Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Erkenntnisinteresse 1
1.1 Aufbau der Arbeit 3
1.2 Literatursuche 6
2. Zum Begriff der Freundschaft 7
2.1 Alltagssprachliche Verwendung des Begriffs 7
2.2 Etymologische Bedeutung von Freundschaft 8
2.3 Darstellung verschiedener Definitionen von Freundschaft 8
2.3.1 Der Freundschaftsbegriff bei Tenbruck - Anmerkungen und Kritik 9
2.3.2 Der Freundschaftsbegriff bei Nötzoldt-Linden - Anmerkungen und
Kritik 10
2.3.3 Der Freundschaftsbegriff bei Auhagen - Anmerkungen und Kritik 16
2.4 Abgrenzung zu Kameradschaft und Bekanntschaft 19
3. Stand der Forschung 20
3.1 Freundschaft - eine vernachlässigte soziologische Kategorie 20
3.2 Freundschaftsforschung bei Tenbruck und Simmel 24
3.3 Soziologische Konzepte zur Freundschaft 26
3.3.1 Phänomenologischer Forschungsansatz von Kracauer 26
3.3.2 Struktureller Forschungsansatz von Lazarsfeld/ Merton 28
3.3.3 Symbolisch-interaktionistischer Forschungsansatz von Suttles 30
3.3.4 Funktionalistisch-systemtheoretischer Ansatz von Eisenstadt 31
3.4 Empirische Forschungen zur Freundschaft 33
3.4.1 Auhagens Untersuchung mit dem Doppeltagebuch 33
3.4.2 Kasts Untersuchung zu intimen Freundinnenschaften 34
3.5 Zur Geschlechterkategorie 34
3.6 Sozialpsychologische Perspektiven zur Freundschaft 35
4. Zur Bedeutung von Freundschaften im Alltag 37
4.1 Kurzer historischer Abriss zur Freundschafts(forschungs)entwicklung 37
4.2 Freundschaft in modernen Gesellschaften 40
4.2.1 Becks Individualisierungsthese oder die strukturelle
Individualisierung 42
4.2.2 Entstehung von Identität aus Sicht des symbolischen
Interaktionismus 44
4.2.3 Auswirkungen von Freundschaft auf die Identität 45
2
4.3 Funktionen von Freundschaft im Alltag 46
5. Von der Einsamkeit zur Freundschaft / Voraussetzungen und
Erwartungen 49
5.1 Das Verhältnis von Einsamkeit zur Freundschaft 49
5.1.1 Geschlechtliche Unterschiede im Umgang mit Einsamkeit 52
5.1.2 Voraussetzungen für Freundschaftsschließung - Wege aus der
Einsamkeit 52
5.2 Erwartungen an eine(n) FreundIn/ eine Freundschaft
5.2.1 Merkmale eines idealen Freundes bzw. einer idealen Freundin
5.2.2 Kompatibilität zweier Menschen 57
6. Zum Prozess von Freundschaftsbeziehungen 58
6.1 Entstehen, Entwicklung und Erhaltung von Freundschaften 58
6.1.1 Entstehen und Entwicklung von Freundschaften
6.1.2 Erhaltung von Freundschaften
6.2 Konflikte, Störungen und Freundschaftsabbruch
6.2.1 Konflikte und Krisen in Freundschaften
6.2.2 Abbruch von Freundschaften
7. Sozialpsychologische Theorien zur Entstehung und Entwicklung von
Freundschaften 70
7.1 Theoretische Überlegungen zum Beginn von Freundschaften
7.1.1 Anziehungskraft und Freundschaftsentstehung
7.1.2 Ähnliche Einstellungen und Attraktion 71
7.1.3 Ähnlichkeit versus Gegensätzlichkeit/ Theorien interpersonaler
7.2 Theoretische Überlegungen zur Freundschaftsentwicklung
8. Verschiedene Theorien zu Geschlechterdifferenzen 79
8.1 Sozialpsychologische Theorien zu Geschlechtsunterschieden 79
8.1.1 Theorie der sozialen Rollen (Geschlechterrollentheorie) 79
3
8.2 Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype
8.3 Zum Verhältnis von Expressivität bzw. Instrumentalität zu
8.4 Kommunikationsdiskrepanzen zwischen den Geschlechtern
8.5 Zur Geschlechterforschung (gender studies): Geschlechterkategorie -
Problematik der Zweigeschlechtlichkeit 88
9. Gegenüberstellung von Frauenfreundschaften und
Männerfreundschaften 91
9.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede in wesentlichen Funktionen und
Aspekten von Freundschaft 94
9.1.1 Geselligkeit und Austausch
9.1.2 Vertrauen
9.1.4 Streit und Konflikte
9.1.5 Psychophysisches Wohlbefinden
9.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede in Freundschaftsinhalten
9.3 Vergleich des Umgangs zwischen Freundinnen und Freunden
9.4 Störungen in Frauen- und Männerfreundschaften
9.5 Unterschiedlicher Abbruch von Freundschaften
9.6 Frauen - das freundschaftsfähigere Geschlecht?
9.7 Freundschaften im Ost/West- und im Geschlechtervergleich - eine
empirische Untersuchung von Valtin und Fatke
9.7.1 Forschungsinteresse und Fragestellung
9.7.2 Stichprobe, Methode und Operationalisierung
9.7.3 Ergebnisse der Untersuchung
9.8 Frauen- und Männerfreundschaften im Alter - eine empirische
Untersuchung von Schütze und Lang 115
9.8.1 Fragestellung und Ausgangshypothesen der Untersuchung 116
9.8.2 Ergebnisse der Untersuchung
9.9 Theoretische Geschlechterdifferenzen in der freundschaftlichen
Praxis - Anwendung einiger Ansätze 121
4
10. Resümee und Ausblick 122
11. Literaturverzeichnis 127
5
Abkürzungsverzeichnis
Anm. d. Verf. - Anmerkung des Verfassers
bspw. - beispielsweise
bzw. - beziehungsweise
ca. - circa
ebd. - ebenda
etc. - et cetera
o. Ä. - oder Ähnliches
resp. - respektive
S. - Seite
sog. - so genannt
u.a. - unter anderem
u.a.m. - und anderes mehr
usw. - und so weiter
u.U. - unter Umständen
vgl. - Vergleiche
z.B. - zum Beispiel
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1. Einleitung und Erkenntnisinteresse:
In meinem Freundeskreis habe ich immer wieder auffällige Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfreundschaften 1 festgestellt. Freundschaften unter Männern kommen mir oft lockerer und unkomplizierter vor, Freundschaften unter Frauen hingegen häufig intimer und tiefgehender. Mich beschäftigt die Frage, ob die von mir beobachteten Unterschiede wirklich zutreffen und wie sie zustande kommen. Diese Problematik interessierte mich schon seit längerem.
