Inhalt
1. Einführung in die Thematik
1.1. Die Entstehung eines jungen Genres 3
1.2. Relevante Begriffe für diese Arbeit 3
2. Zeit für die Bombe
2.1. Entstehung 4
2.2. Inhalt 5
2.3. Aufbau 5
2.3.1. Technische Struktur 6
2.3.2. Textstruktur 9
2.3.3. Zusammenfassung des Aufbaus 17
3. Ein Hypertextpuzzle 18
4. Quellenverzeichnis
4.1. Primärliteratur 19
4.2. Sekundärliteratur 19
4.3. Literatur im Internet 19
5. Anhang 20
5.1. Liter tur 21
5.2. Interview mit Susanne Berkenheger 22
2
1. Einführung in die Thematik
1.1 Die Entstehung eines jungen Genres
Mit neuen Medien entstehen auch neue Genres. Der Computer hat im Bereich der Literatur nicht bloß die Schreibmaschine abgelöst, sondern verbindet vielmehr die Medien Text, Bild, Film und Sound miteinander. Wo können derlei Vermischungen verortet werden? Eine dieser Vermischungen behandelt diese Arbeit. Das Werk ZEIT FÜR DIE BOMBE von Susanne Berkenheger verbindet lediglich die Erzählung einer Geschichte mit dem Medium Computer. Hierin wurde oder wird die Erzählung also nie zu Papier gebracht wie durch die Schreibmaschine, sondern ist dazu gedacht, ausschließlich auf dem Computer gelesen zu werden. Inwieweit der Computer tatsächlich Voraussetzung für das Funktionieren dieser Geschichte ist, soll die Arbeit klären.
Dazu wird zunächst nach einer kurzen Begriffserklärung im folgenden Kapitel im zweiten Teil das Werk mit seiner Entstehung sowie seinem Inhalt vorgestellt und anschließend seine Oberfläche analysiert. Dazu wird erst die technische, danach die inhaltliche Aufmachung erklärt. Eine Interpretation findet nicht statt.
Im dritten Teil sollen entstandene Fragen beantwortet, eine Gesamtbilanz gezogen und dadurch ein Urteil über seinen „digital-literarischen“ Charakter gefällt werden.
1.2 Relevante Begriffe für diese Arbeit
Nachstehend nenne ich zunächst Arbeitsdefinitionen, indem ich bekannte Begriffe und Definitionen kopiere, eingrenze oder im Verhältnis zu einem bisherigen Verständnis abwandle. Damit soll ein gewisses Grund- und Einverständnis geschaffen werden. Für Ortmann 1 dient digitale Literatur als Dachbegriff für Literatur im Netz, Netz-Literatur und Computer-Literatur. Unter letztere Form fallen auch die Hyperfictions bzw. Hyperfiktionen.
Hyperfiktion bezeichnet „fiktionale Texte, die in Hypertext (…) gespeichert sind“ 2 , ergo „die literarische Ausformung eines elektronischen Textes mit Verbindungen [innerhalb eines abgeschlossenen Netzes, ND], die den multiplen Zugang zu Informationen ermöglichen.“ 3 In der Botanik bezeichnet der Begriff Rhizom „ein meist unterirdisch oder dicht über dem Boden wachsendes Sprossachsensystem“ 4 und findet im Bereich des Hypertexts als analoge Übertragung seine metaphorische Bezeichnung einer spezifischen Netzstruktur 5 .
