Freie Universität Berlin Otto-Suhr-Institut / FB Politik und Sozialwissenschaften Wintersemester 2000/2001 15154 HS Scheibenwischer? Politische Satire in Deutschland
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Hausarbeit zur Erlangung einer Teilleistungsbescheinigung des Diploms
eingereicht von:
Thomas Reidel Politikwissenschaft / Diplom
Einleitung 4
1 Zum Autor Kurzbiographie Kurt Tucholsky 5
2 Politisch-geschichtlicher Hintergrund 6
3 1926 Die missglückte Revue 7
4 1929 Die Zeit schreit nach Satire 8
4.1 Szene 1 Vorspiel vor dem Theater I Das Telegramm 10
4.2 Szene 2 Vorspiel vor dem Theater II Telephonat mit der GmbH 10
4.3 Szene 3 Auftakt Gespräch mit Milbe 11
4.4 Szene 4 Auftritt Kästner und Mehring 12
4.5 Szene 5 Auftritt Generaldirektor Bönheim 13
4.6 Szenen 6 und 7 Proben 14
4.7 Szene 8 Uraufführung und dramatischer Höhepunkt 14
4.8 Szenen 9 und 10 Kritik 15
4.9 Szene 11 Abgesang 15
4.10 Dramaturgischer Rückblick 16
5 Die Zeit schreit nach Satire analytische Schlussbemerkung 16
Fazit 18
Verwendete Literatur 19
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(LQOHLWXQJ Kurt Tucholskys Glosse ‚Die Zeit schreit nach Satire’ beschreibt die Entstehung, Planung und Aufführung einer Theaterrevue in den zwanziger bzw. dreißiger Jahren in Deutschland. Ob- wohl der Text rein fiktiv ist, basiert er doch auf teilweise realen Begebenheiten aus Tuchols- kys literarischer Laufbahn. Er hatte zusammen mit Polgar 1926 an einer Revue gearbeitet, die aber aus unglücklichen Umständen nie aufgeführt wurde.
1929 dann, zu einer Zeit, in der Tucholsky auf dem Höhepunkt seiner literarischen Tätigkeit war, brachte er zusammen mit dem Montagekünstler John Heartfield das Buch Deutschland, Deutschland über alles heraus. Diesem Buch ist die im folgenden zu besprechende Glosse Die Zeit schreit nach Satire entnommen. Der Text beschreibt sehr eindrücklich und in satirischer Überhöhung die gesellschaftlichen Umstände der damaligen Zeit, die es besonders den kriti- schen Autoren politischer Satire erschwerten, ernst genommen und vor allem gehört zu wer- den.
Die ohnehin von Anbeginn ihres turbulenten Bestehens unstete, eigentlich nicht konsolidierte Demokratie 1 der Weimarer Republik, geriet spätestens durch den Zusammenbruch der Welt- wirtschaft 1929 in ihre schwerste Krise, die sie nicht überwinden konnte. Gerade Fragen nach stärkerer sozialen Gerechtigkeit und größerer demokratischer Partizipation standen damals im Widerspruch zu wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Mehrheitsmeinung. Hier setzt Tucholsky in seinem Stück an, indem er ein wirtschaftlich wie politisch zunächst nicht direkt beeinflusstes Feld, das Theater, wählt, um daran die allumfassende Dominanz wirt- schaftlich-politischer Überordnung aufzuzeigen.
Der genannten Entwicklung setzte Tucholsky die Satire entgegen, die eben aus der scheinbar sicheren Stellung des Theaters heraus das Bestehende kritisieren will, indem sie der Realität einen durch Lächerlichkeit verzerrten Spiegel vorhält. Doch das Konzept geht im Falle des zu besprechenden Textes scheinbar nicht auf. Das soll im folgenden analysiert werden. Um die Entwicklung nachzuzeichnen, wie Tucholsky zur im Titel formulierten Kernaussage und überhaupt zur Ansicht kommen kann, dass es mehr der Satire bedürfe und vor allem um zu zeigen, was das eigentlich bedeutete, wird zunächst versucht den tatsächlichen Verlauf der 1926 geplanten Revue für die Reinhardt-Bühnen in ihrer Entwicklung bis hin zur versagten Aufführung und dem schließlichen Entstehen des Textes nachzuzeichnen. Dieser einleitenden Teil dient als Grundlage und Darstellung der damaligen gesellschaftlichen Umstände, die Tu- cholsky veranlassten, seine Glosse zu schreiben. Besonders interessant ist hier natürlich die Motivation Tucholskys, weshalb für die Analyse der realen Umstände der Revue auf deren Darstellung in den Biographien über Tucholsky zurückgegriffen werden wird.
