II
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
1. Genera verbi und Passiv 2
1.1. Auswirkung des Passivs auf den Inhalt eines Satzes 3
1.2. Vorgangspassiv 4
1.2.1. Das unpersönliche Passiv 5
1.2.2. Das Reflexivpassiv 6
1.3. Zustandspassiv 7
1.4. Rezipientenpassiv 9
2. Weitere Möglichkeiten, „passivische“ Sehweise auszudrücken 11
2.1. lassen sich Infinitiv 12
2.2. sein zu Infinitiv 13
2.3. bleiben -Passiv 13
2.4. Funktionsverben mit einem „Nomen actionis“ 14
2.5. Reflexive Konstruktionen mit unpersönlichem Subjekt 15
2.6. Auf -bar und -lich endende Adjektive 16
3. Abgrenzung des Zustandspassivs von Kopulakonstruktion 17
4. Rezipientenpassiv oder prädikatives bzw. adverbiales Prädikat? 20
4.1 Haider: Partizip II als adjektivisches bzw. adverbiales Prädikat 21
4.2 Wagener und Reis: bekommen - Passiv als regelhafte Passivform 24
5. Fazit 27
6. Literaturverzeichnis 29
1
0. Einleitung
Im Vergleich zum Griechischen - der Muttersprache der Autorin dieser Hausarbeit -, ist die deutsche Sprache durch die häufigere Verwendung des Passivs gekennzeichnet 1 . Innerhalb der deutschen Gegenwartssprache jedoch sind Aktiv und Passiv in Texten ungleich verteilt. Im Durchschnitt entfallen etwa 93% der finiten Verforme auf das Aktiv im Gegensatz zu den 7% des Passivs. Aufgrund dieser Verteilung kann man das Aktiv als Erst- und das Passiv als Zweitform bezeichnen, ohne dass diese Betrachtungsweise ein abwertendes Urteil über die Wichtigkeit des Passivs zu bedeuten hat (Duden 1998:172f.).
Dementsprechend ist das Thema dieser Arbeit die Darstellung der Bildung und Funktion des Passivs im Deutschen als eines von den fünf verbalen Merkmalen, hinsichtlich derer ein Verb im Deutschen gekennzeichnet ist, und seine
Unterscheidung in hauptsächlich drei Formen - Vorgangs-, Zustands- und Rezipientenpassiv -, deren Gemeinsamkeit die Verwendung des Partizips Perfekt (Part. II) ist.
Dazu lassen sich noch Gefüge wie „ lassen + sich + Infinitiv“, „ sein + zu + Infinitiv“, bestimmte Verben in Verbindung mit einem Nomen actionis 2 - die Funktionsverbgefüge - Verbaladjektive mit Endung auf - bar und -lich und „reflexive Konstruktionen“ wie „sich bewegen“ zu passivähnlichen Konstruktionen rechnen (Askedal 1987:22ff.). Dieselben Konstruktionen werden in Duden -Grammatik (1998) als Konkurrenzformen des Vorgangspassivs erwähnt.
Interessant und umstritten ist in der Literatur die Lage des Rezipientenpassivs, das von Hentschel und Weydt (1995) als „leidig“ charakterisiert wurde. Im Jahre 1971 rechnete Brinker die Konstruktion mit „ bekommen + Part. II“ zu den „…bisher nicht erfassten verbalen Fügungen…“. Mittlerweile wird das Rezipientenpassiv von einigen Sprachwissenschaftlern als eine Passivform anerkannt, von anderen
1 Persönliche Feststellung der Autorin.
2 (vgl. Bußmann 3 2002:528).Auch Verbalabstraktum, Verbalsubstantiv. Bezeichnung für
(meist von Verben) abgeleitete Substantive, die sich auf H andlungen und Vorgänge
beziehen.
2
Sprachwissenschaftlern jedoch nicht. Haider (1984:33) bringt als Gegenargument die eigenständige Semantik seiner „Hilfsverben“ bekommen, kriegen, erhalten, deshalb werden die Partizipien prädikativ bzw. adverbial erklärt und nicht als Teil der Passivkonstruktionen betrachtet.