Mein Interesse, mich damit eingehender zu befassen, wurde jedoch erst während meines Forschungspraktikums bei Frau Dr. Felizitas Sagebiel geweckt. Das Thema meines Praktikums entwickelte sich aus dem Seminar ‚Transformation Ostdeutschlands im Spiegel von Frauenbiographien. Forschungswerkstatt: Qualitative Interviews‘. Grundlage für mein Forschungspraktikum waren 25 qualitative Interviews mit ostdeutschen Frauen, durchgeführt von Frau Dr. Sagebiel 2 . Ihr Erkenntnisinteresse galt den Auswirkungen des gesellschaftlichen Umbruchs in Ostdeutschland nach der Wende auf die Biographien von ostdeutschen Frauen und wie diese sich auf interpersonelle Beziehungen, insb. Freundschaften, ausgewirkt haben. Mich interessierte in erster Linie die Bedeutung von Frauen in Freundschaften zu Frauen und/ oder zu Männern im DDR- Alltag und inwieweit sich typische Freundschaftsmuster und -inhalte als unmittelbare oder mittelbare Folge der Wiedervereinigung Deutschlands wandelten. Meine Aufgabe bestand darin, zwölf Interviews, die nach Stadt/Land- Aspekten, Bildungsgrad, Alter und Einstellung zum
1 “Frauenfreundschaften” meint in dieser Arbeit nur die Freundschaften von Frauen untereinander,
“Männerfreundschaften” bezeichnen hier reine Freundschaften unter Männern.
2 Vgl. dazu: Sagebiel, 1997a
5
Staat ausgewählt wurden, mit Hilfe einschlägiger soziologischer und forschungsmethodischer Literatur auszuwerten. Wissenschaftstheoretische
Forschungsrichtung war die von Anselm Strauss entwickelte ‚Grounded Theory‘ (vgl. Strauss 1991, Strauss/Corbin 1996).
Die Eindrücke, die ich während meiner Auswertungen im Forschungspraktikum gewann, werde ich kurz schildern: Die Interviewten beklagten sich über die neuerliche Wichtigkeit des Geldes sowie materiellen Dingen. Viele Menschen im Osten seien infolge der Wende egoistischer geworden. Freundschaften zu Männern spielten im großen und ganzen keine wichtige Rolle für die Befragten. Freundschaften zu Frauen waren jedoch durchgängig von enormer Bedeutung für die Bewältigung des Alltags sowohl vor als auch nach der Wiedervereinigung. Durch den politischen und gesellschaftlichen Umbruch gerieten einige Freundschaften in ernsthafte Krisen. Zum Teil konnten die Krisen gemeinsam überwunden werden, andere Freundschaften entwickelten sich zurück zu Bekanntschaften und bei einigen kam es zum Freundschaftsabbruch. Einstimmig beklagten sich die Frauen darüber, dass ihnen nach der Wiedervereinigung fast keine Zeit mehr zur Pflege ihrer Freundschaften bliebe.
Die von mir konstatierten Ergebnisse des Forschungspraktikums hinsichtlich des beachtlichen Stellenwertes der Freundin im Alltag von Frauen, sowie der von den Interviewten selbst beschriebene liebevolle Umgang mit der Freundin, bestätigten meine eigenen Erfahrungen. Zugleich stellte ich mir immer wieder die Frage, welches Verhältnis Männer in ihren Freundschaften pflegen. Sind Freunde für sie ebenso wichtig, wie Freundinnen für Frauen? Was bildet den Fokus in Männerfreundschaften? Vertrauen sich Männer ihren Freunden an? Wie viel Intimität lassen Männer untereinander zu?
Mir erscheint es wichtig, Freundschaftsbeziehungen unter Erwachsenen geschlechtsspezifisch zu betrachten. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich mich
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deshalb genauer damit auseinandersetzen, ob es Unterschiede und/ oder Ähnlichkeiten in Freundschaften zwischen Männern und Freundschaften zwischen Frauen gibt. Allerdings werden in der Literatur nur ‚typische Merkmale von Frauenfreundschaften‘‚ ‚typischen Merkmalen von Männerfreundschaften‘ gegenübergestellt. In der Realität gibt es natürlich eine viel größere Variationsbreite. Lange Zeit wurde die Bedeutung von Freundschaften als eine der wichtigsten sozialen Beziehungen im heutigen Alltag unterschätzt. In der Vergangenheit waren soziologische Konzepte zum Thema ‚Freundschaft‘ eher Randüberlegungen. Der steigende Bedarf nach freundschaftlichen Beziehungen als Überwindung von Einsamkeit lässt das Thema wieder aktuell werden. Geschlechtsdifferenzierte Ausführungen zu ‚Freundschaften‘ sind jedoch immer noch rar.
1.1 Aufbau der Arbeit
Der Aufbau der Arbeit ist so gestaltet, dass vom Allgemeinen zum Speziellen vorgedrungen wird. Als erstes wird das allgemeine Thema ‚Freundschaften‘ behandelt. Es folgt eine Auseinandersetzung mit ‚Geschlechterdifferenzen‘ und schließlich werden Frauen- und Männerfreundschaften miteinander verglichen. Kapitel ‚Zum Begriff der Freundschaft‘
Zunächst gehe ich auf die Problematik des Begriffs ein. Die Bezeichnung ‚Freundschaft’ offeriert einen weiten Sinnhorizont. Ich werde kurz die etymologische Bedeutung behandeln und anschließend verschiedene Freundschaftsdefinitionen vorstellen. Eine Abgrenzung zu Kameradschaft und Bekanntschaft schließt das Kapitel.
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Kapitel ‚Stand der Forschung‘
In diesem Kapitel gehe ich auf die Bedeutung von ‚Freundschaft‘ in soziologischen Theorien ein. Verschiedene soziologische Konzepte zum Thema ‚Freundschaft‘ werden vorgestellt.