In einem folgenden Teil soll dann der Verlauf der Revuegestaltung in Tucholskys Stück kurz dargestellt und erste Parallelen zwischen Realität und Satire gezogen werden. Anschließend
1 Von einer konsolidierten Demokratie spricht man aus neuerer politikwissenschaftlicher Sicht erst dann, wenn bestimmte Faktoren zusammentreffen. Die wichtigsten sind ein bestimmtes Maß an sozioökonomischer Ent-
wicklung und ein prinzipieller Konsens oder Kompromiss der politischen Eliten hinsichtlich der fundamenta-
len demokratischen und rechtsstaatlichen Spielregeln. Das zweite der genannten Kriterien kann für die Wei- marer Republik nur sehr eingeschränkt, höchstens vielleicht nur kurz zu Beginn der Demokratie angesehen
werden, das erste wurde durch die Weltwirtschaftskrise 1929 zumindest stark zurückgeworfen. Vgl.: Bur-
ton/Gunter/Higley 1992, S. 13, nach: Merkel 1999, S. 62; oder Schmidt 2000, S. 450ff.
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folgt eine ausführliche Analyse des Textes, die gerade im Hinblick auf die Parallelen, die Tu- cholsky zwischen dem Theater und der (fiktiven) Realität zieht und wohl in der Realität auch gesehen hat, interessant ist. Diese inhaltliche Analyse der einzelnen Abschnitte oder Szenen des relativ kurzen aber inhaltlich aussagekräftigen soll vor allem die satirischen Elemente hervorheben und deren gesellschaftliche Grundlage reflektieren.
Anschließend wird der Text einer kurzen dramaturgischen Analyse unterzogen, um in dem folgenden Teil die Kernaussage Tucholskys abschließend genau zu erfassen. Im Fazit wird dann die Arbeit anhand der gefundenen und zusammengetragenen Erkenntnisse kritisch be- trachtet und Tucholskys Text und These auf ihre Anwendbarkeit hin überprüft.
=XP$XWRU±.XU]ELRJUDSKLH.XUW7XFKROVN\ Kurt Tucholsky, am 9.1.1890 in Berlin geboren, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Besonders bedeutsam war in seiner Jugend das Verhältnis zu seiner Mutter, die er als herrschsüchtig beschrieb und von der er sich früh distanzierte. Im Alter von 17 Jahren veröf- fentlichte er erstmals, ein Märchen, im satirischen Beiblatt Ulk des Berliner Tagblattes. Das Stück ist eine Anspielung auf Kaiser Wilhelm II und dessen Haltung zu Kunst, Literatur und Gesellschaft. 1911 bzw. 1913 folgten dann einige Artikel im sozialdemokratischen Vorwärts und der Schaubühne, von Siegfried Jacobsohn, zu dem Tucholsky in den folgenden Jahren eine enge Beziehung aufbaute. Nach dessen Tod 1926 übernahm Tucholsky sogar kurzzeitig die Leitung des Blattes.
Von Jacobsohn beeindruckt beschäftigte er sich ab 1913 hauptsächlich mit Kabarett und Sati- re und begann unter mehreren Pseudonymen zu schreiben, um Texte in verschiedenen literari- schen Genres zu verfassen. So sicherte er sich größtmögliche Wirkung, ohne den Impetus, den er seinen Arbeiten gab, durch den Vorwurf, ohne Festlegung könne er auch in keinem Genre ernst genommen werden, zu gefährden. Seine Pseudonyme waren: Theobald Tiger, der vornehmlich Verse und Satire schrieb, Peter Pan oder Peter Panter, der Feuilletonist, Litera- turkritiker und Autor für Reiseberichte und Stadtbeschreibungen, und Ignaz Wrobel der fast ausschließlich politische Aufsätze verfasste. Nach 1918 kam in der in Weltbühne umbenann- ten Schaubühne noch Kasper Hauser hinzu, vornehmlich Verfasser von umgangssprachlichen Satiren.
In seiner produktivsten Zeit schrieb Tucholsky unter den einzelnen Pseudonymen für ca. 15 Zeitungen und Zeitschriften gleichzeitig. Erste schriftstellerische Anerkennung erhielt er 1912 für sein gesellschaftskritisches Buch Rheinsberg, in dem er die bürgerlichen Moralvorstellun- gen offen kritisierte.