1. Genera verbi und Passiv
Erstens ist wichtig, dass es einem deutlich wird, was man unter „Passiv“ versteht. Das Passiv ist eines von zwei Teilen der Genus verbi (vgl. Bußmann 3 2002:274); unter Genus verbi soll man die Aktiv- und Passivformen eines Verbs verstehen. Genus verbi ist wiederum eines von den fünf verbalen Merkmalen, hinsichtlich derer ein Verb im Deutschen gekennzeichnet ist (Duden 1998:113). Grundsätzlich kann beim Genus verbi „Passiv“ zwischen Vorgangs-, Zustands- und Rezipientenpassiv unterschieden werden.
Alle drei Formen sind periphrastische Formen der Vollverben, teilweise auch der Modalverben, die aus dem Partizip II des Verbs und aus einem Hilfsverb bzw. dessen periphrastische Formen bestehen (Zifonun 1997:1790). Das Vorgangspassiv wird mit dem Hilfsverb werden, das Zustandspassiv mit dem Hilfsverb sein und das Rezipientenpassiv mit dem Hilfsverb bekommen, erhalten oder kriegen gebildet. Beispiele: (1) a. Die Wohnung wurde ihm versprochen. (Vorgangspassiv)
3
1.1. Auswirkung des Passivs auf den Inhalt eines Satzes
In einem Passivsatz steht die Handlung im Vordergrund; die ha ndelnde Person (das Subjekt des Aktivsatzes) ist oft unwichtig oder uninteressant, deshalb wird sie auch meist weggelassen. Wird aber der Handlungsträger im Passiv genannt, erscheint er im letzen Teil des Satzes, weil dieser Teil vom Mitteilungsgehalt her die am meisten betonte Position ist. Somit wird die Konstruktion kommunikativ als besonders wichtig empfunden. Oft ist der Urheber einer Handlung nicht bekannt; dann gebraucht man einen Aktivsatz mit man oder einen Passivsatz, wobei man immer wegfällt.
In Bedienungsanleitungen ist es beispielsweise durch die Verwendung des Passivs möglich, den menschlichen Handlungsträger unerwähnt zu lassen, weil das Erwähnen des Handlungsträgers für das Verständnis des beschriebenen technischen Sachverhalts meist unwesentlich ist oder gar nicht angegeben werden kann. Dadurch wird außerdem der Eindruck von Objektivität vermittelt (Göpferich 1995:411).
Was das Verb in Passivkonstruktionen betrifft, merkt man, dass es sich aus der wenig betonten Stelle herauslöst, an der es im Aktivsatz erscheinen würde, und in die stark betonte Endposition gebracht wird. Damit erscheint das Verb als das wichtigste Satzglied in einer betonten Stellung. Während dessen wird sowohl die Aufnahme als auch das Einprägen des Inhalts erleichtert. Daraus erklärt sich auch die häufige Verwendung des Passivs in fachwissenschaftlichen Texten, Gesetzestexten, Anordnungen und Gebrauchsanweisungen.
In manchen Fällen wird der Gebrauch des Passivs auch dadurch motiviert, dass Vorgänge als gesetzmäßig dargestellt werden können, die vom Menschen zwar erkennbar oder anwendbar, aber nicht veränderbar sind. Studien weisen darauf hin, dass die Häufigkeit von Passivkonstruktionen mit zunehmendem Fachlichkeits- und Abstraktionsgrad der Texte steigt (ebd.).
4
1.2. Das Vorgangspassiv 3
Das Vorgangspassiv ist die erste und einfachste Form des Passivs, da man es als das Gegenteil des Aktivs verstehen kann und bezeichnet den Vorgang eines Prozesses. Es wird aus den konjugierten Formen des Hilfsverbs werden mit dem Partizip II des Vollverbs gebildet. Im Perfekt und Plusquamperfekt verliert das Partizip II von werden das Präfix ge-. Präsens: Ich werde geimpft. Präteritum: Ich wurde geimpft. Perfekt: Ich bin geimpft worden. Plusquamperfekt: Ich war geimpft worden.
