Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist “ -
Das Verh altnis des fr uhen Christentums zum Staat
aus der Sicht christlicher Autoren 2
2 Sie sollen nach ihrer V ater Sitte leben“ -
Juden in Rom und im r omischen Reich 9
3 odium humani generis“ -
Die neronische Christenverfolgung 17
4 superstitio immodica“ -
Der Briefwechsel zwischen Plinius dem J ungeren und Kaiser Trajan 21
5 Zusammenfassung 28
6 Bibliographie 30
6.1 Quellen 30
6.2 Sekund arliteratur 31
6.3 Lexika und W orterb ucher 31
i
Einleitung
Die Sonne war inzwischen hoch gestiegen; ihre Strahlen drangen blutrot durch das pur-”
purfarbene Velarium. Der Sand schien feurig; etwas Schreckliches lag auf den Gesichtern der Menge und auf der leeren Arena, die nun bald mit dem Schmerzensgeschrei der Gemarterten und dem wilden Geheul der Bestien erf¨ ullt werden sollte. Tod und Schrecken schienen in der Luft zu br¨ uten. Die Menge, sonst fr¨ ohlich und ausgelassen, wurde finster und haßerf¨ ullt. Der Pr¨ afekt winkte. Der n¨ amliche, als Charon gekleidete Mann, der die
Gladiatoren zum Tode gerufen hatte, schritt jetzt gemessen ¨ uber den Sand und schlug
dreimal an die Pforte. Ein tiefes Murmeln durchflog die Sitzreihen. ’ Christen!‘“ 1
Der Roman Quo vadis, f¨ ur den Heinrich Sienkiewicz 1905 den Nobelpreis erhielt, zeichnet ein d¨ usteres, endzeitliches Portrait der Zust¨ ande im neronianischen Rom: Vor dem Hintergrund von moralischem Verfall, Dekadenz, Aberglaube und Hysterie geraten die Anh¨ anger der neuen christlichen Religion in ein Komplott des wahnsinnigen Kaisers Nero, der sie zum S¨ undenbock f¨ ur den Brand der Hauptstadt bestimmt, verfolgen, foltern und anschließend publikumswirksam hinrichten l¨ aßt. ¨ Uber diese erste r¨ omische Verfolgung von Christen, die bis dahin relativ unscheinbar und sicher im Schatten des staatlich geduldeten und mit gewissen Privilegien ausgestatteten Judentums gelebt hatten, berichtet als erste Quelle mit einem geh¨ origen zeitlichen Abstand Tacitus in seinen Annales. 2 Er vermittelt uns, abgesehen von teilweise recht fragw¨ urdigen historischen Fakten, vor allem einen Eindruck davon, wie ein gebildeter R¨ omer seiner Zeit die Anh¨ anger dieser neuen Sekte sah, und mit welchem Argwohn und welchen Vorurteilen die heidnische Bev¨ olkerung ihnen gegen¨ uber stand. Und wenn es auch bis in das dritte nachchristliche Jahrhundert keine reichsweite Verfolgung der christlichen Religion gab, so war doch auch das Verhalten des r¨ omischen Staates gegen¨ uber den Christen, wenn sie denn miteinander in Ber¨ uhrung kamen, durch Mißtrauen, Unwissen, Unverst¨ andnis oder Verachtung gepr¨ agt. Dies lag nicht zuletzt an der abgeschotteten Lebensweise der fr¨ uhen Christen; fehlende Informationen sowie an ihre Stelle tretende Ger¨ uchte machten sie vollends zu Außenseitern der Gesellschaft, auch wenn sie selber, wie u. a. ein Blick in die Briefe des Apostels Paulus zeigen wird, sich durchaus zum r¨ omischen Staat als von Gott gewollter Institution bekannten und f¨ ur dessen Erhaltung beteten. Als Quellen f¨ ur das Verhalten des r¨ omischen Staates bzw. einzelner Vertreter der r¨ omischen Institutionen w¨ ahrend der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte gegen¨ uber den Anh¨ angern der christlichen Religion dienen neben dem Passus aus den Annales des Tacitus vor allem der Brief des j¨ ungeren Plinius, den dieser als legatus pro praetore 3 aus der Provinz Pontus et Bithynia an den Kaiser Trajan schrieb