Kapitel ‚Zur Bedeutung von Freundschaften im Alltag‘ Mit dem historischen und dem aktuellen Stellenwert von Freundschaften für Individuum und Gesellschaft werde ich mich im nächsten Teil kurz befassen, um auf den gestiegenen Stellenwert von Freundschaften im heutigen Alltag einer Industriegesellschaft hinzuweisen. Die Individualisierung in modernen Gesellschaften hat sich auch auf Freundschaften ausgewirkt. Im Zuge der veränderten Lebensbedingungen kommt (Frauen-) Freundschaften eine große Bedeutung zu. Besonders hervorzuheben sind hier die Funktionen von Freundschaften wie z.B. emotionaler, kognitiver und materieller Beistand in unserer Gesellschaft. Kapitel ‚Von der Einsamkeit zur Freundschaft / Voraussetzungen und Erwartungen‘ Hier nähere ich mich dem Verhältnis von Freundschaft zur Einsamkeit und führe geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit Einsamkeit aus. Wege aus der Einsamkeit und idealtypische Erwartungen an eine Freundschaft werden erörtert. Anschließend folgt eine Antwort auf die Frage ‚Wer paßt zu mir?‘. Kapitel ‚Zum Prozess von Freundschaftsbeziehungen‘
In einer weiteren Betrachtung werde ich auf das Entstehen, die Pflege und das Zerbrechen von Freundschaften eingehen. Es kommt teilweise zu Überschneidungen mit dem folgenden Kapitel, das sich explizit mit sozialpsychologischen Theorien der Entstehung und Entwicklung von Freundschaften auseinandersetzt. Auch Störungen und Konflikte in Freundschaften als Teil eines normalen Freundschaftsprozesses werden thematisiert. Die negativen Aspekte, wie Ausbeutung, Angst, Neid, Verrat,
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die einige Freundschaftsbeziehungen überschatten und zur Qual werden lassen, werden zu gestörten Freundschaften zusammengefasst. Kapitel ‚Sozialpsychologische Theorien zur Entstehung und Entwicklung von Freundschaften‘
Hier begegne ich einer Vielfalt von theoretischen Ansätzen zum Beginn von Freundschaften und deren weiteren Entwicklung. Attraktionstheorien geben Aufschluß über gegenseitige Anziehung und Ähnlichkeiten unter Freunden. Kapitel ‚Verschiedene Theorien zur Geschlechterdifferenz‘ Allgemeine Geschlechterdifferenzen und Kommunikationsdiskrepanzen zwischen den Geschlechtern sind Gegenstand dieses Kapitels, in dem sozialpsychologische Theorien und Ansätze aus der Frauenforschung zu Geschlechtsunterschieden behandelt werden. Die Problematik der Zweigeschlechtlichkeit wird aus Sicht der Geschlechterforschung betrachtet. Ich beschäftige mich mit der Idee des ‚doing gender‘.
Kapitel ‚Gegenüberstellung von Frauenfreundschaften und Männerfreundschaften‘ Schwerpunkt der Arbeit stellen die Ausführungen zu Frauen- und Männerfreundschaften dar. Geschlechtsspezifische Unterschiede in wesentlichen Aspekten und Funktionen von Freundschaft sowie unterschiedliche
Freundschaftsinhalte werden näher ausgeführt. Frauen- und Männerfreundschaften unterscheiden sich auch im Umgang der FreundInnen untereinander. Der Frage, ob Frauen, wie häufig angenommen, tatsächlich das freundschaftsfähigere Geschlecht sind, wird nachgegangen. Die geschlechtlichen Unterschiede im Umgang mit Konflikten in Freundschaften sowie beim Ende von freundschaftlichen Beziehungen werden untersucht. Abschluß bilden zwei ausgewählte Untersuchungen zum Thema ‚Freundschaft‘. Die Studie von Valtin und Fatke (1997) betrachtet Freundschaften im
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Ost/ West- und im Geschlechtervergleich. Die Untersuchung von Schütze und Lang (1993) widmet sich Frauen- und Männerfreundschaften im Alter. Aufgrund des defizitären Literaturangebotes zu Männerfreundschaften, fallen die Erkenntnisse zu Frauenfreundschaften etwas reichhaltiger aus. Kapitel ‚Resümee und Ausblick‘
Zum Schluss fasse ich meine Erkenntnisse in einem Resümee zusammen und formuliere Gedanken für einen Ausblick.
1.2 Literatursuche
Die Literaturbeschaffung zu dem Thema ‚Geschlechterdifferenzen in Erwachsenenfreundschaften‘ gestaltete sich schwierig. Zum allgemeinen Thema ‚Freundschaften‘ sind mittlerweile mehrere Werke erschienen. Die Behandlung verschiedener spezifischer Freundschaften wie ‚Kinder- und Jugendfreundschaften‘ wird auch in einigen Arbeiten vorgenommen. Ebenfalls weist der aktuelle Literaturstand ein starkes Interesse an dem Thema ‚Frauenfreundschaften‘ auf. Zu ‚Freundschaften unter Männern‘ in unserer heutigen Zeit sind jedoch keine ausführlichen Betrachtungen vorgenommen worden. Sie finden, wie die platonischen Freundschaften, kaum Beachtung.
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2. Zum Begriff der Freundschaft
Der Freundschaftsbegriff wird von Person zu Person unterschiedlich verwandt. Für jeden Menschen sind mit dem Begriff unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen verknüpft.
2.1 Alltagssprachliche Verwendung des Begriffs
Der Begriff ‚Freundschaft‘ scheint wohlbekannt und doch fallen die Assoziationen dazu äußerst vielfältig aus. Während der eine Freundschaft mit Bekanntschaft gleichsetzt, bezieht der andere Freundschaft nur auf enge und intime Beziehungen zwischen Freunden. Es existieren zwar keine konkreten Handlungsvorgaben für Freundschaften, “aber ein universell verbreitetes kulturelles Wissen darüber, was idealerweise unter Freundschaft bzw. der Rolle des Freundes verstanden werden soll” (Nötzoldt-Linden 1994, S.114). Je nachdem wer über ‚seinen Freund‘ spricht, kann eine völlig unterschiedliche Bedeutung hinter dieser Betitelung stecken. Zu den Besonderheiten von Freundschaft zählt, dass sie wenige ausdrückliche Konditionen von den Beteiligten abverlangt. Alltagssprachlich bietet die Bezeichnung ‚Freundschaft‘ eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten. Es gibt gute Freunde, entfernte Freunde, Schulfreunde, Busen- oder Herzensfreunde, Geschäftsfreunde, Jugendfreunde, Studienfreunde und ‚nur‘ Freunde. Im Grunde erfolgt die Definition von Freundschaft von innen heraus durch die Partner selbst. Meist wird Freundschaft mit Offenheit und Ehrlichkeit, wechselseitiger emotionaler Zuwendung und reziprokem Austausch assoziiert - unter Freundschaft wird etwas Alltagserleichterndes und -verschönerndes verstanden. Diese positive Konnotation hängt wahrscheinlich mit dem Aspekt der Freiwilligkeit der Freundschaftsschließung
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und der Aufrechterhaltung der Beziehung zusammen. Dahinter steht der Gedanke, dass die Freundschaft, würde man sich in ihr nicht wohl fühlen, einfach beendet werden kann (vgl. Schöningh 1997, S.55). Gerade bei langjährigen Freundschaften ist es jedoch schwierig, einen Schluss-Strich unter die Beziehung zu ziehen.
