Die Natur nimmt für ihn einen höheren Stellenwert als die Kunst ein; hier zeigt sich wieder seine dem Idealismus entgegengesetzte Einstellung, die die Kunst über die Natur stellt, „um am Leitbild des Ideals Kunstwerke zu schaffen, die die Natur übertreffen“. 15 Lenz stellt mit dieser Beschreibung seinen „ästhetisierenden Blick für die Schönheit des Alltäglichen“ 16 unter Beweis: „Der geringschätzigen Realitätsansicht [des Idealismus] widerspricht der mit dem Alltäglichen sympathisierende Blick“. 17
Lenz äußert den Wunsch, das Gesehene mit Hilfe des Medusenhauptes in Stein zu verwandeln. Dieses Verlangen ist zunächst verwunderlich, würde dieser Vorgang doch konträr zu seiner Forderung, alles solle Leben haben, stehen. 18 Nach Axel Schmidt „resultiert der Wunsch nach dem Medusenhaupt aus einem realistischen Anliegen, doch weist das Ergebnis paradoxerweise nicht das Angestrebte auf. Im Gegenteil. Der Wunsch nach Leben realisiert den Tod“. 19 Andererseits steht das Fixieren der Medusa für ein äußerst genaues Abbilden 20 und entspricht damit den Vorstellungen des zu „mimetische[n]r Genauigkeit verpflichtet[en]“ 21 Lenz:
„Das Problem der Kunst [...] ist ihre Differenz zur Wahrnehmung und deren Evidenz. Lenz möchte ein Medusenhaupt sein, um das im Augenblick Wahrgenommene zu fixieren. Doch schon im nächsten Moment wird der Fluß des Lebendigen und dessen Wahrnehmung als Bilderfolge beschrieben, die die Realität für die Kunst vollkommen ungreifbar macht. Nicht nur der Ablauf, auch die Vielfalt stehen dem im Wege. Der medusische Blick wäre der Versuch, den Augenblick der Wahrnehmung zu konservieren, ohne daß dessen Struktur von der Artikulation eines anderen Mediums, sei es der Schrift oder der Malerei, transponiert würde.“ 22
13 Miller, Norbert: Mutmaßungen über lebende Bilder. Attitüde und ‚tableau vivant’ als Anschauungsform des
19. Jahrhunderts. In: de la Motte, Helga (Hrsg.): Das Triviale in Literatur, Musik und Bildender Kunst. Frankfurt a.M. 1972, S.106-130, hier S.111. Im Folgenden abgekürzt als Miller.
14 Vgl. Schwann, S.108.
15 Schmidt, Axel: Tropen der Kunst. Zur Bildlichkeit der Poetik bei Georg Büchner. Wien 1991, S.27. Im Folgenden abgekürzt als Schmidt.
16 Gersch, Hubert in Zusammenarbeit mit Schmalhaus, Stefan: Quellenmaterialien und ‚reproduktive Phantasie’. Untersuchungen zur Schreibmethode Georg Büchners: Seine Verwertung von Paul Merlins Trivialisierung des Lenz-Stoffs und von anderen Vorlagen. In: Georg Büchner Jahrbuch 8 (1990-1994), 1995, S.69-103, hier S.95. Im Folgenden abgekürzt als Gersch. Schreibmethode.
17 a.a.O., S.97.
18 Vgl. Schwann, S.136.
19 Schmidt, S.24.
20 Vgl. Schwann, S.135.
21 Schmidt, S.22.
22 Schmidt, S.25.
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Friederike Stoller, 2000, Die Idealismus-Kritik des Realisten Büchner: Zum Stellenwert des Kunstgesprächs in Büchners Erzählung 'Lenz', München, GRIN Verlag GmbH
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