1 Zitiert nach: Sienkiewicz, Heinrich: Quo vadis. Z¨ urich 1985 (detebe; 21270), S. 479.
2 Annales, 15,44
3 Zu Amt, Auftrag und Befugnissen Plinius’ siehe Freudenberger, Rudolf: Das Verhalten der Beh¨ orden gegen die Christen im 2. Jahrhundert, dargestellt am Brief des Plinus an Trajan und den Reskripten Trajans und
1
sowie dessen Reskript. Die Relevanz dieser Briefe kann eigentlich nicht ¨ ubersch¨ atzt werden,
da sie als dienstliche, d. h. offizielle, Korrespondenz f¨ ur die Nachfolger bindenden Charakter in Bezug auf die in ihnen verabredeten Maßnahmen hatten. Die Vorgehensweise des Plinius, die dieser in Abstimmung mit dem Kaiser festlegte, wurde also, wie noch zu zeigen sein wird, zum Pr¨ azedenzfall. Im Zuge dieser Arbeit soll zun¨ achst auf der Grundlage neutestamentarischer und apologetischer Quellen die Haltung f¨ uhrender christlicher Pers¨ onlichkeiten beispielhaft skizziert werden. Extremisten, die diese, vorweggenommen gesagt durchgehend gem¨ aßigte bzw. positive Einstellung gegen¨ uber dem r¨ omischen Staat nicht vertraten, gab es nat¨ urlich auch; sie werden hier aber keine gr¨ oßere Beachtung finden. Im Anschluß gilt es, die Stellung der Juden im r¨ omischen Staat genauer zu untersuchen, da die christiani lange Zeit als j¨ udische Sekte angesehen wurden; wahrscheinlich sorgten sie mit ihrer Botschaft f¨ ur einigen Aufruhr in den j¨ udischen Gemeinden und st¨ orten damit das auch Verh¨ altnis der eingesessenen j¨ udischen Gemeinschaften zu den ¨ ortlichen Vertretern des Staates. In diesem Zusammenhang wird das sogenannte Judenedikt des Kaisers Claudius von Interesse sein. Mit dem Bericht des Tacitus ¨ uber die neronische Verfolgung ger¨ at das Christentum erstmals als eigenst¨ andige religi¨ ose Bewegung in den Fokus der (paganen) Geschichtsschreibung. Tacitus vernichtendes Urteil ¨ uber die Anh¨ anger dieser neuen Religion darf, wie ein Vergleich mit seinem Kollegen Sueton (De vita caesarum, Vita neronis, 16,2) zeigt, als beispielhaft f¨ ur einen Vertreter der gehobenen Bildungsschicht der r¨ omischen Gesellschaft gelten. Die bei ihnen gesammelten Vorurteile, Halbwahrheiten und kategorische Ablehnung sind auch bei Plinius dem J¨ ungeren wirksam, und er versuchte im Rahmen seiner Untersuchungen, diesen Anschuldigungen und Ger¨ uchten auf den Grund zu gehen.
1 ” Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!“ -Das Verh¨ altnis des fr¨ uhen Christentums zum Staat
aus der Sicht christlicher Autoren
Die christliche Literatur der ersten drei Jahrhunderte ist reich an Schriften, die sich intensiv mit dem Verh¨ altnis der Christen zum r¨ omischen Staat auseinandersetzen. 4 Im wesentlichen k¨ onnen vier Positionen unterschieden werden. Von einer starken Parusieerwartung zeugt jene Haltung, die der M¨ artyrer Speratus auf die Formel ” Ego imperium huius saeculi non cognosco“ Hadrians. 2., durchges. Aufl. M¨ unchen 1969. Hier S. 17-40.
4 Vgl. hierzu Lehnen, Joachim: Zwischen Abkehr und Hinwendung. ¨ Außerungen christlicher Autoren des 2.
und 3. Jahrhunderts zu Staat und Herrscher. In: Rom und das himmlische Jerusalem. Die fr¨ uhen Christen zwischen Anpassung und Ablehnung. Hrsg. von Raban von Haehling. Darmstadt 2000. S. 1-28. Im folgenden: Lehnen, Abkehr.
