I. Inhaltsverzeichnis
II. Einleitung Seite 3
III. Hauptteil
1.1. Obszönität: Versuch einer Definition Seite 5
1.2. Obszönität und Komik Seite 6
1.3. Zu Batailles "Heterologie" Seite 7
2.1. Ökonomische Voraussetzungen Seite 8
2.2. Exkurs: Arbeit und Fest Seite 9
2.3. Verbot und Überschreitung Seite 10
3.1. Obszönität als literarisches Stilmittel Seite 11
3.2. "Erotic Action" in Kunst und Film Seite 13
3.3. Trivialpornographie Seite 15
IV. Fazit Seite 17
V. Quellenverzeichnis Seite 18
VI. Anhang Seite 19
2
II. Einleitung
"Ich habe masturbiert, nackt, in der Nacht, vor dem Leichnam meiner Mutter. [...] Was mich mehr bedrückt: daß ich meinen Vater viele male habe scheißen sehen."
Georges Bataille, Das obszöne Werk
Sex sells. Seitdem der Mensch in der Lage ist, sexuelle Handlungen medial wiederzugeben, macht er davon rege Gebrauch - gleich, ob im Verborgenen oder öffentlich, ob zur persönlichen Erbauung oder zur kommerziellen Nutzung. Abgesehen vom Tod berührt kein anderes Phänomen die menschliche Existenz so intensiv, wie es die Sexualität tut. Wie der Tod offenbart auch die Sexualität eine grundsätzliche Ambivalenz, ein permanentes Schwanken zwischen Faszination und Abscheu, zwischen Ekel und Lust. Selbst die wissenschaftliche Rezeption dieses Phänomens ist davon nicht ausgenommen - insbesondere dann, wenn es um jene Aspekte der Sexualität geht, welche öffentlich als "obszön" wahrgenommen werden. Die Geschichte und Ästhetik der erotisch-pornographischen Film- und Fernsehunterhaltung (unter Leitung von Manfred Schneider) dürfte eine größere Resonanz seitens der Boulevardpresse erfahren haben als jedes andere Seminar der Universität Hamburg in jüngerer Zeit. 1
Während wir uns im Laufe des Semesters mit der Geschichte der erotisch-pornographischen Medien beschäftigten, wurde mir immer bewußter, daß sich hier bestimmte Muster zyklisch wiederholen. Der Kontrast zwischen öffentlichen Normvorstellungen und privaten Bedürfnissen hat immer wieder zu vergleichbaren gesellschaftlichen Umwälzungen geführt. Das Verbot scheint hier eine entscheidende Funktion inne zu haben. Selbst das ausdrücklich Erlaubte scheint reizvoller zu sein, wenn es irgendwie "anrüchig" wirkt, also in die Nähe des Verbotenen gerückt wird. Dabei scheinen sich in Hinsicht auf die erotisch-pornographischen Medien zwei Hauptformen herausgebildet zu haben: Erstens, eine "triviale" Form von Erotik / Pornographie, welche keine tiefere Botschaft transportiert und trotz gelegentlicher Reibungen mit der öffentlichen Moral letztlich doch ein fester Bestandteil des Sozialsystems bleibt. Die Grenze zwischen Sub- und Popkultur ist hier fließend.
Zweitens, eine literarische bzw. künstlerische Form von Erotik / Pornographie, welche die Grenzen der "konventionellen" Vorstellungen von Ästhetik und Moral gezielt überschreitet. Die Provokation ist hier gewollt; sie macht den Wertewandel explizit oder leitet ihn sogar ein. Ich werde dies im Folgenden diskutieren, wobei ich mich primär auf die Arbeiten des Philosophen und Schriftstellers Georges Bataille (1897 - 1962) stützen werde.
Kaum ein Philosoph hat sich je so intensiv mit dem Phänomen der Grenzüberschreitung auseinandergesetzt wie Bataille. Sein primäres Interesse gilt der inneren Erfahrung all dessen, w as sich dem Prinzip der Nützlichkeit radikal entzieht und die Grenzen des subjektiven Ichs sprengt. Damit gelangt sein Denken in unmittelbare Nähe zur sog. "Existenzphilosophie". Ich werde dies kurz diskutieren, um die größeren Zusammenhänge zwischen ästhe tischer Grenzüberschreitung und menschlicher Selbsterkenntnis explizit zu machen.
