Gliederung
1. Einleitung 1
1.1 Relevanz des Forschungsgegenstandes 1
1.2 Ziel und Struktur der Untersuchung 2
2. Theoretische und empirische Aspekte der Theorie der Schweigespirale. 2
2.1 Das Meinungsklima als kommunikationswissenschaftliches Phänomen. 2
2.2 Theoretische Grundlagen und Hypothesen. 3
2.3 Demoskopische Untersuchungsmethoden. 6
3. Kritische Auseinandersetzung. 7
3.1 Theoretische Kritik 7
3.2 Empirischer Bestätigungsgrad 9
4. Schlussbetrachtung. 10
4.1 Bewertung des Verdienstes um die in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellten Fragen. 10
4.2 Ausblick auf die zukünftige Bedeutung in der Kommunikationswissenschaft. 11
5. Quellennachweis. 12
Anhang: Tabellen 1 bis 7
- 1 - 1. Einleitung 1.1 Relevanz des Forschungsgegenstandes
Die von Elisabeth Noelle-Neumann seit Beginn der 1970er Jahre entwickelte Theorie der Schweigespirale stellt eine Konzeption der sog. öffentlichen Meinung 1 dar, die „gleichzeitig einer empirischen Überprüfung zugänglich zu machen“ (Donsbach 1987: 324) ist. Angesichts des hohen wissenschaftlichen Anspruchs, den der Versuch einer empirischen Untermauerung einer Konzeption des - für sich betrachtet eher vage anmutenden (vgl. Noetzel 1978: 217) - Begriffes der öffentlichen Meinung verkörpert, überrascht es kaum, dass die Theorie in den Folgejahren ausgesprochen kontrovers diskutiert wurde. Insbesondere für Medienwirkungsforscher stellte die Losung „Return to the Concept of Powerful Mass Media“ 2 eine Herausforderung dar, sich intensiv mit den Annahmen und Folgerungen der Theorie auseinander zu setzen.
Für die allgemeine Popularität der Theorie jenseits der kommunikations- und politikwissenschaftlichen Fachkreise sorgte in erster Linie ihre Anwendung zur Erklärung des Ausganges der Bundestagswahl 1976. Die (medien)politische Brisanz der Behauptung Noelle-Neumanns, die Niederlage der christdemokratischen Union 3 sei auf die Fernsehberichterstattung zurückzuführen, da diese durch die übereinstimmenden politischen Orientierungen der Journalisten bzw. deren Erfolgserwartungen für die Parteien zugunsten der Linkskoalition verzerrt worden sei (vgl. Noelle-Neumann 2001: 232 ff.), lässt sich exemplarisch an einer Stellungnahme Kurt Biedenkopfs vor der Medienkommission ARD/ZDF am 21. April 1977 aufzeigen:
„Wenn wir also davon ausgehen [...], daß das Handeln von Rundfunk- und Fernsehjournalisten kausal ist für das politische Meinungsklima [...] muß die Frage gestellt werden, ob wir diesen Einfluß als eine unvermeidbare Konsequenz der Kommunikationsgesellschaft zu akzeptieren haben.“ (Biedenkopf 1977: 80) 4
Tatsächlich schlug sich die politische Diskussion um die Schlussfolgerungen der Theorie „in der verstärkten parteipolitischen Kontrolle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens“ (Bonfadelli 1999: 149) nieder. Um die politische Relevanz der betrachteten Theorie zu veranschaulichen, lässt sich ebenso die Tatsache hinzuziehen, dass sie bereits für die Konzeption des Bundestagswahlkampfes der CDU 1976 „eine erhebliche Rolle“ (Donsbach 1987: 329; vgl. auch Noelle-Neumann 2001: 241 5 ) spielte.
Des weiteren steht eine Theorie, die von starken Medienwirkungen ausgeht, in Konflikt mit den Journalisten, deren Selbstverständnis und Ehrenkodex vom Maßstab der objektiven Berichterstattung konstituiert wird (vgl. Noelle-Neumann 1982a: 119). Somit berührt die Konzeption die Frage nach der Legitimität des Journalismus; schließlich betrifft die Frage nach der Möglichkeit individueller Meinungsbildung, die durch die Theorie der Schweigespirale aufgeworfen wird, die Grundfesten eines freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens. Der mündige Bürger als Idealbild von Aufklärung und Emanzipation erwiese sich als Utopie, hätte man tatsächlich davon auszugehen,
1 Den Charakter der Theorie als solche der öffentlichen Meinung hebt Noelle-Neumann wiederholt allein durch die Wahl entsprechender Titel ihrer Abhandlungen hervor: vgl. Noelle-Neumann 1974 sowie 1979 und 2001.