2
brachte. 5 Diese Vorstellung vom Christen als Fremden in der irdischen Welt wurzelt u. a. im 1. Petrusbrief, wo es heißt: 1 Petr 1,17 ” Et si patrem invocatis eum, qui sine acceptione personarum iudicat secundum uniuscuisque opus, in timore incolatus vestri tempore conversamini.“ 6 1 Petr 2,11f ” Charissimi, obsecro, vos tanquam advenas et peregrinos abstinere vos a carnalibus desideriis, quae militant adversus animam, conversationem vestram inter gentes habentes bonam: ut in eoquod detrectant de vobis tanquam de malefactoribus, ex bonis operibus vos considerantes, glorificent Deum in die visitationis.“ 7
Eng verwandt ist auch der Topos des Christen als Himmelsb¨ urger, wie ihn Clemens von Alexandrien verwendet. 8 Demzufolge ist der Christ nur Gast auf dieser Erde, seine eigentliche Heimat ist das Himmelreich. Eine ¨ ahnliche Ansicht vertritt auch Cyprian von Karthago in seiner Schrift De Mortalitate:
Considerandum est, fratres dilectissimi, et identidem cogitandum renuntiasse nos mundo,
”
et tamquam hospites et peregrinos istic interim degere. Amplectamur diem qui assignat singulos domicilio suo, qui nos istinc ereptos et laqueis saecularibus exsolutos paradiso restituit et regno. Quis non peregre constitutus properaret in patriam regredi? quis non, ad suos navigare festinans, ventum prosperum cupidius optaret, ut velociter charos liceret amplecti? Patriam nostram paradisum computamus: [...].“ 9
Tertullian betrachtet die irdische Existenz gar als Dasein im Kerker, in dem der Christ bis zum Tod, in dem er mit Gott einswerden wird, gefangen ist. Ad martyres ” Si enim recogitemus ipsum magis mundum carcerem esse, exisse vos e carcere, quam in carcerem introisse, intellegemus. Maiores tenebras habet mundus, quae hominum praecordia excaecant. Graviores catenas induit mundus, quae ipsas animas hominum constringunt. Peiores immunditias exspirat mundus, libidines hominum. Plures postremo mundus reos continet, scilicet universum hominum genus. Iudicia denique non proconsulis, sed Dei sustinet. [...] Christianus etiam extra carcerem saeculo renuntiavit, in carcere autem etiam carceri.“ 10
5 Aus der ” Passio Sanctorum Scillitanorum“ 6. In: CPL 2049, S. 86.
6 Zitiert nach: Novum Testamentum Graece et Latine. Textus Graecus, cum apparatu critico-exegetico, Vulgata Clementina et Neovulgata. Curante Gianfranco Nolli. Citt` a del Vaticano 1981. Im folgenden: Novum Testamentum. ¨ Ubersetzung: ” Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden nach
seinem Werke richtet, so wandelt w¨ ahrend eurer Pilgerschaft in Furcht.“ Zitiert nach: Die Bibel. Deutsche Ausgabe mit den Erl¨ auterungen der Jerusalemer Bibel. Hrsg. von Diego Arenhoevel, Alfons Deissler und Anton V¨ ogtle. 16. Aufl. Freiburg. i. Br., Basel, Wien 1968. Im folgenden: Die Bibel.
7 Zitiert nach: Novum Testamentum. ¨ Ubersetzung: ” Geliebte, ich ermahne (euch): Als Fremdling und Pilger
enthaltet euch von den fleischlichen Begierden, da sie ja wider die Seele streiten. F¨ uhrt einen ehrbaren Wandel unter den Heiden, damit sie, w¨ ahrend sie euch als ¨ Ubelt¨ ater verleumden, nach euren sichtbaren guten Werken sich ¨ uberzeugen, am Tage der Heimsuchung Gott preisen.“ Zitiert nach: Die Bibel.
