D. h. nur quantitative, nicht aber qualitative Übergänge zwischen beidem bestehen. Soll heißen, es gibt im psychotischen Erleben nichts, was nicht potentiell, vielleicht aber weniger klar in uns allen angelegt ist und insofern dem Verstehen zugänglich ist. Das Verstehen des Patienten erfolgt also über die eigenen schizophrenen Anteile, was immer das konkret bedeuten mag.
Über die psa. Sichtweise und das Freudsche Ubw. geht er hinaus; er entwirft eine integrale Hermeneutik, die Tiefenpsychologie und Existenzphilosophie verknüpft und das menschliche In-der-Welt-Sein analysiert. C) Zentraler Begriff, ohne den man nach Laing den Menschen bzw. den Geisteskranken nicht begreift, ist die sog. ontologische Unsicherheit als Voraussetzung für das, was man Schizophrenie nennt.
Vor allem die Existenzphilosophie, von der Laing stark beeinflusst ist, sah Daseinsangst, Verzweiflung, Sorge, Gespaltenheit als anthropologische
Grundbestimmung an und ontologische Unsicherheit meint etwas sehr ähnliches: Ontologisch unsicher ist das menschliche Dasein philosophisch gesehen seinem ganzen Wesen nach, aufgrund der radikalen Kontingenz (der Nicht-Notwendigkeit), der Geworfenheit ins Sein, der Todverfallenheit; ganz gleich inwieweit der Einzelne sich dessen reflex bewusst ist und das als solches erkennt. Ein wirkliches Problem entsteht aus dieser Gegebenheit (die ja als solches schon ein Problem darstellt, dessen Bewusstwerdung im Existentialismus oft als regelrechter Schock beschrieben wird, aber davon mal abgesehen), wenn sich die Unsicherheit aus dem metaphysischen Rahmen des Seins-an-sich herauslöst und sich in der Lebenspraxis, in einzelnen Haltungen und Verhaltensweisen d. Alltäglichen totalisiert. Und das Gefühl der Nicht-Notwendigkeit von den Grundlagen der Existenz auswandert und alle Bereiche des Lebens zerfasert.
Ein solcher Mensch erlebt sich nicht wie es die meisten von sich behaupten würden real, lebendig, verschieden vom Rest der Welt, innerlich relativ konsistent, stabil gegenüber sich selbst und seiner Umwelt, sondern als eher irreal, inköhärent, ohne klare Ich-Grenzen, räumlich/zeitlich fragil, möglicherweise als tot o. körperlos.
Dieser ist ständig damit beschäftigt, seine Identität u. Autonomie zu bewahren, weil er sie aufs äußerste in Frage gestellt sieht, und seine gesamte Persönlichkeitsstruktur ist aufzufassen als eine Phänomenologie ontologische Unsicherheit u. Angst. Und von dieser Angst her, die der Autor in drei große Gruppen einteilt a) Angst vor dem Verschlungenwerden (von anderen Menschen v.a.) b) vor Implosion (d.h. dem Einstürzen der Welt in die Leere des eigenen Inneren c) vor Petrifikation (der Verwandlung von anderen zu Stein, zum Ding, zum Objekt, lassen sich die Handlungen, Äußerungen, Gedanken d. Schizophrenen lt. Laing verstehen und in einen sinnvollen Zusammenhang stellen.
D) Also, zum Ausgangspunkt werden wie gesagt, existentielle Ängste, der Mangel an ontologischer Autonomie und Festigkeit.
Um aber trotz dieser Angst vor Auflösung und Dissoziation (Sartre sprach diesbezügl. einmal sehr treffend, wie ich finde, von Marmeladenexistenz) ein Gefühl für das eigene Sein und ein Gefühl der Sicherheit herzustellen, zeigt Laing bestimmte Strategien auf, derer sich die ontologisch unsichere Person bedient, um eine sekundäre Stabilität zu erreichen und die unmittelbare Unsicherheit auszugleichen. Diesen Vorgang mit dem sich die Person vor Identitätsverlust zu schützen versucht, kann man auch als Abwehrmechanismus bezeichnen, dessen Verfahren in einer Spaltung der Persönlichkeit besteht, zwischen dem sog. „wahren“ und „falschen“ Selbst bzw. falschen Selbst-System, weil jenes sich noch weiter splitten kann in mehrere Teil-Selbste.