1 Vgl. Ortmann, Sabrina: netz literatur projekt; Berlin, 2001; S. 48
2 Suter 2000, S. 27
3 Ebd.
3
Das Textkorpus bezeichnet in dieser Arbeit die „vollständige Sammlung von (…) schriftlichen sprachlichen Äußerungen“ 6 innerhalb des gesamten Hypertexts ZEIT FÜR DIE BOMBE „zum Zwecke sprachwissenschaftlicher Analyse“ 7 . Dies bedeutet eine Ungebundenheit zum Verständnis des Textkorpus’ in Suter 2000 8 . Passend definiert Nestvold Hypertext als „elektronische[n] Text, der durch Verzeichnisse oder Verbindungen (links) zwischen einzelnen Wörtern und weiterführenden Abschnitten den nicht-linearen Zugang zu Informationen ermöglicht.“ 9 So hat ein Leser die Möglichkeit, „verschiedenen Gewebefäden zu folgen, bzw. neue Fäden zu spinnen“ 10 , wobei es „nicht möglich [ist], einen umfassenden Hypertext vollständig zu lesen.“ 11
2. ZEIT FÜR DIE BOMBE
2.1 Entstehung
Susanne Berkenheger schrieb ihr Werk für den Internet-Literaturwettbewerb 1997 12 -vorrangig jedoch als Werbemaßnahme für ihre Homepage 13 -, an dem auch zahlreiche andere Autoren teilnahmen, unter anderem Peter Berlich. Die Werke durften in diesem Wettbewerb nicht größer als 100 kB sein, wovon die Autorin, nachdem sie „frei drauf los geschrieben“ 14 hatte, erst später erfuhr und ihr Werk drastisch kürzen musste: Obwohl es erst zu drei Vierteln fertig war, benötigte es schon 190 kB Speicherplatz 15 . Wie Berkenheger selbst sagte, habe „die Raffung [vielleicht] gut getan“ 16 , obwohl sie geplant hatte, die Langversion nach dem Wettbewerb fertig zu stellen, was sie nicht tat. ZEIT FÜR DIE BOMBE wurde zusammen mit Berlichs CORE preisgekrönt.
4 http://de.wikipedia.org/wiki/Rhizom
5 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rhizom_%28Hypertext%29
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Korpus
7 Ebd.
8 Vgl. Suter 2000, S. 69f
9 Nestvold, Ruth 1996 in Suter 2000, S. 27
10 Suter 2000, S. 27
11 Ebd.
12 Ausgeschrieben durch die ZEIT
13 Vgl. Simanowski 2000: Interview mit Susanne Berkenheger. Zu finden im Anhang S. 23
14 Ebd.
15 Vgl. ebd.
16 Ebd., S. 24
4
2.2 Inhalt
ZEIT FÜR DIE BOMBE handelt von einer Frau, die in Moskau eine Bombe abliefern soll. Die Protagonistin Veronika erreicht die Stadt per Zug, um Vladimir zu besuchen. In ihrem Koffer trägt sie die Bombe bei sich, um die von Vladimir bezeichnete „russische Seele“ zu retten. Doch sofort nach der Ankunft nimmt ihr der aufdringliche Iwan den Koffer ab. Veronika rennt einfach fort zu Vladimir, der sie abholen sollte, jedoch derweil Geschlechtsverkehr mit Blondie hat. Kurz darauf trifft Veronika bei ihm ein und auch sie beide schlafen miteinander. Weil Vladimir die Bombe sehen will, bemerkt Veronika, dass sie den Koffer einfach vergessen hat und hastet davon, um ihn zu suchen. Mit dem ist Iwan unterwegs und wird indes in eine Irrenanstalt eingeliefert, wo er den Koffer öffnet und die Bombe aktiviert. Ein Wärter verhilft ihm zur Flucht. So kann Iwan sich auf die Suche nach Veronika machen, damit sie die Bombe deaktiviert.
Veronika kehrt nach vergeblicher Suche in den Straßen Moskaus ohne Koffer zu Vladimir zurück, der sie wütend fortschickt. Verletzt fährt sie zum Bahnhof, um mit dem nächsten Zug nach Hause zu reisen. Ein letztes Mal streckt sie den Kopf aus dem Fenster des Zugabteils, woraufhin sie Iwan sieht und ihm zuruft. Zu ihr eilend explodiert die Bombe und reißt ihn, Veronika und 32 andere Menschen in den Tod.
2.3 Aufbau
Der Aufbau des Hypertexts gliedert sich in eine technische und eine textuelle Struktur, die beide in den folgenden Kapiteln erklärt werden sollen. Dabei wird zunächst die technische Ebene beleuchtet, da sie die Voraussetzungen für die textuelle schafft 17 . Sie ist dort zu verorten, wo Ergebnisse unabhängig des Inhalts erarbeitet werden können und weist gegenüber traditioneller Buchliteratur kennzeichnende Besonderheiten auf. Voraussetzungen für die textuelle Ebene schafft die technische Gestaltung deshalb, weil sie den Inhalt beschränkt oder Raum gibt, und sie ist Bedingung und Maßgabe für die Kategorisierung von Text als digitale Literatur. So wird etwa das literarische Werk ZEIT FÜR DIE BOMBE nach Ortmann 2001 als Computerliteratur und folglich als Hyperfiction klassifiziert 18 ; das nur möglich ist, wenn man das technische Gerüst kennt. Die textuelle Form ist also abhängig. Was die Technik dem Text ermöglicht und welche Eigenschaften letzterer abseits der Technik aufweist, wird in Kapitel 2.3.2 beschrieben. Der
17 Vgl. Kamphusmann 2002, S. 174
18 Vgl. Ortmann, Sabrina: netz literatur projekt; Berlin, 2001; S. 48
5
Inhalt ist dabei ausschlaggebend; ob er losgelöst von seiner Klassifizierung betrachtet werden
kann , soll das Ergebnis zeigen.