8 Clemens von Alexandrien Protreptikos 10,108,4, ¨ ahnlich in: Paidagogos 3,8,1.
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Cyprianus Carthagenensis
De Mortalitate
26. Zitiert nach P. L. t. 4, Sp. 601. ” Wir sollten bedenken, geliebteste Br¨ uder, und uns immer wieder darauf besinnen, daß wir der Welt entsagt haben, und geichsam G¨ asten und Pilgern dort einstweilen leben. Laßt uns den Tag gutheißen, der jedem einzelnen seinen Wohnsitz zuweist, der uns von hier losreißt und von den weltlichen Verstrickungen befreit und uns in das Paradies und das K¨ onigreich zur¨ uckf¨ uhrt. Wer w¨ urde nicht, in die Fremde gestellt, sich beeilen, in die Heimat zur¨ uckzukehren? Wer, der sich beeilt zu den Seinen zu steuern, w¨ urde sich nicht einen g¨ unstigen Wind sehnlichst w¨ unschen, so daß es ihm um so schneller/rascher m¨ oglich sei, die Geliebten zu umarmen? Wir sehen das Paradies als unsere Heimat an: [...].“ (eigene ¨
10 P. L. t. 1, Sp. 619. ”
werden wir erkennen, daß Ihr vielmehr aus einem Kerker herausgegangen als in einen Kerker eingetreten seiet.
3
¨ Uber diese Ausrichtung des menschlichen Lebens auf eine jenseitige Welt und der damit zwangsl¨ aufig verbundenen negativen Bewertung des Irdischen insgesamt hinaus geht die Haltung des Autors der Johannes-Apokalypse; hier wird die staatliche Macht d¨ amonisiert und in direkten Konnex mit den b¨ osen M¨ achten des Satans gebracht. Off 13, 1-8 ” Et vidi de mari bestiam ascendentem habentem capita septem, et cornua decem, et super cornua eius decem diademata et super capita eius nomina blasphemiae. Et bestia, quam vidi, similis erat pardo, et pedes eius sicut pedes ursi, et os eius sicut os leonis. Et dedit illi draco virtutem suam, et potestatem magnam. Et vidi unum de capitibus suis quasi occisum in mortem: et plaga mortis eius curata est. Et admirata est universa terra post bestiam. Et adoraverunt draconem, qui dedit potestatem bestiae: et adoraverunt bestiam, dicentes: Quis similis bestiae? et quis poterit pugnare cum ea? Et datum est ei os loquentes magna et blasphemias: et data est ei potestas facere menses quadraginta duos. Et aperuit os suum in blasphemias ad Deum, blasphemare nomen eius, et tabernaculum eius, et eos qui in caelo habitant. Et est datum illi bellum facere cum sanctis, et vincere eos. Et data est illi potestas in omnem tribum, et populum, et linguam, et gentem, et adoraverunt eam omnes, qui inhabitant terram: quorum non sunt scripta nomina in libro vitae Agni, qui occisus est ab origine mundi.“ 11
Der Christ steht in diesem Fall in bewußter Abkehr vom Staat. In dieselbe Richtung zielt auch die Argumentation des Hippolytus in seiner Auslegung des Buches Daniel (Dan. 4,5). Er identifiziert den r¨ omischen Staat mit der vierten der dort erw¨ ahnten Bestien. Diesen radikalen Stimmen h¨ alt der Apostel Paulus seine Einsch¨ atzung des Christen als B¨ urger eines von Gott eingesetzten Staates entgegen, dessen obersten Vertreter, dem r¨ omischen Kaiser, jedermann Gehorsam und Loyalit¨ at schuldig ist.
R¨ o 13,1-7 ” Omnis anima potestatibus sublimioribus subdita sit: non est enim potestas nisi a Deo: quae autem sunt, a Deo ordinatae sunt. Itaque qui resistit potestati, Dei ordinationi resistit. Qui autem resistunt, ipsi sibi damnationem acquirunt: nam principes non sunt timori boni operis, sed mali. Vis autem non timore potestatem? Bonum fac: et habebis laudem es illa: Dei enim minister est tibi in bonum. Si autem malum feceris, time: non enim sine causa gladium portat. Dei enim minister est: vindex in iram ei qui malum agit.
