INHALT
1. Einleitung 3
2. Nichts als Oberfläche: Karin, Anne, Sergio 5
3. Gescheiterte Kommunikation: Nigel, Alexander, Rollo 8
4. „Alles Nazis“: Taxifahrer und andere Randfiguren 13
5. Schluss 14
Literaturangaben 16
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1. EINLEITUNG
Christian Krachts Roman Faserland gilt als das Gründungsdokument der deutschen Pop-Literatur. Zwar stehen längst andere Autoren zum Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung, Florian Illies, Benjamin Leber und Alexander v. Schönburg etwa, um nur einige Namen zu nennen, doch der Einfluss Krachts bleibt präsent. Moritz Baßler spricht von einer „initialen Bedeutung“, die das Buch für die Generation der jungen Pop-Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre und Florian Illies gehabt habe 2 . Mehrere intertextuelle Verweise in den Werken eben jener Autoren zeichnen den Einfluss des Romans auf deren Generation nach, und selbst der wesentlich früher geborene Joachim Lottmann lässt in seinem Roman Deutsche Einheit den Erzähler in problematischen Situationen ausrufen: „Christian Kracht Hilf! Was sagt man da?“ 3 . Im Kontrast dazu steht die wesentlich kritischere Rezeption etwa Matthias Polityckis, der Kracht stilistische Indifferenz unterstellt, indem er ihn zu denjenigen Autoren zählt, die sich „um überhaupt nichts mehr scheren, am allerwenigsten um die Frage, was ein vollgeschwalltes Stück Papier von einem literarischen Text unterscheide“. 4 Malin Schwerdtfeger wiederum, die der Frage nach den ästhetischen Leistungen jener Generation nachgeht, attestiert: „Ich glaube, in der Literatur wird zum Beispiel Christian Kracht bleiben [...].“ 5 In jedem Fall aber wird Kracht eine Bedeutung zuerkannt, die ihn und sein Werk Faserland zum Ausgangspunkt einer literarischen Bewegung macht. Doch woraus speist sich diese Bedeutung? Es ist die unbefangene Darstellung einer Generation gelangweilter junger Menschen aus reichem Hause, die sich zwischen zwei Polen bewegt: Oberflächlichkeit und Unfähigkeit zur Kommunikation. Kracht zeigt diese Welt , ohne sie zu propagieren. Aus der Mitte heraus führt er die Inhaltsleere des Protagonisten und seiner Umwelt vor, das Sich-Definieren über Marken, Clubs, Urlaubsorte und andere Merkmale, die auf der Oberfläche verbleiben, und erlaubt seinem Ich-Erzähler einen ungezwungenen, provozierenden Umgang mit der deutschen G eschic hte und den Wertvorstellungen der 68er-Generation. Beides schien die nachfolgenden Autoren von den Fesseln jeder moralischen Aufgeladenheit zu erlösen. „Die Ernsthaftigkeit, mit der Kracht Markenprodukte einführte und als Fundamente des Lebens Anfang der Neunziger Jahre vor Auge führte, wirkte befreiend“, schreibt Illies in Generation Golf . 6 Auf der anderen Seite steht die Nicht-Kommunikation, die sich als seichter Meinungsaustausch über irrele- 2 MORITZBAßLER: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München: Beck 2002, S. 111.
3 JOACHIM LOTTMANN: Deutsche Einheit. Ein historischer Roman aus dem Jahr 1995. Zürich: Haffmanns
1999
4 MATTHIAS POLITYCKI: Kalbfleisch mit Reis!. Die literarische Ästhetik der 78er-Generation. In: Schreibheft
(50/1997), S.3-9.
5 MALIN SCHWERDTFEGER: Wir Nutellakinder. In: Kursbuch (Nr. 154, 2002). Die 30-Jährigen, S. 42-48; hier
S. 47.
6 FLORIAN ILLIES: Generation Golf. Eine Inspektion. Frankfurt a. M.: Fischer 2000, S. 154
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vante Dinge zeigt oder als vollständig scheiternde Verständigung. Sie steht wohl exemplarisch für die sozialen Defizite der vorgeführten Generation und Bevölkerungsschicht. Kracht zeigt diese beiden Pole anhand seines namenlosen Ich-Erzählers, der als Teil der Bar-bour-Sylt-Sportwagen-Welt durch die Bundesrepublik reist und seine Erle bnisse, ergänzt um Erinnerungen an Freunde und Kindheit, im Präsens wiedergibt. Mit all seinen Eigenschaften, Stärken und Schwächen verkörpert er, teils stark überzeichnet, eine Generation junger Me nschen zu Beginn der 90er Jahre, ohne dass diese Eigenschaften unmittelbar beim Namen genannt werden. Sie erschließen sich dem Leser erst aus dem Verhalten des Ich-Erzählers, insbesondere dann, wenn er in Kontakt tritt zu den übrigen Personen des Romans. Die Art und Weise, wie diese eingeführt, beschrieben und erzählerisch erzeugt werden, offenbart viel über den Protagonisten, über seine Fähigkeiten, Defizite und darüber, wie er seine Mitmenschen wahrnimmt. Die von ihm vorgenommene Charakterisierung der übrigen Personen dient in diesem Sinne dazu, den Ich-Erzähler selbst zu charakterisieren. So werden die Figuren zu Formen, an denen der Protagonist Gestalt annehmen und plastisch hervortreten kann.