1.Nun, dieser Bruch (der Persönlichkeit) vollzieht sich folgendermaßen: das, was die ontologisch unsichere, Person ihr wirkliches, eigenes, inneres, eben wahres Selbst nennt, zieht sie zunehmend nach Innen, isoliert sich von der Umwelt, kapselt sich ein und verharrt in einem Zustand der Verschlossenheit, um so jeglichen realen Kontakt mit der so bedroht empfundenen Außenwelt abzubrechen. Das Selbst zieht sich ins rein Geistige, Körperlose, Imaginäre zurück.
Diese Strategie zielt ausschließlich darauf ab, das Selbst bzw. das In-der-Welt-sein krampfhaft zu erhalten, innerhalb einer unerträglichen, feindgetönten Wirklichkeit. - Also dies ist die eine Fluchtrichtung, der Rückzug nach Innen auf der einen Seite.
2. Auf der anderen Seite wird gleichzeitig als Komplement dazu, ein vom inneren abgetrenntes falsches Selbst aufgebaut, das über das wahr empfundene gestülpt wird. Mit diesem falschen Selbst werden nun a) zum einen die Beziehungen zur Welt aufrechterhalten, zum anderen tritt es in eine eigentümliche Beziehung zum wahren Selbst.
Das falsche Selbst scheint wesentlich aus verinnerlichten Gestalten und Maximen aus der Kindheit zu bestehen. In ihm und durch das falsche Selbst, werden die primären Bezugspersonen, deren Wünsche, Anforderungen, Direktiven aller Art aufgerichtet. Wobei diese in sich aufgenommenen Figuren durchaus nicht notwendig mit tatsächlichen Personen übereinstimmen müssen, sondern können phantastisch aufbereitet und ausgebaut werden.
(Wenn man in der Sprache Freuds nach einem Äquivalent suchte, müsste man wohl vom rigiden o. sadistischem Über-Ich sprechen (IX, 262).
D. h. im falschen Selbst reden, denken, fühlen, agieren fremde Mächte sozusagen, die die Person besetzt halten und sich ihrer bemächtigen, bzw. von denen sich die Person bemächtigen lässt. Das Verhältnis bewusst und unbewusst, von Freiheit und Notwendigkeit ist nicht so einfach auszumachen. Die Existenzphilosophie würde erstere betonen, die Psychoanalyse letztere.
Zumindest kann die Existenzweise d. entfremdeten Seins äußerlich mit einer enormen Konformität einhergehen; eine solche Person ist vielleicht wunderbar angepasst an gesellschaftliche Standards, sehr unauffällig zunächst, aber diese Form der Existenz ist ein Verrat am Selbst, weil die Person als Subjekt dabei im Grunde nicht vorkommt, sie ist dem fremden Diktat unterworfen. - Heidegger hätte wahrscheinlich vom Leben im „Man“, im Modus der Uneigentlichkeit gesprochen.
Man spielt eine Rolle, definiert sich über das Allgemeine, lebt in der Hohlheit der Konventionen, doch darin u. daran erstirbt das innere Selbst. Laing spricht auch vom hungrigen Selbst, das sich nicht verobjektiviert, sondern lediglich versteckt imaginiert. Also nur in der Einbildungskraft und nicht real in Erscheinung tritt. Nach Außen wird nur das falsche Selbst sichtbar.
Arbeit zitieren:
Tobias Fiege, 2005, Die Theorie des falschen Selbst bei R. D. Laing, München, GRIN Verlag GmbH
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