Was die dort herrschende Dunkelheit betrifft, so gibt es in der Welt eine gr¨ oßere, die n¨ amlich, welche die Herzen der Menschen blind macht. Ketten - legt die Welt noch schwerere an, solche, welche die Seelen sogar fesseln. Unsaubere D¨ unste - haucht die Welt noch schlimmere aus, die Woll¨ uste der Menschen. Schuldigeenth¨ alt die Welt schließlich noch in gr¨ oßerer Zahl, n¨ amlich das ganze Menschengeschlecht. Verurteilung endlich - hat sie nicht vom Prokonsul, sondern von Gott zu erwarten. [...] Der Christ aber hat, auch nicht im Kerker befindlich, der Erde entsagt, im Kerker auch noch dem Kerker.“ (eigene ¨
11 Zitiert nach: Novum Testamentum. ¨ Ubersetzung: ”
hatte zehn H¨ orner und sieben K¨ opfe und auf seinen H¨ ornern zehn Kronen und auf seine K¨ opfen L¨ asternamen. Und das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine F¨ uße waren wie B¨ arenf¨ uße und sein Maul wie ein B¨ arenmaul. Und der Drache verlieh ihm seine Macht und einen Thron und große Gewalt. Und einen seiner K¨ opfe (sah ich) wie zum Tode geschlachtet; aber seine Todeswunde wurde geheilt. Und die ganze Welt staunte hinter dem Tier her. Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Gewalt gegeben hatte, und sie beteten das Tier an, indem sie sprachen: ’ Wer ist dem Tier gleich und vermag mit ihm zu k¨ ampfen? ‘Und es
ward ihm ein Maul gegeben, um prahlerische und l¨ asterliche Reden zu f¨ uhren, und es ward ihm die Vollmacht gegeben, es zweiundvierzig Monate lang (so) zu treiben. Und es tat sein Maul auf zu L¨ asterungen wider Gott, um seinen Namen zu l¨ astern und sein Zelt, (das heißt die,) die im Himmel ihr Wohnzelt haben. Auch wurde ihm (Macht) gegeben, mit den Heiligen Krieg zu f¨ uhren und sie zu besiegen, ja es wurde ihm Macht gegeben ¨ uber
jeden Stamm, jedes Volk, jede Sprachen und Nation. Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, alle, deren Namen nicht im Lebensbuch des geschlachteten Lammes geschrieben steht von Grundlegung der Welt an.“ Zitiert nach: Die Bibel.
4
Ideo necessitate subdit estote non solum propter iram, sed etiam propter conscientiam. Ideo enim et tributa praestatis: ministri enim Dei sunt in hoc ipsum servientes. Reddite ergo omnibus debita: cui tributum, tributum: cui vectigal, vectigal: cui timorem, timorem: cui honorem, honorem.“ 12
Im ersten Brief an Timotheus fordert der Verfasser die Gl¨ aubigen zu F¨ urbittgebeten zugunsten der Herrschenden auf, nat¨ urlich zum Frommen der christlichen Gemeinden. 1 Tim 2, 1f ” Obsecro igitur primum omnium fieri obsecrationes, orationes, postulationes, gratiarum actiones pro omnibus hominibus: pro regibus, et omnibus qui in sublimitate sunt, ut quietam et tranquillam vitam agamus in omni pietate, et castitate.“ 13
Mit dieser gem¨ aßigten Position steht er in der direkten Nachfolge des Herrenwortes, welches die drei synoptischen Evangelien ¨ uberliefern, in welchem Jesus fordert: Mt 22,21 ” Tunc ait illis: Reddite ergo quae sunt Caesaris, Caesari: et quae sunt Dei, Deo“ 14
Der fr¨ uhe Christ sah sich also mit verschiedenen Weltanschauungen konfrontiert, die es irgendwie in Einklang zu bringen galt; er bewegte sich best¨ andig zwischen Abkehr und Hinwendung zu Staat und Gesellschaft. Dieses ambivalente Verh¨ altnis faßte der unbekannte Verfasser eines Briefes an den Nichtchristen Diognet um 200 n. Chr. in die Worte: In Kleidung, Nahrung und in allem, was sonst zum Leben geh¨ ort, schließen sie sich dem
”
jeweils ¨ Ublichen an. Und doch haben sie ein erstaunliches und anerkannt wunderbares Gemeinschaftsleben. Sie leben zwar an ihrem jeweiligen Heimatort, doch wie Fremde. [...] Sie halten sich auf Erden auf, doch leben sie als B¨ urger des Himmels.“ 15