1 Doch so sehr sich "Morgenpost" & "Explosiv" auch bemühten, hier wenigstens einen kleinen Skandal
herauszuholen, es wollte ihnen nicht so recht gelingen. Die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden des Seminars konnten schwerlich in das Boulevardformat übertragen werden, und die von uns analysierten Kurzfilme boten keinen Anlaß zur inszenierten Empörung, waren sie doch Bestandteil der gleichen Medienlandschaft wie die Berichterstatter selbst.
3
Die ursprünglichen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard, Max Stirner und Friedrich Nietzsche verbindet die Idee, die subjektive Perspektive ihrer individuellen Existenz dem universalistischen Geltungsanspruch der traditionellen Ontologie 2 entgegenzustellen. Ihre Nachfolger Karl Jaspers, Martin Heidegger und Jean-Paul Satre hingegen wollen gerade ihre subjektive Selbsterfahrung zum Ausgangspunkt eines neuen philosophischen Universalismus machen. 3 Dieses Vorhaben erscheint aus heutiger Sicht paradox und ist bisher zu keinem befriedigenden Abschluß gekommen. 4 Thomas Seibert verweist hier auf ein grundlegendes Problem, welches bereits von Kierkegaard erkannt und von Sartre später ausdifferenziert wurde:
"Ich existiere und versuche, mein Existieren zu denken, mein Denken denkt mein Existieren voraus oder hinterher, niemals aber fallen beide zusammen, stets ist das Existieren das, 'woran das reine Denken scheitern muß'. [...] Damit verfängt sich das Streben nach der Synthese von Denken und Sein in einem unauflöslichen Paradox. Da die Differenz von Denken und Sein beständig reproduziert wird, ist mein Denken nur dann in Übereinstimmung mit meinem Sein, wenn ich seine für mich unaufhebbare Differenz von meinem Sein anerkenne: Mein Denken trifft nur dann mein Sein, wenn es einsieht, das es dieses Sein schon immer verfehlt hat und immer wieder verfehlen wird." 5
Gemäß der traditionellen Ontologie geht die Idee bzw. Essenz der Existenz voraus. Wenn der Mensch ein Objekt produziert, so hat er es in diesem Sinne bereits zuvor gedanklich realisiert. Sartre hingegen vertritt den Ansatz, die Existenz gehe der Essenz voraus. Der Mensch definiert sich folglich erst, nachdem er ein Selbstbewußtsein entwickelt hat. 6 Sartre orientiert sich hier terminologisch an Georg W. F. Hegel. Aufgrund seiner Trennung von der "objektiven" Ganzheit des Seins ist das individuelle Selbstbewußtsein für Hegel (welcher vom Standpunkt der traditionellen Ontologie ausgeht) ein "negatives" Wesen, und deshalb bezeichnet auch Sartre die essentielle Freiheit der menschlichen Existenz als "Nichts". 7 An diesem Punkt setzt Bataille an. Er will eine neue Option finden, das menschliche Subjekt auch nach dem "Tod Gottes" (Nietzsche) noch einmal mit der Ganzheit des Seins zu verbinden. Diese Option ist für ihn in der inneren Erfahrung der Grenzüberschreitung selbst gegeben. 8
Erotik und Pornographie werden dadurch in einen neuen Kontext eingefügt: Als "Obszönität" bzw. "ästhetische Grenzüberschreitung" stellen sie den sozialen Status Quo und dessen Konventionen in Frage. Dieser gesellschaftliche Aspekt wird im Folgenden der Hauptgegenstand meiner Untersuchung sein. Bataille selbst verbindet mit seiner Analyse der Grenzüberschreitung eine Idee der "Ich-Entgrenzung", welche quasi mystische Züge trägt und über das Thema dieser Hausarbeit weit hinausgeht. Ich bin aber davon überzeugt, daß Batailles Methodik auch unabhängig von seinen mystischen Ambitionen äußerst fruchtbar für die Erforschung ästhetischer Grenzbereiche sein kann. Ich werde im Folgenden versuchen, hierzu ein paar brauchbare Ideen zu liefern, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
2 Eine philosophische Teildisziplin der Metaphysik, welche sich mit der Beschaffenheit des Seins beschäftigt. Eine Leitfrage der traditionellen Ontologie ist, ob es ein Sein "an sich" gibt, welches unabhängig von der subjektiven Sinneswahrnehmung des Menschen erkannt und verstanden werden kann.
