Inhalt
1. Einleitung
2. Die Habitustheorie
2.1 Der Klassenhabitus
3. Die Theorie sozialer Felder
4. Der Kapitalbegriff
4.1 Ökonomisches Kapital
4.2 Kulturelles Kapital
5.2.1 Kulturelles Kapital im objektivierten Zustand
5.2.2 Kulturelles Kapital im inkorporierten Zustand
5.2.3 Kulturelles Kapital im institutionalisierten Zustand
4.3 Soziales und symbolisches Kapital
5. Der Soziale Raum
5.1 Der Raum der sozialen Positionen
5.2 Der Raum der Lebensstile
5.2.1 Legitimer Geschmack
5.2.2 Mittlerer Geschmack
5.2.3 Populärer Geschmack
6. Schlussbemerkungen
7. Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu zählt zu den bedeutendsten französischen Sozialwissenschaftler des letzten Jahrhunderts. Diese Ha usarbeit beschäftigt sich mit seinem einflussreichsten theoretischen Werk: Der Habitustheorie sowie seinem Modell des sozialen Raumes. Allerdings werden bei dieser Ausarbeitung auch andere Entwürfe Bourdieus beschrieben, um auf die Entwicklungen innerhalb seiner Arbeiten aufmerksam zu machen, die gerade bei Bourdieu von Interesse sind. Als Ethnologe basieren nämlich seine Modelle in der Regel auf dem Prinzip der teilnehmenden Beobachtung und sind deshalb ständigem Wandel ausgesetzt. Und diese Änderungen der gegebenen Untersuchungssituation führen auch zwangsläufig zu Modifizierungen der Untersuchungserkenntnisse. Deshalb haben die Theorien Bourdieus in der Regel den gleichen Hintergrund (Habitus) und bauen zumindest ansatzweise aufeinander auf.
Bourdieus Arbeiten haben zu großen Kontroversen geführt. So stößt die Habitustheorie beispielsweise auf großen Widerstand bei Positivisten, die auf die uneingeschränkte Freiheit des menschlichen Handelns bestehen und deshalb mit Bourdieus zweifelsohne desillusionierenden Theorien wenig anfangen können. Auch Bourdieus Untersuchungsgebiete bei seinen Ausarbeitungen zum Modell des sozialen Raumes sind unkonventionell. So untersucht er das für wissenschaftliche Ausarbeitungen untypische Feld der Geschmäcker und leitet aus seinen Forschungsergebnissen einen gesamtgesellschaftlichen Theorieansatz ab. Zuerst wird in dieser Hausarbeit allerdings auf Bourdieus Habitustheorie eingegangen. Diese dient als Basis für die weiteren Ausführungen.
2. Die Habitustheorie
Die Habitustheorie ist Bourdieus wichtigstes theoretisches Konzept. Sie bildet die Basis beinahe aller Forschungs- und Untersuchungsansätze Bourdieus. In der Alltagssprache definiert sich der Habitus als das Aussehen, Erscheinungsbild und Auftreten eines Menschen. Auc h Bourdieu schließt bei seinem Habituskonzept diese Merkmale der äußeren, wahrnehmbaren Erkennung eines Menschen mit ein. Er versteht den Habitus als ein inkorporiertes – einverleibtes – „System von Anlagen
3
zu einem bestimmten Verhalten“ 1 (Dispositionen) und der „unbewussten Denk -,
Wahrnehmungs- und Handlungsschemata“. 2 Der Habitus wird von Bourdieu somit als eine Art inne wohnender Regisseur
angesehen, der die Rezeption und Verarbeitung von Informationen steuert und somit Einfluss auf die Aktionen des Individuums hat. Der Regisseur arbeitet allerdings im Verborgenen. Das Individuum nimmt ihn nicht wahr. Es glaubt, in seinem Handeln
völlig selbstbestimmt agieren zu können und ist sich der habituellen Dispositionen
nicht bewusst. „Ihre „Genese – ihre Geschichte – wurde vergessen“ 3 .
Dabei kann sich niemand den steuernden Automatismen des Habitus entziehen, da sich der Habitus bei jedem Menschen im Laufe der familiären Sozialisation bildet. Er wird allen Individuen somit quasi in die Kindesschuhe gelegt – das soziale Umfeld,
insbesondere die Eltern, beginnen, die habituellen Imperative schon vor der Geburt, im Leib der Mutter, zu prägen. Allerdings bedeutet das nicht, dass der Habitus
unveränderbar ist. Er wandelt sich vielmehr im Laufe des Lebens – neue Erlebnisse prägen auch die Habitusstruktur. Somit ist der Habitus in hohem Maße abhängig von
dem Lebenslauf und dem Werdegang eines Menschen – er spiegelt das Erfahrene. Allerdings muss man betonen, dass alle Erfahrungen - gleich dem Aufbau eines Familienstammbaumes - auf die frühen elterlichen Prägungen zurückzuführen sind.