Tucholsky wurde 1914 eingezogen. Der Krieg prägte ihn sehr und veränderte seine Einstel- lung gegenüber Gewalt und Patriotismus grundlegend. Nach dem Krieg überzeugter Pazifist bekannte er einmal: „Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Krieg gedrückt, wo ich nur konnte – und ich bedaure, dass ich nicht, wie der große Karl Liebknecht, den Mut aufgebracht habe, nein zu sagen und den Heeresdienst zu verweigern. Dessen schäme ich mich.” 3
2 inhaltliche und vor allem historische Angaben dieses Kapitels sind, sofern sie nicht anderweitig angegeben werden und im Falle inhaltlicher Interpretationen nicht eigene Interpretationen sind, entnommen aus: Hepp 1993.
3 zit. nach: Bemmann 1994, S. 129.
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1918 nach Berlin zurückgekehrt, wurde er Chefredakteur des Ulk und ging 1924 als Korres- pondent von Weltbühne, Vossischer Zeitung und Prager Tageblatt nach Paris. Doch mit dem Tod Jacobsohns musste er 1926 die Leitung der Weltbühne übernehmen, gab sie aber bereits 1927 wieder ab, da ihn die organisatorische Arbeit geistig und körperlich überforderten. Schon 1926 schrieb er an seine Frau, dass er „in alte Sachen gedrängt” werde, die er „längst überwunden” habe. 4
1929 zog Tucholsky nach Hindas in Schweden und verbrachte viel Zeit auf Reisen. In dieser Zeit entstanden seine größten literarischen Erfolge, unter anderem auch Deutschland, Deutschland über alles und vor allem Schloss Gripsholm, eine Kombination aus Reisebericht und Liebesgeschichte.
1933 folgten Ausbürgerung aus Deutschland und öffentlichen Verbrennung und Verbot seiner Bücher. Enttäuscht und verbittert über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland nahm er sich am 21.12.1935 in Schweden das Leben. Die genauen Umstände wurden nie geklärt.
Kurt Tucholsky, überzeugter Sozialdemokrat und leidenschaftlicher Verteidiger der Weimarer Demokratie, war besonders für seine prägnante, kurz, treffend und pointiert formulierten Ar- tikel und Texte bekannt. Er verstand schreiben ebenso als Beruf, wie als Berufung und maß seinen Erfolg, nicht an verkauften Exemplaren sondern an der Wirkung auf die Leser. Die leidenschaftliche Verpflichtung zum Schreiben um gehört zu werden, spiegelt sich in seinen Texte wieder und ist auch in dem im folgenden Beschriebenen unverkennbar. Um die Motiva- tion für seine Arbeiten zu verstehen, ist es notwendig die geschichtlichen Hintergründe zu beleuchten.
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Im Schatten des verlorenen Weltkrieges stand die Weimarer Republik von Beginn an vor er- heblichen ökonomischen und sozialen Problemen. Durch den Versailler Vertrag, der am
28. Juni 1919 auf Druck der Siegermächte angenommen worden war, wurde das Deutsche
Reich zu hohen Reparationszahlungen verpflichtet. Hinzu kam die fortschreitende Inflation, die im November 1923 ihren Höhepunkt erreichte. Dieses Klima stärkte die antidemokrati- sche Opposition auf der Linken ebenso wie auf der Rechten; nationalistische, monarchistische oder kommunistische Gruppen waren eine ständige Bedrohung für die Demokratie. Mit der Einführung der Rentenmark 1923 und der damit verbundenen Währungsreform setzte trotz oder gerade wegen der faktischen Enteignung aller gezeichneten Kriegsanleihen und der Klä- rung der Reparationsfrage durch den Dawes-Plan 1924 eine gewisse Entspannung und eine Phase der Erholung ein. Gleichzeitig stieg dadurch allerdings auch die Inflationsgefahr. Wirt- schaftlich kam es seit der Annahme des Dawes-Planes durch hohe amerikanische Kredite zum Aufschwung. Den Wendepunkt markierte allerdings die Weltwirtschaftskrise 1929. In Deutschland kam es angesichts des wirtschaftlichen Einbruchs zu großen politisch-sozialen Spannungen, in deren Folge sich auch die politische Situation schnell dramatisch zuspitzte. Die Arbeitslosenzahl beispielsweise wuchs rasant an: Ende 1930 waren bereits 4,4 Millionen Menschen ohne Anstellung, im Dezember 1932 schließlich über sechs Millionen.
4 zit. Nach: ebda., S. 324.
5 Die in diesem Kapitel angeführten historischen Daten beziehen sich, soweit nicht gesondert ausgewiesen, alle auf: Bracher 1992, S. 122ff.
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Dipl.-Pol. Thomas Reidel, 2001, Zu: Kurt Tucholsky - Die Zeit schreit nach Satire, Munich, GRIN Publishing GmbH
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