2.2 Etymologische Bedeutung von ‚Freundschaft‘
Betrachtet man zunächst die geschichtliche Entwicklung des Begriffs ‚Freundschaft‘, so lässt sich dessen gemeinsamer Ursprung mit dem Begriff der ‚Liebe‘ erkennen. Der Begriff der ‚Freundschaft‘ bzw. des ‚Freundes‘ erstreckt sich im Bedeutungszusammenhang von Verwandtschaft, Kameradschaft, Liebe bis hin zu Freiheit. Die indogermanische Wurzel ‚fri‘ als ‚Hegen‘ deutet etymologisch auf die Gemeinsamkeit von Freiheit und Freundschaft hin und ist gleichermaßen in den Wörtern ‚Friede‘ und ‚Freund‘ enthalten (vgl. Fasching 1997, S.24). Das deutsche Wort ‚Freundschaft‘ bedeutete früher nicht nur Freundschaft als solche, sondern neben Liebe auch nahe Verwandtschaft, gemeinsames Heim und gemeinsame Abstammung. (vgl. Nötzoldt-Linden 1994, S.27). Der enge Zusammenhang zwischen Freundschaft und Liebe in der Etymologie fand sich praktisch z.B. in den Freundschaften der alten Philosophen.
2.3 Darstellung verschiedener Definitionen von Freundschaft
Der Terminus Freundschaft ist ambivalent und nicht präzise definiert. Daraus resultiert auch seine Vitalität (vgl. Nötzoldt-Linden 1994, S.144). “Das Spektrum an Beziehungen, das dieser Begriff abdeckt, ist so weit, wie es theoretische Konzepte, kulturelle Varianten und persönliche Meinungen gibt. Auch der Personenkreis auf
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den Freundschaft sich richten kann, ist nicht ausdrücklich begrenzt, ...” (Nötzoldt-Linden 1994, S.144).
Auhagen (1993) sieht im Zusammenhang mit der Begriffsbestimmung bzw. mit den Merkmalen von Freundschaften ein Paradoxon. “Ein Merkmal der Freundschaft ist .. gerade jenes, dass sie so wenige wirklich eindeutige Merkmale besitzt. Diese Eigenheit bezeichne ich als das Paradox der Freundschaft” (Auhagen 1993, S.215). Zu Beginn werden verschiedene Definitionen dargestellt, auf die anschließend näher eingegangen werden soll.
2.3.1 Der Freundschaftsbegriff bei Tenbruck - Anmerkungen und Kritik
Tenbruck (1964) bezeichnet Freundschaft als “die aus eigenständigen Gefühlen emporwachsende und im anderen die Erfüllung der eigenen Identität suchende und findende und deshalb auch dem anderen wiederum die Erfüllung seiner Individualität schenkende persönliche Beziehung” (Tenbruck 1964, S.437). Tenbruck war einer der ersten Soziologen, der versuchte, Freundschaft soziologisch zu betrachten. Unter Freundschaft versteht er eine persönliche Beziehung im Gegensatz zu einer unpersönlichen Zweckbeziehung (vgl. Nötzoldt-Linden 1994, S.25). ‚Aus eigenständigen Gefühlen‘ drückt aus, dass das Freundschaftsverhältnis auf Freiwilligkeit beruht. ‚Individualität‘ deutet auf eine nichtstandardisierte Beziehung hin. Die zentrale Aussage der Definition scheint die ‚Erfüllung seiner Individualität‘ zu sein. Dieses Ziel wird mittels der Identitätsfindung, bei der der Freund eine zentrale Rolle spielt, zu erreichen versucht.
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Der Definitionsversuch von Tenbruck ist derart allgemein gehalten, dass seine Beschreibung auf fast alle sozialen Beziehungen zutrifft. Die typischen Eigenschaften einer Freundschaft, die diese von anderen Beziehungen unterscheidet, fehlen völlig. Es handelt sich eher um eine Teildefinition.
2.3.2 Der Freundschaftsbegriff bei Nötzoldt-Linden - Anmerkungen und Kritik Eine wesentlich weitgehendere Begriffsbestimmung von Freundschaft bietet die Soziologin Nötzoldt-Linden (1997) durch die Aufzählung einer Reihe von ihrer Meinung nach typischen Merkmalen dieser Beziehung in der Zeitschrift Ethik und Sozialwissenschaften.
Nötzoldt-Linden begreift Freundschaft als “eine in freiwilliger Gegenseitigkeit konstruierte dyadische, persönliche Beziehung zwischen nicht verwandten, gleichgeschlechtlichen Erwachsenen in einer Zeitspanne” (Nötzoldt-Linden 1997, S.4).
Mit ihrer Definition löste Nötzoldt-Linden eine interdisziplinäre Diskussion des Freundschaftsbegriffs in der oben genannten Zeitschrift aus. Eine Auseinandersetzung mit den einzelnen Aspekten dieser Definition wird im folgenden vorgenommen: Freiwilligkeit
Ein zentrales und unverzichtbares Kriterium der Freundschaft, wie sie heute bekannt ist, ist Nötzoldt-Linden (1994) zufolge, die Freiwilligkeit. Sie räumt jedoch ein, dass die freiwillige Wahl des Freundes nicht uneingeschränkt möglich ist und auch die Ausgestaltung der Beziehung nicht allein der persönlichen Kontrolle unterliegt. Die
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eigene Entscheidungsfreiheit, Freundschaften zu schließen und aufrechtzuerhalten wird gesellschaftlich determiniert und durch unzählige soziale Zwänge modifiziert. “Freiwilligkeit in der Gestaltung von Freundschaftsbeziehungen ist nicht für jedermann möglich; Freundschaft hat durchaus elitären Charakter” (Maurer 1997, S.40). Wie viele und welche Auswahlmöglichkeiten einer Person zur Verfügung stehen, hängt nach Maurer unter anderem von Variablen wie Schichtzugehörigkeit, Alter und persönlicher Attraktivität ab. Die persönliche Attraktivität beinhaltet nicht nur körperliche Schönheit, sondern auch wirtschaftliche und soziale Attraktivität. (vgl. Maurer 1997, S.40).