3 Vgl. Seibert, Thomas, Existenzphilosophie, Stuttgart 1997, S.XI
4 Ebd., S.XII
5 Ebd., S.22
6 Suhr, Martin, Jean-Paul Sartre zur Einführung, Hamburg 2001, S.63
7 Seibert, S.130
8 Vgl. Wiechens, Peter, Bataille zur Einführung, Hamburg 1995, S.21
4
III. Hauptteil
"Obszönität: Schamlosigkeit, Schlüpfrigkeit."
Duden, Fremdwörterbuch
1.1. Obszönität: Versuch einer Definition
Ich werde mit Definitionen beginnen. Die öffentliche Wahrnehmung ästhetischer Grenzüberschreitungen reduziert sich i.d.R. auf den Vorwurf der "Obszönität". Ein Schlagwort wie "Obszönität" kann allerdings äußerst vielschichtig interpretiert werden. Was soll z.B. eine "Schamlosigkeit" oder "Schlüpfrigkeit" konkret bezeichnen?
Ich werde daher zunächst versuchen, eine brauchbare Erklärung dafür zu liefern, was "Obszönität" eigentlich bedeutet, und wie sie mit dem P hänomen der ästhetischen Grenzüberschreitung konkret zusammenhängt. Ich erhebe dabei nicht den Anspruch, die Genealogie des Begriffes "Obszönität" 1 : 1 wiederzugeben. Im Laufe dieser Arbeit werde ich vielmehr versuchen, ein Modell zu entwickeln, welches die interkulturellen Aspekte der ästhetischen Grenzüberschreitung in einen logisch nachvollziehbaren Zusammenhang stellt.
Das 19. Jahrhundert bringt bereits eine Tendenz zur systematischen Erfassung des Obszönen hervor, und zwar als Negation eines ästhetischen Ideals. Der Hegelianer Karl Rosenkranz etwa definiert das Obszöne als das Häßliche im Kontext einer Metaphysik des "Schönen":
"Das Schöne ist die göttliche, ursprüngliche Idee, und das Häßliche, seine Negation, hat eben als solche ein erst sekundäres Dasein. [...] Dieser innere Zusammenhang des Schönen mit dem Häßlichen als seiner Selbstvernichtung begründet daher auch die Möglichkeit, daß das Häßliche sich wieder aufhebt, daß es, indem es als das Negativschöne existiert, seinen Widerspruch gegen das Schöne wieder auflöst und in die Einheit mit ihm zurückgeht. Das Schöne wird in diesem Prozeß als die Macht offenbar, welche die Empörung des Häßlichen seiner Herrschaft wieder unterwirft. In dieser Versöhnung entsteht eine unendliche Heiterkeit, die uns zum Lächeln, zum Lachen erregt. Das Häßliche befreit sich in dieser Bewegung von seiner hybriden selbstischen Natur. Es gesteht seine Ohnmacht ein und wird komisch." 9
Für Rosenkranz besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen erotischer Kunst und Karikatur. Bürgerliche Ästhetik und "natürliche" Scham sind demzufolge kongruent - eine Verletzung dieser Scham ist "unnatürlich" und aus diesem Grunde "häßlich" bzw. "obszön". 10 Wir finden hier wieder das ontologische Prinzip einer Wahrheit "an sich" vor, wie ich es bereits in meiner Einleitung skizziert habe. Georges Bataille geht zwar von einem völlig anderen Standpunkt aus 11 , aber auch er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Komik und Obszönität. Sein Interesse gilt insbesondere der Analyse des Heterogenen (im Folgenden "Heterologie" genannt). Damit sind im Prinzip alle affektiven Phänomene gemeint, welche sich generell einer systematischen Ordnung entziehen, weil sie das Auftreten von Gewalt und Tod begünstigen oder sogar verursachen. Die "Heterologie" beschäftigt sich also
9 Rosenkranz, Karl, Ästhetik des Häßlichen, Leipzig 1996, S.14
10 Vgl. Gorsen, Peter, Sexualästhetik: Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie,
Reinbek bei Hamburg 1972, S.154
11 Bataille wehrt sich gegen jegliche Form des Idealismus, weil er die Ganzheit des Seins berücksichtigen will. Die Ganzheit des Seins läßt sich aber Bataille zufolge nicht auf das reduzieren, was wir kraft unserer Vernunft erkennen können. Vgl. Wiechens, S.14
5