Der Christ sah sich zugleich als B¨ urger des r¨ omischen Reiches und als Untertan des himmlischen Herrschers und mußte versuchen, beiden Herren - Kaiser und Gott - gerecht zu werden. Gleichwohl bedeutete das Leben nach den christlichen Grunds¨ atzen immer eine immanente Kritik an den bestehenden Verh¨ altnissen und somit eine Abkehr. Besonders deutlich wird dies in jenen Lebensbereichen, in denen sich der Christ mit heidnischen Kulthandlungen
12 Zitiert nach: Novum Testamentum. ¨ Ubersetzung: ” Jedermann ordne sich der obrigkeitlichen Gewalt unter;
denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott ist. Die bestehenden (Gewalten) sind von Gott angeordnet. Wer sich daher der Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes; die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst das Gericht zu. Nicht das gute Werk hat Grund, die Obrigkeit zu f¨ urchten, sondern nur das B¨ ose. Du willst die Gewalt nicht f¨ urchten m¨ ussen? Dann tue, was recht ist, und du wirst von ihr Lohn erhalten. Denn sie ist f¨ ur dich Gottes Dienerin f¨ ur das Gute. Wenn du aber B¨ oses tust, so f¨ urchte, denn nicht umsonst tr¨ agt sie das Schwert. Ist sie doch Dienerin Gottes, R¨ acherin zum Zorn f¨ ur den, der B¨ oses tut. Darum ist es geboten, sich zu unterwerfen, nicht nur um des Zornes, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuern; denn Gottes Diener sind sie, wenn sie diesem Amt beharrlich obliegen. Gebt allen, was ihr schuldig seid: Steuer, wem Steuer, Zoll, wem Zoll, Furcht, wem Furcht, Ehre, wem Ehre.“ Zitiert nach: Die Bibel.
13 Zitiert nach: Novum Testamentum. ¨ Ubersetzung: ” Ich mahne nun vor allen Dingen, daß Bitten, Gebete,
F¨ urbitten und Danksagungen f¨ ur alle Menschen verrichtet werden, f¨ ur K¨ onige und alle Obrigkeiten, damit wir ein stilles und ruhiges Leben f¨ uhren k¨ onnen, in aller Fr¨ ommigkeit und Heiligkeit.“ Zitiert nach: Die Bibel.
14 Zitiert nach: Novum Testamentum. ¨ Ubersetzung: ” Da sprach er zu ihnen: ’ So gebt dem Kaiser, was des
Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.‘“ Zitiert nach: Die Bibel. Vgl. ebenso Mk 12,17 und Lk 20,25.
15 Zitiert nach: Das Neue Testament und fr¨ uhchristliche Schriften. ¨ Ubersetzt und kommentiert von Klaus
Berger und Christiane Nord. Frankfurt a. M., Leipzig 1999. Im folgenden: Berger/Nord, Das Neue Testament.
5
konfrontiert sah; da diese in allen Belangen des Alltags praktisch gegenw¨ artig waren, sind die ¨ Außerungen der christlichen Autoren zu diesem Thema entsprechend zahlreich. 16 Hier kollidierten nun christliche Religionsaus¨ ubung und die kultischen Praktiken der heidnischen Umwelt mit voller Kraft, denn dem G¨ otzendienst konnte der Christ nur kompromißlos ablehnend gegen¨ uberstehen. Normalerweise praktizierte der r¨ omische Staat bzw. seine Vertreter im wesentlichen eine sehr liberale Religionspolitik: So lange die ¨ offentliche Ruhe nicht gest¨ ort und die Sicherheit des Staates nicht gef¨ ahrdet wurden, blieb Religionsaus¨ ubung Privatsache, in die sich der Staat nicht einmischte. 17 Wenn der Staat intervenierte, so geschah dies meist aus politischen Gr¨ unden, 18 wie im Fall des senatus consultum de Bacchanalibus des Jahres 186 v. Chr. 19 und zur Erhaltung der ¨ offentlichen Ruhe, wie im Fall des claudischen Judenediktes. Gleichwohl kann von staatlicher Seite her eine gewisse Reserviertheit gegen¨ uber den Mysterienkulten, die sich nichtsdestoweniger teilweise großer Beliebtheit erfreuten, konstatiert werden.