2.3.1 Technische Struktur
Die Technik soll hier nur in ihrer strukturellen Form behandelt werden, nicht in ihrem
gesamten Handwerk und nur insoweit, wie es notwendig ist, um das Werk ZEIT FÜR DIE
BOMBE als literarisches zu erkennen, zu verstehen und zu analysieren.
Die 132 Links 19 , die die 102 HTML-Seiten 20 im Hypertext miteinander verbinden, unterteilen
sich in zwei Arten 21 Einerseits in „für Hypertext grundlegende(n) und von Lesern zu
aktivierende (n) A -Links“ 22 , andererseits in „zeitlich vorherbestimmte(n) Abläufe(n), die
über ein META -Tag gesteuert den Browser eine weitere Seite laden lassen.“ 23
Die A -Links verweisen entweder auf einen Textabschnitt innerhalb des aktuellen
Browserfensters , damit der Leser nicht nach unten scrollen muss 24 , oder sie öffnen einen
g änzlich neuen Inhalt. Gekennzeichnet sind sie typischerweise durch Unterstreichung und
eventuell eine farbliche Hervorhebung 25
Links , die auf einen Textabschnitt im selben Browserfenster verweisen, werden ausnahmslos
mit „vvv“ 26 benannt und befinden sich in unmittelbarer Nähe des Textabschnitts 27 jene, die
neue Inhalte aufrufen, sind zumeist verlinkte Worte innerhalb der Narration oder heißen
„>>>“ 28 In keinem HTML-Dokument erscheinen mehr als zwei dieser „internen Default-
Links , die innerhalb der Datei zum nächsten Textabschnitt führen“ 29 , und maximal vier, die
zu einem externen Text abspringen 30
Die automatische Verlinkung bringt, im Gegensatz zu den oben genannten Links, in allen
F ällen einen neuen Inhalt hervor. Ein Textabschnitt, der über eine solche Verlinkung durch
19 Vgl. Kamphusmann 2002, 178
20 Vgl. Suter 2000, 111
21 Vgl. ebd., 116
22 Ebd. 117
23 Ebd.
24 Vgl. Simanowski 2000: Interview mit Susanne Berkenheger. Zu finden im Anhang 30
25 Vgl. Berkenheger 1997
26 Ebd.
27 Etwa direkt hinter dem letzten Satz oder einen Zeilenbruch entfernt unterhalb eines Textabschnitts. Den Grund
f ür diese Art von Links erklärt Berkenheger im Interview mit Roberto Simanowski: „Ich seh nicht gern
scrollenden Text. Und ein etwas pingeliger Grund: Der Browser mit dem Scrollbalken ist das Gerät, der
,Film’ läuft aber drinnen innerhalb des Rahmens ab. Deshalb soll es dort auch weitergehen, und man soll
dazu nicht am Gerät rumschalten müssen.“ (Simanowski 2000. Zu finden im Anhang S. 30)
28 Berkenheger 1997
29 Vgl. Simanowski 2000: Interview mit Susanne Berkenheger. Zu finden im Anhang 30
30 Vgl. ebd.
6
-Tags automatisch abläuft, in der sich also HTML-Seiten in vorgegebenen Zeitintervallen ablösen 31 , wird als transient bezeichnet 32 . Dies ist vergleichbar mit einem Film, bei dem der Zuschauer ebenfalls keine Macht hat, die Handlung erst auf seinen Befehl fortführen zu lassen; auch vergleichbar mit Hypertextwerken wie HEGIRASCOPE 33 und stellenweise DIE AALESKORTE DER ÖLIG 34 . Die Möglichkeit und der Zwang zum Aktivieren eines Links seitens des Lesers stellt somit eine intransiente Passage dar, also Texte, „bei denen von selbst nichts läuft“ 35 und der Leser „eine Handlung vornehmen muss“ 36 .
Sämtliche HTML-Dokumente sind in die Geschichte ZEIT FÜR DIE BOMBE eingebunden, es gibt demnach keine blinden Seiten, auf die also keine andere verweist. Jedoch „sind die Verknüpfungen der Texteinheiten [sei es eine HTML-Datei oder ein Textabschnitt innerhalb einer Datei, der Autor ND] nicht kartografiert“ 37 . „Einzig über das technische Mittel der Angabe der Ziel-URL eines Links durch den Browser“ 38 in der Statusleiste kann das Zieldokument vorausgesehen werden. Somit gibt es keine Metaebene, die den Bauplan des Hypertexts und seinen Umfang sichtbar machte.