2 Titel eines Aufsatzes, den Noelle-Neumann 1973 veröffentlichte: vgl. dies. 1973a
3 Sie erlangte 48,6% der Stimmen, während SPD und FDP 42,6% bzw. 7,9% erhielten. Somit war mit 50,5% für die sozialliberale Koalition der Weg für eine erneute Auflage des Bündnisses frei. Vgl. Juring 1980: 102 bzw. www.bundeswahlleiter.de 4 Der damalige CDU-Generalsekretär Biedenkopf hatte zuvor in einem Interview vom 8. Januar 1977 den in den Rundfunkanstalten beschäftigten Journalisten vorgeworfen, für die Wahlniederlage der Union verantwortlich zu sein; vgl. hierzu Kiefer (1977): 1.
5 Zitiert nach David P. Conradt (1978): The 1976 Campaign and Election: An Overview. In: Karl H. Cerny (Ed.): Germany at the Polls. The Bundestag Election of 1976. Washington, D.C.
- 2 - dassmassenmediale Kommunikationsangebote nicht nur der Information dienen, sondern vielmehr auch direkt Einstellungsänderungen hervorrufen können (vgl. Eisenstein 1994: 14). „Das Ideal des mündigen und vernünfti-gen Individuums steht der unbefangenen Beschäftigung mit der sozialen Natur des Menschen und der Funktion von öffentlicher Meinung entgegen.“ (Noelle-Neumann 1983: 139) Die Beschäftigung mit der Theorie der Schwei-gespirale vermag den Blick - nicht nur des Kommunikationswissenschaftlers - gerade auf die Bedeutung der menschlichen Sozialität zu lenken.
1.2 Ziel und Struktur der Untersuchung
Im folgenden soll daher die Frage nach dem Prozess der Meinungsbildung in der Mediengesellschaft in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gestellt werden. Im Rahmen der Untersuchung soll dabei von den Prämissen und Methoden der Theorie der Schweigespirale, wie sie von Noelle-Neumann aufgestellt bzw. wie sie zur empirischen Überprüfung der Theorie konzipiert wurden, ausgegangen werden.
Zunächst ist auf den zeitgeschichtlichen Anlass einzugehen, der Noelle-Neumann dazu bewegte, sich eingehend mit dem Meinungsklima in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu beschäftigen.
Weiterhin werden die Fundamente der Theorie vorgestellt und erläutert, nämlich die Hypothesen psychologischer, kommunikationstheoretischer und soziologischer Art (vgl. Donsbach 1987: 324), die den daran anschließenden empirischen Untersuchungsmethoden und -ergebnissen zugrunde liegen.
Im Anschluss an die Darstellung der Theorie wird diese einer kritischen Reflexion aus wissenschaftlicher Sicht zu unterziehen sein. Aufgrund der Prominenz des Anwendungsbeispiels der Bundestagswahl von 1976 wird die vorliegende Untersuchung an dieser Stelle ein besonderes Augenmerk auf dieses Ereignis und seine Deutung durch die Medienwirkungsforschung richten.
Abschließend erfolgt der Versuch einer Beantwortung der in den Mittelpunkt der Arbeit gestellten Forschungsfragen im Hinblick auf den Erkenntnisgewinn, den die Theorie bzw. ihre Kritik zur Verfügung stellt. Auch sollen im Rahmen eines Ausblicks die Bedeutung des betrachteten Ansatzes und Perspektiven einer möglichen Weiterentwicklung in der Kommunikationswissenschaft aufgezeigt werden.
2. Theoretische und empirische Aspekte der Theorie der Schweigespirale 2.1 Das Meinungsklima als kommunikationswissenschaftliches Phänomen
Unter der Überschrift „Die Schweigehypothese wird aufgestellt“ (vgl. Noelle-Neumann 2001: 13 ff.) beschreibt Noelle-Neumann den historischen Anlass, der sie dazu bewegte, sich mit dem Meinungsklima als Phänomenhier im Wahlkampf - auseinander zu setzen.
Als dessen Leiterin sah Noelle-Neumann sich mit dem Vorwurf konfrontiert, das Institut für Demoskopie Allensbach habe die deutsche Öffentlichkeit im Zusammenhang mit der Wahlprognose für die Bundestagswahl 1965 insofern getäuscht und in ihrer Wahlentscheidung zu beeinflussen versucht, als dass es ihr seit Monaten den Eindruck eines Kopf-an-Kopf-Rennens der beiden großen Volksparteien vermittelt hätte. Tatsächlich wiesen nämlich im Gegensatz zu den zuvor von Allensbach veröffentlichten Prognosen und Stel-
- 3 - lungnahmen 6 sowohldie letzte - zwei Tage alte - Prognose vor der Abstimmung als auch das amtliche Ender-gebnis 7 einen klaren Vorsprung der Union aus. Noelle-Neumann kommentiert die Entwicklung einer Zahlenreihe, die sich „völlig unabhängig“ (a.a.O.: 15) von der Wahlabsicht der Bevölkerung entwickelte und sich auf die Erwar-tung des Wahlausganges 8 bezog, folgendermaßen:
„Unter dem Druck der öffentlichen Meinung hatten Hunderttausende, wohl mehr als eine Million Wähler etwas bewirkt, was wir später einen ‚last minute swingå nannten...“ (a.a.O.: 14) „Es war, als ob die beiden Messungen, die Messung der Wahlabsicht und die Messung der Siegeserwartung, auf verschiedenen Planeten vorgenommen worden seien. Und dann ganz am Ende erst kam der Mitläufereffekt.“ (a.a.O.: 16)
Im Zuge der Neuen Ostpolitik seit Beginn der 1970er Jahre, die die bundesrepublikanische Gesellschaft politisch spaltete, entwickelte Noelle-Neumann dann aufgrund von Alltagsbeobachtungen die Hypothese, dass das Kräfteverhältnis der beiden Lager von der Bevölkerung falsch eingeschätzt werde, weil die SPD-Anhänger bereitwilliger ihre Überzeugung nach außen zu dokumentieren bereit seien 9 . Wie in einem „Spiralprozess“ (a.a.O.: 18) erschien laut Noelle-Neumann die vermeintliche Mehrheit immer stärker, die vermeintliche Minderheit immer schwächer, weil der Grad der Exponierbereitschaft der einen Seite über den der anderen bestimmte (a.a.O.: 18).