Ein Politikum stellte der Kaiserkult dar, ” der im r¨ omischen Imperium als Loyalit¨ atsbe-kundung f¨ ur den Kaiser aufgefaßt“ wurde. 20 Die politische Gemeinschaft war zugleich auch eine kultische, die Trennung von Religion und Politik eine Vorstellung, die der r¨ omischen Gesellschaft fremd war. 21 Vor allem die Teilnahme an den Kaiserfesten galt als Verpflichtung f¨ ur jeden Stadtbewohner bzw. im Falle der reichsweiten Opferaufforderungen aller Reichsbewohner; die Untertanen waren dazu angehalten, ihre H¨ auser zu schm¨ ucken, gemeinsame Opfer und Festm¨ ahler abzuhalten. Deutliche Kritik an diesen zutiefst heidnischen Zeichen und Praktiken ¨ ubte Tertullian, der zu diesem Thema eigens eine Schrift, ” De idololatria“,
verfaßte. 22 Diese ablehnende Haltung gegen¨ uber der Kultform sollte jedoch keineswegs eine Opposition zu Kaiser und Staat implizieren: De idololatria 15,8 ” Igitur quod attineat ad honores regum uel imperatorum, satis praescriptum habemus, in omni obsequio esse nos oportere secundum apostoli praeceptum
16 So verfaßte Tertullian eine eigene Abhandlung De idololatria ¨ uber den G¨ otzendienst.
17 Ohne Beispiel ist Assimiliationsf¨ ahigkeit der r¨ omischen G¨ otterwelt, der Import fremder Gottheiten und deren Einverleibung in den eigenen Kultkreis, gelegentlicher gegenl¨ aufiger Tendenzen zum Trotz. Man denke nur an die Vielzahl fremde ausl¨ andischer Kulte, wie beispielsweise den Isis- oder Mithraskult, die in Rom praktiziert wurden. Vgl. hierzu auch den Artikel ” Toleranz“ in: Der neue Pauly, Bd. 12/1, Sp. 657-668. Hier spez. Sp. 661ff.
18 Zum Verbot des gallischen Druidenkultes als politischer Maßnahme vgl. Cineira, David Alvarez: Die Religionspolitik des Kaisers Claudius und die Paulinische Mission. Freiburg i. Br. u. a. 1999. (Herders biblische Studien; 19), hier S. 104-115.
19 Der Kult wurde nicht verboten, aber die Aus¨ ubung so weit erschwert, daß er nicht mehr als Keimzelle staatsumst¨ urzlerischer Umtriebe gef¨ ahrlich werden konnte. Vgl. den Artikel ” Bacchanal(ia)“ in: Der neue Pauly, Bd. 2, Sp. 390f.
20 Zitiert nach: Lehnen, Abkehr, S. 7.
21 In der r¨ om[ischen] Trad.[ition] wurde, ¨ ahnlich wie in Griechenland, die Entstehung des Staates und die
”
kultisch gestaltete Beziehung zu den G¨ ottern als Einheit gesehen [...].“ Aus dem Artikel ” Toleranz“ in: Der neue Pauly, Bd. 12/1, Sp. 661.
22 Mehrere Kapitel widmet Tertullian diesem Thema auch in seinem Apologeticum. Vgl. Apol. 31-35.
6
subditos magistratibus et principibus et potestatibus, sed intra limites disciplinae, quousque ab idololatria separamur.“ 23
Die kategorische Verweigerungshaltung der Christen dem Kult gegen¨ uber konnte von Seiten der r¨ omischen Obrigkeit als Widerstand gegen den Staat, repr¨ asentiert durch den Kaiser, (fehl)interpretiert werden, auch wenn dies nat¨ urlich aus christlicher Sicht nicht intendiert war: Sie lehnte vielmehr die Art und Weise der Verehrung, bei der Gottheit und Herrscher verschmolzen, ab, nicht aber den r¨ omischen Staat, verk¨ orpert durch den Kaiser.