Idealerweise finden in guten Freundschaften Kontakte und Interaktionen beidseitig auf freiwilliger Basis statt. Auch eine Freundschaftsbeendigung steht im Idealfall den Beteiligten frei. Gegenseitigkeit
“Von Freundschaften kann nur gesprochen werden, wenn diese beidseitig als solche konstruiert, erlebt und definiert werden” (Nötzoldt-Linden 1994, S.30). Ernstgemeinte Freundschaften können nicht nur von einer Person ausgehen. Zwar ist es möglich, dass eine Person der anderen mehr freundschaftliche Gefühle entgegenbringt, als sie zurückbekommt. Aber um die Beziehung überhaupt als Freundschaft einstufen zu können, müssen sich beide einig sein, dass sie eine freundschaftliche Beziehung führen (vgl. Auhagen 1993, S.218). Eine intakte Freundschaft, die von Dauer sein soll, bedarf des reziproken Austausches. In guten freundschaftlichen Beziehungen wird nicht erwartet, dass geleistete Dienste umgehend zurückgegeben werden, sondern dass man, wenn es nötig sein sollte, auf den Freund/ die Freundin zurückgreifen kann. Die Leistungen, die in Freundschaften erbracht werden, können sich ergänzen. D.h., dass z.B. der eine eher praktische Hilfe leistet, während der andere eher immaterielle Unterstützung bietet.
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Dyadische persönliche Beziehung
Unter ‚dyadischer Beziehung‘ versteht Nötzoldt-Linden (1994) nicht das Verhältnis zu einem Busenfreund bzw. einer Busenfreundin. Sie spricht von unterschiedlichen dyadischen Freundschaften einer Person, die jeweils unterschiedliche Interessen abdecken, verschiedene Funktionen erfüllen und in der die Beteiligten sich grundsätzlich dem anderen völlig widmen können. Sagebiel (1997) kritisiert eine dyadische Sichtweise von Freundschaften, indem sie ihr eigenes Projekt über die Veränderung der Freundschaften von Ostdeutschen Frauen nach der Wiedervereinigung 3 heranzieht. Die interviewten Frauen berichten “vielfach eher über Freundschaftscliquen anstatt von dyadischen Freundschaften, ebenso beziehen mehrere die Familien ihrer FreundInnen in die Freundschaft ein” (Sagebiel 1997, S.46). Die Wertschätzung und das Vertrauen der einzelnen Personen untereinander fällt in Freundschaftsgruppen nicht zwangsläufig gleich hoch aus. Meist stehen die Mitglieder untereinander in dyadischen Beziehungen. Gruppenphänomene sind jedoch nicht generell auf Dyaden zurückzuführen.
‚Persönlich‘ “beinhaltet, dass Menschen sich in Freundschaften als individuelle Persönlichkeiten sehen und begegnen und dass sich ihr Verhalten gegenüber dem anderen stark auf diese individuellen Anteile anstelle irgendwelcher rollenspezifischer konzentriert” (Auhagen 1991, S.18). Freundschaften sind höchst persönliche Beziehungen zwischen zwei Individuen und thematisieren sozusagen die gemeinsame ‚kleine Welt‘. Gemeint sind hier die von Simmel (1968) als differenzierte Freundschaften bezeichneten Beziehungen (vgl. Nötzoldt-Linden 1994, S.29). Durch die moderne Gesellschaft sei eine Freundschaftsform entstanden, “die die weitgetriebene Differenzierung der Gesellschaft und eine entsprechende Fragmentierung des Individuums berücksichtigt” (Hahn/ Burkhart 2000, S.95). Mehrere differenzierte Freundschaften decken bestimmte unterschiedliche
3 Vgl. Kapitel 1. ‚Einleitung und Erkenntnisinteresse‘ und Sagebiel (1997a).
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Interessens- und Gefühlsbereiche ab. Sie existieren individuell nebeneinander und abgegrenzt von anderen Freundschaften. Nicht-Verwandte
Der ‚typische‘ Freund ist nach Nötzoldt-Linden (1994) kein Familienmitglied, sie schließt jedoch nicht aus, dass Freundschaften unter Verwandten möglich sind. Friebus-Gergly hält Familien- und Freundschaftsbeziehungen für eng miteinander verwoben, da ihre Beziehungsstrukturen in der Kindheit, also in der Familie, erworben wurden (vgl. Friebus-Gergly 1997, S.28). Gerade in der heutigen Gesellschaft, die von Kurzlebigkeit, Flexibilität und Ungebundenheit geprägt ist, bleiben Verwandtschaftsbeziehungen relativ stabil. In Zeiten, in denen Globalisierung und Individualisierung das Schließen von dauerhaften und tiefgehenden Freundschaften erschweren, das grundlegende Bedürfnis nach emotionaler Bindung aber nach wie vor bleibt, erfreuen sich familiale Freundschaften wieder neuer Beliebtheit (vgl. Krumpholz-Reichel 1999). Im Gegensatz zu nicht verwandten Freunden, um die man werben und sich bemühen muss, bleiben Verwandte Verwandte, egal was auch geschieht. Die Soziologin Zeiher formuliert dazu folgende Zeilen: “Verwandtschaft ist eine Beziehung, in der man nicht konkurrieren oder sich verkaufen muss. Die Zwänge des freien Marktes sind außer Kraft gesetzt. Man gehört dazu, ohne Zutun” (Zeiher nach Krumpholz-Reichel 1999, S 59). Durch Scheidungen und Wiederverheiratungen sind die Menschen heute zwar mit mehr Personen verwandt als früher, das gegenseitige Verpflichtungsempfinden einstiger Verwandtschaftsbeziehungen scheint nach Krumpholz-Reichel allerdings
abgenommen zu haben. An die Stelle von obligatorischen Familienfesten sind vermehrt Verabredungen mit den sympathischsten Mitgliedern der Verwandtschaft getreten (vgl. Krumpholz-Reichel 1999, S.59). Durch die Möglichkeit der Auswahl, mit bestimmten Verwandten in Kontakt zu bleiben, während andere
Verwandtschaftsbeziehungen eingefroren werden, rückt die Verwandtschaft ein Stück
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näher an die Freundschaft 4 . Die verwandtschaftliche Freundschaft unterscheidet sich in ihren Grundprinzipen nicht mehr wesentlich von einer Freundschaft unter Nicht-Verwandten. Ein Unterschied ist jedoch darin zu sehen, dass es unter Umständen leichter fällt, eine verwandtschaftliche Beziehung auch über eine große Distanz aufrechtzuerhalten und auch ohne eine lange ‚Aufwärmphase‘ jederzeit auf sie zurückgreifen zu können. In Notlagen fallen vielen Menschen die ‚lieben Verwandten‘ wieder ein. “Verwandtschaft ist eine verlässliche Konstante im Leben eines Menschen. Ein Fels in der Brandung, Orientierungshilfe in den Stürmen des Lebens” (Krumpholz-Reichel 1999, S.60). Gleichgeschlechtlichkeit
Die Beschränkung auf gleichgeschlechtliche Beziehungen für eine Definition von Freundschaft ist äußerst fraglich und zudem zu eng gehalten. Es klingt, als würden nicht-sexuelle Freundschaften zwischen Frauen und Männern nicht existieren. Eine Partnerschaft muss zwar separat betrachtet werden, aber aus Angst vor eventueller Verwechslung oder unklarer Abgrenzung können nicht sämtliche
gemischtgeschlechtliche Freundschaften ausgelassen, ignoriert oder heruntergespielt werden.