2.2 Theoretische Grundlagen und Hypothesen
Die Theorie der Schweigespirale steht in der philosophiegeschichtlichen Tradition insbesondere Tocquevilles, in dessen Schilderung des Niedergangs der französischen Kirche während der Französischen Revolution 10 Noelle-Neumann eine Beschreibung des Prozesses der Schweigespirale entdeckt zu haben glaubt:
„...da sie [die Kirchentreuen; Anm. d. Verf.] die Absonderung mehr als den Irrthum fürchteten, so gesellten sie sich zu der Menge, ohne wie diese zu denken.“ (zit. nach Noelle-Neumann 1979: 169).
Noelle-Neumann deutet diese Isolationsfurcht des Individuums sozialpsychologisch, indem sie sich auf die experimentellen Ergebnisse von Asch 11 und Milgram 12 zum Konformitätsverhalten in Gruppensituationen 13 stützt: „Wichtiger als das eigene Urteil ist dem Individuum, sich nicht zu isolieren. Dies ist anscheinend eine Konstante der menschlichen Natur, Bedingung menschlichen Zusammenlebens, es könnte sonst wohl ein hinreichender Zusammenhalt nicht erreicht werden.“ (a.a.O.: 172)
6 Zwei Tage vor dem Wahltag erschien in der ZEIT ein Interview mit Noelle-Neumann unter der Schlagzeile: „Ich würde mich gar nicht wundern, wenn die SPD gewänne...“ Dieses war jedoch bereits zwei Wochen zuvor gegeben worden (vgl. a.a.O: 14).
7 Bei der Wahl zum 5. Deutschen Bundestag am 19.09.1965 entfielen 39,3% der Zweitstimmen auf die SPD, auf die CDU/CSU 47,6% und auf die FDP 9,5%. Vgl. www.bundeswahlleiter.de
8 Die entsprechende Frage lautete: „Wissen kann das natürlich niemand, aber was glauben Sie, wer die Wahl gewinnt?“ (a.a.O.: 15)
9 Der Begriff der Redebereitschaft ist im Rahmen der Theorie im weiten Sinne zu verstehen; er umfasst u.a. auch das Tragen von Abzeichen, das Befestigen von Autoaufklebern, die Teilnahme an Kundgebungen, das offene Mitsichtragen von Zeitungen bestimmter Richtung oder das Abreißen von Plakaten. Vgl. Noelle-Neumann 2001: 42
10 Alexis de Tocqueville (1856): L’ Ancien Régime et la révolution. o.O. Dt. (1857) u.d.T.: Das alte Staatswesen und die Revolution. Leipzig. Ebenfalls von Bedeutung war die Lektüre Rousseaus, Humes, Lockes, Hobbes’; Bryces, Luthers, Machiavellis, Montaignes und Hus’, bei denen immer wieder am Rande Beobachtungen und Bemerkungen zu finden sind, die die Theorie zu untermauern scheinen (vgl. Noelle-Neumann 2001: 21 bzw. 1983: 142 sowie Donsbach 1987: 328).
11 Salomon E. Asch (1951): Effects of Group Pressure upon the Modification and Distortion of Judgements. In: H. Guetzkow (Hrsg.): Groups, Leadership, and Men. Pittsburgh.
12 Stanley Milgram: Nationality and Conformity. In: Scientific American 205, Nr. 6, S. 45-51.
13 Beide Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass sich die klare Mehrheit der mit einer offensichtlich falschen Majoritätsmeinung konfrontierten Versuchspersonen von ihrem eigenen Urteil (in der konkreten Versuchssituation hinsichtlich eines Längenvergleiches von unterschiedlich langen Linien mit einer Musterlinie) öffentlich distanziert.
Arbeit zitieren:
Natalie Jurewitz, 2004, Die Theorie der Schweigespirale, München, GRIN Verlag GmbH
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