24
Vom Bem¨ uhen der christlichen Autoren, dieses Mißverst¨ andnis zu beseitigen, zeugen auch die Schriften der Apologeten. An die Stelle des paganen Kaiseropfers setzen sie das Kaisergebet, in welchem sich offizielle Staatsterminologie und christliche Gebetsform zu einer Loyalit¨ atsbekundung verbinden, in der alle wichtigen r¨ omischen Wertbegriffe gesammelt sind:
1. Clemensbrief 61, 1-2 ” Du, Herr, hast ihnen die Regierungsgewalt gegeben durch deiner erhabene und unbeschreibliche Macht, damit wir die ihnen von dir gegebene Herrlichkeit und Ehre erkennen und uns ihnen unterordnen und somit in keiner Hinsicht deinem Willen zuwiderhandeln; gib ihnen, Herr, Gesundheit, Friede, Eintracht und Zuverl¨ assigkeit, damit sie die ihnen von dir gegebene Herrschaft aus¨ uben, ohne Anstoß zu erregen. Du n¨ amlich, himmlischer Herr, K¨ onig der ¨
Ehre und Gewalt ¨ uber das, was auf der Erde ist; du, Herr, lenke ihren Sinn darauf, was gut und wohlgef¨ allig ist vor deinem Angesicht, damit sie gottesf¨ urchtig in Friede und Sanftmut die ihnen von dir gegebene Gewalt aus¨ uben und Gnade bei dir finden. Du, der es als einziger vermag, dies und noch viel mehr Gutes unter uns zu bewirken, dich preisen wir durch den Hohepriester und Besch¨ utzer unserer Seelen, Jesus Christus, durch welchen dir die Herrlichkeit und Erhabenheit zuteil werden jetzt und von Geschlecht zu Geschlecht und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“
25 Aber nicht nur in Bezug auf den Kaiserkult ergaben sich Schwierigkeiten. Da, wie schon erw¨ ahnt, praktisch das gesamte ¨ offentliche Leben der r¨ omischen Gesellschaft mit heidnischen Praktiken durchsetzt war, galt auch hier f¨ ur den Christen ¨ außerste Zur¨ uckhaltung. Zumindest mahnen die christlichen Autoren die Gl¨ aubigen, sich z. B. von den allgegenw¨ artigen Festivit¨ aten, wie sie der ¨ uberbordende r¨ omische Festtagskalender anordnete, fernzuhalten; dies bedeutete auch, daß die Teilnahme an Spielen, Prozessionen oder sonstigen Feierlichkeiten als nicht angemessen f¨ ur den Christen erachtet wurden. Besondere Bedenken bestanden bei der ¨ Ubernahme ¨ offentlicher ¨ Amter, da dies immer mit der Teilnahme an Kultopfern, Tempeldienst und der Ausrichtung von Spielen verbunden war. Auch die Bef¨ urchtung der moralischen
23 Zitiert nach: P. L. t. 1, Sp. 684. ¨ Ubersetzung: ” Was also die Ehrenbezeigungen f¨ ur K¨ onige oder Impera-
toren betrifft, so ist uns genugsam vorgeschrieben, den Obrigkeiten, F¨ ursten und M¨ achten Untertan zu sein, jedoch innerhalb der Grenzen der Moral, insoweit wir dabei von der Idololatrie frei bleiben.“ Zitiert nach: ubersetzt. Bd. 1. ¨ Tertullians ausgew¨ ahlte Schriften ins Deutsche ¨ Ubersetzt von Heinrich Kellner. Kempten 1912. (Bibliothek der Kirchenv¨ ater; 7).
24 Vgl. auch die Aussagen der Martyrer aus der ” Passio sanctorum scillitanorum“, Abschnitt 9: ” Donata dixit: ’ Honorem Caesari quasi caesari; timorem autem deo.‘“
25 Zitiert nach: Das fr¨ uhe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Eine Dokumentation. Bd. 1. Die Christen im heidnischen Staat. ¨ Ubersetzung der Texte von Peter Guyot. Darmstadt 1993 (Texte zur Forschung; 60). Hier S. 211. Dort auch der griechische Text, auf dessen Abdruck hier verzichtete wurde.
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Arbeit zitieren:
Sabine Ley, 2003, Die frühen Christen und ihr Verhältnis zum römischen Staat, München, GRIN Verlag GmbH
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