In dieser grundlegenden Passivform handelt es sich um das Ergebnis der Umwandlung (Transformation) von Aktivsätzen; bei dieser Umwandlung findet folgende Änderung statt: (Agensis) Subjekt => (von - Phrase) (Patiens) Akkusativobjekt => Subjekt
Das Akkusativobjekt des Aktivsatzes wird zum Subjekt des Passivsatzes (transitive Verben) und das Subjekt des Aktivsatzes ist fakultativ, d.h. es kann im Passivsatz entweder wegfallen oder als „ von - Phrase“ realisiert werden. Man soll darauf achten, dass nicht die Argumentsstruktur des Verbs, sondern die grammatischen Funktionen beim Passiv sich ändern. Das bedeutet, das Subjekt bleibt Agens und das Objekt Patiens, auch wenn ihre syntaktischen und grammatischen Funktionen sich ändern. Was sich ändert, ist die Abbildung der thematischen Rollen auf die syntaktischen Funktionen.
Diewald (1997:31) gibt ein einfaches Beispiel (3), in dem einem sowohl die Perspektive des Geschehens als auch die thematischen Rollen verdeutlicht werden. Sie zeigt, dass das Objekt des Aktivsatzes zwar der Zielpunkt des Geschehens ist, während im Passivsatz das Subjekt der Zielpunkt ist, die semantischen Rollen sich aber nicht verändern. Im Beispiel (3) sieht man, dass die semantische Rolle von
3 Die Informationen über die Bildung von Vorgangspassiv und Zustandspassiv sind im
Prinzip aus der Duden - Grammatik, 6 1998, Bd. 4 entnommen worden.
5
Sabine die gleiche ist, d.h. das Patiens. Nur die syntaktische Rolle veränderte sich: von Objekt zum Subjekt. (3) a. Claudia besucht Sabine b. Sabine wird besucht
Hinsichtlich der Wortstellung innerhalb des Satzes steht fest, dass sie frei ist. (4) a. Ein Bekannter kaufte das Auto.
Mit dem Perspektivenwechsel während der Transformation beschäftigte sich Leiss (1992:72-155, in: Pittner 2004:56f.). Im Aktivsatz wird das Ereignis aus der Handlungsperspektive wiedergegeben, während im Passivsatz das Ereignis aus der Geschehensperspektive betrachtet wird. Die Verbsituation ist immer auf das Patiens gerichtet, was auch Diewald betont (1997:31). Der Unterschied liegt darin, dass im Aktivsatz das Ereignis vom Standpunkt des Agens wiedergegeben wird, während es im Passiv vom Patiens her betrachtet wird. (5) a. Hausmeister Müller ruft die Feuerwehr an. (Aktiv) b. Die Feuerwehr wird von Hausmeister Müller angerufen. (Passiv)
Vorgangspassivfähig sind die transitiven Verben, also diejenigen mit einem Akkusativobjekt, zum Teil die intransitiven Verben mit einem Genitiv-, Dativ- oder Präpositionalobjekt und letztendlich die intransitiven Verben ohne Objekt mit Ausnahme derjenigen, die im Perfekt das Hilfsverb sein benutzen. Am häufigsten trifft man Passivformbelege von transitiven Verben (97%), während die anderen zwei Typen nur mit 2% bzw. 1% vertreten sind (Duden 6 1998:173ff.).
1.2.1. Das unpersönliche Passiv
In Fällen von intransitiven Verben, mit oder ohne Objektforderung, wird ein Passiv gebildet, bei dem aber das Subjekt fehlt. Das geschieht, weil die Subjektstelle der Aktivstruktur von dem unpersönlichen man besetzt ist oder überhaupt nicht. Dieses Passiv wird unpersönliches Passiv genannt (ebd.:172f.).
6
Wenn der Aktivsatz kein Akkusativobjekt enthält, kann es auch kein persönliches Subjekt im Passivsatz geben. In diesem Fall nimmt man ein unpersönliches es zu Hilfe. Es soll allerdings darauf hingewiesen werden, dass „es“ im Beispiel (6) nur als ein „Vorfeld -es“ betrachtet werden kann, da „es“ im Deutschen nur mit dieser Funktion im Vorfeld auftreten kann (Helbig 1999:89f.). Wenn andererseitsstilistisch bedingt - ein anderes Satzglied an diese Stelle tritt, fällt das es weg. (6) Die Griechen tanzen => Es wurde [von den Griechen] getanzt. Von den Griechen wurde getanzt. (7) Man tanzt => Es wird getanzt.