Im Hypertext können seine Einzelteile beliebig oft miteinander verlinkt werden. 39 Innerhalb von ZEIT FÜR DIE BOMBE finden sich seiner internen Verlinkung entsprechend folgende „Mikrostrukturen“ 40 :
a) Knoten
Dieser Begriff beschreibt HTML-Seiten, „die sich durch eine hohe Anzahl von auf sie zielende und von ihnen ausgehende Links auszeichnen.“ 41 Beispielhaft bei Berkenheger 42 sind
31 Vgl. Suter 2000, S. 134
32 Vgl. ebd.
33 Moulthrop, Stuart; o.O., 1997
34 Kloetgen, Frank / Günther, Dirk; 1998, o.O.; in: Suter / Beat, Böhler, Michael: hyperfiction. Hyperliterarisches
Lesebuch: Internet und Literatur mit CD-ROM, Frankfurt am Main, 1999.
35 Suter 2000, S. 134
36 Ebd.
37 Ebd., S. 29
38 Kamphusmann 2002, S. 120
39 Vgl. u.a. Landow 1997 in Suter 2000, S. 26: “Hypertext […] denotes text composed of blocks of text […] and
the electronic links that join them.” Nach dieser Definition darf von einer beliebigen Häufigkeit der Links ausgegangen werden.
40 Kamphusmann 2002, S. 121
41 Ebd.
42 Berkenheger 1997; Die Dateiformate „.htm“ werden im Folgenden dieser Arbeit nur noch in Ausnahmefällen
hierfür 84Dollar und 98Dollar 43 , erstere mit vier eingehenden und drei ausgehenden, letztere mit sechs eingehenden und zwei ausgehenden Links 44 . Dies lässt vermuten, dass auf textstruktureller Ebene die Inhalte dieser Seiten „,Knotenpunkte’ darstellen und als solche thematisch eine größere Indeterminiertheit besitzen als geringer verlinkte Seiten.“ 45 Diese Annahme wird von Kampusmann untermauert durch die „kurzzyklische Bezugnahme beider Seiten aufeinander“ 46 . Knoten sind demnach „Kummulationspunkte“ 47 , die „mögliche
b) Ketten
Es finden sich Texträume wieder, wie sie in der buchförmigen Literatur vorherrschen. Texträume, also Abschnitte, die eine „lineare Abfolge darstellen.“ 49 Sie sind unterschiedlich lang und die erste Kette, eine transiente, leitet die Geschichte ein: Index.htm - Los.htm -5.htm - 4.htm - 3.htm - 2.htm - 85Dollar 50 . Doch Ketten zeichnen sich nicht durch Transienz aus, sondern durch ihre Linearität. Insofern hat diese Kette noch kein Ende, lediglich ihre Transienz: 85Dollar - 12Dollar - 94Dollar 51 . Eine weitere intransiente Kette findet der Leser bei 51Dollar - 69Dollar - 1Dollar - 63Dollar - 77Dollar - 7Dollar - 94Dollar 52 . Durch die Etablierung „größere[r] narrative[r] Einheiten“ 53 fördern diese Ketten semantische Stabilität. 54
c) Parallelen
Dieses Strukturelement bezeichnet „Ketten von Links, die dieselben Ausgangs- und Zielpunkte haben.“ 55 Das heißt, solange der Leser keine Gelegenheit bekommt zum Ausgangspunkt zurückzukehren - abgesehen von der Metaebene der Browserbefehle -, nimmt er die anderen parallelen Stränge nicht wahr 56 . Exemplarisch hierfür sind nach Kamphusmann die drei Stränge, die von 84Dollar ausgehen und alle bei 91Dollar enden.
43 Siehe dazu Grafik 1, S. 10: 84Dollar und 98Dollar sind eingekreist.
44 Vgl. Kamphusmann 2002, S. 121
45 Ebd.
46 Ebd.
47 Ebd., S. 122
48 Ebd.
49 Ebd.
50 Berkenheger 1997
51 Ebd.
52 Ebd.
53 Kamphusmann 2002, S. 122
54 Vgl. ebd.
55 Ebd.
56 Vgl. ebd., S. 121
8
Arbeit zitieren:
Nico Drimecker, 2005, Aus den Anfängen der digitalen Literatur: Susanne Berkenhegers ZEIT FÜR DIE BOMBE, München, GRIN Verlag GmbH
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