“Die gleichgeschlechtliche Freundschaft ist die vermutlich empirisch am häufigsten anzutreffende Form, aber trotzdem gibt es Abweichungen von dieser Normalität” (Schöningh 1997, S.55). Die Unterstellung, dass eine sexuelle Komponente in einer verschiedengeschlechtlichen Freundschaft sein müsse, dürfte in unserer heutigen Gesellschaft eine minder große Rolle spielen. Wobei einzuräumen bleibt, dass es selbstverständlich in gemischtgeschlechtlichen Freundschaften zu Missverständnissen sexueller Natur kommen kann. Gerade in älteren Generationen können aus Angst vor solchen Irrtümern oder aus Angst vor dem ‚Gerede‘ der anderen, besonders bei
4 Vgl. ‚Freiwilligkeit‘ im Kapitel 2.3.2 ‚Der Freundschaftsbegriff bei Nötzodlt-Linden - Anmerkungen
und Kritik‘.
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Verheirateten, Freundschaften mit dem anderen Geschlecht bewusst vermieden werden. Gemischtgeschlechtliche Freundschaften “sind offenbar nur dann möglich, wenn die Sexualität einigermaßen unter Kontrolle gebracht worden ist” (Valtin/ Fatke 1997, S.40). Wenn Nötzoldt-Linden in ihrer Begriffsbestimmung eine Beschränkung auf gleichgeschlechtliche Freunde vornimmt, um damit den Ausschluss der Sexualität in Freundschaften zu betonen, klingt dies zunächst, als wolle sie die Möglichkeit der Homosexualität oder Bisexualität eines oder beider Beteiligten völlig ausklammern. Dies war jedoch nicht ihre Intention (vgl. Nötzoldt-Linden 1997a, S.60). Ihre Absicht war ein Ausschließen von körperlicher Liebe “im Sinne von Auhagen” (Nötzoldt-Linden 1997a, S.60). Erwachsensein
Kinder- und Jugendfreundschaften sind nach Nötzoldt-Linden “komplexe eigenständige Beziehungstypen (ebd.), in denen sich die vielfältigen Beziehungstypen des Erwachsenenlebens vorbereiten” (Krappmann 1993, S.39 nach: Nötzoldt-Linden 1997a, S.64).
Wesentliche Merkmale der Freundschaft zwischen Erwachsenen, wie z.B. Achtung, Respekt, Unterstützung, Einfühlsamkeit, kooperative Handlungsabstimmung, aufeinander Bezogensein und Orientierung aneinander, bilden sich erst in einer späteren Entwicklungsphase heraus (vgl. Keller 1997, S.35). Keller argumentiert, “dass jüngere Kinder Freundschaft zunächst auf der Basis konkreter Verhaltensakte definieren: Freund zu sein heißt, dass man (gut/gern) miteinander spielt und Spielzeuge und sonstige Güter teilt. Gefühle der Zuneigung sind bereits frühzeitige Aspekte von Freundschaft, doch ein tieferes psychologisches Verständnis für die Person des Anderen entwickelt sich erst von der Adoleszenz an.” (Keller 1997, S.35). Übereinstimmende Interessen und geteilte Einstellungen sind erst vom Ende des Jugendalters an bedeutsam. Die Freundschaft kann nun zu “einer individualisierten und exklusiven intimen Gefühlsbeziehung von wechselseitiger Fürsorge und Vertrauen” (ebd.) werden.
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Im Alter von 20-65 Jahren finden die meisten sozialen Beziehungen statt. Diese Phase ist geprägt von unzähligen Veränderungen: Schulabschluss, Studium, Beruf, Familie, Kindererziehung, Auszug der Kinder, Trennungen, Krisen, Wohnungs- und Ortswechsel, Krankheiten, Tod, physische Veränderungen, um nur einige zu nennen (vgl. Nötzoldt-Linden 1994, S.29 f.). “Ein Freund ist in vielerlei Hinsicht für Erwachsene bedeutsam: in pragmatischer, sozialer, personaler und emotionaler” (Nötzoldt-Linden 1994, S.24).
2.3.3 Der Freundschaftsbegriff bei Auhagen - Anmerkungen und Kritik Eine weitreichendere Definition liefert Auhagen (1991):
“Freundschaft ist eine dyadische, persönliche, informelle Sozialbeziehung. Die beiden daran beteiligten Menschen werden als Freundinnen/ Freunde bezeichnet. Die Existenz der Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit; sie besitzt für jede(n) der Freundinnen/ Freunde einen Wert, welcher unterschiedlich starkes Gewicht haben und aus verschiedenen inhaltlichen Elementen zusammengesetzt sein kann. Freundschaft wird zudem durch vier weiter Kriterien charakterisiert. 1. Freiwilligkeit: bezüglich der Wahl, der Gestaltung, des Fortbestandes der Beziehung. 2. Zeitliche Ausdehnung: Freundschaft beinhaltet einen Vergangenheits-und einen Zukunftsaspekt. 3. Positiver Charakter: unabdingbarer Bestandteil von Freundschaft ist das subjektive Element des Positiven. 4. Keine offene Sexualität” (Auhagen 1991, S.217).