Alles baut also auf der Basis der frühen familiären Sozialisation auf.
Weil der Habitus auf der Grundlage aller Erfahrungen entstanden ist, ist er sehr
stabil. Kurzfristige Erschütterungen der Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster vermögen die einverleibten Strukturen nicht grundlegend zu ändern. Zwar kann es sein, dass Modifikations -Tendenzen auftreten, diese
beeinflussen die Grundschemata meist jedoch nur wenig.
Der Habitus und die wahrgenommene Wirklichkeit stehen in einem speziellen
Verhältnis zueinander. Wie bereits vorher angesprochen entsteht der Habitus aus der Praxis heraus – er wird im Laufe der familiären Sozialisation durch andere Akteure gebildet. Doch auch die Praxis selbst ist abhängig von den
Habitusstrukturen, welche ihren handelnden Akteuren inne wohnen. Denn diese halten die Strukturen der sozialen Wirklichkeit aufrecht. Ohne die Weitergabe der
Habitusformen an nachfolgende Generationen würde es keine dauerhaften
1 Treibel: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart: S.210
2 Mikl-Horke: Soziologie: S.312
3 Schwingel: Bourdieu zur Einführung: S.55
4
Strukturen innerhalb der Praxis geben. Der Habitus stabilisiert – er reproduziert – die
soziale Wirklichkeit und verleiht ihr ihre bestimmte Struktur.
Habitus und Praxis sind also eng miteinander verflochten – sie bedingen sich
gegenseitig. Habitusformen sind somit „strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als
strukturierende Strukturen zu wirken.“ 4
2.1 Der Klassenhabitus
Die Habitustheorie ist laut Bourdieu kein rein individuelles Konzept. Es ist nicht nur auf einzelne Akteure anzuwenden, sondern besonders auf Gruppen. Jeder
gesellschaftlichen Klasse schreibt Bourdieu gemeinsame habituelle Dispositionen zu. Besonders auf sozialen Feldern (siehe Abschnitt 4.) und im sozialen Raum (Abschnitt 6) gelangt dieser Klassenhabitus zu seiner Entfaltung. Ohne ein
kollektives ‚Leitmotiv’ – eine gemeinsame Ideologie - würde es gesellschaftliche Gruppierungen in ihrer bestehenden Form nicht geben. Denn erst durch
Wesenseigenschaften, die mehr oder weniger allen Individuen innerhalb der Klasse zuzuschreiben sind, grenzt sich eine Klasse von einer anderen ab. Der
Klassenhabitus charakterisiert und definiert die Schauplätze sozialer Interaktion.
3. Die Theorie sozialer Felder
Eine Praxisform, in denen die Habitusformen zur Anwendung kommen, sind die ‚sozialen Felder’. Unter diesen versteht Bourdieu „objektive, d.h. vom Willen und
Bewusstsein der Akteure (relativ) unabhängige Strukturen [...].“ 5 Die sozialen Felder sind autonom. Sie grenzen sich aufgrund ihrer eigenen ganz bestimmten Struktur von anderen sozialen Feldern ab. Innerhalb der sozialen Felder müssen sich die
Akteure an ganz bestimmten Imperativen orientieren. Ähnlich wie bei einem sportlichen Wettkampf werden alle ‚Spieler’ aus einem sozialen Raum
ausgeschlossen, die sich nicht an die statischen, konstitutiven Regeln halten. Allerdings sind die Regeln nur in Ausnahmefällen explizit festgehalten. Sie existieren nur als imaginäre ‚Richtschnur’, als vorgegebener Rahmen, aus dem in der Regel
kein Akteur in dem sozialen Raum ausbricht.
Trotz der durch den soziale n Raum herrschenden externen Zwänge sind die
einzelnen Akteure bis zu einem gewissen Grade in ihrem Handeln selbstbestimmt.
4 Treibel: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart: S.211; aus: Bourdieu, 1979:164f.
5 Schwingel: Bourdieu zur Einführung: S. 77
5
Quote paper:
Meiko Merda, 2003, Pierre Bourdieu - Habitus und sozialer Raum, Munich, GRIN Publishing GmbH
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