mit Erlebniszuständen, welche in einem Subjekt Emotionen wie Verwirrung, Abscheu, Ekel, Todesangst, aber auch Belustigung hervorrufen können. 12 Peter Gorsen weist nachdrücklich darauf hin, daß eine metaphysische Unterscheidung zwischen "schön" und "häßlich" in diesem Kontext keinen Sinn macht:
"[Georges Bataille] faßt den verletzenden Akt der Erotik ambivalent als Verletzung der Scham und als Beschmutzung des Schönen auf und bezweifelt, ob jene ästhetische Konvention recht hat, die den Paarungsvorgang eindeutig als Sublimierung, als Überwindung seiner Häßlichkeit und Animalität ansieht. Er kritisiert [...] die gleiche Auffassung, die sich noch bei Rosenkranz als die bürgerlich-idealistische undialektisch behauptet hat: daß man das Häßliche nur kraft des Schönen, das es überstrahlt, ertragen könne, während man das Schöne absolut, nämlich ohne das Häßliche und die Scham getrennt von ihrer Verletzung erführe - als positive Äußerungen des naturfreien, wenn auch nicht naturlosen Geistes." 13
Batailles Definition des Obszönen orientiert sich also nicht an einem abstrakten Schönheitsideal, sondern an der inneren Erfahrung der Grenzüberschreitung selbst. Das Obszöne ist für Bataille ein Ausdruck, welcher etwas sprachlich nicht Faßbares repräsentiert: Die subjektive Erleben der zeitweiligen Ich-Auflösung sowie der widersprüchlichen Emotionen, welche eine solche Erfahrung in uns hervorruft. Die komische Seite der Erotik / Pornographie befindet sich jenseits von "schön" und "häßlich".
1.2. Obszönität und Komik
Das Lachen ist für Bataille nicht nur eine der wichtigsten Formen der Entladung, sondern gewissermaßen eine Vorbedingung des Denkens selbst. Zwar ist das Denken prinzipiell auch ohne das Lachen möglich, aber dann wäre es "verstümmelt". Ebenso ist das Lachen ohne das Denken auf die banale, gewöhnliche Bedeutungslosigkeit reduziert. Lachen und Denken bilden für Bataille also ein Korrelat. 14
Tatsächlich ist Humor stets ein wichtiger Bestandteil von Erotik- und Pornofilmen gewesen. Dies kann auf mehrere Ursachen zurückgeführt werden: Erstens ist Humor dazu geeignet, der verletzten Intimität der Sexdarsteller ihre Schärfe zu nehmen - der Konsument schaut den Film nicht "nur" aufgrund seiner voyeuristischen Bedürfnisse, sondern auch um zu lachen. 15 Zweite ns spiegelt der humoristische Aspekt die ambivaltente Position des Menschen zu seiner Sexualität wider - seiner archaischen, im Grunde sogar animalischen Seite. Drittens weisen Lachen und Orgasmus aufgrund ihrer entladenden Wirkung eine starke Analogie auf. Beide Erlebniszustände schalten die gedankliche Reflexion kurzfristig aus und versetzten das Subjekt auf eine andere Erlebnisebene. Dieser Aufbau eines Erregungszustandes, welcher sich bis zur Entladung steigert, wird in der Dramaturgie des erotisch-pornographischen Films simuliert.
Das Lachen ist für Bataille indes nichts per se Unbefangenes. Seitdem die Sexualität säkularisiert wurde, hat das Verbot an Schärfe gewonnen, weil es sich nun primär auf den Tod bezieht. Das Verbot hat die rationale Welt der Arbeit und der Nützlichkeit
12 Wiechens, S.12
13 Gorsen, S.17
14 Vgl. Heinrichs, Hans-Jürgen, Der Wunsch nach einer souveränen Existenz, Graz 1999, S.45-46
15 Dieser psychologische Effekt ist natürlich nur für solche Konsumenten von Sexfilmen relevant, welche sich ihres Voyeurismus schämen. Entscheidend sind hier keine wie auch immer gearteten öffentlichen Moralvorstellungen, sondern lediglich jene Moralvorstellungen, welche das einzelne Subjekt selbst für verbindlich hält.
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Arbeit zitieren:
Ulrich Goetz, 2005, Zur ästhetischen Grenzüberschreitung durch Erotik und Pornographie, München, GRIN Verlag GmbH
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