Falls das Verb oder das Subjekt zusätzlich andere Komplementfunktionen subkategorisiert wie z.B. ein Präpositionalobjekt, ein Dativobjekt, ein Genitivobjekt oder Zeit- und Ortsangaben, bleiben diese im Passivsatz erhalten (Pittner 2004:57, (Dreyer/Schmitt 1991:102.). Dies bedeutet unter anderem, dass alle Angaben, die beim Akkusativobjekt im Aktivsatz stehen, auch zum Subjekt des Passivsatzes gehören.
(8) a. Alle haben darauf bestanden b. Darauf wurde (von allen) bestanden
1.2.2. Das Reflexivpassiv
Reflexivpassiv ist ein Passiv ohne Subjekt, das aus einem reflexiv gebrauchten 4 oder reflexiven inhärenten 5 Verb gebildet wird. Daraus folgt, dass das anaphorische bzw. lexikalische Reflexivpronomen keine Nominalphrase hat, auf die es sich beziehen kann. Daher entstehen Schwierigkeiten und Fragen über die Akzeptabilität dieser Form (Pittner 2004:122f.). (9) Jetzt wird sich aber gewaschen. (10) Da wird sich amüsiert.
4 Reflexive Verben, bei denen das Reflexiv nicht zum Prädikat (zu Lexikon-Eintrag)
gehört, vielmehr Objekt ist und deshalb auch durch ein anderes Objekt ersetzt werden kann
(vgl. Helbig 1999:27).
5 Reflexive Verben, bei denen das Reflexivpronomen zum Lexikon-Eintrag gehört, nicht
durch ein Objekt (bzw. ein anderes Personalpronomen) ersetzt werden kann und zumeist
obligatorisch ist (vgl. ebd. ).
Arbeit zitieren:
Eleni Rigaki, 2005, Welche Konstruktionen sind zum deutschen Passiv zu rechnen?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Zustands- oder sein-Passiv im Deutschen
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Morphologie und Syntax des bekommen-Passivs in der Gegenwartssprache d...
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Der Deutsche Bundesrat als Vetospieler in der Gesetzgebung des Bundes
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Max Frisch: Montauk - Ein Spiel
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Anthony Downs - Ökonomische Theorie der Demokratie
Ist dieses Modell geeignet um ...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 15 Seiten
Die WTO im Rahmen des Global Governance Konzeptes
Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Die Paradoxie des Nichtwählens in Anthony Downs "Ökonomischer The...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Vordiplomarbeit, 22 Seiten
Perspektiven von Entwicklungsländern im Welthandel - Die Rolle der WTO
Bachelorarbeit, 58 Seiten
Ein Überblick über die Definition und Anwendung der attributiven Relat...
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Die ökonomische Theorie der Politik von Anthony Downs – Darstellung de...
Eine Analyse hinsichtlich der ...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 27 Seiten
Hochbegabte Schülerinnen und Schüler: Möglichkeiten der Identifikation...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Examensarbeit, 118 Seiten
Eine Diskussion der Grundprämissen der ökonomischen Theorie der Politi...
Wie realistisch sind Downs Gru...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Das Wesen der Europäischen Außenpolitik und die Bedeutung von Macht un...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Seminararbeit, 23 Seiten
Gesellschaftskritik in Heinrich Bölls 'Ansichten eines Clowns'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Die GASP zwischen Ohnmacht und...
Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan
Seminararbeit, 23 Seiten
Neue Geographie des Welthandel...
Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Eleni Rigaki hat den Text Welche Konstruktionen sind zum deutschen Passiv zu rechnen? veröffentlicht
Eleni Rigaki hat einen neuen Text hochgeladen
Relativ(satz)konstruktionen im gesprochenen Deutsch
Syntaktische, prosodische, sem...
Karin Birkner
Honours and Awards of the German States.(Die Ehrenzeichen Des Deutsche...
Von Hessenthal Schreiber
0 Kommentare