Die Personen, die im Laufe des Romans auftreten, unterscheiden sich in ihrer Funktion ins ofern, als sie unterschiedliche Aspekte von Persönlichkeit und Lebenswelt des Erzählers hervortreten lassen. Eine erste Gruppe, die vor allem aus flüchtigen Bekanntschaften besteht, macht die Markenfixie rung und oberflächliche Personenwahrnehmung des Ich-Erzählers deutlich. Die drei so genannten „Freunde“, die anhand mehrerer gescheiterter Kontaktversuche seine Kommunikationsunfähigkeit zeigen, bilden die zweite Gruppe. Eine dritte Gruppe, hauptsächlich Taxifahrer und Zufallsbekanntschaften, gibt dem Erzähler Gelegenheit zu undifferenzie rten Bemerkungen über Nazi-Deutschland, an denen die ablehnende Haltung gegenüber dem tradierten Wertesystem der 68er-Generation offenkundig wird. Die Charakterisierung die ser Figuren, die Kommunikation mit ihnen und die dadurch gemachten Aussagen über den Protagonisten sollen im Folgenden untersucht werden.
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1. NICHTS ALS O BERFLÄCHE: K ARIN, ANNE, S ERGIO
Bereits auf der ersten Seite des Romans, der Ich-Erzähler steht gerade an einer Fischbude auf Sylt, wird Karin eingeführt:
Vorhin hab ich Karin wiedergetroffen. Wir kennen uns noch aus Salem, obwohl wir da-
mals nicht miteinander geredet haben, und ich hab sie ein paar mal im Traxx in Hamburg
gesehen und im P1 in München. [...] Karin studiert BWL in München. [...] Sie trägt auch
eine Barbourjacke, allerdings eine blaue. [...] Karin ist mit dem dunkelblauen S-Klasse-Mercedes ihres Bruders da, der in Frankfurt Warentermingeschäfte macht. 7
Der Protagonist charakterisiert Karin und zugleich sich selbst wie beiläufig als Mitglied der Oberschicht. Beide haben das Elite-Internat Salem besucht, dessen Absolventen, in aller Regel Kinder aus außergewöhnlich wohlhabendem Hause, auf Führungsaufgaben vorbereitet werden. Dementsprechend studiert sie Betriebswirtschaftslehre, was zusammen mit Jura als beliebtes Studienfach entsprechender Gesellschaftskreise gilt. Der Erzähler hat Karin in bestimmten Szene-Clubs gesehen, sie trägt, genau wie er, eine Barbourjacke, die als obligatorisches Kle idungsstück der „klassischen“ Garderobe gilt, und fährt einen Oberklassewagen. Bereits mit wenigen identifikatorischen Merkmalen wird Karin hier also als Teil einer bestimmten Kultur charakterisiert.
Bereits diese wenigen Zeilen zu Beginn des Romans zeigen eine stark selektive Wahrne hmungsfähigkeit des Protagonisten gegenüber seinen Mitmenschen. Stellt er Karin vor, so beschränkt er sich auf eine Handvoll kulturell aufgeladener äußerer Merkmale, die sie als Mitglied seiner eigenen sozialen Schicht ausweisen. Während selbst die Farbe ihrer Jacke Erwähnung findet, kommen Charakter, Persönlichkeit und andere „weiche“ Eigenschaften nicht zur Sprache − sie scheinen für ihn keine Rolle zu spielen. Er gibt in den anschließenden Textpassagen zwar seine Meinung über Karins Goldschmuck, Oberweite und Frisur wieder, verliert jedoch kein Wort über Sympathie oder Antipathie. Erst später, am Strand mit Sergio und Anne, heißt es beiläufig: „Ich glaube, ich mag Karin ganz gerne.“ 8 Doch selbst diese für des Protagonisten stilistisch typische Aussage offenbart durch die relativierenden Begriffe „ich glaube“ und „ganz“ eine immense Unsicherheit im Beurteilen menschlicher Eigenschaften und zw ischenmenschlicher Beziehungen.
Die einzigen Dinge, die ihm beim Einordnen und Beschreiben von Personen Halt geben, jene für die Oberschicht signifikanten Äußerlic hkeiten, über die auch Karin näher definiert wird, nennt er − mit einer erstaunlichen Nonchalance und Unbefangenheit − eher nebenbei, statt sie mit Nachdruck in den Vordergrund zu stellen. Dies deutet zum einen auf seine eigene Veran-
7 CHRISTIANKRACHT : Faserland. Roman [1995]. München: dtv 2002, S. 13.
8 KRACHT: Faserland, S. 19.
5
Arbeit zitieren:
Johannes Hünig, 2004, Oberfläche und Nicht-Kommunikation. Figurenerzeugung und ihre Funktion in Christian Krachts Roman 'Faserland', München, GRIN Verlag GmbH
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