Da die Punkte dyadisch, persönlich, Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit bereits oben näher ausgeführt wurden, werden sie hier nicht noch einmal erläutert.
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Informelle Sozialbeziehung
“Informell soll eine Sozialbeziehung dann sein, wenn es für sie keine offizielle, keine amtliche oder gesetzliche Bestätigung gibt” (Auhagen 1991, S.18). Auch offizielle Verpflichtungen, Sanktionen oder Regelungen gibt es nicht. Sowohl der Anfang als auch das Ende von Freundschaften bringt keine förmlichen Konsequenzen mit sich. Wert in Freundschaften
Auhagen (1991) fasst darunter alle emotionalen, sozialen und geistigen Werte, die mit freundschaftlichen Beziehungen zusammenhängen, wie z.B. Vertrauen, Hilfe, Zuneigung und Respekt. “Welche Bedeutung solchen Werten und den möglicherweise damit verbundenen Verhaltensweisen in einzelnen Freundschaften zukommt, wird von den Freundinnen und Freunden - meist implizit - bestimmt” (Auhagen 1993, S.218). Zeitliche Ausdehnung
Freundschaften, so Auhagen (1991), beinhalten eine Vergangenheits- und eine Zukunftsperspektive. Die Zeitspanne vom ersten Treffen über den vorsichtigen Aufbau einer sozialen Beziehung bis hin zu einer Freundschaft, kann unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Dauer der Entwicklungsphase, die in erster Linie zum Sammeln von Informationen über den potentiellen neuen Freund genutzt wird, ist abhängig von “Häufigkeit und Intensität der Kontakte, Grad der Intimität und Selbstenthüllung, Ähnlichkeit der Partner und ihrer Situation etc.” (Auhagen 1991, S.19). Mit ‚Zukunftsperspektive‘ meint Auhagen, dass die Freunde sich ihre Freundschaft auch für künftige Zeiten vorstellen können und wünschen. Möglicherweise sind auch schon gemeinschaftliche Ziele oder Aktivitäten für die Zukunft geplant.
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Positiver Charakter
Konflikte, Konfliktpotential und Krisenzeiten in freundschaftlichen Beziehungen sind Teil einer längeren Freundschaft. Das subjektive Erleben von größtenteils Positivem ist gleichwohl ein unabdingbarer Bestandteil von guten Freundschaften, so Auhagen (1991). Fällt der überwiegend positive Charakter einer Freundschaft weg und hält dieser Zustand an, entsteht eine gestörte Beziehung. Dann handelt es sich nicht länger um eine Freundschaft im Sinne der Auhagen’schen Definition. Dennoch können ‚Freundschaften‘ bestehen, die von einem oder beiden Beteiligten nicht als positiv empfunden werden. Unter Umständen können freundschaftliche Beziehungen sogar zur Qual werden 5 . Keine offene Sexualität
Auhagen (1991) schließt sexuelle Handlungen im engeren Sinne aus Freundschaften aus. “Von allen Merkmalen der Freundschaft ist dieses das umstrittenste ... und sicher auch das anfechtbarste, weil es stärker als die anderen mit konkreten Freundschaftsinhalten zu tun hat. Jedoch scheint es - zumindest im hiesigen Kulturkreis - ein ganz wichtiges Kennzeichen von Freundschaft zu sein” (Auhagen 1991, S.19). In unserer Gesellschaft wird Sexualität in erster Linie in Liebesbeziehungen ausgelebt. Allerdings; auch wenn keine Partnerschaft oder Liebesbeziehung besteht, kann eine sexuelle Attraktion vorhanden sein. Vor allem in verschiedengeschlechtlichen Freundschaften oder gleichgeschlechtlichen
Freundschaften unter Homosexuellen und Bisexuellen ist Sexualität ein kritischer Bereich. Geht eine unterschwellige sexuelle Anziehung in offen gelebte Sexualität über, muss die Beziehung neu überdacht werden. Entweder führt dies zu einer Krise in der Freundschaft bis hin zum Abbruch derselbigen oder die Freundschaft geht in eine Partnerschaft über (vgl. Auhagen 1993, S.220).
5 Vgl. Kapitel 6.2.1.1 ‚Störungen in Freundschaften resp. ‚Gestörte Freundschaften‘‘
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2.4 Abgrenzung zu Kameradschaft und Bekanntschaft
Die Kameradschaft stellt für den Soziologen und Schriftsteller Kracauer eine Zielverbindung dar, welche überall dort zu finden ist, “wo Menschen aufgrund eines von außen her kommenden Zieles oder einer situativen Notwendigkeit gemeinsam handeln bzw. zum Handeln gezwungen sind” (vgl. Kracauer 1971 nach Nötzoldt-Linden 1994, S.62). Ein Kameradschaftsgefühl, also das Gefühl, dass ein gleiches Ziel bewältigt werden muss, entsteht z.B. in der Schule, beim Wandern, bei körperlicher Arbeit, bei der Überwindung drohender Gefahren, beim Militär (vgl. Kracauer 1971 nach Nötzoldt-Linden 1994 S.62). “Die Einzelseele wird entpersönlicht, umgeknetet, bis sie (sich, Anm. d. Verf.) im gleichen Rhythmus mit den andern bewegt. In um so größerer Reinheit erblüht das Kameradschaftsgefühl, je fremder und weniger vertraut sich ihrem ganzen Wesen nach die Menschen sind” (Kracauer 1971, S.13 f. nach Nötzoldt-Linden 1994, S.62). Eine weitere Kategorie, die Kracauer von Freundschaft abgrenzt, stellt die Bekanntschaft dar. Diese „Gegenwartsverbindung“ wird im Gegensatz zur Kameradschaft aus einem inneren Bedürfnis heraus bei einem zufälligen Zusammentreffen mit anderen eingegangen (vgl. Kracauer 1971 nach Nötzoldt-Linden 1994). “Charakteristisch für Bekanntschaft ist, dass sie sich spontan aus einem von innen kommenden Impuls heraus ergeben kann” (Kracauer 1971 nach Nötzoldt-Linden 1994, S.63). Sie ist kurzlebig und deckt nur wenige menschliche Bedürfnisse, Wünsche und Erfahrungen ab. Wenn die Beteiligten dazu in der Lage sind, können sie ihre Bekanntschaft so vertiefen, dass sich daraus eine Freundschaft entwickelt.
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3. Stand der Forschung
Freundschaftsforschungen aus soziologischer und sozialpsychologischer Sicht dienen als Grundlage der vorliegenden Arbeit. Soziologische Theorien sollen die Verquickung von Freundschaft und Gesellschaft beleuchten und den Wandel der Bedeutung von Freundschaften im täglichen Leben eines Mannes/ einer Frau verdeutlichen. Sie geben Aufschluß über bisherige (vorwiegend männliche) Betrachtungsweisen der Freundschaftsthematik und Veränderungen in der Freundschaftsforschung.
Verschiedene sozialpsychologische Konzepte beschäftigen sich aus Sicht der einzelnen Individuen mit dem Beginn, dem Verlauf und dem Abbruch von Freundschaften. Theoretische Ansätze der Sozialpsychologie geschlechtsspezifische Rollen und Stereotype, die sich auch in Freundschaften niederschlagen. Ergänzend wurden Studien der feministischen Soziologie hinzugenommen. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen feministischen Theorien trägt dazu bei, einen reflektierenden Standpunkt zum Thema ‚Geschlecht‘ zu gewinnen und verdeutlicht Geschlechtsdifferenzen, die sich auch in Frauen- und Männerfreundschaften wiederfinden.
3.1 Freundschaft - eine vernachlässigte soziologische Kategorie
Lange Zeit wurde die Bedeutung von Freundschaft als eine der wichtigsten sozialen Beziehungen im heutigen Alltag einer Industriegesellschaft unterschätzt, “obwohl Gesellschaft sich in ihrem Kern auf eine Vielzahl von Zweierbeziehungen und darauf aufbauenden kleinen Gruppen stützt” (Nötzoldt-Linden 1994, S.56). Soziologische
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Konzepte zum Thema ‚Freundschaft‘ waren in der Vergangenheit eher Randüberlegungen. Das Interesse am Konzipieren einer Freundschaftstheorie ist erst in den letzten Jahren, von den USA ausgehend, gestiegen (vgl. Nötzoldt-Linden 1994). Die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse haben im wesentlichen dazu beigetragen, dass Freundschaften immer mehr an Bedeutung im Zusammenleben der Menschen gewonnen haben. Gesellschaftstheoretiker machen darauf aufmerksam, “dass die Menschen durch den Modernisierungsprozess, der spätestens mit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, aus traditionellen Lebensformen und den damit vorgegebenen Sinnorientierungen freigesetzt und auf sich selbst und ihre individuelle Lebensplanung gestellt worden sind” (Valtin/ Fatke 1997, S.9). Nachdem Klassenkulturen, Geschlechts- und Familienrollen durch persönlich zu bildende Rollen abgelöst wurden, ist jeder einzelne Mensch dazu gezwungen, seine Biographie selbst “zusammenschustern” zu müssen (Beck 1995, S.187). Das hat Konsequenzen für die Identität (-sbildung). Sie wandelt sich von einer selbstverständlichen, vielfach individuell nicht kognizierten Identität einer traditionellen Gesellschaft in eine lebenslang selbstbestimmt zu konstruierende Identität in der Moderne und Postmoderne.
Die Risiken und Chancen der aktiven Lebensgestaltung einer “Risikogesellschaft” (Beck 1986) sowie der damit verbundene Individualisierungsdruck lässt offenbar das Bedürfnis “des einzelnen nach vertrauten Nahräumen und Stabilität in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen” (Valtin/ Fatke 1997, S.9), insbesondere in Freundschaften, steigen. Ob Männer und Frauen gleichermaßen den Wunsch nach Freundschaft hegen, wurde bisher noch nicht eingehend untersucht (vgl. Valtin/ Fatke 1997, S.10).
Der steigende Bedarf nach freundschaftlichen Beziehungen als Überwindung von Einsamkeit in einer Massengesellschaft trägt zur Aktualität des Themas ‚Freundschaft‘ bei. Etliche Untersuchungen zum Thema ‚Freundschaften‘ wurden in
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den letzten Jahren durchgeführt und auch die Zahl (populär-) wissenschaftlicher Bücher und Zeitschriften ist gestiegen (z.B. Auhagen 1991, Nötzoldt-Linden 1994, Valtin/ Fatke 1997). Allerdings “...die Netzwerk- und Supportforschung, die explizit von der Bedeutsamkeit sozialer Beziehungen für die menschliche Gattung schlechthin ausgeht, bildet keine Hypothesen über einen differentiellen Umgang von Männern und Frauen mit Freundschaft” (Schütze/ Lang 1993, S.209). Geschlechtsdifferenzierte Studien über ‚Freundschaften‘ sind immer noch selten. Der aktuelle Literaturstand widmet sein Augenmerk vor allem Kinder- und Jugendfreundschaften sowie Frauenfreundschaften. Platonische Beziehungen und Männerfreundschaften finden jedoch kaum Beachtung in soziologischen Untersuchungen 6 (vgl. Nötzoldt-Linden 1997a, S.64).
Heutzutage wird davon ausgegangen, “dass Frauen sich durch eine stärkere Neigung zur Freundschaft auszeichnen” (Schütze/ Lang 1993, S.211). Dieser Annahme liegt die Vermutung zugrunde, dass Freundschaft an Individualität gekoppelt ist (vgl. Schütze/ Lang 1993). Zum Ende des 20. Jahrhunderts könnte das weibliche Geschlecht das männliche laut Schütze und Lang sogar an Individualität übertroffen haben. Grundlage dafür bieten ihrer Meinung nach die Möglichkeiten, die einen Identitätserwerb bewirken: Frauen sind Schütze und Lang zufolge immer noch stärker in die Familie eingebunden, gleichzeitig sind sie aber auch in öffentlichen Kreisen vertreten. „Über die Teilnahme an der öffentlichen Sphäre, ablesbar an Bildung, Erwerbstätigkeit und politischer Partizipation haben Frauen ihrerseits nunmehr auch Individualisierungsprozesse durchlaufen, die früher primär den Männeren vorbehalten waren und aufgrund derer sie in ihrer Neigung zur Freundschaft den Männern in nichts nachstehen dürfen“ (Schütze/ Lang 1993, S.211). Freundschaftsneigung allein genügt jedoch nicht, es müssen sich auch Gelegenheiten bieten, um Beziehungen knüpfen zu können.
6 vgl. Kapitel 1.1‚Literatursuche‘
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Arbeit zitieren:
Vera Pohlmann, 2001, Geschlechterdifferenzen in Erwachsenenfreundschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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